Drei Wochen später stand Dieter wieder vor dem Regal mit den Windeln und diesmal legte er nichts zurück.
Er nahm die große Packung.
Dann die Creme.
Dann noch die Tabletten, bei denen er beim ersten Abend so lange auf den Preis geschaut hatte, als müsste er mit ihm verhandeln.
Diesmal rechnete er nicht mit Münzen in der Hand.
Er rechnete nur noch im Kopf, so wie alle hier. Aber nicht mehr mit diesem Blick, der aussah, als würde er sich für etwas entschuldigen, das gar nicht seine Schuld war.
Ich stand zwei Gänge weiter und tat so, als würde ich Konservendosen vorziehen.
In Wahrheit sah ich ihm zu.
Er merkte es natürlich.
Dieter merkte alles.
Wenn irgendwo ein Einkaufswagen querstand, hatte er ihn schon an der Seite, bevor jemand genervt gucken konnte. Wenn im Leergutbereich eine Kiste schief stand, richtete er sie mit einer Sorgfalt aus, als würde davon der Frieden im Laden abhängen.
Am Anfang hatte ich gedacht, er würde ein paar Tage kommen, sich überfordern und dann wieder verschwinden.
Nicht, weil er schwach wirkte. Sondern weil man manchen Menschen ansieht, wie dünn der Faden geworden ist, an dem sie sich festhalten.
Aber Dieter kam jeden Morgen.
Immer zu früh.
Immer geschniegelt, soweit man das mit einer alten Jacke und zwei guten Hemden eben sein konnte.
Immer mit diesem kleinen, sauber gefalteten Zettel in der Brusttasche.
Anfangs dachte ich, darauf stünden nur Einkaufsnotizen für Ingrid.
Milch. Toast. Bananen. Waschmittel. Solche Dinge.
Später sah ich zufällig, dass darunter noch etwas anderes stand.
„8 Uhr: Ingrid lagern.
10 Uhr: anrufen.
12 Uhr: Suppe warm machen.
Abends: Creme.“
Es war kein Jammern.
Es war ein Einsatzplan.
Unser Marktleiter war zuerst skeptisch gewesen. Nicht unfreundlich, aber vorsichtig. Dieter sei eben nicht mehr jung, hatte er gesagt. Und man müsse sehen, ob das wirklich gehe.
Nach vier Tagen sagte derselbe Mann zu mir:
„Der sieht mehr als drei von uns zusammen.“
Damit hatte er recht.
Dieter konnte an einem umgekippten Preisschild vorbeigehen und es im Vorbeigehen mit dem Fuß so drehen, dass es wieder gerade stand.
Er brauchte keine großen Gesten. Er machte einfach, was getan werden musste.
Und was noch auffiel: Er redete mit den Leuten, ohne ihnen auf die Nerven zu gehen.
Mit Frau Kessler zum Beispiel, die fast jeden Dienstag kam und grundsätzlich über ihren Rücken schimpfte, auch wenn sie eigentlich über ihre Tochter reden wollte.
Oder mit dem jungen Vater, der immer aussah, als hätte er seit zwei Jahren nicht richtig geschlafen. Dieter sagte zu ihm einmal nur: „Sie machen das schon.“ Mehr nicht. Aber der Mann sah ihn an, als hätte endlich mal jemand etwas Vernünftiges gesagt.
Mich überraschte am meisten, wie schnell Dieter im Laden einen Platz bekam, ohne sich einen zu nehmen.
Er drängte sich nie in den Vordergrund. Aber nach zwei Wochen war es, als hätte er schon immer dazugehört.
Sogar seine Schritte veränderten sich.
Am ersten Morgen war er vorsichtig gegangen, fast entschuldigend.
Als müsste er sich jeden Meter erst verdienen.
Später ging er wieder gerade.
Nicht wie ein junger Mann. Nicht stolz. Aber mit einer Ruhe, die ich an ihm an dem Abend vor dem Regal nicht gesehen hatte.
Einmal, kurz nach Schichtbeginn, stellte ich ihm eine Tasse Kaffee an den Rand vom Leergutautomat.
Er sah sie an, dann mich.
„Ich trinke sonst keinen während der Arbeit“, sagte er.
„Dann ist heute eine Ausnahme.“
Er nickte, nahm einen Schluck und sah auf den aufsteigenden Dampf.
„Ingrid sagt immer, ich hätte früher Kaffee nur getrunken, damit ich noch schneller werde.“
„Und?“
Da kam dieses fast unsichtbare Lächeln wieder.
„Sie hatte meistens recht.“
So erfuhr ich nach und nach Dinge über Ingrid.
Nicht alles auf einmal.
Nie in langen Reden.
Immer nur stückweise, wie Sachen, die einem aus der Tasche fallen, wenn man gar nicht merkt, dass sie noch da sind.
Dass sie früher in einer Schule gearbeitet hatte.
Dass sie einen sehr geraden Gang gehabt haben musste, weil Dieter einmal sagte: „Wenn Ingrid einen Raum betrat, standen sogar die auf, die gar keinen Grund dazu hatten.“
Dass sie im Sommer immer Tomaten auf dem Balkon zog und jede einzelne behandelte, als wäre sie persönlich verantwortlich für deren Gelingen.
Und dass sie lachen konnte, bis ihr die Tränen kamen, wenn irgendwo im Fernsehen jemand trocken und böse genug etwas Kluges sagte.
„Jetzt lacht sie anders“, sagte Dieter einmal.
Ich antwortete nicht sofort.
Er legte ein Paket Haferflocken ins Regal und schob es so genau nach hinten, als könnte man daran Halt finden.
„Mehr mit den Augen“, sagte er leise. „Aber manchmal sehe ich es noch.“
Es wurden kältere Wochen.
Morgens hingen die Scheiben voller feinem Nebel, und wenn wir die Tür aufmachten, zog immer für ein paar Sekunden echte Winterluft herein.
Dieter trug jetzt einen Schal.
Den gleichen jeden Tag. Dunkelblau, schon etwas ausgefranst.
Eines Morgens war er nicht da.
Ich merkte es sofort, obwohl der Laden natürlich trotzdem aufging, die Kasse piepte und die Neonröhren summten wie immer.
Aber manche Abwesenheiten sind lauter als jedes Geräusch.
Acht Uhr fünf.
Acht Uhr zehn.
Ich sagte mir, dass ein Bus zu spät sein konnte. Oder dass Ingrid in der Nacht unruhig gewesen war. Oder dass er einfach krank geworden war.
Um halb neun kam er doch noch.
Nicht geschniegelt.
Nicht geschniegelt war bei Dieter schon fast ein Ereignis.
Die Jacke saß schief, der Schal war hastig umgelegt, und unter seinen Augen lagen diese grauen Schatten, die man nicht mit Schlaf allein wegkriegt.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich, kaum dass ich ihn sah.
Er nickte zu schnell.
Das war Antwort genug.
Ich ging mit ihm in den kleinen Gang hinter dem Lager, wo es nach Pappe, Reinigungsmittel und kalter Luft roch.
„Was ist passiert?“
Er lehnte sich kurz an die Wand. Nicht schwer. Nur für einen Augenblick.
„Sie ist heute Nacht aus dem Bett gerutscht.“
Mir wurde sofort kalt, obwohl es dort hinten nicht kälter war als sonst.
„Hat sie sich verletzt?“
„Nein. Ich glaube nicht.“
Er schluckte. „Aber ich habe sie nicht allein hochbekommen.“
Dann erzählte er es.
Dass er fast zwanzig Minuten gebraucht hatte, bis er Hilfe holen konnte.
Dass Ingrid die ganze Zeit still geblieben war, ausgerechnet das habe es noch schlimmer gemacht.
Dass sie ihm hinterher sogar mit der gesunden Hand über den Ärmel gestrichen und etwas gesagt hatte, das er erst nicht verstanden habe.
„Was denn?“, fragte ich.
Er sah zu Boden.
„Dass es ihr leid tut.“
Ich musste mich beherrschen, damit ich nicht etwas Falsches sagte. Etwas, das gut klingt und niemandem hilft.
„Und jetzt?“
„Jetzt liegt sie wieder. Der Nachbar war da. Ich bin nur später los.“
Er hob die Schultern, aber darin lag keine Gleichgültigkeit. Nur Erschöpfung. „Ich weiß nicht, wie lange ich das noch so schaffe.“
Da war er wieder, dieser Satz, gegen den man mit vernünftigen Sprüchen nichts ausrichten kann.
Nicht weil es keine Lösungen gäbe.
Sondern weil Menschen wie Dieter keine Lösung wollen, die sich anfühlt, als würden sie etwas von sich abgeben, das sie nie abgeben wollten.
Unser Marktleiter überraschte mich an diesem Tag.
Ich hatte ihm nur gesagt, dass Dieter später gekommen war, wegen eines Notfalls zu Hause. Mehr nicht.
Er hörte still zu, kratzte sich am Kinn und sagte dann: „Dann machen wir es eben anders.“
„Wie anders?“
„Kürzere Schichten. Flexible Zeiten. Aufgaben, die notfalls liegenbleiben können.“
Er sah mich an. „Was bringt uns ein Mann, der geschniegelt die Dosen richtet, wenn er dabei zu Hause zusammenbricht?“
Als ich es Dieter sagte, wurde er erst still.
Dann sagte er sofort: „Ich will keinen Sonderstatus.“
„Das ist kein Sonderstatus“, sagte ich. „Das ist ein Arbeitsplan.“
„Für einen alten Mann, der jederzeit wegrennen muss.“
„Für einen Mitarbeiter, der weiß, was wichtig ist.“
Er wollte widersprechen.
Aber diesmal kam kein Nein.
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