Leonie runzelte die Stirn.
Sie hatte Tränen erwartet.
Wut.
Vielleicht eine Szene.
Stattdessen kontrollierte Anna, ob Jakobs Mütze richtig saß.
Dr. Neumann stand erneut auf.
„Da die Echtheit des Testaments offenbar nicht bestritten wird, beantragen wir, die notwendige Nachlassabwicklung auf dieser Grundlage fortzuführen.“
Der Richter wandte sich an Matthias.
„Herr Dr. Krüger? Wollen Sie das Testament wegen Testierunfähigkeit oder unzulässiger Einflussnahme angreifen?“
„Nein.“
Dr. Neumann drehte sich überrascht zu Leonie.
Dann lächelte er.
Es war vorbei.
Zumindest glaubten sie das.
„Dann dürften wir uns einig sein“, sagte Neumann.
Matthias schloss langsam das cremefarbene Testament.
„Nein.“
Das Lächeln verschwand.
Der Richter nahm seine Brille ab.
„Wie bitte?“
Matthias legte das Dokument zur Seite.
„Ich bestreite nicht, dass Friedrich Berger dieses Testament unterschrieben hat.“
Er griff erneut in seine Aktentasche.
Diesmal zog er eine schmale dunkelrote Mappe heraus.
Anna sah Leonie an.
Nur für eine Sekunde.
Und lächelte.
Leonie bemerkte es.
Zum ersten Mal wurde sie blass.
„Was soll das sein?“, fragte Neumann.
Matthias antwortete ruhig:
„Das Dokument, wegen dessen wir eigentlich hier sind.“
Er öffnete die Mappe.
„Denn Friedrich Berger hat ein späteres Testament errichtet.“
Stille.
Selbst Jakob hörte für einen Moment auf zu glucksen.
Der Richter streckte die Hand aus.
„Datum?“
„12. Februar.“
Dr. Neumann sah auf seine Notizen.
Dann auf Leonie.
Dann wieder auf Matthias.
„Das war…“
„Zwei Tage vor seinem Tod“, sagte Matthias.
Leonie stand auf.
„Das ist unmöglich.“
Der Richter hob scharf den Kopf.
„Frau Hartmann.“
„Aber Friedrich hätte mir davon erzählt!“
„Setzen Sie sich.“
„Er hat mir versprochen—“
Der Holzhammer schlug erneut.
„Setzen Sie sich.“
Leonie sank auf den Stuhl.
Matthias reichte dem Gericht das Original.
„Das Testament wurde unter juristischer Begleitung erstellt und ordnungsgemäß bezeugt. Herr Berger war zu diesem Zeitpunkt nach den vorliegenden ärztlichen Unterlagen geistig vollständig orientiert.“
Dr. Neumann schüttelte den Kopf.
„Warum sollte er zwei Tage vor seinem Tod plötzlich alles ändern?“
Matthias blickte ihn lange an.
„Das werden Sie gleich verstehen.“
Anna hob Jakob aus dem Kinderwagen.
Der Junge legte den Kopf an ihre Schulter.
Friedrichs letzte Worte begannen mit keinem Vermögen.
Keinem Haus.
Keinem Unternehmen.
Sondern mit einem Geständnis.
Matthias las:
„Ich erkenne an, dass meine Entscheidungen während des vergangenen Jahres meiner Familie erheblichen Schaden zugefügt und mein Urteilsvermögen kompromittiert haben.“
Anna schloss kurz die Augen.
Nicht aus Freude.
Diese Worte heilten nichts.
Kein Testament konnte die Nacht zurückgeben, in der sie allein mit zwei Neugeborenen auf dem Sofa gesessen und sich gefragt hatte, warum dreißig Jahre plötzlich weniger wert waren als ein neues Leben.
Matthias las weiter.
Friedrich widerrief seine frühere Verfügung vollständig.
Der Großteil seiner Unternehmensanteile sollte in eine neu strukturierte Familiengesellschaft überführt werden, deren wirtschaftliche Begünstigte Jakob und Marie waren.
Bis zu ihrer Volljährigkeit sollte Anna die Interessen der Kinder vertreten.
Zusätzlich sollte sie vorübergehend die Verantwortung für Friedrichs Beteiligungen und die strategische Leitung übernehmen.
Im hinteren Teil des Saales ging ein Raunen durch die Reihen.
Einer der älteren Geschäftsführer legte die Hand vor den Mund.
Eine Frau neben ihm flüsterte:
„Anna kommt zurück.“
Sie klang erleichtert.
Leonie dagegen sah aus, als hätte jemand unter ihrem Stuhl den Boden entfernt.
„Nein.“
Matthias las weiter.
Das Ferienhaus.
Die Immobilien.
Das Kapital.
Alles floss entweder an die Kinder oder in die Familienstruktur.
Für Leonie blieb ein vergleichsweise begrenzter Betrag.
Genug, um nicht mittellos zu sein.
Nicht genug für das Leben, das sie bereits geplant hatte.
„Er kann das nicht gemacht haben.“
Leonie stand wieder.
„Er liebte mich.“
Niemand antwortete.
„Wir wollten heiraten.“
Anna senkte den Blick zu Jakob.
Der Junge hatte begonnen, an ihrem Kragen zu ziehen.
Matthias schloss das Testament noch nicht.
„Es gibt einen weiteren Punkt.“
Dr. Neumann presste die Lippen zusammen.
„Natürlich gibt es den.“
Matthias sah Leonie an.
„Friedrich hat ausdrücklich festgehalten, warum er seine Entscheidung geändert hat.“
Jetzt war Leonies Gesicht vollkommen still.
Matthias las.
Im Januar habe Leonie Friedrich eröffnet, sie sei schwanger.
Sie habe ihm gesagt, das Kind sei von ihm.
Daraufhin habe sie verlangt, die Hochzeit vorzuziehen.
Außerdem habe sie darauf gedrängt, größere Vermögenswerte noch zu Friedrichs Lebzeiten auf sie zu übertragen.
Leonie sprang auf.
„Das ist privat!“
„Frau Hartmann!“, sagte der Richter.
„Ich bin tatsächlich schwanger!“
Der Satz explodierte im Raum.
Alle schwiegen.
Leonie legte beide Hände auf ihren Bauch.
„Zwölf Wochen.“
Dr. Neumann drehte sich zu ihr.
Offensichtlich hörte auch er diese Information zum ersten Mal.
Leonie sprach nun schneller.
„Und wenn Friedrich verfügt hat, dass seine biologischen Kinder alles bekommen, dann gehört mein Kind genauso dazu.“
Ihr Atem ging schwer.
„Sie können das Vermögen nicht einfach übertragen. Die Vaterschaft muss geklärt werden.“
Neumann brauchte nur wenige Sekunden, um sich zu sammeln.
Dann stand er auf.
„Herr Vorsitzender, sofern meine Mandantin ein Kind des Erblassers erwartet, ist die Situation tatsächlich neu zu bewerten.“
Der Richter nickte langsam.
„Das könnte Auswirkungen haben.“
Anna zeigte noch immer keine Überraschung.
Das irritierte Leonie mehr als alles andere.
„Warum schaust du so?“, fauchte sie plötzlich.
Anna antwortete nicht.
Matthias dagegen lächelte zum ersten Mal an diesem Vormittag.
Nicht freundlich.
Nicht hämisch.
Es war das Lächeln eines alten Mannes, der seit einer halben Stunde darauf gewartet hatte, dass jemand genau diesen Satz sagte.
Er griff erneut in seine Aktentasche.
„Nein, Herr Vorsitzender. Es verändert nichts.“
Er nahm einen Umschlag heraus.
Dr. Neumann starrte ihn an.
„Was kommt jetzt noch?“
„Der Grund für Friedrichs letztes Testament.“
Matthias öffnete den Umschlag.
Darin lagen medizinische Unterlagen.
„Als Frau Hartmann Friedrich im Januar von ihrer Schwangerschaft berichtete, reagierte er zunächst nicht mit Misstrauen.“
Anna sah Matthias an.
Sie kannte diesen Teil bereits.
Aber ihn vor allen anderen zu hören, tat trotzdem weh.
„Er freute sich sogar“, sagte Matthias.
Leonie schluckte.
„Für ungefähr eine Stunde.“
Der Richter sah auf.
Matthias legte das erste Blatt vor.
„Dann erinnerte er sich an etwas, das Frau Hartmann nicht wusste.“
Vor drei Jahren hatten Anna und Friedrich ihre letzte Kinderwunschbehandlung abgeschlossen.
Es waren Embryonen entstanden.
Für Friedrich war damals klar gewesen, dass er keine weiteren medizinischen Behandlungen und keine weiteren biologischen Kinder außerhalb dieses Weges wollte.
Er ließ deshalb später einen dauerhaften medizinischen Eingriff durchführen.
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