Als die Polizei den Transporter meines Vaters öffnete, kam die Wahrheit über seine verschwundenen Hunde ans Licht

Mein Vater ließ immer wieder Hunde verschwinden – bis die Polizei seinen alten Transporter öffnete und verstand, wem diese Tiere wirklich das Leben retteten.

„Herr Rademann, machen Sie bitte die Garage auf. Wir müssen uns das ansehen.“

Mein Vater stand mitten in seiner Einfahrt und sagte kein Wort.

Auf dem Gehweg hielt Frau Bering ihr Handy hoch. Natürlich filmte sie. Hinter ihr standen zwei weitere Nachbarn, als wäre bei uns gerade etwas Schreckliches entdeckt worden.

Vor dem Haus wartete ein Streifenwagen.

Und plötzlich sah mein Vater, Günter Rademann, zweiundsiebzig Jahre alt, nicht mehr aus wie der Mann, vor dem ich als Kind keine Angst hatte, selbst wenn nachts irgendwo Sirenen zu hören waren.

Er sah müde aus.

Klein sogar.

Seine linke Hand umklammerte den Gehstock. Die rechte steckte in der Jackentasche.

„Wir haben mehrere Hinweise bekommen“, sagte der jüngere Polizist. „Es geht um die Hunde, die Sie regelmäßig aus dem Tierheim holen.“

Mein Vater hob langsam den Blick.

„Was ist mit denen?“

Frau Bering konnte sich nicht zurückhalten.

„Die verschwinden!“, rief sie vom Gehweg. „Immer wieder! Erst holt er sie nach Hause, dann sieht man sie monatelang, und plötzlich sind sie weg. Niemand weiß, wohin!“

Ich drehte mich zu ihr.

„Können Sie vielleicht einmal fünf Minuten nicht alles kommentieren?“

Sie hielt das Handy trotzdem weiter auf uns.

Der Beamte blieb ruhig.

„Frau Rademann, bitte.“

Ich schwieg.

Aber mein Magen zog sich zusammen.

Denn so sehr ich Frau Berings Art verabscheute, einen Punkt konnte ich nicht einfach wegwischen.

Die Hunde verschwanden tatsächlich.

Mein Name ist Heike. Ich bin sechsundvierzig und wohne nur wenige Straßen von meinem Vater entfernt, in einem ruhigen Ort außerhalb von Kassel.

Seit meine Mutter vor sechs Jahren gestorben war, lebte Papa allein in dem kleinen Reihenhaus, in dem mein Bruder und ich aufgewachsen waren.

Früher war er Berufsfeuerwehrmann gewesen.

Nicht der Typ, der später stundenlang von seinen Einsätzen erzählte.

Wenn jemand ihn fragte, sagte er meistens nur: „War eben Arbeit.“

Dabei wusste ich, dass er Dinge gesehen hatte, über die andere Menschen wahrscheinlich jahrelang gesprochen hätten.

Brände.

Unfälle.

Menschen, die alles verloren hatten.

Er war immer derjenige gewesen, der hineinging, wenn andere herausliefen.

Mit zweiundsiebzig waren seine Knie kaputt. Die Hüfte machte Ärger. Treppen nahm er langsam.

Aber dieses Hartnäckige in ihm war geblieben.

Vor allem bei Tieren.

Drei Jahre zuvor hatte alles mit einem alten Schäferhund-Mischling angefangen.

Der Hund hieß damals Arko.

Zwölf Jahre alt, schlechte Hüfte, graue Schnauze.

Papa hatte ihn aus dem örtlichen Tierheim geholt.

„Nur vorübergehend“, sagte er mir.

Vier Monate später war Arko weg.

Ich fragte nach.

„Hat ein Zuhause“, sagte Papa.

Mehr nicht.

Danach kam Balu.

Ein kräftiger Mischling mit einer Narbe über der Nase. Er duckte sich jedes Mal, wenn jemand zu schnell die Hand hob.

Papa schlief in den ersten Nächten auf einer Matratze im Wohnzimmer, weil Balu nicht allein bleiben konnte.

Ich hielt ihn für verrückt.

Nach einem halben Jahr war auch Balu weg.

Dann kam Nelly.

Drei Beine.

Dann Bosse.

Dann ein schwarzer Schäferhund-Mix, der Männer nicht an sich heranließ.

Dann Arvid.

Immer dasselbe Muster.

Papa suchte sich nie die Hunde aus, bei denen sofort alle „Ach, wie süß“ sagten.

Er ging an den Zwingern vorbei, in denen die jungen Hunde am Gitter standen und wedelten.

Er ging weiter nach hinten.

Dorthin, wo die schwierigen Tiere saßen.

Die Alten.

Die Ängstlichen.

Die Hunde mit Narben.

Die, bei denen auf dem Informationsblatt mehrere Warnhinweise standen.

Und jedes Mal nahm er genau so einen mit nach Hause.

Bei ihm veränderten sie sich.

Nicht innerhalb von zwei Tagen.

Manchmal dauerte es Wochen, bis ein Hund freiwillig aus seiner Box kam.

Papa drängte nie.

Er setzte sich einfach daneben.

Mit Kaffee für sich.

Mit einem Stück Käse für den Hund.

Und dann redete er.

„Heute musst du nichts beweisen.“

Oder:

„Mich interessiert nicht, was vorher war.“

Manchmal hörte ich ihn im Wohnzimmer murmeln und dachte zuerst, er telefoniere.

Dabei saß er auf dem Teppich und sprach mit einem Hund, der zwei Meter entfernt unter dem Tisch lag.

„Kannst mich ruhig blöd finden“, sagte er dann. „Aber essen musst du trotzdem.“

Und irgendwann kamen sie näher.

Sie fraßen aus seiner Hand.

Sie legten den Kopf auf sein Knie.

Sie ließen sich anfassen.

Dann begann Papa mit Übungen.

Sitz.

Bleib.

Warten.

Neben ihm laufen.

Auf bestimmte Geräusche reagieren.

Lichtschalter berühren.

Gegen eine Person lehnen.

Eine Tür anzeigen.

Einen Gegenstand vom Boden aufnehmen.

Mich wunderte das.

Aber wenn ich fragte, winkte er ab.

„Beschäftigung.“

Ich glaubte ihm.

Warum hätte ich nicht?

Dann verschwanden die Hunde.

Und Papa erzählte nie, wohin.

Genau das hatten die Nachbarn bemerkt.

Frau Bering besonders.

Sie wohnte schräg gegenüber und wusste zuverlässig, wann jemand neue Gardinen hatte, wann ein Auto nachts spät nach Hause kam und welcher Paketbote zweimal klingeln musste.

Als Arvid bei meinem Vater einzog, wurde es schlimmer.

Arvid war ein großer Rottweiler-Mischling.

Breite Brust.

Dunkles Fell.

Ein Stück vom rechten Ohr fehlte.

Er war acht Jahre alt und hatte bereits zwei Vermittlungsversuche hinter sich.

Bei Männern ging er sofort auf Abstand.

Wenn jemand frontal auf ihn zuging, spannte sich sein ganzer Körper an.

Beim ersten Besuch bei Papa knurrte er mich zwanzig Minuten lang aus der Ecke an.

„Papa“, sagte ich damals, „der ist eine Nummer zu groß.“

Mein Vater sah mich an.

„Für wen?“

„Für dich.“

„Ach.“

Das war seine ganze Antwort.

Drei Monate später lag Arvid mit dem Kopf auf Papas Füßen, während er Zeitung las.

Nach fünf Monaten folgte der Hund ihm ohne Leine durch den eingezäunten Garten.

Nach sieben Monaten sah ich ihn mit einer dunkelroten Trainingsweste.

„Was soll das?“, fragte ich.

Papa zog den Klettverschluss zurecht.

„Übung.“

Wieder nur dieses Wort.

Übung.

Dann kam dieser Morgen.

Die Nachbarn hatten offenbar gemeinsam beschlossen, dass die Sache nicht mehr normal sein konnte.

Jemand hatte behauptet, Papa würde Tiere weiterverkaufen.

Ein anderer meinte, vielleicht würden die Hunde irgendwo „entsorgt“.

Frau Bering hatte sogar Fotos gesammelt.

Arvid im Garten.

Papa mit einem anderen Hund im vergangenen Jahr.

Der Transporter.

Ein leerer Futternapf nach dem Verschwinden eines Tieres.

Aus einzelnen Beobachtungen war eine Geschichte geworden.

Und je öfter sie erzählt wurde, desto schlimmer wurde sie.

Der Polizist vor uns wirkte nicht aggressiv.

Eher unangenehm berührt.

„Herr Rademann“, sagte er, „ich möchte das ordentlich klären. Dafür müssten wir bitte in die Garage und in Ihr Fahrzeug schauen.“

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