Als Dieter nachts verschwand, folgte ihm nur der alte Basko, und erfüllte seinen letzten Auftrag

Dieter erzählte Basko ständig Dinge, die er anderen Menschen niemals erzählt hätte.

Die nächsten Zeilen waren krakelig.

Ich habe ihm gesagt, dass er noch einen Auftrag bekommt.

Wenn ich irgendwann nicht mehr weiß, wo ich bin, soll er bei mir bleiben.

Wenn ich zur Tür rausgehe, soll er mitgehen.

Wenn Karin mich sucht, soll Basko dafür sorgen, dass sie mich findet.

Er soll mein Gedächtnis sein, wenn meines nicht mehr funktioniert.

Mir fiel das Notizbuch aus der Hand.

Ich starrte an die Wand.

Fünf Jahre.

Fünf Jahre hatte ich nichts davon gewusst.

Dieter hatte gewusst, was auf uns zukommen könnte.

Und weil er keine Ahnung hatte, wie er sich selbst vor seinem zukünftigen Ich schützen sollte, hatte er ausgerechnet unserem Hund einen Auftrag gegeben.

Ich hob das Buch wieder auf.

Unten auf der Seite stand noch ein Satz.

Wenn du das irgendwann liest, Karin, schimpf nicht mit Basko, wenn er mir hinterherläuft.

Er macht nur seine Arbeit.

Ich presste das Buch gegen meine Brust.

Zum ersten Mal seit Monaten weinte ich nicht nur um den Mann, den die Krankheit mir langsam nahm.

Ich weinte um den Mann, der Jahre zuvor schon versucht hatte, mich zu schützen.

Die ganze Zeit hatte ich geglaubt, ich wäre allein verantwortlich.

Für Medikamente.

Für Mahlzeiten.

Für Arzttermine.

Für abgeschlossene Türen.

Für Nächte, in denen Dieter aufstand und seine längst verstorbene Mutter suchte.

Für morgens, an denen er mich erkannte.

Und für morgens, an denen er es nicht tat.

Ich war müde.

Nicht dieses normale „Ich brauche Schlaf“-müde.

Ich war so müde, dass manchmal schon das Geräusch eines herunterfallenden Löffels reichte, damit ich in der Küche stand und weinte.

Wenn Menschen zu mir sagten: „Karin, ich weiß gar nicht, wie du das schaffst“, wollte ich manchmal antworten:

Ich schaffe es nicht.

Ich mache nur weiter.

Das ist nicht dasselbe.

Als ich mit dem Notizbuch zurück ins Wohnzimmer kam, war Dieter wach.

Er sah aus dem Fenster.

Genau dorthin, wo Basko früher vor der Haustür lag.

„Wo ist der Hund?“, fragte er.

Ich setzte mich neben ihn.

„Basko ist nicht mehr da.“

Dieter blickte mich an.

Für einen winzigen Moment war da etwas in seinem Gesicht.

Klarheit.

„Tot?“

Ich nickte.

„Er hat dich draußen gefunden.“

Dieter runzelte die Stirn.

„Draußen?“

Dann war es schon wieder weg.

Ich nahm seine Hand.

„Er hat seine Arbeit gemacht.“

Dieter schaute auf unsere Hände.

Sehr lange sagte er nichts.

Dann flüsterte er:

„Guter Hund.“

Eine Woche später saß eine Pflegeberaterin bei mir am Küchentisch.

Meine Kinder hatten darauf gedrängt.

Sie machten sich Sorgen.

Und sie hatten recht.

Seit Dieter zurück war, schlief ich noch weniger. Ich kontrollierte nachts Türen und Fenster manchmal dreimal.

Auf dem Tisch lag eine Broschüre für eine Pflegeeinrichtung.

Darauf waren lächelnde ältere Menschen in einem hellen Gemeinschaftsraum zu sehen.

Alles sah ruhig aus.

Ordentlich.

Sicher.

„Sie müssen auch an sich denken“, sagte die Beraterin.

Ich hasste diesen Satz.

Nicht weil er falsch war.

Sondern weil er richtig war.

„Dieter kann wieder weglaufen“, sagte sie. „Beim nächsten Mal ist vielleicht niemand dabei.“

Meine Finger schlossen sich um Baskos alte Hundemarke. Seit seinem Tod trug ich sie an einer Kette.

„Diesmal war jemand dabei.“

Die Frau nickte.

„Ich weiß.“

Sie war freundlich.

Das machte es nicht leichter.

„Sie können nicht vierundzwanzig Stunden am Tag wach sein.“

„Das weiß ich.“

„Und Sie müssen nicht beweisen, wie sehr Sie Ihren Mann lieben, indem Sie alles allein tragen.“

Ich schaute ins Wohnzimmer.

Dieter schlief.

Seine Hände lagen auf der Decke.

Dieselben Hände hatten unser Haus renoviert.

Unsere Kinder getragen.

Mich vor vierzig Jahren beim Tanzabend so fest gehalten, dass ich ihm lachend sagte, ich bekäme keine Luft.

Jetzt zitterten diese Hände beim Frühstück.

„Wenn er dort wohnt“, fragte ich, „kann ich einfach zu ihm?“

„Natürlich.“

„Auch wenn er mich nicht erkennt?“

Die Beraterin sah mich überrascht an.

„Gerade dann.“

Das saß.

Vielleicht hatte ich die ganze Zeit geglaubt, Liebe müsse bedeuten, dass Dieter hierbleibt.

In unserem Haus.

In unserem Bett.

Neben unserem Küchentisch.

Vielleicht hatte ich Angst, dass jede andere Entscheidung Verrat wäre.

An ihm.

An unserer Ehe.

An Basko.

Aber dann dachte ich an den Eintrag im Notizbuch.

Dieter hatte Basko nicht gebeten, ihn an einem bestimmten Ort festzuhalten.

Er hatte ihn gebeten, auf ihn aufzupassen.

Das war etwas anderes.

„Ich möchte mir die Einrichtung ansehen“, sagte ich.

Nicht zusagen.

Nicht unterschreiben.

Nur ansehen.

Am nächsten Nachmittag fuhr ich hin.

Ich erwartete sterile Flure und verschlossene Türen.

Stattdessen sah ich einen älteren Mann, der mit einer Pflegekraft Karten spielte. Eine Frau faltete Handtücher, obwohl sie vermutlich niemand darum gebeten hatte.

In einem Aufenthaltsraum stand ein alter Sessel, bei dem der Bezug an einer Armlehne schon abgerieben war.

Nichts daran war perfekt.

Das beruhigte mich.

Eine Pflegerin zeigte mir einen kleinen geschützten Garten.

„Manche Bewohner laufen gern“, sagte sie. „Dann können sie hier ihre Runden drehen, ohne auf eine Straße zu geraten.“

Ich dachte an Dieters Spuren hinter unserem Haus.

Daneben Baskos Pfoten.

„Dürfen Tiere zu Besuch kommen?“, fragte ich.

„Wenn Angehörige einen Hund mitbringen, meistens ja.“

Ich musste schlucken.

Basko würde nie hierherkommen.

Aber plötzlich konnte ich mir vorstellen, Dieter irgendwann hier sitzen zu sehen, die Hand auf dem Kopf irgendeines alten Besuchshundes.

Vielleicht würde er denken, es sei Basko.

Vielleicht wäre das sogar in Ordnung.

Ich unterschrieb an diesem Tag nichts.

Auch in der folgenden Woche nicht.

Aber zum ersten Mal erlaubte ich mir, darüber nachzudenken, ohne mich sofort schuldig zu fühlen.

Denn das hatte Basko mir vielleicht noch beigebracht.

Treue bedeutet nicht immer, jemanden festzuhalten.

Manchmal bedeutet sie, mitzugehen.

Manchmal bedeutet sie, jemanden warmzuhalten, wenn er selbst nicht mehr weiß, wie er nach Hause kommt.

Und manchmal bedeutet sie, zu erkennen, dass Liebe allein nicht jede Tür abschließen, jede Tablette kontrollieren und jede Gefahr verhindern kann.

Dieter wohnt im Moment noch bei mir.

Wie lange das so bleibt, weiß ich nicht.

Es gibt gute Tage.

An einem davon saß er vor kurzem am Küchentisch, sah meine Kette und nahm die Hundemarke zwischen zwei Finger.

„Basko“, sagte er.

Nur dieses eine Wort.

Ich erstarrte.

„Ja.“

Er drehte die Marke um.

Sein Blick wurde weich.

„Der passt auf dich auf.“

Mir stiegen sofort die Tränen in die Augen.

„Hat er.“

Dieter sah mich an.

Diesmal kannte er mich.

Ich weiß es.

Vielleicht nur für zehn Sekunden.

Aber ich weiß es.

„Karin“, sagte er.

Dann legte er seine Hand auf meine.

Ich dachte an unseren alten Hund in diesem Graben.

Vierzehn Jahre alt.

Kranke Hüften.

Schwaches Herz.

Eigentlich selbst längst darauf angewiesen, dass jemand auf ihn aufpasste.

Und trotzdem war er Dieter gefolgt.

Nicht weil jemand ihn gerufen hatte.

Nicht weil eine Tür offen stand.

Sondern weil ein alter Mann fünf Jahre zuvor seine Hand auf seinen Kopf gelegt und ihm einen letzten Auftrag gegeben hatte.

Bleib bei mir.

Sei mein Gedächtnis.

Pass auf sie auf.

Basko hatte jedes Wort gehalten.

Bis zu seinem letzten Herzschlag.

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