Als ich meinen alten Hund losließ, fand die Terrasse wieder Leben

Ich dachte, nach Berti würde die Terrasse einfach nur leer bleiben.

Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass Stille manchmal nicht verschwindet, sondern auf einen wartet.

In den ersten Tagen nach seinem Abschied ging ich kaum hinaus.

Die Hollywoodschaukel stand noch da. Die Kissen lagen noch so, wie ich sie immer hingelegt hatte. Auf dem kleinen Tisch stand noch die Tasse, die ich am letzten Abend nicht ausgetrunken hatte.

Ich wusste, dass ich sie wegräumen sollte.

Ich tat es nicht.

Manchmal stand ich an der Terrassentür und sah hinaus, als könnte Berti gleich wieder um die Ecke kommen. Langsam, ein bisschen wackelig, aber mit diesem Blick, der sagte: Na komm, Ingrid. Wir gehen raus.

Aber da kam niemand.

Nur Frau Neumanns Blumentopf stand vor der Tür.

Kleine gelbe und weiße Blüten. Nichts Besonderes. Gerade deshalb tat es so weh.

Ich goss sie jeden Morgen.

Nicht, weil ich Blumen besonders mochte.

Sondern weil jemand gesehen hatte, dass ein Platz leer geworden war.

Nach einer Woche klingelte Frau Neumann.

Ich öffnete nicht sofort. Ich hatte keine Lust auf Mitleid. Auf diese schrägen Blicke, auf Sätze wie „Er hatte ein gutes Alter“ oder „Jetzt haben Sie es leichter“.

Leichter.

Was für ein dummes Wort.

Als ich schließlich öffnete, stand sie mit einer kleinen Dose Plätzchen vor der Tür. Selbst gebacken, ein bisschen zu dunkel an den Rändern.

„Ich wollte nicht stören“, sagte sie.

„Tun Sie aber“, antwortete ich.

Es rutschte mir heraus.

Früher hätte ich mich sofort entschuldigt. Mein Mann hätte mich mit diesem Blick angesehen, halb streng, halb amüsiert. Berti hätte sich dazwischen gedrängt, als müsste er jede peinliche Situation mit Fell entschärfen.

Frau Neumann nickte nur.

„Dann stelle ich sie hier ab.“

Sie stellte die Dose auf die Fußmatte und drehte sich um.

Keine beleidigte Miene. Kein langer Vortrag.

Nur dieser kleine, gerade Rücken, der wieder zum Gartentor ging.

Da schämte ich mich.

„Warten Sie“, sagte ich.

Sie blieb stehen.

Ich suchte nach einem richtigen Satz, fand aber keinen. Also sagte ich nur: „Die Blumen sind schön.“

Frau Neumann lächelte nicht richtig. Aber ihr Gesicht wurde weicher.

„Ich dachte, Berti hätte etwas Fröhliches verdient.“

Da musste ich mich am Türrahmen festhalten.

Denn genau das war es.

Nicht ich.

Nicht meine Trauer.

Berti.

Er hätte etwas Fröhliches verdient.

Am Nachmittag nahm ich die Plätzchendose mit auf die Terrasse. Zum ersten Mal seit seinem letzten Abend setzte ich mich wieder auf die Hollywoodschaukel.

Sie quietschte leise.

Früher hatte mich das genervt. Mein Mann hatte immer gesagt, er öle sie morgen. Morgen wurde bei ihm oft eine Woche, manchmal ein Monat.

Jetzt war ich froh über das Geräusch.

Es bedeutete, dass noch etwas da war, das früher auch da gewesen war.

Ich stellte die Dose neben mich, öffnete sie und nahm ein Plätzchen. Es schmeckte nach Butter, Zucker und ein bisschen verbrannt.

Ich musste lachen.

Ganz kurz nur.

Dann weinte ich.

Nicht schön. Nicht still. Sondern so, wie man weint, wenn man zu lange vernünftig gewesen ist.

Ich weinte um meinen Mann. Um Berti. Um die Jahre, die erst langsam vergangen waren und dann plötzlich weg.

Ich weinte auch um mich.

Das hatte ich lange nicht erlaubt.

Am Zaun bewegte sich etwas.

Frau Neumann stand dort, eine Hand auf dem Holz, als wüsste sie nicht, ob sie etwas sagen durfte.

„Soll ich gehen?“, fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Mehr brachte ich nicht heraus.

Sie kam nicht sofort näher. Sie wartete, bis ich auf die Bank neben der Schaukel zeigte.

Dann setzte sie sich.

Zwischen uns stand die Dose mit den dunklen Plätzchen.

Eine ganze Weile sagten wir nichts.

Das war angenehm.

Manchmal ist Schweigen höflicher als jedes Trostwort.

Irgendwann sagte Frau Neumann: „Ich habe mich damals falsch ausgedrückt.“

Ich wusste sofort, was sie meinte.

Irgendwann muss man loslassen.

Der Satz hatte sich in mir festgesetzt wie ein Dorn.

„Ich war wütend“, sagte sie. „Nicht auf Sie. Auf mich vielleicht.“

Ich sah sie an.

Sie strich mit dem Daumen über den Rand der Plätzchendose.

„Mein Vater hatte einen alten Dackel“, sagte sie. „Bruno. Ein eigensinniges Tier. Krummbeinig, stur, hat jeden angebellt, den er liebte.“

Ich musste trotz allem schmunzeln.

„Als mein Vater krank wurde, wollte Bruno nicht mehr von seinem Bett weg. Und als Bruno später alt wurde, konnte mein Vater ihn nicht mehr tragen. Ich war damals noch berufstätig, immer in Eile, immer wichtig. Ich habe gesagt: Papa, du musst vernünftig sein.“

Sie schwieg.

Der Garten war still. Nur irgendwo in der Nachbarschaft klapperte Geschirr.

„Ich habe diesen Satz lange bereut“, sagte sie. „Mein Vater hat ihn nie vergessen. Und ich auch nicht.“

Ich sagte nichts.

Aber etwas in mir wurde weniger hart.

„Als ich Sie mit Berti gesehen habe“, fuhr sie fort, „hatte ich Angst, dass Ihnen etwas passiert. Und vielleicht hatte ich auch Angst, wieder zuzusehen, wie jemand liebt, obwohl es wehtut.“

Da verstand ich sie besser.

Nicht ganz. Aber genug.

Wir saßen noch eine Weile draußen.

Als sie ging, nahm sie die leere Tasse mit in die Küche, ohne zu fragen. Ich ließ sie.

Das war der Anfang.

Nicht von einer großen Freundschaft, wie man sie in Filmen sieht.

Eher von etwas Echtem.

Sie klingelte manchmal nicht mehr, sondern rief vom Zaun: „Frau Keller, ich habe Suppe übrig.“

Ich antwortete: „Das sagen Sie jedes Mal.“

Sie sagte: „Dann tun Sie doch überrascht.“

Einmal brachte sie mir ein Stück Pflaumenkuchen. Ich brachte ihr später die Form zurück, mit Kartoffelsalat darin.

So läuft das hier.

Man sagt nicht: Ich brauche jemanden.

Man gibt eine Form zurück.

Die Terrasse blieb trotzdem schwer.

Abends war es am schlimmsten.

Mein Körper hatte sich jahrelang daran gewöhnt, Berti zu heben, die Decke zu richten, seine Pfote unter meiner Hand zu spüren. Nun ging ich hinaus und wusste nicht, wohin mit meinen Händen.

Also begann ich, die Terrasse aufzuräumen.

Nicht alles auf einmal.

Nur jeden Tag ein kleines Stück.

Ich fegte die alten Blätter aus den Ecken. Ich wischte den Tisch ab. Ich schnitt die trockenen Blüten aus dem Topf, den Frau Neumann gebracht hatte.

Unter der Hollywoodschaukel fand ich eines Tages Bertis alten Ball.

Er war kaum noch als Ball zu erkennen.

Ausgeblichen. Eingedrückt. An einer Seite aufgerissen.

Ich hob ihn auf und setzte mich damit auf die Stufe.

Früher hatte Berti diesen Ball überall gesucht. Mein Mann hatte immer behauptet, der Hund könne nicht zählen, aber sehr wohl wissen, wenn ein Lieblingsding fehlte.

Ich hielt den Ball in beiden Händen.

Zum ersten Mal dachte ich nicht nur an den letzten Abend.

Ich dachte an Berti, wie er als junger Hund durch den Garten gerannt war, viel zu schnell für seine eigenen Beine. Wie er auf dem glatten Flur ausgerutscht war und danach so getan hatte, als sei es Absicht gewesen.

Ich dachte an meinen Mann, der mit dem Ball in der Hand lachte und rief: „Berti, du musst ihn bringen, nicht nur anschauen!“

Und plötzlich tat die Erinnerung nicht nur weh.

Sie war auch warm.

Am nächsten Sonntag kam Frau Neumanns Enkel vorbei.

Paul hieß er. Zwölf Jahre alt, schmale Schultern, viel zu große Turnschuhe, und diese unsichere Art, die manche Kinder haben, wenn sie nicht wissen, ob Erwachsene traurig oder streng sind.

Er blieb am Zaun stehen und fragte: „War Berti Ihr Hund?“

Ich nickte.

„Oma hat von ihm erzählt.“

Frau Neumann wurde rot. „Paul, man fragt nicht einfach so.“

„Doch“, sagte ich. „Manchmal darf man.“

Paul sah auf den alten Ball in meiner Hand.

„Darf ich den sehen?“

Ich zögerte.

Es war nur ein Ball.

Und doch war es nicht nur ein Ball.

Ich reichte ihn ihm.

Er nahm ihn vorsichtig, als wäre er aus Glas.

„Der war bestimmt nett“, sagte er.

Ich musste schlucken.

„Ja“, sagte ich. „Sehr.“

Paul drehte den Ball in den Händen.

„In der Schule machen wir gerade ein Heft über Erinnerungen. Jeder soll etwas von früher mitbringen. Aber nicht so alte Sachen aus dem Museum. Echte Sachen.“

Frau Neumann seufzte. „Paul.“

Ich sah den Ball an.

Dann sah ich den Jungen an.

„Möchtest du Berti mitnehmen?“

Er riss die Augen auf.

„Den Ball? Wirklich?“

„Nur für die Schule“, sagte ich schnell. „Danach kommt er zurück.“

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