Am nächsten Morgen lag das Wolkenkissen nicht mehr nur neben Leni. Es lag halb auf ihr, als müsste es sie festhalten.
Ich blieb einen Moment in der Tür stehen.
Leni schlief mit beiden Armen um den schiefen Hasen. Die gelbe Zahnbürste stand im Bad in ihrem Becher. Gerade. Sichtbar. Fast feierlich.
Und zum ersten Mal seit sie bei mir war, sah ihr Gesicht nicht aus, als würde es auf das nächste laute Wort warten.
Ich machte leise Frühstück.
Als ich die Brotdose für die Schule vorbereitete, hörte ich kleine Schritte hinter mir.
Leni stand im Schlafanzug in der Küchentür. Gelbe Punkte. Zu große Socken. Haare durcheinander.
„Darf ich schon aufstehen?“, fragte sie.
Ich drehte mich langsam zu ihr um.
„Leni“, sagte ich, „du musst hier nicht um Erlaubnis bitten, um aufzustehen.“
Sie nickte.
Aber ich sah, dass sie es nicht verstand.
Nicht wirklich.
Sie setzte sich an den Tisch und legte beide Hände auf die Knie. So gerade, so vorsichtig, dass es mir weh tat.
„Möchtest du Kakao?“, fragte ich.
Sie sah erst zur Tasse, dann zu mir.
„Wenn noch genug da ist.“
„Es ist genug da.“
„Auch für dich?“
„Auch für mich.“
Sie dachte kurz nach.
Dann sagte sie: „Dann ja, bitte.“
Beim Frühstück aß sie langsam. Jeden Bissen klein. Als müsste sie beweisen, dass sie nicht zu viel nahm.
Ich legte ihr noch eine Scheibe Brot hin.
Sie erschrak fast.
„Ich bin satt“, sagte sie schnell.
„Du musst sie nicht essen. Aber sie darf da liegen.“
Das war vielleicht ein komischer Satz.
Aber bei Leni waren viele normale Sätze noch zu groß.
Nach dem Frühstück wollte sie ihr Glas selbst spülen. Ich sagte, das müsse sie nicht.
Sie tat es trotzdem.
Dabei rutschte ihr das Glas aus der Hand.
Es fiel nicht einmal richtig. Es stieß nur gegen den Rand der Spüle und bekam einen kleinen Sprung.
Leni erstarrte.
Dann wurde sie blass.
„Entschuldigung“, flüsterte sie.
Ich ging zu ihr.
„Es ist nur ein Glas.“
Sie schüttelte den Kopf. Ihre Lippen zitterten.
„Ich mach’s wieder gut.“
„Leni.“
„Ich kann helfen. Ich kann putzen. Ich kann—“
„Leni.“
Ich sagte ihren Namen ruhig. Nicht streng.
Sie sah mich an, als würde gleich etwas passieren.
„Ein Glas mit Sprung kommt weg“, sagte ich. „Und ein Kind bleibt.“
Sie atmete nicht sofort weiter.
Dann fragte sie kaum hörbar: „Auch wenn es Sachen kaputt macht?“
Ich musste mich am Rand der Arbeitsplatte festhalten.
„Gerade dann braucht ein Kind jemanden, der ruhig bleibt.“
Sie schaute auf ihre Hände.
„Ich wollte vorsichtig sein.“
„Das warst du.“
„Aber es ist trotzdem kaputt.“
„Ja“, sagte ich. „Manchmal geht etwas kaputt, obwohl niemand böse ist.“
Sie stand lange da.
Dann nickte sie langsam.
Als hätte sie einen Satz gehört, den sie in ihrem kleinen Leben noch nie bekommen hatte.
Später packte ich ihre neuen Sachen in den Schrank.
Nicht in eine Tasche.
Nicht in eine Ecke.
In einen Schrank.
Ich räumte ein Fach frei. Nur für sie.
Leni stand daneben und beobachtete jede Bewegung.
„Bleiben die da?“, fragte sie.
„Ja.“
„Auch die Decke?“
„Auch die Decke.“
„Und wenn jemand kommt?“
„Dann sieht er: Das ist Lenis Fach.“
Sie strich mit einem Finger über die gestapelten T-Shirts.
Ganz vorsichtig.
„Ich hatte noch nie ein Fach.“
Ich sagte nichts.
Manchmal ist Schweigen besser, weil man sonst zu schnell tröstet. Und manche Wahrheit will erst einmal im Raum stehen dürfen.
Am Nachmittag kam Frau Mertens vorbei. Sie war die zuständige Begleiterin für Leni. Eine ruhige Frau mit brauner Tasche, einfachen Schuhen und einer Stimme, die nie zu laut wurde.
Leni saß neben mir auf dem Sofa.
Ihr Wolkenkissen lag auf ihrem Schoß.
Frau Mertens fragte sie nichts Schweres. Nur, wie sie geschlafen habe. Ob sie gegessen habe. Ob sie etwas brauche.
Bei jeder Frage schaute Leni erst mich an.
Dann antwortete sie.
„Gut.“
„Ja.“
„Nein.“
Diese drei Wörter waren ihre kleine Mauer.
Frau Mertens sah das. Sie drängte nicht.
Als sie gehen wollte, sagte sie zu mir im Flur leise: „Es kann sein, dass Leni länger bei Ihnen bleibt. Wir wissen noch nicht alles.“
Ich nickte.
Länger.
Dieses Wort klang warm und schwer zugleich.
Denn bei Pflegekindern ist Hoffnung nie ganz einfach. Man will Halt geben, aber keine Versprechen machen, die andere später zerbrechen.
Leni stand plötzlich hinter uns.
Sie hatte den letzten Satz gehört.
„Länger heißt wie lange?“, fragte sie.
Frau Mertens sah mich an.
Ich ging in die Hocke.
„Das wissen wir noch nicht genau“, sagte ich ehrlich.
Lenis Gesicht wurde sofort klein.
Da war sie wieder. Diese Angst, die schneller war als jedes Vertrauen.
„Aber heute bleibst du hier“, sagte ich. „Und morgen auch. Und wir planen zusammen von Tag zu Tag.“
Sie presste das Wolkenkissen an sich.
„Von Tag zu Tag ist okay“, flüsterte sie.
An diesem Abend stellte ich zwei Teller auf den Tisch.
Leni kam aus dem Bad, blieb stehen und zählte.
„Nur zwei?“
„Ja. Du und ich.“
„Kommt niemand?“
„Nein.“
„Muss ich mich beeilen?“
„Nein.“
Sie setzte sich langsam.
Es gab Nudeln mit einer einfachen Soße. Nichts Besonderes. Aber Leni roch daran, als wäre es ein Festessen.
Nach drei Bissen sagte sie: „Bei Frau Keller war das nett.“
„Ja“, sagte ich. „Das war sehr nett.“
„Meinst du, sie denkt noch an mich?“
Ich lächelte.
„Ich glaube schon.“
Leni schaute auf ihren Teller.
„Ich habe gar nicht richtig danke gesagt.“
„Doch.“
„Nur leise.“
„Leise zählt auch.“
Sie drehte die Gabel zwischen den Fingern.
„Kann man jemandem später noch danke sagen?“
„Immer.“
Am nächsten Tag malte Leni ein Bild.
Sie malte eine Wolke, einen Hasen mit schiefem Ohr und eine Frau mit grauen Haaren. Die Frau hatte viel zu lange Arme. Als könnte sie damit die ganze Welt umarmen.
Unten schrieb sie mit krummen Buchstaben:
Danke, Frau Keller.
Daneben malte sie eine gelbe Zahnbürste.
Ich fragte nicht, warum.
Vielleicht war sie für Leni genauso wichtig wie das Kissen.
Am Nachmittag gingen wir wieder in das Kaufhaus.
Nicht, um etwas zu kaufen.
Nur, um das Bild abzugeben.
Leni hielt den Umschlag so fest, dass er an den Ecken knickte.
„Was, wenn sie nicht da ist?“, fragte sie.
„Dann geben wir es an der Information ab.“
„Was, wenn sie mich vergessen hat?“
„Dann erinnern wir sie.“
Sie nickte.
Aber als wir das Kaufhaus betraten, wurde ihre Hand kalt in meiner.
Wir fanden Frau Keller nicht sofort.
Wir gingen an den Regalen vorbei, an Socken, Kissen, Kinderkleidung.
Leni schaute auf den Boden.
Dann blieb sie plötzlich stehen.
„Da.“
Frau Keller stand bei den Haushaltswaren. Sie verglich zwei einfache Tischdecken und hatte eine Lesebrille auf der Nase.
Als sie Leni sah, nahm sie die Brille ab.
Ihr Gesicht wurde weich.
„Na, du Wolkenmädchen“, sagte sie.
Leni versteckte sich nicht.
Nicht ganz.
Sie trat einen kleinen Schritt vor und hielt den Umschlag hin.
„Für Sie.“
Frau Keller nahm ihn mit beiden Händen.
Nicht nebenbei. Nicht schnell.
Sondern so, als bekäme sie etwas Kostbares.
Sie öffnete den Umschlag und betrachtete das Bild.
Lange.
Dann räusperte sie sich.
„Der Hase sieht mir sehr klug aus“, sagte sie.
Leni nickte ernst.
„Er hört gut zu.“
„Das ist eine seltene Gabe.“
Leni sah auf ihre Schuhe.
„Danke für das Kissen.“
„Gern.“
„Und für den Hasen.“
„Sehr gern.“
„Und dafür, dass Sie gefragt haben.“
Frau Keller hob den Blick.
„Was meinst du?“
Leni zog an ihrem Ärmel.
„Sie haben gefragt, ob ich es mag. Nicht, ob ich es brauche.“
Ich merkte, wie meine Augen brannten.
Frau Keller sagte einen Moment nichts.
Dann hockte sie sich wieder zu Leni hinunter, genauso langsam wie am ersten Tag.
„Man darf Dinge mögen“, sagte sie. „Auch wenn man sie nicht unbedingt braucht.“
Leni dachte darüber nach.
„Auch Kissen?“
„Auch Kissen.“
„Auch gelbe Zahnbürsten?“
„Erst recht gelbe Zahnbürsten.“
Da lächelte Leni.
Nicht vorsichtig.
Nicht schnell.
Sondern klein und echt.
Bevor wir gingen, fragte Frau Keller mich, ob sie uns manchmal eine Karte schicken dürfe. Kein großes Ding. Nur ein Gruß.
Ich sah Leni an.
Sie nickte.
Also schrieb ich unsere Adresse auf einen Zettel.
Leni beobachtete das, als passiere etwas Wichtiges.
Vielleicht war es das auch.
Eine Adresse, an der sie erreichbar war.
Ein Name, der auf einer Karte stehen durfte.
Drei Tage später lag die erste Karte im Briefkasten.
Vorne war kein glänzendes Bild. Nur eine einfache Zeichnung von einem Gartenzaun und einem kleinen Vogel.
Innen stand:
Liebe Leni,
ich hoffe, dein Wolkenkissen macht seinen Dienst gut.
Denk daran: Auch kleine Wünsche dürfen Platz haben.
Herzlich, Frau Keller
Leni las die Karte fünfmal.
Dann stellte sie sie auf ihr Schrankfach.
Nicht versteckt.
Sichtbar.
Ab da änderte sich nicht alles.
So ist das nicht im echten Leben.
Ein Kind wacht nicht auf und ist geheilt, nur weil jemand freundlich war.
Leni fragte immer noch oft: „Darf ich?“
Darf ich duschen?
Darf ich das Licht anlassen?
Darf ich mir noch Brot nehmen?
Darf ich den Hasen mit ins Auto nehmen?
Aber manchmal vergaß sie die Frage.
Manchmal nahm sie sich ein Glas Wasser, ohne mich anzusehen.
Manchmal legte sie ihren Schlafanzug selbst aufs Bett, als gehöre dieses Zimmer wirklich zu ihr.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






