Drei Wochen nach dieser handgeschriebenen Rechnung stand Findus wieder vor meiner Tür.
Diesmal ohne Zettel.
Dafür mit fremdem Geruch im Fell, einer kleinen gelben Blüte zwischen den Schnurrhaaren und diesem Gesichtsausdruck, der ganz klar sagte:
Es ist etwas passiert. Kümmere dich.
Er miaute nicht einmal.
Er setzte sich einfach hin, sah mich an, drehte sich um und lief wieder los.
Normalerweise hätte ich gesagt: Netter Versuch.
Normalerweise hätte ich ihn erst mal ausgebürstet, gefüttert und dann gefragt, bei wem er sich diesmal eingeladen hatte.
Aber irgendetwas an diesem Blick war anders.
Also zog ich mir Jacke und Schuhe an und ging hinter ihm her.
Findus lief nicht wie sonst.
Nicht gemütlich.
Nicht mit seinem üblichen, selbstzufriedenen Wackelschritt, als gehöre ihm das halbe Viertel und die andere Hälfte sei nur noch Formsache.
Er war schneller.
Zielstrebiger.
Er bog nicht zu Ingrid ab.
Nicht zur kleinen Bank vor ihrem Haus, wo er sonst manchmal schon saß, bevor ich überhaupt um die Ecke kam.
Nicht zu ihrer Hintertreppe, auf der er anfangs seinen großen Auftritt als völlig verlassener Kater hingelegt hatte.
Er lief in die andere Richtung.
Zwei Straßen weiter, vorbei an den ordentlichen Vorgärten, den geschlossenen Garagen und den Fenstern, hinter denen man oft nur Schatten sah.
Dann blieb er vor einem Reihenhaus stehen, das ich kannte, ohne es wirklich zu kennen.
Dunkelgrüne Rollläden.
Ein Fahrrad unter dem Carport.
Ein kleiner Holzstern an der Tür, selbst jetzt noch, obwohl Weihnachten längst vorbei war.
Dort wohnte, soweit ich wusste, eine Frau mit ihrem Sohn.
Mehr wusste ich nicht.
Findus setzte sich vor die Haustür und miaute jetzt doch.
Kurz.
Drängend.
Dann sah er zu mir hoch, als wäre ich derjenige, der hier mal ein bisschen Tempo machen sollte.
Ich klingelte.
Es dauerte.
Dann hörte ich Schritte.
Langsame.
Schleifende.
Die Tür öffnete sich einen Spalt breit, und ein Junge vielleicht von elf oder zwölf sah mich an. Blass. Schmale Schultern. Zu großes T-Shirt. Diese Art von Müdigkeit im Gesicht, die bei Kindern fehl am Platz wirkt.
Unten an seinem Bein strich Findus vorbei, als hätte er hier längst Hausrecht.
Der Junge sah runter und sagte leise:
„Da bist du ja.“
So sagt man es nicht zu irgendeiner Katze.
Man sagt es zu jemandem, auf den man gewartet hat.
„Entschuldigung“, sagte ich. „Ich glaube, mein Kater kennt sich hier inzwischen auch aus.“
Der Junge hob den Blick.
„Ja.“
Nur dieses eine Wort.
Dann hörte ich aus dem Flur hinter ihm eine Frau husten.
Dieses trockene, tiefe Husten, das den ganzen Körper mitnimmt.
„Jonas?“, rief sie von drinnen.
„Ist nur der Kater“, sagte er.
Nur der Kater.
Ich weiß nicht, warum mich genau das so traf.
Vielleicht, weil in seiner Stimme dieses „nur“ gar nicht stimmte.
Vielleicht, weil Findus in diesem Moment schon geschniegelt und geschniegelt an ihm vorbeilief, direkt ins Haus, als hätte ihn nie jemand etwas anderes als willkommen geheißen.
Die Frau kam langsam in den Flur.
Sie war jünger, als ich erwartet hatte. Ende vierzig vielleicht. Aber erschöpft auf eine Weise, die einen älter aussehen lässt. Sie hielt sich am Türrahmen fest und versuchte zu lächeln.
„Ach“, sagte sie. „Dann gehören Sie also zu ihm.“
„Leider ja“, sagte ich. „Oder er zu mir. So genau weiß man das bei Findus nie.“
Zu meiner Erleichterung lachte sie wirklich.
Nicht lang.
Aber echt.
„Er kommt seit ein paar Tagen vorbei“, sagte sie. „Immer nachmittags. Manchmal sitzt er einfach nur vor der Tür. Manchmal wartet er, bis Jonas aus der Schule kommt.“
Jonas stand noch immer im Flur.
Mit einer Hand an Findus’ Rücken, als würde er sich vergewissern wollen, dass der Kater wirklich da war.
Ich hatte plötzlich dasselbe Gefühl wie damals bei Ingrid.
Dass ich hergekommen war wegen einer Katze.
Und schon wieder in etwas ganz anderes hineinplatzte.
„Tut mir leid, falls er stört“, sagte ich.
„Nein“, sagte Jonas sofort.
So schnell, dass seine Mutter ihn ansah.
Dann sagte sie leiser:
„Er stört nicht.“
Es roch in der Wohnung nach Tee und Waschmittel.
Und nach dieser schweren Luft, die entsteht, wenn Fenster oft nur kurz geöffnet werden, weil jemand zu müde ist, sie länger offen zu lassen.
Auf dem Esstisch standen Hefte.
Ein halbes Glas Saft.
Eine Tasse, in der der Tee längst kalt geworden war.
Nichts Unordentliches.
Nichts Dramatisches.
Einfach dieses stille Durcheinander, das entsteht, wenn das Leben eine Zeit lang nur noch nach dem Nötigsten sortiert wird.
Findus sprang auf einen Stuhl und setzte sich hin, als wolle er an einer Besprechung teilnehmen.
„Ich bin Martin“, sagte ich.
„Sabine“, sagte die Frau.
Der Junge nickte nur.
„Jonas.“
Wir standen einen Moment lang etwas unbeholfen da.
Dann sagte Sabine:
„Wollen Sie kurz reinkommen? Sonst denkt er am Ende noch, er muss heute zwischen uns pendeln.“
Ich trat ein.
Findus sah zufrieden aus.
Als hätte er genau das erreichen wollen.
Es stellte sich heraus, dass Sabine seit einigen Wochen krankgeschrieben war.
Nichts, worüber sie viele Worte machen wollte.
Nur, dass sie kaum Energie hatte, schnell außer Atem war und der Alltag inzwischen an manchen Tagen schon groß genug wirkte, bevor überhaupt der Vormittag vorbei war.
„Es ist nur vorübergehend“, sagte sie.
So, wie Menschen etwas sagen, das sie selbst gern ganz sicher glauben möchten.
Jonas ging nach der Schule meistens direkt nach Hause.
Früher, erzählte Sabine, sei er oft noch draußen gewesen.
Mit dem Rad.
Mit Freunden.
Fußballplatz.
Irgendwas.
In letzter Zeit nicht mehr so.
„Er sagt, er möchte lieber hier sein“, sagte sie und strich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Wegen mir.“
„Ist doch nicht schlimm“, murmelte Jonas.
„Für mich schon ein bisschen“, sagte sie mit einem schiefen Lächeln.
Findus ließ sich auf dem Tisch nieder, legte die Vorderpfoten übereinander und blickte zwischen uns hin und her.
Wie jemand, der längst weiß, was hier gesagt werden müsste, aber beschlossen hat, uns Menschen noch ein wenig selbst herumstolpern zu lassen.
„Er kommt manchmal schon vor Jonas nach Hause an“, sagte Sabine. „Und dann sitzt er vor der Tür, als würde er Wache halten.“
Jonas kraulte ihn hinterm Ohr.
„Gestern war er da, bevor ich um die Ecke kam“, sagte er. „Er hat mich schon gesehen.“
„Natürlich hat er das“, sagte ich. „Er führt wahrscheinlich irgendwo ein geheimes Protokoll über die ganze Siedlung.“
Jonas grinste zum ersten Mal.
Nur kurz.
Aber es veränderte sein ganzes Gesicht.
Als ich ging, lief Findus nicht mit mir mit.
Er blieb.
Einfach so.
Saß bei Jonas auf dem Teppich, als wäre längst geklärt, dass dieser Nachmittag noch nicht vorbei war.
Ich hätte ihn tragen können.
Mitnehmen.
Meine Katze, meine Regeln.
Aber ich brachte es nicht übers Herz.
„Er kommt später von allein“, sagte Sabine, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
Sie hatte recht.
Am Abend saß er wieder bei mir in der Küche und fraß, als hätte er den Tag über körperlich schwer gearbeitet.
„Du kannst nicht einfach mehrere Haushalte führen“, sagte ich zu ihm.
Er hob nicht mal den Kopf.
In den nächsten Tagen wurde aus Zufall Gewohnheit.
Findus machte morgens seine Runde.
Mittags schlief er irgendwo in einem Sonnenfleck.
Und am Nachmittag schien er einem festen Plan zu folgen, den nur er kannte.
Mal Ingrid.
Mal Jonas und Sabine.
Mal beide.
Einmal kam ich bei Ingrid vorbei, und sie saß schon mit ihrer Strickjacke auf der Bank, eine kleine Dose Katzenleckerlis neben sich.
„Er ist heute spät“, sagte sie zur Begrüßung.
„Ich wusste nicht, dass wir inzwischen Sprechzeiten haben“, sagte ich.
„Haben wir auch nicht“, sagte sie. „Aber er hält sich sonst genauer an Termine als die meisten Menschen.“
Da musste ich lachen.
Dann erzählte ich ihr von Sabine und Jonas.
Ingrid hörte zu.
Ganz still.
Mit dieser Aufmerksamkeit, die nicht geschniegelt daherkommt, sondern einfach da ist.
„Ach“, sagte sie nur, als ich fertig war.
Mehr nicht.
Aber in diesem einen kleinen Wort lag schon Mitgefühl genug.
„Vielleicht hat er gespürt, dass da jemand ihn braucht“, sagte sie dann.
„Oder er hat gespürt, dass da jemand Thunfisch hat.“
„Das eine schließt das andere nicht aus“, sagte sie trocken.
So begann es.
Nicht groß.
Nicht geplant.
Nicht als heroische Geste.
Einfach so, wie manche Dinge im echten Leben beginnen:
mit einer Katze, die sich einmischt.
Ich fing an, auf dem Rückweg vom Einkaufen öfter ein Brot mehr mitzunehmen.
Oder ein Stück Kuchen.
Oder Suppe, wenn ich ohnehin kochte und zu viel gemacht hatte.
Nicht als Hilfe.
Nicht als Mitleid.
Eher als diese Art von Selbstverständlichkeit, die leichter anzunehmen ist.
„Ich habe zu viel gekocht“, sagte ich einmal zu Sabine.
Sie sah mich an.
Dann auf den Topf in meiner Hand.
Dann wieder mich.
„Das sagen Leute immer, wenn sie absichtlich für andere mitgekocht haben“, sagte sie.
„Mag sein“, antwortete ich. „Aber technisch gesehen ist es trotzdem nicht gelogen.“
Sie lächelte.
Später saßen wir zu dritt in ihrer Küche, während Findus unter dem Tisch lag und gelegentlich gegen unsere Beine stieß, sobald irgendwo ein Stückchen Fleisch in Gefahr geriet, unbeaufsichtigt zu bleiben.
Jonas erzählte irgendwann, dass er in Kunst ganz gut sei.
Nicht im Reden.
Nicht im Sport.
Nicht darin, sich in Gruppen wichtig zu machen.
Aber im Zeichnen.
„Zeig doch mal“, sagte Sabine.
Er rollte mit den Augen, dieses pflichtschuldige Augenrollen, das Kinder offenbar beherrschen, selbst wenn sie insgeheim gern gefragt werden.
Dann holte er einen Block.
Er hatte Findus gezeichnet.
Mehrmals.
Einmal mit aufgeblasenem Fell, wie ein kleiner König.
Einmal schlafend auf dem Fensterbrett.
Einmal vor ihrer Haustür, geschniegelt wie ein Wächter mit zu dickem Bauch.
Die Zeichnungen waren gut.
Nicht nur für sein Alter.
Gut im eigentlichen Sinn.
Sie hatten etwas.
Humor.
Wärme.
Einen Blick für das, was an einem Wesen komisch ist und gleichzeitig liebenswert.
„Das ist ja er“, sagte ich.
„Natürlich ist das er“, sagte Jonas. „Man sieht doch, wenn jemand tut, als wäre alles seins.“
Ingrid bekam später eine der Zeichnungen.
Sie stellte sie tatsächlich in einen Bilderrahmen und platzierte sie auf die Kommode neben ein Foto ihres verstorbenen Mannes.
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