Als mein Vater Mamas Erbe forderte, fand ich ihren letzten Brief

Meine Mutter ist letzte Woche gestorben und mein Nichtsnutz von einem Vater ist plötzlich aufgetaucht und verlangt, dass ich ihm drei Viertel ihres Geldes gebe, weil er mich „großgezogen“ hat.

Meine Mama hat mich allein erzogen, seit ich vier war. Mein Vater ist einfach abgehauen, hat eine neue Familie gegründet, nie Unterhalt gezahlt, nie an Geburtstagen angerufen und war auch bei meinem Schulabschluss nicht da. Er war wie ein Geist mit einer Postanschrift, die ich nur kannte, weil Mama sie immer leise verflucht hat, wenn das Geld mal wieder knapp war.

Ich bin jetzt 24. Mama und ich waren unzertrennlich. Sie hat Doppelschichten geschoben, um mir den Tanzunterricht zu bezahlen, ist abends wach geblieben, um mir bei den Uni-Bewerbungen zu helfen, und hat mir bei jedem Liebeskummer die Hand gehalten.

Als sie vor sechs Monaten krank wurde, bin ich wieder nach Hause gezogen, um sie zu pflegen. Ich war da, als sie einschlief. Ich habe ihre Hand gehalten. Ich habe die Beerdigung geplant, die ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte, weil sie den guten Sarg wollte, den schönen Blumenschmuck und das Grab direkt neben ihrer Mutter.

Gestern hat es an meiner Tür geklingelt. Nach einer Fahrt einmal quer durch die Republik stand mein Vater vor mir – der Mann, der sich nicht mal die Mühe gemacht hat, sich meinen Zweitnamen zu merken – in einem billigen Anzug und mit einem heuchlerischen Lächeln. Er meinte, er hätte „über ein paar Ecken“ von Mamas Tod gehört und sei die ganze Nacht durchgefahren, um „nach seinem kleinen Mädchen zu sehen“.

Er saß weinend an meinem Küchentisch. Meinte, er sei seit drei Jahren trocken. Meinte, es tue ihm leid, dass er nie da war, für die Vernachlässigung, die jahrelange Stille. Sagte, er sei jetzt mein einziger Elternteil und wir müssten zusammenhalten.

Dann hat er nach dem Testament gefragt.

Mama hat mir ihr Haus, ihre Ersparnisse und die Lebensversicherung, in die sie zwanzig Jahre lang eingezahlt hat, hinterlassen – insgesamt etwa 180.000 Euro. Ihm hat sie nichts hinterlassen. Keine Erwähnung. Nicht mal ein Foto.

Er ist völlig ausgerastet. Er meinte, das Geld stehe ihm rechtmäßig zu, weil er „zu meiner Erziehung beigetragen“ habe, indem er Mama erlaubte, mich zu behalten, anstatt um das Sorgerecht zu streiten.

 Er sagte, er habe all diese Jahre geopfert, habe „emotionalen Schaden“ davongetragen, weil er seine Tochter nicht kannte, und dass ich es ihm schuldig sei, weil ich mich damals für sie und gegen ihn entschieden hätte.

Er hat drei Viertel davon gefordert – 135.000 Euro –, sonst müsse er „Anwälte einschalten“ und „allen erzählen, was für eine Tochter ihren Vater verhungern lässt, während sie in Luxus lebt“.

Ich habe ihm gesagt, er soll verschwinden. Er hat auf meiner Türschwelle geschluchzt, rumgeschrien, dass ich ihn umbringe, dass Mama sich für meine Gier schämen würde und dass eine gute Tochter sich um ihren einzigen noch lebenden Elternteil kümmern würde.

Die Nachbarn haben schon geschaut. Er ist auf meiner Fußmatte zusammengebrochen, hat sich an die Brust gefasst und gedroht, die Polizei wegen „unterlassener Hilfeleistung“ zu rufen, wenn ich ihn nicht reinlasse.

Ich habe seine Nummer blockiert, aber er schreibt mir von irgendwelchen wildfremden Handys. Er postet auf Facebook, dass seine Tochter ihm sein Erbe gestohlen hat und ihn auf der Straße sitzen lässt. Verwandte, die ich noch nie in meinem Leben getroffen habe, rufen mich an, bezeichnen mich als Schmarotzerin und sagen, ich würde auf dem Grab meiner Mutter tanzen.

Ich habe seit der Beerdigung nicht mehr geschlafen. Ich kriege kaum einen Bissen runter. Und jetzt sitze ich hier, mit geöffnetem Online-Banking, und frage mich, ob 135.000 Euro der Preis dafür sind, ihn für immer verschwinden zu lassen – so wie er es von Anfang an hätte tun sollen.

Bin ich im Unrecht, wenn ich mich weigere, den Mann auszubezahlen, der mich im Stich gelassen hat, nur weil er jetzt plötzlich beschlossen hat, dass ich seine Altersvorsorge bin? Oder ist es der einzige Weg, das zu ehren, was meine Mutter aufgebaut hat, wenn ich ihr Vermächtnis vor diesem Geier beschütze, der uns zwanzig Jahre lang wie Dreck behandelt hat

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