Der Hund wich nicht zurück, und zeigte mir, wie man einen Menschen liebt, wenn von seinem früheren Leben kaum noch etwas übrig ist
Ich hielt beim Umarmen meiner Frau manchmal die Luft an.
Nicht, weil ich sie nicht liebte.
Sondern weil ihr Körper inzwischen einen süßlich-metallischen Geruch angenommen hatte, bei dem sich mein Magen zusammenzog.
Mein Name ist Ralf. Ich bin 54 Jahre alt, wohne mit meiner Frau Sabine in einer ruhigen Siedlung am Rand von Kassel und habe mich monatelang von anderen Menschen für etwas halten lassen, das ich nicht war.
Für einen besonders guten Ehemann.
Für einen Mann, der alles aushält.
Für einen Menschen, der niemals schwach wird.
Nachbarn stellten Suppentöpfe vor unsere Haustür. Eine ältere Frau aus der Straße brachte uns zweimal die Woche Kuchen. Andere fragten, ob sie einkaufen sollten.
Immer wieder hörte ich denselben Satz.
„Ralf, ich weiß nicht, wie du das schaffst.“
Ich wusste es selbst nicht.
Sabine war 51 und seit langer Zeit schwer krank. In den letzten Monaten war aus unserem gemeinsamen Leben fast vollständig Pflege geworden.
Ich half ihr aus dem Bett.
Ich wechselte die Bettwäsche.
Ich brachte ihr Wasser.
Ich wusch ihr die Haare, wenn sie zu schwach war, um selbst ins Bad zu gehen.
Ich hob sie hoch, wenn ihre Beine nachgaben.
Nach außen wirkte ich ruhig.
Aber niemand wusste, dass ich manchmal im Flur stand, bevor ich ihr Schlafzimmer betrat, und drei tiefe Atemzüge nahm.
Niemand wusste, dass ich mich dafür hasste.
Und niemand wusste, dass ich mir manchmal wünschte, alles wäre endlich vorbei.
Nicht Sabine.
Das Leiden.
Das Warten.
Diese endlosen Tage, in denen man morgens aufwacht und sofort prüft, ob der Mensch neben einem noch atmet.
Wir hatten noch jemanden im Haus.
Ole.
Einen riesigen grauen Irischen Wolfshund mit struppigem Fell, weißen Haaren um die Schnauze und Gelenken, die bei jedem Aufstehen zu schmerzen schienen.
Ole war fast zehn.
Für einen Hund seiner Größe war er längst ein alter Mann.
Früher war er durch unseren Garten gerannt, als gäbe es dort jeden Tag etwas Neues zu entdecken.
Jetzt brauchte er mehrere Sekunden, um überhaupt auf die Beine zu kommen.
Sabine scherzte früher immer, Ole sei kein Hund, sondern ein schlecht platzierter Teppich mit Hunger.
Sie liebte ihn.
Und er liebte sie.
Vor einigen Jahren waren wir oft mit ihm unterwegs gewesen. Kleine Ausflüge. Seen. Waldwege. Pensionen irgendwo auf dem Land.
Sabine saß im Auto neben mir und sang falsch zu Liedern aus dem Radio.
Ole lag hinten und drückte seinen riesigen Kopf zwischen unsere Sitze.
Damals roch unser Leben nach Kaffee, Sonnencreme, nassem Hundefell und den belegten Brötchen, die Sabine für jede Fahrt einpackte.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal nach dem Geruch eines nassen Hundes sehnen würde.
Dann kam dieser Abend.
Ich saß vor dem Haus auf der Treppe und hielt ein Glas in der Hand, aus dem ich kaum getrunken hatte.
Ole lag neben mir.
Drinnen hörte ich Sabine husten.
Einmal.
Dann noch einmal.
Ich wusste, dass ich zu ihr gehen musste.
Trotzdem blieb ich sitzen.
„Ralf?“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Ich stellte das Glas weg und ging hinein.
Das Schlafzimmer war warm. Zu warm.
Medikamente standen auf dem kleinen Tisch. Daneben ein Glas Wasser, Taschentücher und eine Lampe, die Sabine inzwischen auch tagsüber eingeschaltet haben wollte.
Sie lag zwischen Kissen.
Ihr Gesicht war schmal geworden.
Die Frau, die früher zwei schwere Einkaufstaschen gleichzeitig in die Küche getragen hatte, musste inzwischen nach wenigen Sätzen eine Pause machen.
Als ich näher kam, sah sie mich an.
Nicht wie eine Patientin.
Wie meine Frau.
„Kommst du zu mir?“, fragte sie.
„Natürlich.“
Sie klopfte schwach auf die Matratze.
„Nicht nur sitzen.“
Ich verstand sofort.
Sie wollte, dass ich mich zu ihr legte.
„Einfach ein bisschen halten“, sagte sie. „So wie früher.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Ich hasse mich bis heute für diesen Moment.
Ich sah ihre dünnen Arme.
Ihre eingefallenen Schultern.
Die Flecken auf ihrer Haut.
Und dann nahm ich diesen Geruch wahr.
Mein Körper reagierte schneller als mein Herz.
Mir wurde übel.
Ich schluckte.
„Ich möchte dir nicht wehtun“, sagte ich.
Eine Lüge.
Sabine sah mich lange an.
Dann nickte sie.
„Schon gut.“
Ich beugte mich herunter und küsste sie auf die Stirn.
Kurz.
Vorsichtig.
Fast wie jemand, der sich von einer entfernten Verwandten verabschiedet.
Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich etwas in ihren Augen verschwinden.
Sie wusste es.
Natürlich wusste sie es.
Nach fast dreißig Jahren Ehe erkennt man jede Ausrede.
Sabine drehte den Kopf zur Wand.
Eine Träne lief über ihre Wange.
Ich ging hinaus.
Im Flur musste ich mich an der Wand abstützen.
Ich wollte zurück.
Gleichzeitig wollte jeder Muskel meines Körpers weg.
In diesem Moment hörte ich Krallen auf dem Laminat.
Langsam.
Schleifend.
Ole.
Er kam aus dem Wohnzimmer und ging an mir vorbei.
Direkt zum Schlafzimmer.
„Ole.“
Er blieb nicht stehen.
„Komm her.“
Nichts.
Ich fasste kurz nach seinem Halsband.
„Lass sie schlafen.“
Vielleicht wollte ich Sabine schützen.
Vielleicht wollte ich nur verhindern, dass ein Hund tat, wozu ich selbst gerade nicht fähig gewesen war.
Ole zog sich aus meiner Hand.
Er ging hinein.
Ich blieb in der Tür stehen.
Er näherte sich dem Bett.
Kein Zögern.
Kein Zurückweichen.
Er hob seinen riesigen Kopf und legte ihn neben Sabines Hand auf die Matratze.
Sabine bewegte sich.
„Ole?“
Sein Schwanz schlug einmal gegen das Bettgestell.
Sabine legte ihre Finger auf seine Stirn.
Ole schob den Kopf näher.
Dann presste er seine Nase an ihren Hals.
Genau dort, wo ich mich vor Minuten nicht einmal getraut hatte, mein Gesicht hinzulegen.
Ich erwartete, dass er zurückweichen würde.
Hunde riechen alles.
Viel mehr als wir.
Wenn ich diesen Geruch kaum ertragen konnte, musste er für Ole überwältigend sein.
Aber er ging nicht weg.
Er atmete ruhig.
Dann versuchte dieser alte, steife Hund tatsächlich, die Vorderpfoten auf das Bett zu stellen.
Es dauerte mehrere Versuche.
Schließlich lag sein schwerer Oberkörper halb auf der Matratze.
Sabine schlang beide Arme um seinen Hals.
Und begann zu weinen.
„Du bist noch da“, flüsterte sie.
Ole bewegte sich keinen Zentimeter.
Ich stand in der Tür und schämte mich.
Nicht, weil Ole ein besserer Mensch war.
Er war ein Hund.
Er dachte vermutlich nicht über Würde, Krankheit oder Eheversprechen nach.
Aber genau deshalb traf es mich so hart.
Für ihn war Sabine immer noch Sabine.
Nicht die gesunde Sabine.
Nicht die Sabine von unseren Ausflügen.
Nicht die Frau, die früher im Garten mit ihm gerannt war.
Diese Sabine.
Jetzt.
Ich ging zum Bett.
Mein Körper protestierte sofort.
Der Geruch war da.
Ich setzte mich trotzdem.
Sabine sah nicht zu mir.
„Sabine.“
Keine Antwort.
Ich legte mich hinter sie.
Langsam.
Dann schob ich einen Arm um ihren Bauch.
Sie erstarrte kurz.
Ich spürte es.
„Es tut mir leid“, sagte ich.
Meine Stimme brach.
„Ich hatte Angst.“
Sabine drehte ihren Kopf ein wenig.
„Vor mir?“
Diese zwei Wörter trafen mich härter als alles andere.
„Nein.“
Ich schluckte.
„Vor allem.“
Sie sagte lange nichts.
Dann griff sie nach meiner Hand.
Ich legte mein Gesicht in ihr Haar.
Mein Magen verkrampfte sich.
Ich blieb.
Ole lag auf der anderen Seite.
So lagen wir zu dritt.
Ein alter Hund.
Eine sterbende Frau.
Und ein Mann, der endlich aufhörte, sich für stärker auszugeben, als er war.
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