Als Mimi aufhörte zu fressen, begriff ich, was Liebe wirklich zusammenhält

Eine Woche nachdem Mimi und Krümel zusammen gegangen waren, stand ich wieder vor ihrer leeren Box und wartete auf das Geräusch, das nicht mehr kam.

Kein leises Trippeln zur Tür.

Kein doppeltes Schnurren.

Kein roter Schwanz, der sich erst zeigte und dann der zweite gleich dahinter.

Nur die Decke war weg.

Die halbe Stoffmaus auch.

Und trotzdem lag in der Box noch etwas von ihnen, das man nicht zusammenfalten und in die Wäsche geben konnte.

Manche Tiere bleiben einem länger im Kopf als andere.

Nicht weil man sie lieber hat.

Sondern weil sie etwas berühren, das in einem selbst schon still geworden war.

Ich wischte den Metallrand ab, stellte ein frisches Handtuch hinein und sagte mir, dass das nun einmal der Sinn von Tierheimen war.

Sie sollten gehen.

Nicht bleiben.

Und doch sah ich in den ersten Tagen immer wieder unwillkürlich hoch, wenn eine Transportbox durch den Flur getragen wurde.

Als könnte es sein, dass jemand sagt, es habe doch nicht geklappt.

Als müsste ich bereit sein.

Es kam aber niemand.

Stattdessen kam am achten Tag eine Karte.

Nicht per E-Mail.

Nicht als schnelle Nachricht.

Eine richtige Karte aus dickem Papier, mit einer Sonnenblume auf der Vorderseite und einer runden, etwas krakeligen Schrift, die man heute nicht mehr oft sieht.

Vorne stand nur:

Für die Frau aus dem Waschraum, die verstanden hat, dass manche Katzen zu zweit atmen.

Ich setzte mich damit auf den Bürostuhl und musste sie zweimal lesen, weil meine Augen beim ersten Mal zu schnell wurden.

Liebe Frau Neumann,

ich hoffe, man hat mir Ihren Namen richtig gesagt.

Falls nicht, verzeihen Sie bitte.

Ich wollte mich melden, weil ich weiß, dass Sie sich Sorgen gemacht haben.

Die beiden sind angekommen.

Nicht nur in der Wohnung.

Auch bei mir.

Krümel war am ersten Abend mutig und lief vom Flur bis ins Wohnzimmer, als würde er alles kontrollieren müssen.

Mimi blieb zunächst unter dem alten Nähschrank sitzen und sah mich an, als hätte ich womöglich doch noch etwas falsch gemacht.

Aber nur solange, bis Krümel zurückkam und sich halb zu ihr, halb vor sie legte.

Danach kam auch sie hervor.

Sie schlafen jetzt auf einer Wolldecke am Heizkörper.

Eigentlich hatte ich zwei Plätze vorbereitet.

Sie haben sich für denselben entschieden.

Ich habe lange gedacht, in meinem Alter sollte man vernünftige Entscheidungen treffen.

Eine Katze wäre vernünftig gewesen.

Zwei seien vielleicht zu viel.

Aber ich glaube, Einsamkeit rechnet anders als Papier.

Danke, dass Sie darauf bestanden haben, dass sie zusammen bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Elisabeth Kramer

Ich drehte die Karte um.

Hinten war ein kleines Foto mit Klebeband befestigt.

Mimi und Krümel lagen auf einer senffarbenen Wolldecke vor einem Heizkörper, beide mit halb geschlossenen Augen, eng ineinander verschoben wie zwei Teile, die nie für etwas anderes gedacht gewesen waren.

Im Hintergrund sah man ein Holzregal, eine Zimmerpflanze und den Saum einer geblümten Gardine.

Es war kein besonderes Bild.

Gerade deshalb war es so schön.

Ich nahm die Karte mit in den Waschraum und stellte sie oben auf das Regal, neben das Desinfektionsmittel und die Tüte mit den Ersatzhandschuhen.

Dort blieb sie stehen.

Wochenlang.

Immer wenn ein Tag unerquicklich war, schaute ich kurz hin.

Und unerquicklich war dieser Herbst oft genug.

Zwei ausgesetzte Kater in einer Obstkiste.

Eine alte Hündin, die so langsam fraß, dass man daneben sitzen bleiben musste, damit sie nicht aufgab.

Ein Bruderpaar Kaninchen, das niemand wollte, weil der eine schiefe Schneidezähne hatte.

Und dazwischen Menschen, die es gut meinten und trotzdem an Grenzen stießen, die nichts mit Herzlosigkeit zu tun hatten.

Manchmal sieht man den Leuten an, wie gern sie anders wären.

Wie gern sie mehr Platz hätten.

Mehr Zeit.

Mehr Geld.

Mehr Kraft.

Aber das Leben lässt sich nicht ausdehnen, nur weil man etwas liebt.

Ich verurteile das nicht.

Ich habe dafür zu viele Rechnungen auf meinem Küchentisch liegen sehen.

Zu viele Winter erlebt, in denen man zuerst ausrechnet, was dringend ist, und erst danach, was schön wäre.

Trotzdem blieb die Karte von Elisabeth Kramer dort stehen wie ein stiller Widerspruch.

Nicht gegen Vernunft.

Nur gegen die Vorstellung, dass Vernunft immer das Letzte sein muss, was zählt.

Etwa drei Wochen später klingelte mein Telefon, gerade als ich versuchte, einem grauen Kater Antibiotika zu geben.

Er fauchte mich an, ich fluchte nicht, dachte es aber deutlich, und dann schob ich mir das Telefon zwischen Schulter und Ohr.

„Tierheim, Neumann.“

Am anderen Ende war eine Frau.

Leise, etwas atemlos, mit dieser Stimme, die zuerst entschuldigt und erst dann spricht.

„Hier ist Kramer. Wegen Mimi und Krümel. Es ist nichts Schlimmes. Also, ich glaube nicht. Aber ich dachte, ich frage lieber nach.“

Ich setzte mich auf den Hocker.

Mein Herz war schon schneller, obwohl sie gesagt hatte, es sei nichts Schlimmes.

„Was ist denn los?“

„Krümel trägt seit gestern Socken in die Küche.“

Ich sagte erst einmal gar nichts.

Dann fragte ich: „Socken?“

„Ja. Meine linken, hauptsächlich. Er schleppt sie einzeln an den Wassernapf und legt sie davor ab. Drei Stück gestern. Heute früh schon zwei. Mimi setzt sich daneben und schaut zu, als gehöre das zu einem ernsthaften Plan.“

Ich musste lachen.

Nicht über sie.

Nur aus Erleichterung.

Sie schwieg kurz.

Dann lachte sie auch.

„Ich dachte zuerst, vielleicht fehlt ihnen etwas.“

„Nein“, sagte ich. „Manchen Katzen fällt einfach etwas ein, sobald sie sich sicher fühlen.“

„Dann ist das gut?“

„Das ist sehr gut.“

Am anderen Ende wurde es still.

Nicht unangenehm still.

Eher weich.

„Dann wollte ich Ihnen noch sagen“, meinte sie nach einem Moment, „dass Mimi seit zwei Tagen auf meinen Schoß kommt. Nur abends. Immer genau dann, wenn ich den Fernseher ausmache. Als wollte sie erst warten, bis es still genug ist.“

Ich sah auf die Karte mit der Sonnenblume.

„Das klingt auch gut.“

„Ja“, sagte Elisabeth Kramer. „Das ist es.“

Von da an rief sie alle paar Wochen an.

Nicht lange.

Nie aufdringlich.

Man merkte, dass sie ein Mensch war, der anderen ungern zur Last fällt.

Aber irgendetwas war zwischen uns entstanden, das man nicht Freundschaft nennen muss, um zu wissen, dass es tröstlich ist.

Vielleicht, weil wir beide allein wohnten.

Vielleicht, weil wir beide wussten, wie laut Stille sein kann.

Vielleicht, weil zwei rote Katzen beschlossen hatten, dass genug Trennung für alle gewesen war.

Ich erfuhr, dass Elisabeth früher in einer Änderungsschneiderei gearbeitet hatte.

Dass ihr Mann seit neun Jahren tot war.

Dass ihr Sohn in Bayern lebte und „eigentlich oft anrufen wollte“.

Dass sie seit dem letzten Winter schlecht schlief.

Und dass Mimi inzwischen jeden Morgen auf der Fensterbank saß, als gehöre ihr die Straße.

Krümel hingegen, sagte sie, habe die Küche übernommen.

„Er sitzt beim Kartoffelschälen neben mir, als würde er kontrollieren, ob ich ordentlich arbeite“, sagte sie einmal.

„Und wenn ich weine, tut er so, als merke er es nicht. Aber er bleibt dann immer dichter sitzen.“

Ich hielt den Hörer fest.

„Weinen Sie oft?“

Sie antwortete nicht sofort.

„Nicht mehr so still wie früher“, sagte sie dann.

Das verstand ich sofort.

Es gibt eine Art von Traurigkeit, die nicht kleiner wird, nur weil Jahre vergehen.

Sie lernt nur, sich besser zu verstecken.

Und dann kommt manchmal etwas Kleines mit Pfoten daher und legt sich genau auf die Stelle, die man seit langem nicht mehr berühren wollte.

Im November wurde es kälter.

Das Licht am Nachmittag bekam diese frühe Müdigkeit, die in Deutschland manchmal schon um vier Uhr beginnt.

Im Waschraum beschlugen die kleinen Fensterscheiben, und ich merkte abends wieder, wie still mein eigenes Haus war, sobald ich den Schlüssel in die Tür steckte.

Die Leine meines Hundes hing immer noch an der Garderobe.

Drei Jahre.

Man könnte sagen, das sei lang genug.

Aber Trauer hat keinen Kalender, an den sie sich hält.

An einem Sonntag stand ich im Flur, den Einkauf noch in der Hand, und sah die Leine an.

Dann stellte ich die Tüten ab, nahm sie vom Haken und setzte mich damit auf die Treppe.

Ich hatte nicht vor zu weinen.

Es passierte trotzdem.

Nicht heftig.

Nicht dramatisch.

Eher so, als hätte mein Körper irgendwann beschlossen, dass ein voller Napf, eine leere Box, eine Postkarte mit Sonnenblume und zwei rote Katzen vielleicht doch mehr mit mir gemacht hatten, als ich zugeben wollte.

Ich saß eine Weile so da.

Dann legte ich die Leine nicht zurück an den Haken.

Ich räumte sie in die Schublade der Kommode.

Nicht ganz hinten.

Aber weg von der Tür.

Am Montag erzählte ich niemandem davon.

Man trägt solche Dinge nicht im Waschraum spazieren wie ein sauberes Geschirrtuch.

Aber ich fühlte mich leichter.

Nicht glücklich.

Nur weniger festgehalten.

Kurz vor Weihnachten kam Elisabeth Kramer zum ersten Mal vorbei.

Nicht, weil etwas war.

Nur so.

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