Als der Bestatter sagte, ein zehnjähriger Junge werde am nächsten Morgen fast allein beerdigt, legte ich meinen Kaffee weg und fragte nur: „Wo?“
„Rolf, ich weiß nicht, wen ich sonst anrufen soll.“
Am anderen Ende der Leitung hörte sich Peter Krämer an, als hätte er seit Stunden nicht geschlafen. Peter war Bestatter in einer kleinen Stadt am Rand des Ruhrgebiets. Ein ruhiger Mann, Ende sechzig, der selbst in den schlimmsten Momenten nie die Fassung verlor.
Diesmal war es anders.
„Hier liegt ein Junge“, sagte er. „Zehn Jahre alt. Jonas.“
Ich schwieg.
„Er ist gestern gestorben. Leukämie. Drei Jahre hat er dagegen gekämpft.“
„Und die Familie?“
Peter atmete hörbar aus.
„Seine Großmutter ist die Einzige, die regelmäßig bei ihm war. Sie hatte vorgestern einen schweren Herzinfarkt und liegt selbst im Krankenhaus.“
Ich stellte meine Tasse ab.
„Und die Eltern?“
Wieder diese Pause.
Dann sagte Peter einen Namen, den ich kannte.
Daniel Reuter.
Vor vier Jahren war sein Fall wochenlang durch die Nachrichten gegangen. Bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung waren mehrere Menschen ums Leben gekommen. Daniel war verurteilt worden und saß seitdem mit einer sehr langen Haftstrafe in einer Justizvollzugsanstalt.
Jonas war sein Sohn.
Ein zehnjähriger Junge, dessen Nachname plötzlich schwerer wog als alles, was er selbst je getan hatte.
Dabei hatte Jonas überhaupt nichts getan.
„Die Pflegefamilie kann nicht kommen“, erklärte Peter. „Die Unterbringung war zuletzt ohnehin schwierig, weil Jonas monatelang fast nur noch in der Klinik war. Vom Jugendamt ist alles Organisatorische geklärt. Es gibt eine Beisetzung. Aber praktisch…“
Er brach ab.
„Praktisch was?“
„Es sitzt niemand in der Kapelle.“
Ich schaute auf meine Hände.
Groß, knotig, zwei Finger schief von Jahrzehnten zwischen Ladekanten, Werkzeugkisten und Lkw-Türen.
Ich war vierundsechzig und seit drei Jahren Rentner. Fast vierzig Jahre Fernverkehr lagen hinter mir. Rotterdam, München, Verona, Hamburg, manchmal fünf Nächte hintereinander in einer engen Kabine.
Meine Frau Hannelore hatte immer gesagt, ich sähe auf den ersten Blick aus, als würde ich jemanden aus der Kneipe werfen.
Dabei konnte ich nicht einmal eine Fliege erschlagen, ohne danach das Fenster zu öffnen.
Hannelore war fünf Jahre zuvor an Krebs gestorben.
Peter hatte sie damals beerdigt.
Er hatte dafür gesorgt, dass ihre Lieblingsbluse richtig saß. Er hatte mir einen Stuhl gebracht, als meine Beine plötzlich nicht mehr wollten. Und als ich mich dafür entschuldigen wollte, dass ich vor ihm weinte, hatte er nur gesagt:
„Herr Schulte, dafür müssen Sie sich bei mir niemals entschuldigen.“
So etwas vergisst man nicht.
„Was brauchst du?“, fragte ich.
„Vier Leute vielleicht. Zum Tragen. Und… einfach jemanden, der da ist.“
„Wann?“
„Morgen um elf.“
Ich stand bereits auf.
„Gib mir bis morgen früh.“
„Rolf, du musst keine große Sache daraus machen.“
„Ich mache gar nichts groß.“
Ich zog meine alte Arbeitsjacke vom Haken.
„Ich will nur nicht, dass der Junge allein liegt.“
Unser Fernfahrer-Stammtisch traf sich normalerweise jeden Donnerstag in einer kleinen Gaststätte neben einem Gewerbegebiet.
Zwölf Männer, drei Frauen.
Die meisten waren inzwischen grau. Zwei gingen am Stock. Einer hörte kaum noch etwas. Früher hatten wir uns gegenseitig Reifen gewechselt, Ladungen gesichert oder nachts um drei Kaffee gebracht, wenn jemand irgendwo festsaß.
Mittlerweile stritten wir häufiger über Rückenprobleme und Enkelkinder als über Motoren.
Ich schrieb nur einen Satz in unsere Gruppe:
„Zehnjähriger Junge wird morgen beerdigt. Praktisch niemand kommt. Wer Zeit hat, 10.30 Uhr bei Krämer.“
Keine fünf Minuten später antwortete Uwe.
„Bin da.“
Dann Mehmet.
„Auch.“
Dann Anke.
„Braucht ihr Blumen?“
Karl schrieb:
„Mein Enkel ist zehn. Sag mir die Adresse.“
Innerhalb einer Stunde hatten fast alle zugesagt.
Ich hätte es dabei belassen können.
Dann rief Uwe an.
Uwe war zweiundsechzig, früher Schweißer, später Berufskraftfahrer. Glatze, grauer Bart, Hände wie Schraubstöcke. Kinder wichen ihm im Supermarkt manchmal aus.
„Rolf“, sagte er, „ich hab meinem alten Kollegen in Bochum davon erzählt.“
„Und?“
„Der kommt.“
„Gut.“
„Mit sieben anderen.“
Ich seufzte.
„Uwe…“
„Was? Der Junge braucht Leute.“
Am Abend wusste halb Nordrhein-Westfalen davon.
Keine öffentliche Aktion. Keine Presse. Keine große Organisation.
Nur ehemalige Fahrer, Mechaniker, Lagerarbeiter, Handwerker, ein paar Busfahrer, zwei pensionierte Feuerwehrleute und Menschen, die irgendwann im Leben gelernt hatten, dass man manchmal einfach auftauchen muss.
Am nächsten Morgen war ich um kurz nach zehn beim Bestattungshaus.
Peter stand vor der Tür.
„Rolf“, sagte er erleichtert. „Danke.“
Hinter mir parkten drei Autos.
Dann noch zwei.
Dann ein Kleintransporter.
Uwe stieg aus. Dunkle Arbeitshose, schwere Stiefel, schwarze Jacke.
Hinter ihm kamen Mehmet und Karl.
„Das reicht doch schon“, sagte Peter.
Uwe grinste nur.
„Warte.“
Zehn Minuten später bog ein alter silberner Kombi auf den Parkplatz.
Dann ein Transporter.
Dann noch einer.
Die Leute kamen zu zweit, zu dritt, manchmal zu fünft.
Ein Mann mit breiten Schultern trug einen Strauß Sonnenblumen.
Eine ältere Frau brachte einen Stoffdinosaurier.
Jemand hatte gehört, dass Jonas Dinosaurier mochte.
Woher, wusste keiner genau.
Um halb elf standen mehr als achtzig Menschen vor dem kleinen Bestattungshaus.
Peter sah mich an.
„Rolf…“
„Ich habe nur zwölf Leute angerufen.“
Um Viertel vor elf waren es über hundert.
Sie kamen aus Essen, Dortmund, Wuppertal, Duisburg und kleinen Orten, deren Namen ich teilweise noch nie gehört hatte.
Keiner trug einen Anzug.
Das machte es irgendwie ehrlicher.
Da standen Männer mit ölverschmierten Fingernägeln, Frauen in alten Arbeitsjacken, Rentner mit Hörgeräten, ein ehemaliger Maurer mit krummem Rücken.
Menschen, an denen man auf der Straße vielleicht vorbeigegangen wäre.
Menschen, bei denen manche vielleicht gedacht hätten: lieber keinen Streit anfangen.
Und nun hielten sie Blumen und Kuscheltiere in den Händen.
Peter öffnete die Tür zur Kapelle.
Vorne stand ein kleiner heller Sarg.
Daneben ein schlichter Blumenstrauß.
Sonst nichts.
Plötzlich sagte keiner mehr ein Wort.
Uwe blieb direkt hinter mir stehen.
„Der ist wirklich klein“, flüsterte er.
Ich nickte.
Mehr bekam ich nicht heraus.
Die Menschen gingen einzeln nach vorn.
Karl legte einen kleinen Holzlastwagen neben den Sarg.
„Den hab ich gestern Abend noch gebaut“, murmelte er.
Anke stellte einen Stoffdinosaurier dazu.
Ein Mann namens Friedhelm, den ich vorher nie gesehen hatte, legte eine kleine rote Spielzeugfeuerwehr daneben.
Dann kam ein alter Mann mit Gehstock.
Er hieß Heinrich.
Später erfuhr ich, dass er fünfundsiebzig war und früher in einer Gießerei gearbeitet hatte.
Er stellte ein Foto an den Sarg.
Darauf war ein Junge zu sehen.
Vielleicht elf.
„Mein Sohn“, sagte Heinrich.
Seine Stimme brach sofort.
„Er hatte auch Leukämie.“
Niemand bewegte sich.
„Das ist vierzig Jahre her.“
Heinrich strich mit zwei Fingern über den Rand des Fotos.
„Damals dachte ich, ein Mann darf vor seiner Frau nicht weinen. Also habe ich so getan, als wäre ich stark.“
Er schluckte.
„Das war der größte Unsinn meines Lebens.“
Dann sah er auf den kleinen Sarg.
„Junge, wir kennen dich nicht. Aber heute bist du nicht allein.“
Ich sah Uwe an.
Der große Mann, vor dem fremde Kinder manchmal zurückwichen, weinte lautlos.
Da klingelte Peters Telefon.
Er ging hinaus.
Als er zurückkam, war sein Gesicht verändert.
„Rolf.“
„Was ist?“
„Die Justizvollzugsanstalt.“
Die Kapelle wurde still.
„Jonas’ Vater hat erfahren, dass heute die Beerdigung ist.“
Peter senkte die Stimme.
„Er ist völlig zusammengebrochen. Er steht unter besonderer Beobachtung.“
Mir wurde kalt.
„Kann er telefonieren?“
„Kurz. Unter Aufsicht.“
Uwe trat einen Schritt vor.
„Dann soll er anrufen.“
Peter zögerte.
„Hierher?“
„Ja.“
Wenige Minuten später lag Peters Handy vorne auf einem Tisch.
Lautsprecher eingeschaltet.
Ein Beamter meldete sich zuerst und erklärte knapp, dass das Gespräch zeitlich begrenzt sei.
Dann hörten wir eine Männerstimme.
Sehr leise.
„Hallo?“
Peter antwortete.
„Herr Reuter?“
„Ist… ist jemand da?“
Niemand sagte etwas.
„Bei Jonas“, flüsterte der Mann. „Ist jemand bei meinem Sohn?“
Ich sah mich um.
Über hundert Menschen standen dicht gedrängt in der Kapelle und im Eingangsbereich.
Ich trat näher ans Telefon.
„Ja.“
„Wer sind Sie?“
„Rolf Schulte. Ich bin Rentner. War Fernfahrer.“
Stille.
„Ich kenne Sie nicht.“
„Das stimmt.“
„Warum sind Sie dann dort?“
Ich wusste keine kluge Antwort.
Also sagte ich die Wahrheit.
„Weil Ihr Sohn zehn Jahre alt war.“
Am anderen Ende hörte ich ein Geräusch.
Dann begann Daniel Reuter zu weinen.
Nicht leise.
Nicht kontrolliert.
Ein erwachsener Mann, der wusste, dass er vielleicht nie wieder frei sein würde, weinte vor hundert Fremden.
„Er wollte immer große Laster sehen“, brachte er irgendwann hervor.
Uwe hob den Kopf.
„Was?“
„Jonas. Als er klein war. Wenn wir an einer Autobahnraststätte vorbeikamen, wollte er immer zu den Lkw.“
Daniel holte zitternd Luft.
„Er konnte die Marken unterscheiden, bevor er richtig lesen konnte.“
Ein paar Leute lächelten durch ihre Tränen.
„Dann ist er hier richtig“, sagte Uwe.
Daniel schwieg.
„Wer sind Sie?“
„Uwe. Früher Schweißer und Fahrer.“
„Sind viele Leute da?“
Uwe sah sich um.
„Sehr viele.“
„Wie viele?“
„Ich habe aufgehört zu zählen.“
Wieder hörten wir ihn weinen.
„Ich dachte, er wäre allein.“
„Ist er nicht“, sagte Heinrich.
Daniel fragte:
„Wer war das?“
„Heinrich.“
„Kannten Sie Jonas?“
„Nein.“
„Warum sind Sie dann da?“
Heinrich schaute zum Foto seines eigenen Sohnes.
„Weil ich weiß, wie sich ein kleiner Sarg anfühlt.“
Danach sagte Daniel lange nichts.
Dann begann er über Jonas zu sprechen.
Über seine ersten Schritte.
Über eine Phase, in der der Junge ausschließlich Dinosaurier-T-Shirts tragen wollte.
Über einen Sommer, in dem er jeden vorbeifahrenden Lkw gezählt hatte.
Über Krankenhausbesuche, die irgendwann nicht mehr möglich gewesen waren.
„Ich habe so viel falsch gemacht“, sagte Daniel.
Niemand widersprach.
Das sollte auch niemand.
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