Ich dachte, nach dieser einen Woche Ostsee wäre alles geklärt.
Ich dachte, mein Nein im Juli wäre der große Schritt gewesen.
Aber manchmal merkt man erst später, ob man wirklich gelernt hat, sich selbst nicht wieder zu vergessen.
Der August verging schneller, als ich erwartet hatte.
Die Kinder waren bei mir, und ich genoss es. Wirklich.
Wir backten Pflaumenkuchen, spielten Mau-Mau, gingen zum kleinen Spielplatz hinter der Kirche und kauften Eis in der Fußgängerzone.
Der Jüngste klebte abends an mir wie früher.
„Oma, du riechst nach Kuchen“, sagte er und legte seinen Kopf an meinen Arm.
Da wurde mein Herz weich.
Natürlich wurde es weich.
Ich war ja keine andere Frau geworden, nur weil ich an die Ostsee gefahren war.
Ich liebte sie immer noch.
Ich war immer noch bereit, nachts aufzustehen, wenn jemand schlecht träumte.
Ich suchte immer noch Pflaster, wenn ein Knie aufgeschürft war.
Ich schnitt immer noch die Kruste ab, obwohl ich eigentlich fand, dass man die ruhig mitessen kann.
Aber diesmal zählte ich die Tage nicht heimlich mit Erschöpfung.
Ich zählte sie mit Dankbarkeit.
Denn ich wusste: Nach dieser Woche würde meine Wohnung wieder still werden.
Und diesmal war Stille keine Strafe.
Sie war ein Raum, in dem ich atmen konnte.
Als Lukas die Kinder am Sonntag abholte, waren alle müde und klebrig vom Eis.
Im Flur lagen Schuhe, Rucksäcke, eine vergessene Haarspange und ein kleines Auto unter der Kommode.
Früher hätte ich sofort angefangen aufzuräumen.
Diesmal setzte ich mich erst einmal hin.
Lukas sah mich an.
„Alles gut, Mama?“
Ich nickte.
„Ja. Ich bin nur müde.“
Er zog die Augenbrauen zusammen.
Früher hätte ich gesagt: „Ach was, geht schon.“
Diesmal sagte ich die Wahrheit.
„Drei Kinder sind drei Kinder.“
Er lächelte verlegen.
„Ja. Das vergessen wir manchmal.“
Ich sagte nichts.
Manche Sätze müssen nicht weitergedreht werden.
Sie müssen einfach im Raum stehen dürfen.
Nachdem sie gegangen waren, blieb ich eine Weile im Flur stehen.
Die Wohnung war unordentlich, aber nicht schwer.
Ich sammelte die Schuhe zusammen, hängte die Handtücher auf und stellte die Becher in die Spüle.
Dann sah ich auf den Kalender.
Der gelbe Zettel von der Ostsee klebte noch immer dort.
Ich hatte ihn nicht abgenommen.
Ich strich mit dem Finger darüber.
Nicht, weil ich die Woche zurückwollte.
Sondern weil ich mich an die Frau erinnern wollte, die mutig genug gewesen war, hinzufahren.
Im September begann etwas Neues.
Es war nichts Großes.
Kein neuer Lebensplan.
Keine plötzliche Verwandlung.
Nur ein kleiner Aushang im Gemeindehaus.
„Aquarellkurs für Anfänger. Donnerstags, 15 Uhr.“
Ich blieb davor stehen, als hätte dort mein Name gestanden.
Früher hatte ich gemalt.
Nicht gut genug für Ausstellungen, nicht besonders, nicht professionell.
Einfach gern.
Blumen auf Postkarten.
Häuser mit schiefen Fenstern.
Himmel, die nie ganz so wurden, wie ich wollte.
Nach dem Tod meines Mannes hatte ich die Farben in eine Schublade gelegt.
Dann kamen Enkel, Arzttermine, Geburtstage, Wäsche, Anrufe, Einkäufe.
Und irgendwann dachte ich, für solche Dinge sei es zu spät.
Hanne sagte am Telefon: „Melde dich an.“
„Ach“, sagte ich, „ich weiß nicht.“
Sie lachte.
„Doris, wenn du noch einmal ‚ich weiß nicht‘ sagst, komme ich vorbei und trage dich persönlich dahin.“
Also meldete ich mich an.
Am ersten Donnerstag stand ich viel zu früh vor dem Gemeindehaus.
In meiner Tasche lagen neue Pinsel, ein Block und eine kleine Blechschachtel mit Farben.
Ich hatte mir die Sachen im Schreibwarengeschäft gekauft und mich dabei gefühlt, als würde ich etwas heimlich tun.
Die Frau an der Kasse hatte gefragt: „Für ein Enkelkind?“
Ich hatte fast Ja gesagt.
Aus Gewohnheit.
Dann hörte ich mich selbst sagen: „Nein. Für mich.“
Sie lächelte nur.
Aber für mich war dieser Satz groß.
Im Kurs saßen acht Frauen und zwei Männer.
Die meisten waren in meinem Alter.
Ein Mann malte sofort einen Baum, der aussah wie ein alter Besen.
Wir lachten alle.
Ich malte eine Tasse.
Sie war schief.
Der Henkel sah aus wie ein Ohr.
Aber ich war glücklich.
So einfach war das.
Ich kam nach Hause, stellte das Bild auf die Anrichte und machte mir Kaffee.
Langsam.
Wie an der Ostsee.
Dann klingelte das Telefon.
Lukas.
Mein erster Gedanke war sofort: Ist etwas mit den Kindern?
So sind Mütter wohl.
Auch mit 71.
„Mama“, sagte er, „ich wollte nur fragen, wie es dir geht.“
Ich war so überrascht, dass ich kurz nichts sagte.
„Mir geht es gut.“
„Warst du heute bei diesem Malkurs?“
Ich stutzte.
„Woher weißt du das?“
„Die Kinder haben erzählt, du hättest neue Pinsel gekauft. Der Kleine meinte, Oma geht jetzt in die Schule.“
Ich musste lachen.
„Ja. So ähnlich.“
Lukas schwieg einen Moment.
Dann sagte er: „Schön.“
Nur dieses eine Wort.
Aber es klang ehrlich.
Im Oktober kamen die Herbstferien näher.
Ich merkte es schon, bevor Lukas anrief.
Früher hätte ich den Kalender automatisch freigeräumt.
Ich hätte Termine verschoben, Hanne abgesagt, den Einkauf geplant und Bettwäsche aus dem Schrank geholt.
Diesmal sah ich auf meine Donnerstage.
Malkurs.
Ich hatte sogar eine kleine Ausstellung im Gemeindehaus eingetragen.
Nichts Besonderes.
Nur die Bilder aus dem Kurs sollten an einer Leine hängen.
Aber für mich war es besonders.
Weil mein Name auf der Rückseite meiner Bilder stand.
Zwei Tage später rief Lukas an.
Seine Stimme war vorsichtig.
„Mama, ich wollte wegen der Herbstferien fragen.“
Da war sie wieder, diese alte Bewegung in mir.
Sofort Ja sagen.
Sofort helfen.
Sofort die eigene Woche kleiner machen, damit die der anderen passt.
Ich setzte mich an den Küchentisch.
Genau dort, wo ich im Sommer geweint hatte.
„Wie lange?“, fragte ich.
„Vielleicht eine Woche“, sagte er. „Oder ein paar Tage. Wir müssen beide arbeiten, und die Betreuung ist schwierig.“
Ich atmete ein.
Ich sah auf den Kalender.
Ich sah meinen Kurs.
Ich sah die Ausstellung.
Und dann sagte ich: „Ich kann die Kinder von Montag bis Mittwoch nehmen. Donnerstag habe ich etwas vor.“
Es wurde still.
Aber diesmal war die Stille anders.
Sie war nicht hart.
Sie war ungeübt.
„Was hast du denn vor?“, fragte Lukas.
Früher hätte mich diese Frage verletzt.
Als müsse ich beweisen, dass mein Termin wichtig genug war.
Diesmal sagte ich ruhig: „Meine Bilder werden im Gemeindehaus gezeigt. Ich möchte dabei sein.“
Lukas sagte erst nichts.
Dann kam ein leises: „Mama, das ist ja toll.“
Ich hielt den Hörer fester.
„Findest du?“
„Ja“, sagte er. „Natürlich.“
Ich merkte, wie mir die Augen feucht wurden.
Nicht wegen großer Worte.
Sondern weil er nicht diskutierte.
Er fragte nicht, ob ich nicht trotzdem könne.
Er rechnete nicht vor, wie schwierig alles sei.
Er sagte einfach: „Dann Montag bis Mittwoch. Und am Donnerstag kommen wir vielleicht vorbei, wenn das okay ist.“
Ich schaute auf die schiefe Tasse auf der Anrichte.
„Ja“, sagte ich. „Das wäre schön.“
Die Kinder kamen Montagmorgen.
Der Jüngste stürmte in die Wohnung, als wäre sie sein zweites Zuhause.
Die Große blieb im Flur stehen und sah auf den Tisch.
Dort lagen meine Pinsel.
„Oma, malst du jetzt echt?“
„Ja“, sagte ich.
Sie sah mich an, als hätte sie etwas Neues an mir entdeckt.
„Kannst du ein Pferd malen?“
„Nicht besonders gut.“
„Egal“, sagte sie. „Ich auch nicht.“
Also malten wir am Nachmittag Pferde, die eher wie Hunde aussahen.
Der Kleine malte eine blaue Sonne.
Die Mittlere malte mich.
Mit grauen Haaren, roten Wangen und viel zu langen Armen.
„Damit du alle umarmen kannst“, sagte sie.
Ich musste schlucken.
Kinder sagen manchmal Dinge, für die Erwachsene zu feige sind.
Am Mittwochabend backten wir Waffeln.
Die Küche war voller Mehl.
Der Kleine hatte Teig am Ärmel.
Die Große fragte plötzlich: „Oma, bist du im Sommer nicht bei uns gewesen, weil du uns nicht mehr lieb hast?“
Der Pfannenwender blieb in meiner Hand stehen.
Da war er.
Der Satz, vor dem ich mich heimlich gefürchtet hatte.
Ich setzte mich zu ihr an den Tisch.
„Nein, mein Schatz“, sagte ich. „Ich war im Sommer nicht den ganzen Juli da, weil ich auch einmal etwas für mich machen wollte.“
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