Als Romy zurückkam, wusste ich nicht mehr, wem meine Katze wirklich gehörte

Für Gerlinde reichte das.

„Ich möchte keinen Ärger“, sagte sie.

Romy schlüpfte an ihren Beinen vorbei und sprang auf ihren Sessel.

Gerlinde sah ihr nach.

„Ich habe erklärt, dass sie Ihnen gehört.“

Ihre Stimme brach.

„Aber sie soll nicht mehr ständig hier sein.“

Ich setzte mich.

Zum ersten Mal fragte ich nicht, was vernünftig wäre.

Ich fragte:

„Was möchten Sie?“

Gerlinde schwieg lange.

Dann sagte sie:

„Ich möchte sie nicht verlieren.“

Sie sah mich an.

„Aber ich möchte sie Ihnen auch nicht wegnehmen.“

Diese Nacht konnte ich nicht schlafen.

Also schrieb ich einen Beitrag in einer kleinen Nachbarschaftsgruppe.

Keine Namen.

Keine Adresse.

Kein Foto von Gerlinde.

Ich erzählte nur von einer Katze, die sechs Monate verschwunden war und mit einem Krankenhausarmband zurückgekommen war.

Am Ende schrieb ich:

Was würdet ihr tun, wenn eure Katze für einen einsamen Menschen plötzlich ein Grund geworden wäre, morgens aufzustehen?

Am nächsten Morgen hatte der Beitrag Hunderte Reaktionen.

Manche Menschen verstanden Gerlinde.

Andere verstanden mich.

Einige schrieben, eine Katze gehöre zu ihrem Besitzer.

Andere erzählten von ihren eigenen Eltern, die allein lebten.

Ein Kommentar blieb mir besonders im Kopf:

„Manchmal denken wir, jemand ist in Ordnung, nur weil er uns nicht um Hilfe bittet.“

Der Beitrag wurde weitergeteilt.

Zwei Tage später klopfte eine Frau an Gerlindes Tür.

Etwa fünfzig, dunkler Mantel, müdes Gesicht.

Als Gerlinde sie sah, hielt sie sich am Türrahmen fest.

„Du bist gekommen.“

Es war ihre Tochter Claudia.

Sie hatte den Beitrag gesehen.

Jemand aus dem weiteren Bekanntenkreis hatte erkannt, um wen es gehen könnte, und ihr geschrieben.

Claudia sah zuerst mich an.

Dann Romy.

Dann ihre Mutter.

„Warum erfahre ich so etwas aus dem Internet?“

Gerlinde antwortete nicht.

Claudia wurde lauter.

„Warum sagst du mir nicht, dass du hier allein sitzt und dich an eine fremde Katze klammerst?“

Gerlindes Gesicht veränderte sich.

„Weil ich nicht wollte, dass du dir Sorgen machst.“

„Ich bin deine Tochter!“

„Und du hast dein eigenes Leben.“

Claudia sah aus, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen.

„Ich rufe dich an.“

„Ja.“

„Jede Woche.“

„Ja.“

Dann sagte Gerlinde ruhig:

„Aber manchmal lege ich auf und spreche danach drei Tage mit niemandem.“

Claudias Augen füllten sich.

Niemand sagte etwas.

Romy ging zu ihr.

Sie schnupperte an Claudias Schuhen und rieb den Kopf an ihrem Bein.

Claudia kniete sich hin.

„Ist das also die berühmte Romy?“

Gerlinde lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

„Ja.“

Claudia strich ihr vorsichtig über den Rücken.

„Ich dachte immer, du kommst gut zurecht.“

Gerlinde zog die Schultern hoch.

„Tue ich doch.“

„Mama.“

Gerlinde schwieg.

Dann sagte sie:

„Zurechtkommen und glücklich sein sind zwei verschiedene Dinge.“

Danach wurde Claudia still.

In den folgenden Tagen kam sie häufiger vorbei.

Nicht täglich.

Aber häufiger.

Sie sprach mit der Verwaltung und suchte keine Konfrontation. Stattdessen klärten wir gemeinsam, wie regelmäßige Besuche mit Romy möglich waren, ohne andere Bewohner zu belasten.

Wir fanden eine vernünftige Lösung.

Romy blieb offiziell bei mir.

Ihre Näpfe standen bei mir.

Ihr Schlafplatz war bei mir.

Aber ihre Besuche bei Gerlinde waren bekannt und abgesprochen.

Ich dachte, damit sei die Geschichte vorbei.

War sie nicht.

Einige Wochen später fiel am Abend im Gebäude der Strom aus.

Romy saß bei mir, hob plötzlich den Kopf und lief zur Tür.

Diesmal kratzte sie nicht höflich.

Sie hämmerte mit der Pfote dagegen.

Ich öffnete.

Sie rannte sofort los.

Direkt zu Gerlindes Wohnanlage.

Im Gebäude funktionierte nur die Notbeleuchtung.

Romy lief die Treppe hinauf.

Vor Zimmer 214 blieb sie stehen und begann laut zu rufen.

Ich klopfte.

„Gerlinde?“

Keine Antwort.

Noch einmal.

Nichts.

Dann hörte ich von drinnen ein dumpfes Geräusch.

Ich rief Hilfe.

Ein Nachbar kam heraus. Kurz darauf wurde jemand mit einem passenden Schlüssel geholt.

Als die Tür geöffnet wurde, lag Gerlinde neben ihrem Sessel.

Sie war bei Bewusstsein, konnte aber nicht allein aufstehen.

Romy lief sofort zu ihr und drückte sich an ihre Schulter.

Gerlinde hob langsam eine Hand.

Ihre Finger verschwanden in Romys Fell.

„Da bist du ja“, flüsterte sie.

Später sagte man uns, dass schnelle Hilfe wichtig gewesen war.

Mehr wollte ich gar nicht wissen.

Claudia kam noch in derselben Nacht.

Als sie ihre Mutter sah, setzte sie sich ans Bett und hielt minutenlang ihre Hand.

Dann sah sie zu Romy.

„Du kleine Nervensäge“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

Romy blinzelte.

Als hätte sie schon schlimmere Beleidigungen gehört.

Nach diesem Abend veränderte sich das Haus.

Nicht plötzlich.

Nicht wie in einem Film.

Aber spürbar.

Eine Nachbarin brachte Gerlinde Suppe.

Ein älterer Mann aus dem Erdgeschoss klingelte manchmal und fragte, ob sie etwas vom Laden brauche.

Eine Frau vom anderen Ende des Flures setzte sich gelegentlich zehn Minuten zu ihr.

Claudia kam regelmäßig.

Und ich auch.

Romy natürlich sowieso.

Ihre Routine blieb unverändert.

Nachmittags setzte sie sich vor meine Tür.

Drei Kratzer.

Pause.

Einer.

Dann gingen wir zu Gerlinde.

Romy sprang auf den Sessel, kontrollierte das Fenster, hörte in den Flur und drückte irgendwann ihre Stirn gegen Gerlindes Hand.

Später kam sie wieder mit mir nach Hause.

Und eines Abends begriff ich endlich etwas.

Romy hatte mich nie gegen Gerlinde ausgetauscht.

Ich hatte Liebe nur falsch verstanden.

Ich dachte immer, wenn sie jemand anderem etwas gab, musste bei mir etwas fehlen.

Aber Romy rechnete nicht so.

Sie kannte kein „entweder oder“.

Sie wusste nur:

Hier braucht mich jemand.

Und dort auch.

Heute schläft sie wieder oft neben meinen Beinen.

Manchmal wache ich auf, weil sie sich im Schlaf bewegt, und dann lege ich kurz die Hand auf ihr Fell.

Nur um sicherzugehen, dass sie da ist.

Gerlinde nennt sie inzwischen scherzhaft ihre „Teilzeit-Mitbewohnerin“.

Claudia nennt sie „Mamas Chefin“.

Und ich?

Ich nenne sie immer noch Romy.

Meine Katze.

Nur dass ich das Wort „meine“ inzwischen anders meine.

Sechs Monate lang dachte ich, das Schlimmste sei, dass meine Katze verschwunden war.

Heute denke ich anders.

Das Schlimmste war, dass eine Frau nur wenige Straßen von mir entfernt beinahe selbst aus dem Leben aller anderen verschwunden wäre.

Nicht weil sie fort war.

Sondern weil sie leise war.

Romy kam damals mit einem Krankenhausarmband nach Hause.

Darauf standen nur ein Name und eine Zimmernummer.

Für mich war es zuerst nur ein Hinweis darauf, wo meine Katze gewesen war.

Heute weiß ich:

Es war ein Hinweis darauf, wo jemand auf uns wartete.

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