Am nächsten Morgen stand die leere Kaffeetasse von dem Mann aus dem Radio noch immer auf meinem Tisch, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich meine Wohnung nicht wie ein Wartesaal an.
Ich räumte alles langsam ab.
Den Kuchenteller mit den paar Krümeln.
Die Eisverpackung.
Die Blumen stellte ich in die hohe Glasvase, die sonst im Schrank blieb.
Dabei musste ich immer wieder zu mir selbst sagen, dass das alles wirklich passiert war.
Dass da tatsächlich jemand geklingelt hatte.
Dass er wirklich gekommen war.
Dass er meinen Geburtstag nicht gerettet hatte, weil er musste, sondern weil er es wollte.
Ich setzte mich noch einmal hin, bevor ich das Geschirr spülte.
Auf dem Tisch lag die Serviette, die er benutzt hatte. Daneben ein kleiner Zettel, den ich am Abend vorher erst bemerkt hatte, als die Tür schon hinter ihm zugefallen war.
In ordentlicher Schrift stand darauf:
Danke für Kaffee, Kuchen und Ihre Geschichte. Wenn Sie mögen, rufen Sie nächste Woche einmal im Studio an. Nicht live. Einfach so. – Johannes
Ich las den Zettel dreimal.
Dann legte ich ihn in meine Küchenschublade zu den Dingen, die ich nicht verlieren wollte. Zu alten Fotos, zum letzten Einkaufszettel meines Mannes und zu einem Kinderbild meiner Tochter aus der ersten Klasse.
Den ganzen Samstag über war ich merkwürdig leicht und gleichzeitig empfindlich.
Als hätte mir jemand eine Decke von den Schultern genommen, unter der ich lange gesessen hatte. Aber darunter war die Haut noch dünn.
Ich kochte mir Kartoffeln mit Quark.
Ich zog mein blaues Kleid wieder aus und hängte es ordentlich zurück in den Schrank. Dabei strich ich mit der Hand über den Stoff und dachte: Wenigstens einmal im Jahr war es doch noch für etwas gut gewesen.
Am Nachmittag klingelte das Telefon.
Nicht das Handy. Das alte Festnetztelefon im Flur, das sonst fast nur noch Ärzte, falsche Gewinnspiele oder meine Tochter benutzten, wenn sie gerade keinen Empfang hatte.
Ich erschrak so sehr, dass ich es erst nach dem vierten Klingeln schaffte.
„Ja?“
„Irmgard? Hier ist Johannes. Aus dem Radio. Ich störe doch nicht?“
Ich musste mich an der Kommode festhalten.
„Nein“, sagte ich. „Nein, natürlich nicht. Ich… ich habe nur nicht damit gerechnet.“
Er lachte leise.
„Das ist fair. Ich wollte nur hören, wie es Ihnen heute geht.“
Es war so eine einfache Frage.
Und vielleicht war genau das das Seltsame daran. Dass mich seit langer Zeit wieder jemand etwas fragte, ohne es eilig zu haben, ohne dabei schon halb beim nächsten Termin zu sein.
„Gut“, sagte ich. Dann verbesserte ich mich. „Besser. Viel besser als vorgestern.“
„Das freut mich“, sagte er. „Ich habe gestern im Auto auf dem Heimweg noch an Ihren Kuchen gedacht.“
Da musste ich wirklich lachen.
„Der war schief.“
„Ja“, sagte er. „Aber nur optisch. Geschmacklich war er tadellos.“
Wir sprachen vielleicht acht Minuten.
Über nichts Großes. Über das Wetter. Über meinen verstorbenen Mann, der immer behauptet hatte, Kaffee müsse so stark sein, dass der Löffel von allein stehen bleibt. Über Johannes’ Mutter, die ungefähr in meinem Alter war und ständig so tat, als brauche sie niemanden.
Bevor er auflegte, sagte er noch etwas.
„Irmgard, ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel. Im Sender haben gestern nach der Sendung einige Leute gefragt, ob es Ihnen gut geht. Ich habe natürlich nichts weitergegeben. Aber… man hat gemerkt, dass Ihr Anruf viele berührt hat.“
Ich schwieg kurz.
Es war ein seltsames Gefühl.
Nicht unangenehm. Aber ungewohnt. Als hätte jemand ein Fenster geöffnet in einem Zimmer, das ich jahrelang geschlossen gehalten hatte.
„Ich weiß nicht, ob ich gern berühre“, sagte ich schließlich. „Ich wollte eigentlich nur nicht allein Kuchen essen.“
„Vielleicht war gerade das der Grund“, sagte er.
Als wir auflegten, saß ich noch eine Weile im Flur auf dem kleinen Stuhl neben dem Schuhschrank.
Dann stand ich auf, ging in die Küche und schnitt mir das letzte Stück Kuchen ab.
Diesmal schmeckte es nicht nach Enttäuschung.
Am Montagmorgen lag eine Karte in meinem Briefkasten.
Auf der Vorderseite waren Sonnenblumen. Innen stand in sauberer Handschrift:
Liebe Irmgard, ich habe Ihre Stimme im Radio gehört. Alles Gute nachträglich zum 86. Geburtstag. Es gibt mehr Menschen, die an Sie denken, als Sie glauben. Eine Hörerin.
Ich trug die Karte nach oben, als wäre sie zerbrechlich.
Am Dienstag kamen zwei weitere.
Eine von einem älteren Ehepaar aus einem Nachbarort. Eine andere von einer Frau, die schrieb, ihre eigene Mutter sei vor drei Jahren gestorben, und sie hätte beim Zuhören plötzlich wieder an deren Geburtstagstisch denken müssen.
Bis Freitag waren es neun Karten.
Keine davon groß oder kitschig. Keine mit falschen Versprechen. Nur ehrliche Zeilen von Menschen, die mich nicht kannten und trotzdem verstanden hatten, was ich gemeint hatte.
Ich legte sie auf die Anrichte im Wohnzimmer.
Jeden Morgen blieb ich kurz davor stehen und las eine davon noch einmal.
Am selben Freitag meldete sich meine Tochter.
Nicht per Nachricht. Sie rief an.
Schon als ich ihren Namen auf dem Display sah, merkte ich, wie mein Rücken steif wurde. Manche Verletzungen sitzen schneller im Körper, als man denken kann.
„Hallo, Mama“, sagte sie.
„Hallo.“
Sie war für einen Moment still.
Dann sagte sie: „Frau Krüger aus unserer Straße hat mir erzählt, dass du im Radio warst.“
Ich antwortete nicht sofort.
Nicht aus Trotz. Eher, weil ich nicht wusste, ob ich mich schämen sollte oder ob ich das nicht mehr musste.
„Ich wollte dich nicht bloßstellen“, sagte ich dann.
„Darum geht es nicht“, sagte sie schnell. „So meine ich das nicht.“
Wieder Stille.
Dann hörte ich, wie sie tief Luft holte.
„Mama… ich glaube, ich habe lange so getan, als wärst du immer einfach da. So verlässlich, dass ich nicht einmal gemerkt habe, wie weh es dir tun muss, immer nur vertröstet zu werden.“
Ich setzte mich langsam.
Wenn man alt ist, lernt man, dass eine Entschuldigung nicht kleiner wird, nur weil sie spät kommt. Aber man lernt auch, dass man sie nicht erzwingen kann.
„Ich wollte dir nicht das Gefühl geben, dass du unwichtig bist“, sagte sie.
„Das weiß ich“, sagte ich.
Und das stimmte sogar.
Der Schmerz war echt gewesen. Aber ihre Gleichgültigkeit war nicht dieselbe Sache wie Bosheit. Das war etwas anderes. Etwas, das in Familien leise wächst, wenn alle denken, morgen sei auch noch Zeit.
„Darf ich am Sonntag vorbeikommen?“, fragte sie.
Ich strich über die Tischdecke.
„Ja“, sagte ich. „Natürlich.“
Als ich auflegte, weinte ich nicht.
Ich saß nur da und dachte daran, wie oft man im Leben auf das große Zeichen wartet, obwohl manchmal ein einzelner ehrlicher Satz schon genug ist, um wieder atmen zu können.
Am Sonntag kam sie tatsächlich.
Mit einem Topf Suppe, weil sie meinte, sie wisse, dass ich sonntags oft keine Lust habe, groß zu kochen. Und mit einem etwas schief gewickelten Geschenk, das sich später als neuer Schal herausstellte. Dunkelgrün. Warm. Weich.
Sie stand unsicher in meinem Flur wie ein Mädchen, das nicht weiß, ob es ausgeschimpft wird.
Und plötzlich sah ich sie nicht als die Frau, die mich vergessen hatte, sondern auch wieder als das Kind, das früher mit nassen Zöpfen aus dem Bad gerannt kam und immer rief: „Mama, wo sind meine Strümpfe?“
Wir umarmten uns länger, als wir es in den letzten Jahren getan hatten.
Nicht perfekt.
Aber ehrlich.
Beim Essen redeten wir zunächst über harmlose Dinge.
Über ihren Rücken. Über meine Nachbarin im zweiten Stock, die jetzt einen kleinen Hund hatte, der immer bellte, sobald jemand im Treppenhaus nieste. Über das Wetter, das zu mild für die Jahreszeit war.
Erst beim Kaffee sagte sie: „Ich habe mich geschämt, als Frau Krüger mir das erzählt hat.“
Ich nickte.
„Das glaube ich.“
„Nein“, sagte sie. „Nicht, weil andere es gehört haben. Sondern weil ich in dem Moment wusste, dass es stimmt.“
Sie sah in ihre Tasse.
„Ich habe mir immer eingeredet, dass du stark bist. Dass du das schon wegsteckst. Du warst ja immer die Starke.“
Ich musste lächeln, aber es tat ein bisschen weh.
„Weißt du“, sagte ich, „stark sein ist manchmal nur ein anderes Wort dafür, dass niemand fragt, ob man müde ist.“
Da fing sie an zu weinen.
Leise. So wie Erwachsene weinen, wenn sie lange versucht haben, es nicht zu tun.
Ich stand auf, ging um den Tisch herum und legte ihr die Hand in den Nacken.
„Ist gut“, sagte ich. „Jetzt bist du ja da.“
Eine Woche später kam auch mein Sohn.
Nicht so plötzlich weich wie meine Tochter. Er war immer schon derjenige gewesen, der erst drei sachliche Sätze brauchte, bevor er an das herankam, was eigentlich gemeint war.
Er brachte einen kleinen Apfelkuchen vom Bäcker mit und sagte an der Tür: „Der ist bestimmt nicht so gut wie deiner.“
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