Barfuß im Schnee saß Anna vor der Kirche – dann lief ein kleines Mädchen plötzlich zu ihr

Thomas lächelte traurig.

Später nahm Helga Anna beiseite.

„Mein Mann ist vor sechs Jahren gestorben“, sagte sie.

Anna hatte nicht danach gefragt.

Helga erzählte trotzdem.

„Das erste Weihnachten ohne ihn war furchtbar.“

Sie deutete auf den großen Esstisch.

„Wir saßen alle hier. Kinder, Enkel, Essen genug für zwanzig Leute.“

„Und trotzdem war ein Platz leer.“

Anna nickte.

„Genau.“

Helga nahm ihre Hand.

„Da habe ich etwas verstanden.“

„Was?“

„Dass man einen verlorenen Menschen nicht ersetzt.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Man macht das Herz nur wieder größer.“

Anna sah sie an.

„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“

„Musst du heute auch nicht.“

Helga drückte ihre Finger.

„Heute reicht es, wenn du bleibst.“

Anna blieb.

Diese Nacht schlief sie im Gästezimmer.

Zum ersten Mal seit Monaten schloss sie eine Tür hinter sich und wusste, dass niemand ihr die Tasche stehlen würde.

Am nächsten Morgen wachte sie auf und wusste zunächst nicht, wo sie war.

Dann hörte sie Stimmen aus der Küche.

Kaffeegeschirr.

Helgas Radio.

Emma, die irgendetwas über Schokolade verlangte.

Anna setzte sich auf die Bettkante.

Und plötzlich kam die Scham zurück.

Das war keine Lösung.

Das wusste sie.

Ein Abend konnte acht Monate nicht reparieren.

Sie wollte gehen, bevor jemand aufstand.

Doch unten wartete Thomas bereits.

„Kaffee?“

Anna blieb stehen.

„Ich sollte wirklich gehen.“

„Wohin?“

Wieder diese Frage.

Anna hasste sie.

Weil es keine gute Antwort gab.

Thomas stellte die Tasse ab.

„Ich habe über etwas nachgedacht.“

Anna wurde sofort misstrauisch.

„Bitte geben Sie mir kein Geld.“

„Hatte ich nicht vor.“

„Und keinen Job aus Mitleid.“

Thomas hob eine Augenbraue.

„Auch nicht.“

„Was dann?“

„Ich kenne jemanden, der in seinem Büro Unterstützung sucht.“

Anna stöhnte.

Thomas grinste.

„Lassen Sie mich ausreden.“

Er schob ihr einen Zettel hin.

„Ich habe ihm nichts über Ihre Situation erzählt. Nur, dass ich jemanden kenne, der früher Büroarbeit gemacht hat und einen Neustart sucht.“

„Warum?“

„Weil Sie Arbeit brauchen.“

„Warum interessiert Sie das?“

Thomas schwieg.

Lange.

Dann setzte er sich.

„Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben.“

Anna wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Das tut mir leid.“

„Sie hat regelmäßig in einer sozialen Einrichtung geholfen.“

Er drehte seine Kaffeetasse zwischen den Händen.

„Sie war jemand, der Leute gesehen hat.“

Anna verstand das Wort sofort.

Gesehen.

„Und ich?“

Thomas lächelte bitter.

„Ich wurde danach das Gegenteil.“

Er arbeitete.

Verdiente gut.

Zahlte pünktlich Steuern.

Versorgte seine Tochter.

Half seiner Mutter im Garten.

Von außen war er ein anständiger Mann.

Doch er hatte begonnen, alles zu vermeiden, was ihn emotional berühren konnte.

Bettler.

Kranke Menschen.

Trauernde Freunde.

Er spendete manchmal Geld.

Anonym.

Bequem.

„Gestern hätte ich Sie dort sitzen lassen“, sagte Thomas.

„Wenn Emma nicht gewesen wäre.“

Anna schwieg.

„Vielleicht helfen wir Ihnen also nicht nur.“

Er blickte zur Wohnzimmertür, hinter der Emma sang.

„Vielleicht helfen Sie uns auch.“

In den nächsten Wochen geschah nichts Märchenhaftes.

Anna bekam nicht plötzlich eine Eigentumswohnung.

Kein reicher Wohltäter schenkte ihr ein Vermögen.

Niemand löste alle Probleme mit einem Telefonat.

Stattdessen passierten viele kleine Dinge.

Helga begleitete Anna zu einer Beratungsstelle.

Claudia gab ihr gebrauchte Kleidung.

Thomas half ihr, fehlende Unterlagen zu beschaffen.

Anna bekam ein Zimmer in einer betreuten Übergangswohnung.

Dann ging sie zum Vorstellungsgespräch.

Sie war sicher, dass es schiefgehen würde.

Es ging nicht schief.

Der Chef eines kleinen Betriebs fragte nach ihrer achtmonatigen Lücke im Lebenslauf.

Anna sagte die Wahrheit.

Nicht jedes Detail.

Aber genug.

„Meine Mutter starb. Danach bin ich abgestürzt.“

Der Mann nickte.

„Können Sie Tabellen bearbeiten?“

„Ja.“

„Telefonieren?“

„Ja.“

„Und morgens um acht da sein?“

Anna atmete tief ein.

„Ja.“

„Dann probieren wir es.“

Drei Wochen später saß Anna wieder an einem Schreibtisch.

Am ersten Gehaltstag weinte sie auf der Toilette.

Nicht wegen der Summe.

Sie war bescheiden.

Sondern weil auf dem Kontoauszug ihr eigener Name stand.

Und darunter Geld, das sie selbst verdient hatte.

Sonntags fuhr sie zu Helga.

Das war inzwischen Tradition.

Emma wartete meistens schon am Fenster.

Thomas kam häufig später von der Arbeit.

Mit der Zeit veränderten sich die Gespräche.

Er fragte Anna nicht mehr ständig, ob sie etwas brauche.

Anna dankte nicht mehr für jede Tasse Kaffee.

Helga schimpfte mit ihr, wenn sie beim Abräumen nicht half.

Markus machte schlechte Witze.

Claudia brachte Neuigkeiten aus der Nachbarschaft mit.

Anna gehörte langsam dazu.

Nicht als gerettete Frau.

Sondern als Anna.

Eines Abends saß sie mit Thomas in einem kleinen Café.

Draußen war es bereits dunkel.

„Warum hast du eigentlich nie wieder jemanden kennengelernt?“, fragte Anna.

Sie duzten sich inzwischen.

Thomas lachte.

„Sehr dezent gefragt.“

„Entschuldigung.“

„Schon gut.“

Er sah auf seine Hände.

„Ich glaube, weil ich dachte, dass weiterleben dasselbe wäre wie Sabine vergessen.“

Anna nickte langsam.

Sie verstand diesen Gedanken.

Sie hatte nach dem Tod ihrer Mutter monatelang Schuldgefühle gehabt, wenn sie über irgendetwas lachen musste.

Als wäre Freude Verrat.

„Helga hat mir mal etwas gesagt“, sagte Anna.

„Was?“

„Man ersetzt niemanden. Man macht das Herz wieder größer.“

Thomas lächelte.

„Das klingt nach meiner Mutter.“

„Leider ja.“

Sie lachten.

Dann wurde Thomas wieder ernst.

„Und du?“

„Was ich?“

„Was willst du jetzt?“

Anna war überrascht.

In den vergangenen Monaten hatten Menschen sie häufig gefragt, was sie brauchte.

Wohnung?

Job?

Kleidung?

Unterlagen?

Aber niemand hatte gefragt, was sie wollte.

Anna dachte nach.

„Ich habe früher gemalt.“

„Wirklich?“

„Meine Mutter fand, ich sollte etwas Vernünftiges machen.“

„Sehr deutsche Mutter.“

Anna grinste.

„Extrem.“

Sie meldete sich einige Wochen später bei einem Abendkurs im örtlichen Kulturhaus an.

Sie malte schlecht.

Dann besser.

Dann wieder schlecht.

Aber sie liebte es.

Sechs Monate nach jenem Heiligabend hatte Anna eine kleine eigene Wohnung.

Zwei Zimmer.

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