Ich war verwirrt.
Wütend.
Verängstigt.
„Leonie, da sind Gäste. Ich kann doch jetzt nicht einfach …“
Da fing sie an zu weinen. Lautlos. Die Tränen liefen nur.
„Mama“, sagte sie, „bitte. Ich kann nicht wieder mit ihm nach unten gehen, wenn ich weiß, was ich weiß.“
Mir wurde plötzlich kalt.
Ich nahm meine Tasche.
Die Schlüssel.
Und wir gingen runter.
Im Wohnzimmer saßen drei Männer und eine Frau. Gepflegt, geschniegelt, geschniegelt wie Markus selbst. Es roch nach Parfüm, Braten und dieser künstlichen Höflichkeit, die jeder spürt und keiner anspricht.
Als Markus uns sah, stockte sein Lächeln einen kurzen Moment.
„Schatz?“, fragte er und kam näher. „Alles in Ordnung?“
Ich spielte meine Rolle.
„Es wird schlimmer. Ich fahre kurz zur Apotheke. Leonie kommt mit.“
Er drehte sich zu den Gästen. „Meine Frau hat Kreislauf. Einen kleinen Moment bitte.“
Dann sagte er leise zu mir: „Sei schnell wieder da.“
Dabei legte er die Hand an meine Seite und drückte zu.
Nicht wie Zuneigung.
Wie eine Warnung.
Im Auto zitterte Leonie am ganzen Körper.
„Fahr“, sagte sie. „Einfach weg.“
Ich fuhr los, ohne zu wissen, wohin.
Kaum waren wir um die erste Ecke, brach es aus ihr heraus.
Wörter, die zwischen Schluchzern kamen.
„Mama … Markus will dich umbringen.“
Ich trat so hart auf die Bremse, dass hinter uns jemand hupte.
In meinem Kopf wurde es still.
Nicht ruhig. Nur leer.
„Was sagst du da?“
Sie wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht.
„Ich bin letzte Nacht aufgewacht. Ich wollte Wasser holen. Es war spät. Vielleicht zwei Uhr.“
Sie holte Luft.
„Die Tür zu seinem Arbeitszimmer stand einen Spalt offen. Licht war an. Er hat telefoniert. Ganz leise.“
Ich brachte kaum noch Luft in meine Lungen.
„Und dann hat er deinen Namen gesagt. Er sagte: Morgen trinkt Sabine wie immer. Keiner merkt etwas. Es muss aussehen wie ein Kreislaufzusammenbruch.“
Mir wurde übel.
„Leonie … vielleicht hast du es falsch verstanden …“
Sie schüttelte heftig den Kopf.
„Nein. Er hat gelacht, Mama. Ganz ruhig. So als würde er über das Wetter reden.“
Ich griff fester ans Lenkrad.
„Und dann hat er noch von mir gesprochen. Er sagte, danach kümmere er sich um das Mädchen.“
Das Wort Mädchen traf mich fast körperlich.
„Kümmert sich um …“
„Als er auf Toilette ging“, sagte sie, „bin ich in sein Arbeitszimmer. Ich weiß, ich hätte das nicht tun sollen. Aber ich hatte Angst. Da lagen Unterlagen. Kontoauszüge. Schulden. Viele Schulden.“
Ich fuhr rechts ran, weil ich merkte, dass ich nicht weiterfahren konnte.
Leonie zog ein Blatt aus ihrer Jackentasche.
„Davon habe ich ein Foto gemacht.“
Es war ein Konto, das ich nicht kannte.
Mit regelmäßigen Abbuchungen.
Kleine Beträge, immer wieder, aber zusammen genug, um einem die Zukunft wegzunehmen.
Mein Geld.
Das Geld aus dem Verkauf des Hauses meiner Eltern.
Das Haus, das ich verkauft hatte, „damit wir gemeinsam neu anfangen konnten“.
In mir brach etwas.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Aber endgültig.
Ich wollte die Polizei anrufen.
Meine Hand lag schon auf dem Handy.
Dann hielt ich inne.
Und was sollte ich sagen?
Dass mein Mann vielleicht, möglicherweise, vielleicht auch nicht, nachts etwas am Telefon gesagt hatte?
Dass meine Tochter etwas gehört hatte?
Es wäre Aussage gegen Aussage geworden.
Er: der besorgte Ehemann.
Ich: die aufgelöste Frau.
Leonie: ein Teenager unter Stress.
Da vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht von Markus.
„Wo seid ihr? Alle warten.“
Normal.
Höflich.
Wie von einem Mann, der nichts zu verbergen hatte.
Und in mir stieg etwas Neues auf.
Nicht nur Angst.
Wut.
Diese klare, kalte Wut, die einen plötzlich nicht mehr zittern lässt.
„Wir brauchen einen Beweis“, sagte ich.
Leonie sah mich erschrocken an. „Welchen Beweis?“
Ich blickte zur Straße zurück, in Richtung Haus.
Und hörte mich etwas sagen, von dem ich selbst nicht wusste, dass ich es sagen kann.
„Das Mittel. Das, was er dir heute geben wollte.“
Sie wurde kreidebleich.
„Mama, nein. Das ist verrückt.“
„Wenn wir nur weglaufen, stellt er uns hin, als wären wir hysterisch. Dann sucht er uns. Und dann wird es wirklich gefährlich.“
Ich wendete.
Und fuhr zurück.
Mit einem Herzen, das so hart schlug, dass es weh tat.
Als wir wieder reinkamen, lächelte ich, als wäre nichts gewesen.
„Es geht schon besser“, sagte ich. „Ich habe was gegen Kopfschmerzen geholt.“
Leonie spielte sofort mit. „Mir tut auch der Kopf weh. Ich leg mich kurz hin.“
Markus sah sie an und sagte mit süßer Stimme: „Ruh dich aus, mein Schatz.“
Mein Schatz.
Derselbe Mann, der sich später um sie „kümmern“ wollte, nannte sie mein Schatz.
In diesem Moment begriff ich, wie schmutzig Freundlichkeit sein kann.
Ich blieb unten bei den Gästen.
Ich redete.
Ich nickte.
Ich lachte an den richtigen Stellen.
Aber in mir war alles gespannt.
Nach einer Weile reichte Markus mir ein Glas Wasser. Ich nahm nur Dinge an, die ich selbst hatte öffnen sehen. Nichts anderes.
Dann fragte er mit gespielter Beiläufigkeit: „Kein Tee heute?“
Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.
„Lieber nicht“, sagte ich. „Mit Migräne vertrage ich das heute nicht.“
Er lächelte, aber sein Blick wurde hart.
„Schade. Ich habe extra einen Kräutertee gemacht. Genau den, den du sonst immer magst.“
Da wusste ich, dass es keine Einbildung war.
Es war ein Plan.
Und ich hatte ihn durchkreuzt.
Etwa zwanzig Minuten später vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht von Leonie.
Nur ein Wort.
„Jetzt.“
Mir sackte das Blut in die Beine.
Ich stand auf. „Entschuldigt bitte, ich sehe kurz nach meiner Tochter.“
Ich ging nach oben. Nicht zu schnell. Nicht zu langsam.
Leonie wartete in ihrem Zimmer. Sie war so blass, dass selbst ihre Lippen farblos wirkten.
„Er war eben hier oben“, flüsterte sie. „Ich habe mich eingeschlossen.“
„Hast du was gefunden?“
Sie nickte.
„Im Arbeitszimmer. In der Schublade. Eine kleine Flasche ohne Etikett. Ich habe sie fotografiert.“
Ich wollte gerade etwas sagen, da hörten wir Schritte im Flur.
Seine Stimme.
„Sabine? Leonie? Seid ihr da?“
Ich sah zum Fenster.
Zweiter Stock.
Darunter der kleine Garten.
Zu hoch, um ruhig zu bleiben.
Zu niedrig, um aufzugeben.
Dann hörte ich ein metallisches Geräusch.
Den Schlüssel in der Tür.
Er schloss uns ein.
„Er hat abgeschlossen“, flüsterte Leonie und riss an der Klinke. „Die Tür geht nicht auf!“
Panik schoss durch mich hindurch.
Aber ich durfte jetzt nicht zusammenbrechen.
Nicht vor ihr.
„Zum Fenster“, sagte ich.
Ich riss die Tagesdecke vom Bett. Knotete sie an das schwere Tischbein unter dem Schreibtisch. Meine Hände zitterten, aber sie arbeiteten weiter. Irgendwo tief in mir hatte mein Körper längst begriffen, was auf dem Spiel stand.
Unten hörte man noch immer die Stimmen der Gäste.
Besteck.
Gläser.
Gedämpftes Lachen.
Als wäre das Leben normal, während nur wenige Meter weiter alles zerbrach.
„Du zuerst“, sagte ich zu Leonie.
Sie starrte mich an. „Es ist zu hoch.“
„Höher ist es, wenn wir bleiben.“
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