Das Kind im viel zu großen Kittel: Was sie in meinem Büro sagte, brach mein ganzes Leben auf

Das Kind im viel zu großen Kittel: Was sie in meinem Büro sagte, brach mein ganzes Leben auf

Mein Name ist Johann Hartmann. Ich bin 58 Jahre alt, und seit vier Jahren war ich so etwas wie ein Geist.

Ich wohne im obersten Stockwerk eines Hauses, das mir gehört. Von meinem Eckbüro aus sehe ich die Lichter der Stadt – ein Panorama aus Glas, Beton und fleißigen Menschen, die irgendwo unten leben, lachen, streiten und sich wieder vertragen.

Ich habe alles, was man „Erfolg“ nennt: eine große Wohnung, einen Fahrer, eine Firma, die längst auch ohne mich funktionieren könnte.

Und trotzdem fühlte sich jeder Abend an wie ein leeres Zimmer.

Seit meine Frau Gisela gestorben ist, ist es still geworden. Nicht die angenehme, ruhige Stille – eher diese kalte Stille, die an den Wänden hängt. Unser Sohn Lukas lebt weit weg und hat sein eigenes Leben.

Wir telefonieren, ja. Aber dazwischen liegen Wochen, in denen ich nur arbeite, esse, schlafe. Ich blieb oft länger im Büro, nur um nicht nach Hause zu müssen. Die großen Räume oben wirkten wie ein Museum: sauber, ordentlich – und ohne Herz.

Es war ein Dienstag. 17:53 Uhr. Regen zog Schlieren an den Fenstern entlang. Ich wollte gerade meine Unterlagen schließen, als die Sprechanlage summte. Ich zuckte zusammen. Das Geräusch war in den letzten Jahren selten geworden. Meine Assistentin, Frau Neumann, arbeitete seit über zwanzig Jahren an meiner Seite. Ihre Stimme klang angespannt.

„Herr Hartmann… ich entschuldige mich, aber unten am Empfang gibt es eine… ungewöhnliche Situation.“

Ich rieb mir die Schläfen. „Ungewöhnlich wie? Wieder jemand, der sich beschweren will?“

„Nein, Herr Hartmann. Es ist… ein Kind. Ein kleines Mädchen.“

Ich hielt inne. „Ein Kind? Ist sie… allein?“

„Ja. Sie sagt, sie sei hier wegen eines Vorstellungsgesprächs. Für die Stelle als Reinigungskraft. Sie behauptet, ihre Mutter sei krank und sie müsse… sie müsse sie vertreten. Der Sicherheitsdienst weiß nicht, was er tun soll. Das Kind ist sehr… sehr entschlossen.“

Etwas in mir – nicht Ärger, sondern eine seltsame, scharfe Neugier – hob den Kopf. „Wie alt ist sie?“

„Herr Hartmann… vielleicht sechs. Keine sieben.“

Ich sah auf den leeren Besucherstuhl vor meinem Schreibtisch. Ein sechsjähriges Kind. „Schicken Sie sie hoch, Frau Neumann.“

„Herr Hartmann?“

„Schicken Sie sie hoch. Ich… ich kümmere mich.“

Ich stand auf, zog mein Jackett gerade und wusste selbst nicht, was mich erwartete. Fünf Minuten später knarrte die schwere Holztür meines Büros.

Und dann kam sie herein.

So klein, so merkwürdig – und so ernst, dass es mir den Atem nahm.

Sie war vielleicht einen Meter groß. Blonde Locken standen ihr wild vom Kopf ab, als hätte sie gegen den Wind gekämpft. Sie trug einfache Leggings und ein T-Shirt. Aber das, was sie darüber anhatte, ließ mich kurz vergessen zu blinzeln.

Eine große, weiße Arbeits-Schürze, wie sie Erwachsene beim Putzen tragen. Sie war viel zu lang, um ihren schmalen Körper gewickelt, mindestens zweimal um die Taille gebunden, und hing trotzdem bis über ihre Turnschuhe.

In der Hand hielt sie ein einziges Blatt Papier, zerknittert und an den Ecken weich geknetet, als hätte sie es den ganzen Weg fest umklammert. Ihre Augen waren groß. Dahinter lag Angst, echte, kindliche Angst. Aber sie presste den Mund zu einer tapferen Falte, als müsste sie sich selbst beweisen, dass sie das kann.

Sie marschierte geradewegs an meinen Schreibtisch, blieb stehen und reckte den Kopf nach oben.

„Sind Sie der Chef?“ fragte sie. Ihre Stimme war klein, ein bisschen heiser, aber fest.

Ich ging um den Schreibtisch herum – diesen schweren Tisch, hinter dem ich mich jahrelang verschanzt hatte, wie hinter einer Mauer – und kniete mich auf den Teppich. Meine Knie protestierten, doch es war mir egal. Ich wollte auf Augenhöhe sein.

„Ja“, sagte ich leise. „Ich bin Herr Hartmann. Und du bist…?“

Sie stellte sich kerzengerade hin. „Ich heiße Leni Schneider. Ich bin hier, weil ich die Putzstelle machen muss.“

In diesem Moment bekam meine sorgfältig gebaute Mauer – Trauer, Einsamkeit, Routine – einen Riss. Nicht klein. Einen, durch den plötzlich Luft kam.

„Hallo, Leni“, sagte ich. „Schön, dich kennenzulernen.“

Aus der Nähe sah ich die dunklen Schatten unter ihren Augen. Dieses Kind war müde. Übermüde.

„Frau Neumann hat gesagt… deine Mama ist krank?“

Leni nickte. Ihre Unterlippe zitterte kurz, dann biss sie darauf, als hätte sie sich vorgenommen, nicht zu weinen.

„Sie hat Fieber. Ganz dolles Fieber“, flüsterte sie. „Sie sollte heute zum Gespräch kommen, aber sie kann nicht aufstehen. Und… und sie hat geweint.“

Ihre Stimme wurde noch leiser, wie ein Geheimnis. „Sie hat geweint, weil wir den Job brauchen. Ganz, ganz doll.“

Dann streckte sie mir das zerknitterte Blatt entgegen. „Ich hab ihren Lebenslauf mitgebracht. Und ich hab ihre Schürze angezogen. Damit Sie sehen, dass ich’s ernst meine.“

Damit Sie sehen, dass ich’s ernst meine.

Ein Kind. Sechs Jahre alt. Versucht, ein Erwachsener zu sein, weil ein Erwachsener gerade nicht mehr kann.

„Leni“, sagte ich, und mein Hals wurde eng. „Du bist sehr mutig. Aber… wie bist du hierher gekommen? Ganz allein?“

Sie schaute mich an, als wäre die Frage komisch. „Mit dem Bus. Mit der Zwölf. Mama hat mir gezeigt, welchen man nimmt, wenn sie in die Innenstadt muss.“

Ich schluckte.

„Ich hab ihr einen Zettel aufs Kissen gelegt“, fuhr Leni fort. „Damit sie nicht erschrickt, wenn sie aufwacht. Ich hab geschrieben, dass ich das regle.“

Ich regle das.

Mir wurde schwindlig vor dem Gedanken. Dieses kleine Mädchen hatte sich durch Haltestellen, Menschenmengen und große Türen gekämpft, nur weil sie ihre Mutter weinen hörte.

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