Das todkranke Mädchen, der kranke Rottweiler und der tätowierte Mann, der wieder Vater wurde

Ein siebenjähriges, todkrankes Mädchen sah meinen krebskranken Rottweiler an und fragte mich, einen tätowierten Fremden, ob wir ihre Familie sein könnten, bis sie stirbt.

Ich stand wie angewurzelt auf dem feuchten Gras des kleinen Parks in München. Mein Hund Kaiser, ein riesiger, von Narben gezeichneter Rottweiler mit einem massiven Tumor am Hinterbein, winselte leise.

Das kleine Mädchen vor uns trug eine viel zu große Wollmütze, die ihren kahlen Kopf verbergen sollte. Ihre Haut war fast durchscheinend. An ihren dünnen Armen klebten zahlreiche Pflaster von den ständigen Infusionen.

Sie streckte ihre winzige, zitternde Hand aus und streichelte Kaisers geschwollene Pfote. Niemand streichelte Kaiser. Die Leute wechselten normalerweise hastig die Straßenseite, wenn sie uns auf dem Gehweg sahen.

Mich mit meinen unzähligen Tätowierungen, dem wilden grauen Bart und den ölverschmierten Händen, und diesen riesigen, gefährlich aussehenden Hund. Aber dieses Mädchen zögerte keine Sekunde.

Sie hob den Blick, sah mir direkt in die Augen und sagte mit einer erschreckend ruhigen Stimme: „Ich habe auch so einen Knoten.“

Kaiser war kein normaler Hund. Er wurde vor einigen Monaten einfach nachts im Regen vor der örtlichen Tierschutzstelle angebunden. Seine Besitzer wollten die teuren Tierarztkosten für seinen aggressiven Knochenkrebs schlichtweg nicht mehr zahlen.

Ich hatte ihn als Hospiz-Pflegehund zu mir genommen. Ich wollte, dass dieser alte, treue Junge wenigstens ein paar warme, schmerzfreie Monate hat, bevor er gehen muss. Ich wusste aus meiner eigenen Vergangenheit nur allzu gut, wie es ist, jemanden zu verlieren und in der Kälte zurückzubleiben.

Vor zwanzig Jahren verlor ich meine eigene Tochter bei einem furchtbaren Verkehrsunfall. Seit diesem dunklen Tag lebte ich völlig zurückgezogen. Meine Welt bestand nur noch aus alten Autos, Werkstattgeruch und ohrenbetäubender Stille in meiner leeren Wohnung. Keine Freunde. Keine Familie. Keine Bindungen.

Wir trafen das Mädchen nur ein paar Kilometer von meiner Werkstatt entfernt, am Rande des Gartens eines großen Kinderhospizes. Sie hieß Johannah. Warum der Hund denn so stark humpele, fragte sie mich an diesem ersten Nachmittag.

Ich schluckte schwer und antwortete leise, dass er sehr krank sei und seine Familie ihn deshalb verlassen habe. Johannahs große, braune Augen füllten sich mit Tränen, aber sie weinte nicht.

„Meine Mama ist auch gegangen“, sagte sie völlig sachlich. „Die Krankenschwestern sagen, sie kommt nie wieder. Weil ich auch sehr krank bin und es zu schwer für Mama war.“

Dann sah sie mich mit einem Blick an, den ich bis zu meinem letzten Atemzug nicht vergessen werde. Ein Blick aus einem Gesicht, das in nur sieben Jahren schon viel zu viel Schmerz und Enttäuschung gesehen hatte.

Sie fragte mich, ob ich ihr Papa sein könnte. Und Kaiser ihr großer Bruder. Nur so lange, bis sie beide in den Himmel müssen. Damit sie alle auf dem letzten, schweren Weg nicht so schrecklich allein sind.

In diesem winzigen Moment brach die harte, unnachgiebige Schale, die ich zwanzig Jahre lang mühsam um mein Herz gebaut hatte, in tausend Stücke. Ich kniete mich auf den kalten Rasen. Ich nahm ihre Hand und sagte mit brechender Stimme, dass wir ab heute eine echte Familie sind.

Von diesem Tag an änderte sich mein gesamtes Leben schlagartig. Jeden Nachmittag um punkt vier Uhr betraten ein bärbeißiger Mechaniker und ein humpelnder Rottweiler die Gänge des Kinderhospizes.

Das Pflegepersonal war anfangs äußerst skeptisch. Wir sahen absolut nicht aus wie die typischen Besucher einer solchen sensiblen Einrichtung. Aber als sie sahen, wie Johannahs blasses Gesicht jedes Mal vor purer Freude aufleuchtete, ließen sie uns gewähren.

Wenn Johannah genug Kraft hatte, saß ich auf dem unbequemen Plastikstuhl neben ihrem Bett und las ihr stundenlang Märchen vor. Kaiser legte seinen schweren Kopf vorsichtig auf ihre Bettkante. Er wich niemals von ihrer Seite und spürte sofort, wenn sie Schmerzen hatte.

An den ruhigen Sonntagen durften wir draußen im Garten sitzen. Ich stand früh morgens in meiner Küche, kochte traditionell und brachte das warme Essen in Isolierbehältern mit in die Klinik.

Ich machte zarten Rinderbraten mit viel dunkler Sauce und dazu eine große Portion Blaukraut. Das war ihr absolutes Lieblingsessen. Für Kaiser gab es ein extra großes Stück weiches, ungewürztes Fleisch. Wir saßen dort auf der Holzbank und vergaßen für ein paar wertvolle Stunden den Tod, der wie ein Schatten über uns schwebte.

Aber die Zeit lief gnadenlos gegen uns. Nach etwa zwei Monaten verschlechterte sich Kaisers Zustand rapide. Er konnte eines Morgens einfach nicht mehr aufstehen. Die Schmerzen in seinen Knochen waren trotz Medikamenten zu groß geworden.

Der Tierarzt kam zu mir nach Hause. Ich saß auf dem Wohnzimmerboden, hielt Kaisers großen Kopf in meinem Schoß und streichelte ihn unter Tränen, bis er friedlich in meinen Armen einschlief.

Als ich am nächsten Nachmittag allein, ohne das Klicken von Kaisers Krallen auf dem Linoleum, in ihr Zimmer kam, wusste sie es sofort. Sie sah meine leeren Hände, und die Tränen liefen unkontrolliert über mein vernarbtes Gesicht. Ich, ein harter Mann von fünfundfünfzig Jahren, brach weinend zusammen.

Johannah richtete sich mühsam unter ihren Schläuchen auf und umarmte mich fest. Sie streichelte meinen wilden Bart und flüsterte, dass ich nicht weinen soll, Papa Alfred.

„Kaiser ist nur schon mal vorgegangen“, sagte sie mit ihrer schwachen Stimme. „Er sucht jetzt im Himmel nach deiner Tochter. Er beschützt sie für dich. Und wenn ich ganz bald nachkomme, passe ich auf sie beide auf, bis du irgendwann zu uns kommst.“

Nach Kaisers Tod ging es auch mit Johannahs Gesundheit rasend schnell bergab. Der Krebs hatte sich in ihrem kleinen Körper überall ausgebreitet. Keine medizinische Therapie schlug mehr an. Ich schloss die Rolltore meiner Werkstatt auf unbestimmte Zeit.

Ich saß jeden einzelnen Tag von früh morgens bis tief in die Nacht an ihrem Bett. Ich hielt ihre kleine, zerbrechliche Hand und erzählte ihr von einer friedlichen Welt ohne Schmerzen und piepende Monitore.

Sogar meine alten Kollegen aus der Autowerkstatt kamen in dieser Zeit vorbei. Raue, laute Kerle in schweren Lederjacken, die plötzlich ganz still und ehrfürchtig am Bett eines kleinen Mädchens standen. Sie lasen ihr holprig aus bunten Kinderbüchern vor. Johannah war in ihren letzten Wochen niemals allein.

Einige Wochen später, an einem verregneten Dienstagmorgen im späten Herbst, öffnete Johannah noch ein letztes Mal schwerfällig die Augen. Ein schwaches, aber wunderschönes, friedliches Lächeln huschte über ihr eingefallenes Gesicht.

Sie drückte meine Hand mit der allerletzten Kraft, die sie noch aufbringen konnte. Sie flüsterte leise, dass sie mich so sehr lieb hat, Papa. Dann schloss sie langsam die Augen, und ihr Atem blieb für immer stehen.

Die Beerdigung auf dem städtischen Friedhof war klein, aber tief bewegend. Meine groben Kollegen, die engagierten Mitarbeiter aus der Tierschutzstelle und die erschöpften Krankenschwestern standen schweigend im Regen Seite an Seite. Wir ließen Johannah nicht allein auf ihrem letzten Weg. Wir trugen sie gemeinsam.

Der Schmerz in meiner Brust war unbeschreiblich groß, aber er war völlig anders als vor zwanzig Jahren. Dieses Mal hatte Johannah mich gerettet. Sie hatte mich aus meinem dunklen Loch geholt und mir gezeigt, dass mein verschlossenes Herz noch immer bedingungslos lieben konnte.

Ich konnte nicht einfach in mein altes Leben zurückkehren. Ich nahm alle meine Ersparnisse, löste die Werkstatt endgültig auf und gründete zusammen mit der Leitung der Tierschutzstelle und dem Hospiz das Programm „Kaisers Geschwister“.

Wir bilden ehrenamtliche Helfer aus und bringen ruhige, gutmütige Rettungshunde, die oft selbst nicht mehr lange zu leben haben, in Kinderhospize. Wir sorgen mit aller Kraft dafür, dass absolut kein Kind, das von seiner Familie verlassen wurde, jemals wieder alleine Angst vor dem Sterben haben muss.

Heute bin ich wieder ein stolzer Vater. Ich trage meine beiden wunderbaren Töchter und meinen treuen Hund tief in meinem Herzen. Ich besuche jeden Sonntag ihre Gräber. Ich lege an Johannahs Geburtstag frisches, selbstgemachtes Blaukraut auf ihren Grabstein und vergrabe einen großen Knochen an Kaisers kleinem Hügel direkt daneben.

Wahrscheinlich wechseln die Leute auf der Straße immer noch die Seite, wenn sie mich von Weitem sehen. Aber ich weiß jetzt ganz genau, wer ich wirklich bin. Ich bin Alfred. Ich bin Johannahs Papa.

Liebe fragt niemals nach dem äußeren Erscheinungsbild. Liebe ist einfach bedingungslos da, wenn man den Mut aufbringt, im dunkelsten Moment nicht wegzuschauen, sondern hinzugehen und die Hand auszustrecken.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen