Am nächsten Morgen bekam ich wieder ein Foto von Bisko.
Und diesmal stand nicht nur er am Zaun.
Neben ihm stand die junge Frau mit meiner alten Route, die Tasche schief über der Schulter, die Haare vom Wind zerzaust und ein Lächeln im Gesicht, als hätte sie gerade etwas verstanden, das man in keiner Einweisung lernt.
Darunter schrieb sie:
„Herr Matthias, er hat auf mich gewartet. Aber ich glaube, er sucht eigentlich Sie.“
Ich saß lange mit dem Handy in der Hand am Küchentisch.
Meine Frau stellte mir Kaffee hin und sagte nichts. Sie wusste, dass man manche Gefühle nicht sofort mit Worten anfassen darf.
Ich starrte auf das Bild.
Bisko saß aufrecht am Zaun von Nummer 18. Genau wie immer. Die graue Schnauze ein wenig nach vorn gereckt. Die Ohren wach. Der Blick auf die Straße gerichtet.
Bereit.
Nicht traurig.
Nicht verwirrt.
Einfach bereit.
So, als wäre ein Mensch gegangen, aber seine Aufgabe noch da.
Ich schrieb zurück:
„Geben Sie ihm Zeit. Und gehen Sie nicht zu schnell.“
Dann legte ich das Handy weg.
Aber innerlich war ich schon wieder im Ahornweg.
Zwei Tage hielt ich es aus.
Am dritten Tag sagte meine Frau beim Frühstück: „Du kannst auch einfach hingehen.“
Ich tat so, als hätte ich sie nicht verstanden.
„Wohin?“
Sie sah mich über ihre Brille hinweg an.
„Matthias.“
Mehr sagte sie nicht.
Nach fast vierzig Jahren Ehe braucht man manchmal nur den eigenen Namen, um erwischt zu werden.
Also zog ich meine Jacke an.
Nicht die alte Zustelljacke. Die hing noch im Flur, leer und schwer wie eine Erinnerung.
Ich nahm eine einfache dunkelblaue Jacke, steckte ein kleines Päckchen Hundekekse ein und ging los.
Ohne Tasche fühlte sich der Weg seltsam an.
Ich war denselben Bürgersteig tausende Male gegangen. Aber ohne die Last über der Schulter, ohne das Rascheln der Briefe, ohne den festen Ablauf von Haus zu Haus, kam mir alles anders vor.
Fast so, als hätte der Ort mich nicht sofort erkannt.
An der Ecke zum Ahornweg blieb ich stehen.
Ich sah die Nummer 18 schon von weitem.
Und da saß er.
Bisko.
Am Zaun.
Er sah mich nicht gleich. Sein Blick ging zur anderen Seite, dorthin, wo die neue Zustellerin kommen musste.
Ich machte einen Schritt.
Dann noch einen.
Sein Kopf ruckte hoch.
Für einen Moment passierte nichts.
Dann stand er auf.
Langsam.
Vorsichtig.
Als würde sein Körper erst prüfen müssen, ob das Herz recht hatte.
Ich ging nicht schneller.
Ich wollte ihm nicht zeigen, wie sehr ich rennen wollte.
Als ich am Zaun ankam, drückte er seine Schnauze durch die Stäbe und stieß gegen meine Hand.
Nicht wild.
Nicht laut.
Nur einmal.
Fest genug, dass ich es verstand.
„Na, Kollege“, sagte ich.
Meine Stimme brach beim zweiten Wort.
Frau Keller kam aus dem Haus. Sie trug wieder ihre graue Strickjacke, diesmal mit einem Schal um den Hals.
„Ich dachte mir, dass Sie kommen“, sagte sie.
Ich lächelte verlegen.
„Ich wollte nur kurz nach ihm sehen.“
Sie nickte.
„Natürlich.“
Wir beide wussten, dass das nicht stimmte.
Ich war nicht nur wegen Bisko gekommen.
Ich war auch wegen mir gekommen.
Man denkt, Ruhestand bedeutet Freiheit.
Kein Wecker mehr vor sechs. Keine nassen Schuhe im November. Keine Treppenhäuser, in denen es nach Kohl, Waschmittel und alten Teppichen riecht. Keine schweren Kataloge, keine falschen Hausnummern, keine Hunde, die wirklich nicht freundlich sind.
Aber was einem keiner sagt:
Wenn man lange irgendwo gebraucht wurde, ist das Nicht-mehr-gebraucht-Werden auch eine Art Kälte.
Die junge Zustellerin kam gegen halb elf in den Ahornweg.
Sie hieß Lena.
Das wusste ich inzwischen aus ihrer Nachricht.
Sie war vielleicht Anfang dreißig, hatte rote Wangen vom Laufen und diesen konzentrierten Blick, den man bekommt, wenn man noch jeden Briefkasten zweimal kontrolliert.
Als sie mich sah, wurde sie sofort unsicher.
„Oh. Herr Matthias. Habe ich etwas falsch gemacht?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie haben alles richtig gemacht. Bisko hätte sich sonst nicht angeschlossen.“
Sie lachte erleichtert.
Bisko stellte sich neben ihr linkes Bein.
Genau wie früher bei mir.
Nicht vor ihr.
Nicht hinter ihr.
Links.
Lena sah zu mir.
„Er macht das wirklich jeden Tag?“
„Ja.“
„Und nur hier?“
„Nur hier.“
Sie schluckte.
„Ich habe gestern versucht, in die Nebenstraße zu gehen. Da blieb er an der Ecke stehen und sah mich an, als wäre ich völlig begriffsstutzig.“
Ich musste lachen.
„Dann hat er Sie schon gut eingelernt.“
Wir gingen ein Stück zusammen.
Lena, Bisko und ich.
Ich ohne Tasche.
Sie mit Tasche.
Bisko dazwischen, als würde er die Übergabe überwachen.
Bei Haus Nummer 6 öffnete der alte Herr die Tür, der mir an meinem letzten Tag die Hand gegeben hatte.
Er sah uns drei und lächelte.
„Ach, jetzt wird doppelt zugestellt?“
„Nur kontrolliert“, sagte ich.
Er nickte ernst.
„Der Chef läuft ja mit.“
Bisko sah ihn an, als hätte er das Lob verstanden.
Vor Nummer 11 stand immer noch die Wasserschale, obwohl es nicht mehr Sommer war.
Vor Nummer 14 klebte ein Kinderbild am Küchenfenster.
Diesmal war darauf nicht ich mit Tasche zu sehen.
Sondern Bisko.
Ganz groß.
Mit vier Beinen wie Baumstämme und einem gelben Kreis über dem Kopf.
Ich blieb davor stehen.
„Wer hat das gemalt?“
Lena sagte: „Ein Mädchen aus dem Haus. Sie meinte, der Hund passt auf, dass die Post nach Hause findet.“
Ich sah auf das Bild.
Und plötzlich wurde mir wieder eng in der Brust.
Manchmal verstehen Kinder Dinge schneller als Erwachsene.
An der Ecke blieb Bisko stehen.
Ganz genau dort, wo er immer umgedreht hatte.
Lena blieb ebenfalls stehen.
Sie sah zu mir, als warte sie auf eine Anweisung.
Ich sagte: „Jetzt sagen Sie ihm Danke.“
Sie beugte sich zu Bisko hinunter.
„Danke, alter Junge.“
Bisko blinzelte langsam.
Dann drehte er um und trottete zurück zu Nummer 18.
Ich blieb noch einen Moment an der Ecke stehen.
Lena neben mir.
„Es ist komisch“, sagte sie leise. „Ich habe den Beruf angefangen, weil ich Bewegung wollte. Frische Luft. Einen sicheren Ablauf. Nicht zu viel Büro.“
Sie sah Bisko nach.
„Aber niemand hat mir gesagt, dass man irgendwann Teil von fremden Leben wird.“
Ich nickte.
„Das merkt man nicht sofort. Erst, wenn jemand auf einen wartet.“
Von da an ging ich nicht jeden Tag hin.
Das wäre nicht richtig gewesen.
Lena brauchte ihre eigene Runde. Bisko musste lernen, dass auch neue Schritte nach Hause führen können.
Aber einmal in der Woche ging ich zum Ahornweg.
Meistens freitags.
Ich brachte keine großen Geschenke mit. Nur manchmal Hundekekse. Manchmal ein Stück Kuchen für Frau Keller. Manchmal gar nichts.
Nur mich.
Frau Keller stellte dann Kaffee auf den kleinen Gartentisch.
Bisko lag neben unseren Füßen und tat so, als würde er schlafen.
Aber sobald irgendwo ein Postwagen hielt oder ein Schlüsselbund klirrte, hob er den Kopf.
Frau Keller erzählte mir nach und nach von ihrem Mann.
Er hieß Paul.
Ich hatte ihn nie kennengelernt, obwohl ich acht Jahre lang in seinen Spuren gelaufen war.
Paul war kein Mann großer Worte gewesen, sagte sie.
Er hatte morgens leise seine Schuhe angezogen, damit sie weiterschlafen konnte. Er hatte im Winter die Handschuhe auf die Heizung gelegt. Er hatte nie vergessen, welcher Nachbar Angst vor Hunden hatte und wo ein Kind Geburtstag hatte.
„Er hat selten gesagt, dass er Menschen mag“, sagte Frau Keller. „Aber er hat sich gemerkt, wenn jemand krank war.“
Ich sah zu Bisko.
„Dann war er ein guter Zusteller.“
Frau Keller lächelte.
„Ein guter Mensch. Der Beruf kam nur dazu.“
Eines Freitags lag auf dem Gartentisch eine alte Fotografie.
Ein Mann in Zustelljacke stand vor Nummer 18.
Jünger als ich. Breitere Schultern. Ein etwas schiefes Lächeln.
Neben ihm ein junger Bisko, noch mit dunkler Schnauze und wachen Augen.
„Das ist Paul“, sagte Frau Keller.
Ich nahm das Foto vorsichtig in die Hand.
Bisko war darauf kaum wiederzuerkennen. Kräftig, stolz, mit diesem Blick, den er immer noch hatte.
Nur der Körper war älter geworden.
Der Auftrag nicht.
„Darf Lena das sehen?“, fragte ich.
Frau Keller nickte.
„Ich glaube, sie sollte wissen, mit wem sie arbeitet.“
In der nächsten Woche brachte ich Lena das Foto.
Wir trafen uns an der Ecke zum Ahornweg.
Sie nahm es mit beiden Händen.
Lange sagte sie nichts.
Dann flüsterte sie: „Also hat er wirklich schon einmal jemanden heimgebracht.“
„Ja“, sagte ich. „Und dann mich.“
Lena sah zu Nummer 18.
Bisko wartete am Zaun.
„Dann muss ich mich wohl benehmen.“
„Unbedingt.“
Sie steckte das Foto vorsichtig in die Innentasche ihrer Jacke.
Nicht lange danach passierte etwas, das mir Angst machte.
Es war ein Mittwoch.
Ich war zu Hause und sortierte alte Unterlagen aus. Dinge, die man jahrzehntelang aufhebt, weil man glaubt, sie irgendwann zu brauchen.
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