Ich lachte zuerst.
Dann bemerkte ich, dass Arne tatsächlich vor dem Teich stehen blieb und minutenlang die Enten beobachtete.
Ich hatte seit Jahren nichts mehr minutenlang angesehen.
Ohne Bildschirm.
Ohne gleichzeitig Nachrichten zu beantworten.
Ohne dabei über den nächsten Termin nachzudenken.
Trotzdem versuchte ich weiterhin, zwei Leben gleichzeitig zu führen.
Tagsüber war ich Wiebke aus Hamburg.
Schnell.
Zuverlässig.
Immer erreichbar.
Abends wurde ich die Frau, die lernte, welche Sicherung im Keller für die Küche zuständig war und dass Arne sein Trockenfutter nicht fraß, wenn man seine Tablette sichtbar darauflegte.
Es funktionierte.
Eine Weile.
Dann kam der Dienstag, an dem alles auseinanderbrach.
Drei Wochen nach meiner Ankunft erhielt unser Team kurzfristig einen wichtigen Auftrag.
Eine große Präsentation wurde auf Dienstag, 14 Uhr, gelegt.
Teilnahme verpflichtend.
Ich las die Nachricht zweimal.
Dienstag.
Seit unserem ersten gemeinsamen Rundgang hatte ich Arnes Runde kaum noch selbst geschafft.
An den meisten Tagen bezahlte ich einen Jugendlichen aus der Nachbarschaft dafür, mit ihm hinauszugehen.
Arne kam anschließend müde zurück.
Aber nicht zufrieden.
Er wartete auch nicht mehr mit der Leine an der Tür.
Das hätte mir auffallen müssen.
Tat es aber nicht.
Um 13.50 Uhr zog ich eine Bluse an und überprüfte meine Unterlagen.
Arne lag im Flur.
Um 13.54 Uhr stand er auf.
Er ging zur Haustür.
„Heute nicht, Arne.“
Er sah mich an.
Dann kratzte er an der Tür.
„Du warst heute Morgen draußen.“
Er winselte.
Es war ein dünnes, ungewöhnliches Geräusch.
Ich setzte mein Headset auf.
Da sackten seine Hinterbeine weg.
„Arne?“
Ich rannte zu ihm.
Er lag auf der Seite und hechelte heftig.
Sein ganzer Körper zitterte.
Mein Laptop gab einen Ton von sich.
Die Besprechung begann.
Ich kniete auf dem Boden und legte meine Hand auf Arnes Brust.
Sein Herz raste.
In diesem Moment dachte ich nicht an irgendeine romantische Lebensweisheit.
Ich hatte Angst.
Echte Angst.
Vielleicht war er krank.
Vielleicht brauchte er einen Tierarzt.
Vielleicht hatte ich drei Wochen lang nicht gesehen, wie sehr ihn all die Veränderungen belasteten.
Auf dem Bildschirm erschien eine Nachricht meines Vorgesetzten.
Wir warten auf dich.
Ich schrieb zurück:
Ich habe einen dringenden familiären Notfall und kann heute nicht teilnehmen.
Mehr nicht.
Dann klappte ich den Laptop zu.
Ich rief in der Tierarztpraxis an.
Die Mitarbeiterin hörte sich meine Beschreibung an und sagte, ich solle ihn vorsichtshalber vorbeibringen.
Eine halbe Stunde später saß ich mit Arne im Behandlungszimmer.
Sein Kreislauf war stabil.
Sein Herz ebenfalls.
Der Tierarzt erklärte mir, dass ältere Hunde auf Verlust, neue Abläufe und Stress sehr empfindlich reagieren können. Ob dieser Zusammenbruch ausschließlich damit zusammenhing, konnte niemand sicher sagen.
Aber Arne brauchte Ruhe.
Verlässlichkeit.
Und wegen seines Alters regelmäßige Kontrollen.
Als wir die Praxis verließen, stand er vor meinem Auto und blickte Richtung Ortsmitte.
Dienstag.
„Du gibst wirklich nicht auf, oder?“
Sein Schwanz bewegte sich.
Ich half ihm ins Auto.
Wir fuhren zur Postfiliale.
Kaum stand Arne auf dem Gehweg, hob er den Kopf.
Der Zusteller kam heraus.
„Da bist du ja.“
Arnes Schwanz schlug hin und her.
Wir gingen weiter.
Langsam.
Sehr langsam.
In der Bäckerei bekam er sein Stückchen Brötchen.
Auf der Bank wartete der alte Mann mit seiner Zeitung.
„Alles in Ordnung mit ihm?“
„Ich hoffe.“
Wir setzten uns.
Mein Handy vibrierte in meiner Tasche.
Mehrmals.
Ich ließ es dort.
Arne lag vor meinen Füßen.
Zum ersten Mal seit Tagen wirkte sein Körper völlig entspannt.
Ich sah Menschen vorbeigehen.
Eine Frau schob ein Fahrrad.
Zwei Kinder stritten darüber, wer einen Ball tragen durfte.
Irgendwo klapperte Geschirr.
Nichts Besonderes geschah.
Und vielleicht war genau das der Punkt.
Am nächsten Morgen erhielt ich einen Anruf.
Mein Chef war nicht wütend.
Das wäre fast leichter gewesen.
Er sprach ruhig.
Sehr sachlich.
Er erklärte mir, dass meine derzeitige Situation nicht mehr zu den Anforderungen meiner Position passe. Man brauche jemanden, der bei wichtigen Terminen uneingeschränkt verfügbar sei.
Wir sprachen lange.
Am Ende stand fest, dass wir uns trennen würden.
Ich saß danach fast eine Stunde am Küchentisch.
Vor mir lag ein Block.
Ich schrieb Zahlen auf.
Ersparnisse.
Nebenkosten.
Versicherung.
Reparaturen am Haus.
Arnes Tierarztkosten.
Zum ersten Mal bekam ich richtig Angst vor meiner Entscheidung.
Es gab keine magische Sicherheit.
Keine Garantie, dass alles gut werden würde.
Ein geerbtes Haus bezahlt keine laufenden Rechnungen.
Ein glücklicher Hund auch nicht.
Ich hatte nicht plötzlich aufgehört, ein vernünftiger Mensch zu sein.
Am Nachmittag klingelte es.
Marianne stand vor der Tür.
In den Händen hielt sie eine Auflaufform.
„Du siehst aus, als könntest du etwas Warmes gebrauchen.“
Ich musste lachen.
„Sie wissen doch gar nicht, was passiert ist.“
„Doch.“
Natürlich wusste sie es.
In kleinen Orten verbreiten sich manche Nachrichten schneller als jede Rundmail.
Am nächsten Tag kam der Zusteller vorbei.
Nicht mit einem Paket.
Mit einem Hinweis.
„Im Rathaus suchen sie jemanden für ein befristetes Projekt.“
„Im Rathaus?“
„Ja. Stadtentwicklung. Leerstände, Veranstaltungen, ein bisschen Planung. Ich verstehe davon nichts.“
Er deutete auf mich.
„Du angeblich schon.“
„Wer sagt das?“
„Gerlinde.“
Ich starrte ihn an.
„Gerlinde ist tot.“
„Ja.“
Er grinste.
„Aber die hat jahrelang jedem erzählt, ihre Wiebke könne Dinge organisieren, von denen normale Menschen Kopfschmerzen bekommen.“
Ich bewarb mich.
Nicht aus Schicksalsglauben.
Sondern weil ich Arbeit brauchte.
Zwei Wochen später saß ich in einem kleinen Büro im Rathaus.
Mein Gehalt war deutlich niedriger als vorher.
Meine Aufgaben waren weniger prestigeträchtig.
Dafür brauchte ich keine drei Bildschirme und keine Nachrichten nach 22 Uhr.
Und dienstags?
Dienstagnachmittags arbeitete ich nur bis eins.
Das hatte nichts mit einer Sonderregel zu tun.
Ich konnte meine Stunden flexibel verteilen.
Also tat ich es.
Seitdem läuft Arne jeden Dienstag dieselbe Runde.
Postfiliale.
Bäckerei.
Bank.
Manchmal braucht er inzwischen fast eine Stunde dafür.
Seine Beine werden schwächer.
An manchen Tagen bleiben wir schon nach wenigen hundert Metern stehen.
Dann setze ich mich eben neben ihn.
Ein paar Monate später öffnete ich Gerlindes grünes Notizbuch wieder.
Hinter ihrer letzten Seite waren noch viele Blätter frei.
Ich nahm einen Kugelschreiber.
Dann schrieb ich:
Dienstag: Nicht vergessen.
Arne braucht diese Runde nicht nur wegen der Bewegung.
Ich inzwischen auch nicht.
Ich blätterte weiter.
Dann ergänzte ich noch etwas.
Erfolg bedeutet vielleicht nicht, dass immer alles nach Plan läuft.
Vielleicht bedeutet er manchmal nur, dass jemand sicher weiß: Wenn ich auf dich warte, kommst du.
Arne lag währenddessen vor der Haustür.
Sein Kopf ruhte auf Gerlindes alten Filzpantoffeln.
Die hätte ich längst wegwerfen können.
Ich habe es nie getan.
Manchmal, wenn ich morgens die Treppe hinunterkomme, hebt Arne den Kopf und sieht mich an.
Nicht begeistert.
Nicht dramatisch.
Nur ruhig.
Als wollte er prüfen, ob ich noch da bin.
Dienstags brauche ich keine Erinnerung mehr.
Kurz nach dem Mittagessen steht er auf.
Er geht zur Garderobe.
Nimmt seine Leine ins Maul.
Und wartet.
Heute lasse ich ihn nie lange warten.






