Als unser Schlauchboot um die Ecke trieb, ragte nur noch die Schnauze des Hundes aus dem braunen Wasser. Bei jedem Versuch, zu uns zu kommen, riss ihn die Kette am Halsband zurück zum Zaun.
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas.
Dann hörte ich dieses Geräusch wieder.
Kein richtiges Bellen.
Mehr ein Husten, nass und schwach.
„Stopp!“, rief ich.
Thomas nahm sofort das Gas zurück.
Ich heiße Katrin Berger, war damals 39 und half ehrenamtlich bei einer Hochwasser-Rettungsgruppe im Raum Passau.
Wir waren seit Stunden unterwegs, holten Menschen aus Häusern, brachten Haustiere in Sicherheit und kontrollierten Straßen, die längst wie kleine Flüsse aussahen.
An diesem Vormittag saßen außer mir noch Thomas Reuter, 46, und Lukas Kern, 27, im Boot.
Wir hatten schon viel gesehen.
Überflutete Wohnzimmer.
Autos, aus denen nur noch das Dach ragte.
Einkaufstaschen, Gartenstühle und Kinderspielzeug, die zwischen den Häusern trieben.
Aber diesen Hund werde ich nie vergessen.
Er stand in einem vollständig überfluteten Garten neben einem Maschendrahtzaun.
Ein großer Schäferhund-Mischling.
Schwarzbraunes Fell.
Graue Haare um die Schnauze.
Vielleicht sechs oder sieben Jahre alt.
Das Wasser reichte ihm bereits bis unter den Kiefer.
Sein Halsband war an einer schweren Kette befestigt. Die Kette verschwand unter der Wasseroberfläche und führte zu einem Zaunpfosten.
Als der Hund unser Boot sah, versuchte er nach vorne zu springen.
Die Kette spannte sich.
Sein Kopf wurde nach hinten gerissen.
Für einen Sekundenbruchteil verschwand seine Nase unter Wasser.
Dann kämpfte er sich wieder hoch.
Lukas fluchte leise.
„Der ist festgekettet.“
Ich hatte das Sicherungsseil bereits in der Hand.
Thomas sah auf die Strömung im Garten.
„Katrin, da zieht es ordentlich.“
„Ich weiß.“
„Wir gehen nicht alle rein.“
Lukas griff nach dem Bolzenschneider.
Ich nahm ihn ihm ab.
„Du sicherst mit Thomas.“
Noch bevor einer von beiden antworten konnte, befestigte ich das Seil an meiner Weste und stieg über den Bootsrand.
Das Wasser packte meine Beine sofort.
Unter der Oberfläche konnte ich den Boden kaum fühlen. Irgendwo mussten Gehwegplatten sein, aber Schlamm, Äste und Müll lagen darüber.
Der Hund beobachtete jeden meiner Schritte.
Er zitterte so stark, dass sich kleine Wellen um seinen Hals bildeten.
„Ich komme“, sagte ich.
Ich weiß nicht, ob Hunde solche Sätze verstehen.
Aber seine Augen blieben auf meinem Gesicht.
Noch vier Meter.
Noch drei.
Dann rutschten seine Vorderpfoten ab.
Sein Kopf verschwand.
„Katrin!“
Ich warf mich nach vorne.
Das Wasser stand mir inzwischen bis zur Brust.
Thomas hielt mein Sicherungsseil straff, während ich mich gegen die Strömung schob.
Plötzlich tauchte der Hund wieder auf.
Er hustete.
Seine Augen waren weit geöffnet.
Ich erreichte ihn und legte eine Hand unter seinen Hals.
„Bleib bei mir.“
Aus der Nähe sah ich, wie dünn er war.
Das nasse Fell klebte an seinen Rippen. Unter dem Halsband war die Haut gerötet. Die Kette zog schräg nach unten.
Ich tastete ihr entlang.
Der Verschluss lag unter Wasser.
Ein Vorhängeschloss.
Ich musste zweimal fühlen, weil ich es zuerst nicht glauben wollte.
Das Tier war nicht einfach mit einer Leine irgendwo angebunden worden.
Die Kette war fest am Pfosten verschlossen.
„Schloss!“, rief ich.
Lukas warf mir ein zusätzliches Seil zu.
Ich zog es vorsichtig unter den Vorderbeinen des Hundes hindurch.
Er wehrte sich nicht.
Kein Knurren.
Kein Schnappen.
Er stand einfach da und ließ alles mit sich machen.
Das war fast schlimmer.
Dieser Hund hatte offenbar begriffen, dass wir seine letzte Chance waren.
Ich setzte den Bolzenschneider unter Wasser an.
Er rutschte ab.
Noch einmal.
Wieder daneben.
Die Strömung drückte meine Arme gegen den Zaun.
„Das Wasser steigt!“, rief Thomas.
„Noch einmal!“
Der Hund sank tiefer.
Thomas und Lukas zogen vorsichtig am zusätzlichen Seil und nahmen damit etwas Druck von seinem Halsband.
Ich fand einen Kettenglied.
Setzte die Schneiden an.
Drückte.
Nichts.
Meine Schultern brannten.
Ich veränderte den Winkel.
Der Hund hustete.
Ich drückte noch einmal.
Dann hörte ich ein dumpfes Knacken.
Die Kette gab nach.
Für einen Moment stand der Hund einfach da.
Als hätte sein Körper noch nicht verstanden, dass nichts mehr an ihm zog.
Dann erfasste ihn die Strömung.
Ich packte ihn um die Brust.
„Ziehen!“
Thomas und Lukas holten das Seil ein.
Gemeinsam bekamen wir ihn zum Boot.
Lukas beugte sich weit über den Rand und griff unter seine Vorderbeine. Thomas hielt dagegen. Schließlich rutschte der Hund über die Bordkante und landete völlig erschöpft auf dem Boden.
Ich kletterte hinterher.
Meine Knie zitterten.
Der Hund versuchte aufzustehen.
Er schaffte es nicht.
Stattdessen kroch er wenige Zentimeter über den Boden des Bootes.
Dann legte er seinen Kopf auf meinen Stiefel.
Da musste ich weinen.
Nicht lange.
Nicht laut.
Aber ich konnte es nicht verhindern.
Lukas wickelte ihn in eine Decke.
„Wie nennen wir ihn?“
Ich betrachtete das abgebrochene Stück Kette, das noch am Halsband hing.
„Anker“, sagte ich.
Thomas sah mich an.
Ich strich über die nasse Stirn des Hundes.
„Weil sie ihn wie einen festhalten wollten.“
Später sollte dieser Name etwas völlig anderes bedeuten.
Anker blieb während unserer nächsten Einsätze im Boot.
Wir konnten nicht sofort zurückfahren. In mehreren Häusern warteten noch Menschen auf Hilfe.
Er lag zwischen meinen Füßen und zitterte unter der Decke.
Jedes Mal, wenn irgendwo eine Tür schlug, hob er den Kopf.
Als würde er auf jemanden warten.
Am provisorischen Sammelpunkt hatten Helfer einen Bereich für verletzte Tiere eingerichtet.
Eine Tierärztin namens Miriam Wolf untersuchte Anker.
Seine Körpertemperatur war zu niedrig.
Er hatte Wasser eingeatmet.
Seine Beine waren voller kleiner Schnitte.
Unter dem Halsband fanden sich Druckstellen.
Und er war deutlich zu dünn.
„Er hatte Glück“, sagte Miriam.
Ich sah sie an.
„Glück?“
Sie nickte in Richtung seiner Lunge.
„Noch etwas länger im Wasser, und wir hätten vermutlich nichts mehr machen können.“
Dieser Satz blieb in meinem Kopf.
Noch etwas länger.
Vielleicht zehn Minuten.
Vielleicht fünf.
Vielleicht weniger.
Später erfuhren wir von einem älteren Nachbarn, dass die Bewohner des Hauses früh weggefahren waren.
Er hatte gesehen, wie Taschen, Kisten und verschiedene Dinge in zwei Fahrzeuge geladen wurden.
Auch ein kleiner Hund sei mitgenommen worden.
Der große Hund im Garten nicht.
Der Nachbar hatte noch gerufen und auf ihn aufmerksam gemacht.
Einer der Bewohner soll geantwortet haben, jemand werde sich schon kümmern.
Aber niemand hatte Hilfe angefordert.
Ich versuchte lange, nicht darüber nachzudenken.
Es gelang mir nicht.
Naturkatastrophen sind grausam genug.
Manchmal kann niemand etwas dafür, dass Wasser steigt oder Häuser unbewohnbar werden.
Aber eine verschlossene Kette ist keine Naturkatastrophe.
Anker blieb mehrere Tage in tierärztlicher Betreuung.
Ich besuchte ihn jeden Abend.
Beim ersten Mal hob er nur den Kopf.
Beim zweiten Mal stand er kurz auf.
Beim dritten Besuch wartete er bereits an der Tür seiner Box.
„Der kennt deine Schritte“, sagte Miriam.
„Unsinn.“
Sie lächelte.
„Dann probier es aus.“
Ich ging zurück auf den Flur.
Anker legte sich wieder hin.
Dann kam ich zurück.
Sofort stand er auf.
Ich musste lachen.
Gleich danach liefen mir Tränen über die Wangen.
Es gab noch etwas Merkwürdiges.
Anker hatte Angst vor Wassernäpfen.
Wenn der Napf fast voll war, ging er nicht heran.
Er schnupperte.
Dann wich er zurück.
Manchmal begann er sogar zu zittern.
Also nahmen wir eine flache Schale.
Nur wenig Wasser.
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