Der Schäferhund stand bis zum Hals im Hochwasser und hätte sich selbst retten können, doch er blickte nur auf einen Korb mit drei Kätzchen.
Als ich unter die Brücke kam, sah der Hund mich nur eine Sekunde lang an. Dann drehte er den Kopf wieder nach rechts, zu einem geflochtenen Korb, der auf einer schmalen Betonkante festhing.
Aus dem Korb kam ein dünnes Quieken.
Da wusste ich, dass es hier nicht nur um einen angeketteten Hund ging.
Ich heiße Martin, bin 57, verwitwet und arbeite seit fast vierzig Jahren als Kfz-Mechaniker. In unserem kleinen Motorradclub bin ich derjenige, der meistens vorne fährt, Werkzeug dabeihat und darauf achtet, dass keiner Unsinn macht.
Von außen sehen wir nicht gerade aus wie die Männer, denen man spontan sein Kaninchen anvertrauen würde. Lederwesten, graue Bärte, alte Tätowierungen, schwere Stiefel.
Aber wenn irgendwo jemand Hilfe braucht, fragen wir nicht lange.
An diesem Tag waren wir mit Decken, Tierfutter und Trinkwasser unterwegs zu einer provisorischen Sammelstelle am Stadtrand von Kassel.
Nach starken Regenfällen war ein kleiner Fluss über die Ufer getreten, mehrere Straßen waren gesperrt, und unter einer alten Straßenbrücke hatte jemand einen Hund bellen hören.
Ich fuhr als Erster hinunter.
Der Schäferhund war alt. Vielleicht neun oder zehn. Schwarzer Rücken, braune Beine, graue Schnauze. Ein Ohr stand gerade, das andere knickte an der Spitze leicht ein. Über seiner Nase verlief eine kleine halbmondförmige Narbe.
Um seinen Hals lag ein dunkles, durchnässtes Halsband.
Daran hing eine Kette.
Die Kette führte zu einem Metallring, der tief in einem Betonpfeiler befestigt war.
Jemand hatte dafür gesorgt, dass dieser Hund nicht wegkonnte.
Das Wasser stand ihm bereits bis unter das Maul.
Trotzdem sah er nicht mich an.
Er sah den Korb an.
Ich hörte wieder dieses feine Geräusch. Dann schob sich eine winzige Pfote über den Rand.
Ein Kätzchen.
„Verdammt“, sagte ich leise.
Ich ging ins Wasser.
Ich mochte tiefes Wasser noch nie. Mein Vater war bei einem Badeunfall gestorben, als ich neunzehn war. Seitdem bekam ich schon ein ungutes Gefühl, wenn ich den Grund nicht sehen konnte.
Aber darüber dachte ich in diesem Moment nicht lange nach.
Der Hund drückte sich dicht an den Pfeiler, damit die Strömung ihn nicht seitlich wegschob. Als ich seine Kette griff, spürte ich sofort das Vorhängeschloss.
Kein Spielraum.
Keine Möglichkeit, es mit der Hand zu öffnen.
Ich fasste sein Halsband.
Er knurrte nicht.
Er schnappte nicht.
Er streckte nur den Kopf an mir vorbei und versuchte wieder, den Korb zu sehen.
Als wollte er sagen: Nicht ich. Die da zuerst.
Oben hielten unsere Motorräder. Einer nach dem anderen kam den Hang herunter.
Ralf, 61, ehemaliger Feuerwehrmann, war als Erster bei mir. Breite Schultern, kahler Kopf, grauer Bart. Er sah den Hund, den Korb und die Strömung.
Mehr brauchte er nicht.
„Seil!“, rief er nach oben.
Innerhalb einer Minute standen sechs Leute am Ufer. Einer sicherte das Seil am Geländer, zwei andere bildeten eine Kette. Sabine, 49, Krankenpflegerin und die praktischste Person, die ich kenne, rannte zurück zu ihrem Kleintransporter.
„Bolzenschneider!“, rief ich.
„Kommt!“
Der Korb rutschte ein Stück.
Der Hund sprang nach vorn.
Die Kette riss ihn zurück.
Sein Kopf verschwand kurz unter Wasser.
Ich packte ihn unter der Brust und drückte ihn gegen den Pfeiler.
„Ganz ruhig, Großer.“
Er kämpfte nicht gegen mich.
Er kämpfte gegen die Entfernung zum Korb.
Dann löste sich der Korb vollständig von der Betonkante.
Er drehte sich in der Strömung.
Drei kleine Stimmen schrien gleichzeitig.
„Korb!“
Jürgen, bei uns nur der Küster genannt, weil er früher jahrelang Hausmeister einer Kirchengemeinde gewesen war, ging mit dem Sicherungsseil bis zur Hüfte ins Wasser. Ralf hielt ihn von hinten.
Ich sah, wie Jürgen nach dem Korb griff.
Zu kurz.
Noch einmal.
Diesmal erwischte er den beschädigten Henkel.
Im selben Moment kam Sabine mit dem Bolzenschneider zu mir.
Das Schloss lag fast komplett unter Wasser.
Ich tastete danach, zog die Kette hoch, Sabine setzte das Werkzeug an.
Der Winkel war schlecht.
„Noch mal“, sagte sie.
Der Hund rutschte mit den Hinterpfoten ab.
Ich zog ihn hoch.
Sabine drückte.
Metall knackte.
Das Schloss sprang auf.
Für einen einzigen Augenblick hielt Jürgen den Korb, ich hielt den Schäferhund und die anderen hielten uns.
Dann zogen wir gemeinsam.
Erst kam der Korb ans Ufer.
Darin lagen drei völlig durchnässte Kätzchen, vielleicht fünf Wochen alt. Zwei rote, ein graues mit weißen Pfoten.
Dann kam der Hund.
Er brach im Schlamm zusammen.
Nicht neben mir.
Neben dem Korb.
Er legte die Nase an das Geflecht und blieb dort liegen, bis eines der Kätzchen fiepte.
Erst dann schloss er kurz die Augen.
Wir dachten, das sei der ganze Wahnsinn dieser Geschichte.
War es nicht.
Sabine hatte ein Lesegerät für Tierchips im Wagen. Sie half öfter bei Fundtieren und hatte sich angewöhnt, das Ding mitzunehmen, wenn wir bei Einsätzen mit Tieren rechnen mussten.
Sie strich über den Hals des Schäferhunds und setzte das Gerät an.
Es piepte.
Sabine sah auf das Display.
Dann sah sie Ralf an.
„Der heißt Arko.“
„Kennst du den?“
„Nicht persönlich.“
Sie las weiter.
„Registriert als ehemaliger Rettungshund.“
Ralf kniete sich neben sie.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Wer war der Hundeführer?“
Sabine nannte einen Namen: Thomas Eberle.
Ralf wurde still.
Er hatte Thomas Jahre zuvor bei einer gemeinsamen Übung kennengelernt. Kein großer Held aus dem Fernsehen, kein Mann, über den ständig gesprochen wurde.
Einfach jemand, der mit seinem Hund in überflutete Keller, Trümmerfelder und unübersichtliche Waldgebiete ging, wenn andere Menschen dort nicht weiterkamen.
Thomas war im Jahr zuvor nach kurzer Krankheit gestorben.
Arko war danach zu einem entfernten Verwandten gekommen.
Damit begann der Teil, den ich bis heute schwer ertrage.
Später erfuhren wir, dass dieser Verwandte umgezogen war. Er behauptete, Arko sei weggelaufen.
Ein Anwohner hatte jedoch in der Nacht vor dem Hochwasser einen Transporter in der Nähe der Brücke gesehen.
Mehr will ich über diesen Menschen gar nicht sagen.
Er wurde überprüft. Die Sache wurde weitergegeben. Für mich war wichtig, was mit Arko geschah.
Beim Tierarzt kam die nächste Überraschung.
Unter seinem nassen Fell entdeckte Sabine an der Innenseite des Halsbands einen verblichenen orangefarbenen Stoffstreifen. Darauf war nur noch ein kurzes Wort zu erkennen.
BLEIB.
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