Eine Woche später stand ich wieder auf demselben Parkplatz.
Gleicher Nieselregen. Gleiche Uhrzeit. Gleicher Knoten im Bauch.
Nur Luis hing diesmal nicht brüllend über dem Einkaufswagen. Er saß vorne drin, die Gummistiefel gegen das Metall gestemmt, und hielt einen zerknitterten Zettel fest, auf den ich am Küchentisch rote Kreise, Brot, Äpfel und Kekse gemalt hatte.
„Was ist das?“, fragte er.
„Unsere Geheimwaffe“, sagte ich.
Er sah auf den Zettel, dann auf mich. „Du kannst gar nicht gut malen.“
„Das stimmt“, sagte ich. „Aber ich kann Kreise. Und der da heißt: Schokocreme mit rotem Deckel.“
Zum ersten Mal seit Tagen grinste er kurz.
Es war kein großes Grinsen. Eher so eines, das sofort wieder verschwinden konnte. Aber es war da.
Ich nahm den Wagen, zog den Kragen hoch und wir gingen rein.
Schon am Eingang spürte ich, wie mein Körper auf Alarm stellte. Als würde jeder Einkaufswagen in diesem Laden wissen, was letzte Woche auf dem Parkplatz passiert war. Als würden die Neonröhren flüstern: Na, schauen wir mal, wie lange du es diesmal schaffst.
Luis trommelte mit den Fingern auf den Zettel.
„Erst Brot“, sagte er.
„Erst Brot“, wiederholte ich.
„Dann Schokocreme.“
„Dann Schokocreme.“
„Dann die runden Kekse.“
„Nicht die langen“, sagte ich.
Er nickte ernst. „Nicht die langen.“
So gingen wir durch den Laden wie zwei Leute, die eine Sprache neu lernen. Langsam. Mit Fehlern. Mit viel Wiederholen.
Vor dem Brotregal zeigte ich auf ein dunkles Mischbrot. „Das?“
Luis schüttelte den Kopf.
„Das da?“
Wieder nein.
Dann zeigte er auf ein anderes. Nicht besonders schön. Nicht besonders gesund aussehend. Einfach das richtige.
„Das hat Mama immer genommen“, sagte er.
Ich wartete kurz. Früher hätte ich wahrscheinlich sofort etwas gesagt, um den Schmerz kleiner zu machen. So etwas wie: Ist doch fast dasselbe. Oder: Das andere ist aber besser.
Diesmal sagte ich nur: „Dann nehmen wir das.“
Er sah mich an, als hätte ich etwas Schweres richtig gehoben.
Bei der Schokocreme war das Regal halb leer.
Mein Herz schlug mir sofort bis in den Hals.
Ich sah einen braunen Deckel. Einen weißen. Einen goldenen. Aber keinen roten.
Luis hatte es auch schon gesehen.
Sein Gesicht veränderte sich nicht sofort. Es war schlimmer. Es wurde langsam enger. Die Stirn zog sich zusammen, der Mund wurde schmal, die Augen groß.
„Die ist weg“, sagte er.
„Vielleicht steht sie weiter hinten.“
Sie stand nicht weiter hinten.
Ich rückte Gläser zur Seite. Ich schaute oben, unten, sogar daneben, als könnte sich ein roter Deckel schämen und verstecken.
Nichts.
Luis’ Atem wurde schneller. „Die ist weg.“
Ich ging in die Hocke. „Ja.“
„Was jetzt?“
Die Frage war klein. Viel kleiner als sein Geschrei letzte Woche. Aber genau deshalb traf sie mich härter.
Was jetzt.
Nicht nur bei der Schokocreme. Überhaupt. Was jetzt, wenn das Richtige nicht da war. Wenn etwas fehlte, das man nicht ersetzen konnte. Wenn einer, der immer da gewesen war, plötzlich nicht mehr im Regal des Lebens stand, egal wie lange man suchte.
Ich schluckte.
„Jetzt“, sagte ich, „sagen wir nicht, dass alles okay ist. Weil es das nicht ist.“
Luis blinzelte.
„Und dann suchen wir zusammen nach etwas, das heute geht.“
Er starrte auf die Gläser. Dann auf mich. Dann wieder auf die Gläser.
Ich erwartete Tränen. Vielleicht auch Gebrüll. Ich war innerlich schon dabei, mich auf den Boden des Gangs zu setzen und alles auszuhalten.
Stattdessen zeigte er auf ein Glas mit blauem Deckel.
„Die hat Oma mal genommen“, sagte er.
Ich wusste nicht mal, dass er sich daran erinnerte.
„Dann probieren wir heute die mit dem blauen Deckel“, sagte ich vorsichtig.
„Aber nur heute.“
„Nur heute.“
Er nickte. Nicht überzeugt. Nicht glücklich. Aber bereit.
Ich nahm das Glas, als hätte ich gerade etwas Zerbrechliches gefangen.
An der Kasse fragte er plötzlich: „Kommt die Frau von letzter Woche auch immer freitags?“
Ich sah ihn an. „Welche Frau?“
„Die vom Parkplatz.“
Ich brauchte einen Moment.
„Ich weiß nicht“, sagte ich.
Er zog die Mütze tiefer in die Stirn. „Die war nett.“
„Ja“, sagte ich. „War sie.“
Mehr sagte er nicht.
Aber auf dem Heimweg dachte ich die ganze Zeit daran, dass Kinder sich manchmal ausgerechnet die Menschen merken, die nur zwei Sätze gesagt haben und trotzdem nicht weggeguckt haben.
Zu Hause schmeckte die Schokocreme mit dem blauen Deckel nicht nach Katastrophe.
Sie schmeckte auch nicht nach früher.
Einfach anders.
Luis probierte einen Bissen, machte ein Gesicht, als würde er eine wichtige Entscheidung treffen, und sagte dann: „Geht so.“
Ich lachte. „Das ist fast schon ein Lob.“
Er schob mir das Brot hin. „Du musst auch probieren.“
Also probierte ich.
„Und?“, fragte er.
„Geht so“, sagte ich.
Da lachte er richtig. Mit offenem Mund, zwei Krümeln an der Lippe und diesem kurzen hellen Geräusch, das man nach einem schlimmen Tag kaum noch erwartet.
Am selben Abend hängte ich den Zettel an den Kühlschrank.
Eigentlich nur, damit ich nächste Woche noch wusste, was aufgemalt war. Aber am Montag stand Luis davor und sagte: „Da fehlt Apfelsaft.“
„Stimmt“, sagte ich.
Er holte einen roten Buntstift und malte einen krummen Kasten daneben.
„Das ist Saft“, sagte er.
„Aha.“
„Und hier“, sagte er und malte einen schiefen Kreis, „ist der Käse, der nicht quietscht.“
„Käse quietscht?“
„Mancher schon.“
Von da an wurde der Zettel größer.
Nicht schöner. Aber größer.
Es kamen Sachen dazu, die ich nie auf eine Einkaufsliste geschrieben hätte. Nudeln in Tierform. Die kleinen Tomaten, nicht die großen. Bananen, die noch ein bisschen grün waren. Das Pflaster mit den Raketen. Der Joghurt, der „nicht traurig aussieht“, was immer das bedeutete.
Freitag wurde dadurch nicht leicht.
Aber er bekam einen Rand.
Etwas, woran man sich festhalten konnte.
Manchmal lief es gut. Manchmal überhaupt nicht.
An einem Freitag weinte Luis im Laden, weil ich den falschen Wagen genommen hatte.
„Nicht den mit dem wackelnden Rad!“, rief er, als hätte ich die Statik des Hauses gefährdet.
An einem anderen Freitag war alles in Ordnung, bis eine Mutter vor uns ihrem Kind die Mütze richtete und Luis plötzlich stocksteif wurde.
„Mama konnte Mützen besser“, sagte er im Auto.
Ich hatte an dem Tag Kopfschmerzen, Hunger und noch drei unbeantwortete Mails im Kopf. Alles in mir wollte sagen: Ich weiß. Oder: Ich gebe mir doch Mühe. Oder auch einfach gar nichts.
Aber ich erinnerte mich an den Parkplatz. An die ältere Frau. An den Satz mit der echten Wahrheit.
Also sagte ich: „Ja.“
Er drehte den Kopf zu mir.
„Mama konnte viele Sachen besser“, sagte ich. „Und manche konnte ich schon vorher besser. Zum Beispiel Pfannkuchen verbrennen.“
Sein Mund zuckte.
„Und manche Sachen können wir vielleicht zusammen lernen.“
„Welche?“
„Mützen. Schokocreme. Freitage.“
Er sah aus dem Fenster. Es regnete wieder.
Dann sagte er: „Du kannst schon besser Jacken zumachen.“
Das war, unter den Umständen, fast eine Auszeichnung.
Im Kindergarten wurde es im November schwerer.
Nicht, weil jemand böse war. Eher, weil die Welt so gebaut ist, dass ständig irgendwo eine Mutter auftaucht, selbst wenn gerade keine da ist.
Hier ein gemaltes Familienbild an der Garderobe. Da ein Lied, in dem von Mama die Rede war. Dann wieder ein anderes Kind, das ganz nebenbei sagte: „Meine Mama bringt freitags immer Schokobrötchen.“
Es reichte für Luis.
An einem Donnerstag stand ich in der Garderobe, halb in der Jacke, halb in Gedanken bei einer Rechnung, als seine Erzieherin leise zu mir sagte: „Heute war es ein bisschen viel.“
Luis saß auf der kleinen Holzbank, die Mütze in der Hand, und sah aus, als hätte er einen ganzen Tag lang gegen etwas Unsichtbares gekämpft.
Im Auto sagte er erst gar nichts.
Dann: „Finn hat gesagt, bei ihm holt immer seine Mama ab.“
Ich hielt am Straßenrand, weil ich plötzlich nicht mehr sicher war, ob ich noch ordentlich sah.
„Ja“, sagte ich.
„Und bei Emma auch.“
„Ja.“
Er starrte auf seine Hände. „Warum bei mir nicht?“
Das war der Moment, vor dem ich seit Monaten Angst hatte. Nicht vor dem Wort Tod. Das kannte er. Kinder lernen Wörter früher als Bedeutungen. Angst hatte ich vor dem Loch zwischen dem Wort und dem Alltag.
Warum bei mir nicht.
Weil das Leben manchmal etwas kaputtmacht, ohne zu fragen. Weil Krankenhäuser nichts versprechen. Weil ich ihr die Hand gehalten hatte und trotzdem nichts halten konnte. Weil ein vierjähriges Kind keinen Satz braucht, der groß klingt und am Ende doch nur leer ist.
Also sagte ich die kleinste Wahrheit, die ich hatte.
„Weil Mama tot ist.“
Er nickte, als hätte er das schon gewusst.
„Aber warum bei uns?“
Da war er wieder. Dieser Satz, auf den es keine gute Antwort gibt.
Ich legte die Stirn kurz aufs Lenkrad. Nicht lange. Nur einmal tief atmen.
Dann drehte ich mich zu ihm.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich.
Er sah mich an, als hätte ich einen Test bestanden.
Vielleicht war das das Bitterste und gleichzeitig das Wichtigste an dieser ganzen Zeit: Kinder verzeihen vieles. Müdigkeit. Fehler. Falsche Schokocreme. Was sie nicht gut aushalten, ist Ausweichen.
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