Der Fremde gab einer Kellnerin 400 Euro – Wochen später erfuhr sie, wer wirklich vor ihr saß

Mia sah ihn ernst an.

„Wenn ich einen Papa hätte, sollte er ungefähr so sein wie du.“

Jana stand hinter ihr.

Sie hatte alles gehört.

„Mia…“

„Was?“

„Thomas ist unser Freund.“

„Ich weiß.“

Thomas kniete sich neben Mia.

„Das ist wahrscheinlich das schönste Bild, das ich jemals bekommen habe.“

Später schlief Mia auf der Eckbank.

Jana deckte sie mit einer Wolldecke zu.

Thomas betrachtete das Bild.

Er wusste, dass er nicht länger schweigen konnte.

„Jana.“

„Hm?“

„Ich muss Ihnen etwas erzählen.“

Sie setzte sich.

„Das klingt ernst.“

„Ist es.“

Thomas legte beide Hände um seine Kaffeetasse.

„Ich war nicht ganz ehrlich.“

Janas Gesicht veränderte sich.

„Sind Sie verheiratet?“

„Nein.“

„Haben Sie Schulden?“

Fast hätte er gelacht.

„Nein.“

„Dann sagen Sie es.“

Thomas atmete tief ein.

„Mein Name ist tatsächlich Thomas Berger.“

Sie wartete.

„Ich bin Gründer eines großen Softwareunternehmens.“

Noch immer keine Reaktion.

Dann nannte er den Namen.

Janas Gesicht erstarrte.

Sie kannte das Unternehmen.

Fast jeder kannte es.

„Der Thomas Berger?“

Er nickte.

„Der Unternehmer?“

„Ja.“

„Der…“

Sie brach ab.

Thomas nickte erneut.

„Ja.“

Jana stand so schnell auf, dass der Tisch wackelte.

„Das kann nicht Ihr Ernst sein.“

„Doch.“

„Warum haben Sie nichts gesagt?“

„Weil ich nicht wollte, dass Sie mich anders behandeln.“

„Also haben Sie lieber mich belogen?“

„Ich wollte Sie nicht belügen.“

„Was war es dann?“

Ihre Stimme blieb leise, damit Mia nicht aufwachte.

Gerade deshalb traf sie härter.

„War das hier irgendein Experiment für Sie?“

„Nein.“

„Der reiche Mann spielt ein paar Wochen normales Leben?“

„Jana.“

„Haben Sie im Büro davon erzählt?“

„Nein!“

„Haben Sie sich über meine 250-Euro-Probleme amüsiert?“

Thomas stand auf.

„Niemals.“

„Für Sie sind 250 Euro nichts.“

„Das stimmt.“

Jana lachte bitter.

„Wenigstens das geben Sie zu.“

„Aber für Sie waren sie etwas. Genau das hat mich verändert.“

„Wie schön für Sie.“

„Bitte.“

Sie verschränkte die Arme.

Thomas suchte nach Worten.

„Als ich hier zum ersten Mal reinkam, war ich vollkommen leer.“

Jana sagte nichts.

„Ich hatte Geld. Häuser. Mitarbeiter. Einfluss. Aber niemand wartete auf mich.“

Er zeigte auf das Bild.

„Niemand malte mich auf ein Blatt Papier.“

Janas Gesicht wurde weicher, aber nur ein wenig.

„Sie hätten trotzdem ehrlich sein müssen.“

„Ja.“

„Von Anfang an.“

„Ja.“

„Warum waren Sie es nicht?“

Thomas sah zu Mia.

„Weil ich Angst hatte, dass es dann aufhört.“

„Was?“

„Dass Sie mich fragen, ob ich noch Kaffee möchte, statt ob ich investieren will.“

Jana schwieg.

„Dass Herr Krüger mich wegen meiner schlechten Witze auslacht.“

Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Dass Mia mich Thomas nennt.“

Er atmete aus.

„Hier war ich einfach ein Mensch.“

Jana setzte sich langsam wieder.

„Und was passiert jetzt?“

„Was meinen Sie?“

„Sie haben Ihre Erfahrung gemacht. Sie wissen jetzt, wie gewöhnliche Leute leben. Dann fahren Sie zurück in Ihr richtiges Leben.“

Thomas setzte sich ihr gegenüber.

„Jana, das hier ist inzwischen mein richtiges Leben.“

Sie blickte ihn an.

„Sie kennen mich kaum.“

„Ich weiß, wie Sie morgens zuerst Herrn Krüger Kaffee bringen, weil seine Hände manchmal zittern.“

Jana schwieg.

„Ich weiß, dass Sie Mia die Erdbeeren aus Ihrem Obstsalat geben, weil sie die am liebsten mag.“

Ihre Augen wurden feucht.

„Ich weiß, dass Sie jeden Mittwoch Frau Scholz eine Suppe einpacken und so tun, als wäre sie übrig geblieben.“

„Thomas…“

„Und ich weiß, dass ich mich in Sie verliebt habe.“

Stille.

Aus der Küche summte der Kühlschrank.

Jana blinzelte.

„Das dürfen Sie nicht einfach sagen.“

„Warum?“

„Weil Sie alles kompliziert machen.“

„Ich weiß.“

„Sie sind… Sie.“

„Und Sie sind Sie.“

„Ich habe 3.600 Euro auf meinem Sparkonto.“

Thomas lächelte traurig.

„Dann haben Sie vermutlich mehr vernünftig gespart als ich mit 35.“

„Das ist nicht lustig.“

„Nein.“

Er beugte sich vor.

„Ich will Sie nicht kaufen. Ich will Sie nicht retten. Ich möchte nur die Chance bekommen, zu bleiben.“

Jana blickte zu ihrer schlafenden Tochter.

„Und Mia?“

„Ich liebe sie.“

„Sagen Sie so etwas nicht leichtfertig.“

„Tue ich nicht.“

„Sie kann nicht noch einmal jemanden verlieren.“

Thomas nickte.

„Dann werde ich ihr beweisen müssen, dass ich bleibe.“

Es gab keinen märchenhaften Kuss in dieser Nacht.

Keine schnelle Entscheidung.

Jana brauchte Monate.

Thomas akzeptierte das.

Er kam weiter in die Kaffeestube.

Er fuhr Mia zum Schwimmunterricht, wenn Jana Spätschicht hatte.

Er saß bei ihrem ersten Schulkonzert in der zweiten Reihe und filmte fast zehn Minuten lang die falsche Kindergruppe, bevor Jana es bemerkte.

Sie lachte Tränen.

Thomas lernte, dass Sonntage nicht für Geschäftsessen reserviert sein mussten.

Man konnte Pfannkuchen machen.

Man konnte spazieren gehen.

Man konnte auf einem Sofa liegen und darüber streiten, welchen Film man schaute.

Als Jana ihre Weiterbildung wieder aufnehmen wollte, bot Thomas an, die Gebühren zu übernehmen.

Sie sagte zuerst Nein.

„Dann als Darlehen.“

„Auch nein.“

„Dann als Stipendium.“

„Noch schlimmer.“

Am Ende fanden sie einen Kompromiss.

Thomas bezahlte die Weiterbildung.

Jana bestand darauf, später einen Teil des Geldes an eine andere alleinerziehende Mutter weiterzugeben.

„Dann wandert es weiter“, sagte sie.

Thomas dachte an seinen Vater.

Gib es irgendwann jemandem, der es braucht.

Er sagte:

„Abgemacht.“

Als Janas alter Mietvertrag auslief und sie keine bezahlbare neue Wohnung fand, wollte Thomas ihr zunächst ein Haus schenken.

Jana sah ihn nur an.

„Versuchen Sie es noch einmal.“

Thomas räusperte sich.

„Darf ich ein Haus kaufen, in dem wir vielleicht irgendwann gemeinsam wohnen?“

„Schon besser.“

Es wurde kein Anwesen.

Kein Tor.

Kein Pool.

Es war ein schlichtes Haus in derselben Gegend.

Mit kleinem Garten.

Einer Küche, die etwas zu eng war.

Und einer Garage, in die Thomas‘ alter Kombi gerade so hineinpasste.

Achtzehn Monate nach jenem ersten Kaffee heirateten Thomas und Jana.

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