Von da an nannte Jonas ihn nur noch den Wäschemann.
An einem verregneten Donnerstag kam Katrin spät nach Hause.
In der Bibliothek hatte es eine Krisensitzung gegeben. Die Stadtverwaltung plante neue Kürzungen, und mehrere Nachmittagsangebote standen auf der Kippe.
Eltern hatten Fragen gestellt, die Katrin nicht beantworten konnte.
Wer sollte auf ihre Kinder aufpassen, wenn sie bis abends arbeiteten?
Wohin sollten Jugendliche gehen, deren Wohnungen zu eng und zu laut für Hausaufgaben waren?
Was geschah mit den Rentnern, die jeden Mittwoch zum Lesekreis kamen, weil zu Hause niemand mehr auf sie wartete?
Katrin öffnete den Kühlschrank.
Vier Eier.
Ein Apfel.
Ein Becher Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum sie lieber nicht genauer betrachtete.
In diesem Moment klopfte Johannes.
Er hatte Essen bestellen wollen, doch der Lieferdienst hatte seine Bestellung vertauscht. Statt zweier warmer Gerichte hatte er eine Portion Krautsalat, zwei Limonaden und eine Schale Leber bekommen.
Jonas sah in die Tüte.
„Das ist kein Abendessen. Das ist ein Tatort.“
Also aßen sie Rührei, Nudeln, Apfelschnitze und den Krautsalat, den alle zunächst ablehnten und dann vollständig aufaßen.
Johannes saß an Katrins kleinem Küchentisch.
Die Teller hatten blaue Blumen am Rand und stammten noch von ihrer Mutter. Einer war abgesplittert. Der Tisch wackelte, wenn man sich zu stark darauflehnte.
Johannes verzog keine Miene.
Er bot kein Geld an, als er die Rechnungen sah, die mit Magneten am Kühlschrank befestigt waren. Er machte auch keine Bemerkung über Jonas’ abgetragenen Turnbeutel oder den Einkaufszettel, auf dem Katrin hinter mehreren Dingen ein Fragezeichen notiert hatte.
Dafür betrachtete er lange ein Bild am Gefrierschrank.
Jonas hatte seine Mutter unter eine gelbe Sonne gemalt. In einer Hand hielt sie ein Buch, in der anderen eine Einkaufstasche.
Darüber stand in krakeliger Schrift:
Mama ist müde, gewinnt aber trotzdem.
Johannes las den Satz.
Dann schaute er weg, bevor Katrin sich beobachtet fühlen konnte.
Nach dem Essen spülte er ab.
Schlecht.
Wieder bildete sich mehr Schaum als nötig, wenn auch diesmal ohne Überschwemmung.
Jonas stand in der Tür.
„Besser als Wäsche“, urteilte er. „Aber immer noch verdächtig.“
Johannes nahm die Bewertung ernst.
Später schlief Jonas auf dem Sofa ein, den reparierten Roboter im Arm.
Katrin erzählte Johannes von der Bibliothek.
Nicht die schöne Version aus den Jahresberichten. Die echte.
Von Kindern, die nach der Schule kamen, weil ihre Eltern Schicht arbeiteten.
Von alten Menschen, die dieselbe Zeitung zweimal lasen, damit sie nicht schon um drei Uhr zurück in ihre leere Wohnung mussten.
Von Jugendlichen, die im Winter länger blieben, weil es dort warm war.
Johannes hörte zu.
Begriffe, die in seinem Unternehmen jahrelang harmlos geklungen hatten, bekamen plötzlich Gesichter.
Teilnahmequote.
Abbruchrisiko.
Familiäre Stabilität.
Nutzungsverhalten.
In Besprechungen waren daraus Tabellen und farbige Kurven geworden. In Katrins Küche waren es Menschen, die ihre Rechnungen am Kühlschrank befestigten und abends Nudeln mit Ei aßen.
Kurz vor Mitternacht wachte Jonas auf.
„Wäschemann?“
„Ja?“
„Wenn du dich versteckst, hast du dann etwas Böses gemacht? Oder hat dir jemand wehgetan?“
Der Raum wurde still.
Johannes hätte lügen können.
Er hätte sagen können, alles sei ein Missverständnis. Erwachsene waren gut darin, unangenehme Wahrheiten weich zu verpacken.
Stattdessen sagte er: „Manchmal nennen Erwachsene etwas einen Fehler, weil sie zu feige sind, es Verantwortung zu nennen.“
Jonas runzelte die Stirn.
„Das klingt nach richtig großem Schulärger.“
„So ähnlich.“
Katrin sah Johannes danach anders an.
Eine Stunde später klingelte sein Telefon.
Eine Mitarbeiterin aus seinem alten Vorstandsteam warnte ihn, ein Reporter habe seinen Aufenthaltsort eingegrenzt. Vielleicht nur auf Köln. Vielleicht auf das Viertel. Vielleicht bereits auf das Haus.
Er solle sofort verschwinden.
Keine Gespräche mit Nachbarn.
Keine weiteren Risiken.
Johannes packte.
Kurz vor zwei Uhr trug er einen Koffer die Treppe hinunter.
Katrin erwischte ihn auf dem Absatz.
„Sie wollten gehen.“
„Ich dachte, es wäre sicherer.“
„Für wen?“
Die Frage traf ihn härter als jeder Vorwurf.
Katrins Gesicht war bleich vor Müdigkeit.
„Jonas hat schon genug Männer erlebt, die verschwinden und später erklären, sie hätten es nur gut gemeint.“
Johannes ließ den Griff seines Koffers los.
„Ich wollte keinen Ärger vor Ihre Tür bringen.“
„Der Ärger ist längst da. Jetzt geht es darum, ob Sie die Wahrheit sagen, bevor andere Menschen sie erraten müssen.“
Er schwieg.
Zum ersten Mal redete er nicht wie ein Vorstandsvorsitzender.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich weiß nicht, wie man bleibt, ohne Schaden anzurichten.“
Katrins Stimme wurde etwas leiser.
„Dann fangen Sie damit an, nicht wegzulaufen.“
Johannes blieb.
Das war noch keine Vergebung.
Am nächsten Morgen ließ Katrin ihn jedoch den schweren Müllsack nach unten tragen.
Es war auch keine Liebe.
Noch nicht.
Es war kleiner als das.
Aber Katrin wusste aus Erfahrung, dass ein Mensch, der für eine kleine Aufgabe zurückkam, manchmal wertvoller war als einer, der große Versprechen machte.
In den nächsten Wochen wurde Johannes langsam Teil des Hauses.
Frau Nowak prüfte ihn besonders streng. Sie war dreiundsiebzig, pensionierte Schneiderin und überzeugt, dass sich der Charakter eines Menschen daran zeigte, ob er im Treppenhaus grüßte und den Deckel der Mülltonne schloss.
Johannes reparierte das wackelige Postbrett.
Er trug zwei Getränkekisten für den Rentner aus dem zweiten Stock.
Er half Jonas, aus Kabelresten, Flaschendeckeln und einer kaputten Taschenlampe einen neuen Roboter zu bauen.
Jonas nannte ihn „Waschwächter“.
Seine Aufgabe war es, unschuldige Hemden vor Menschen mit zu viel Waschmittel zu schützen.
Katrin versuchte, Johannes nicht zu mögen.
Das wurde zunehmend schwierig.
Sie trafen sich morgens beim Bäcker. Sie tranken Kaffee aus Pappbechern auf der Haustreppe. Während eines Stromausfalls saßen sie mit Frau Nowak im Flur, die behauptete, früher hätten Menschen Kerzen besessen und nicht bei jedem dunklen Zimmer den Notdienst gerufen.
Es war keine Verabredung.
Das sagte Katrin sich oft.
Es waren nur zwei Nachbarn, die wussten, wie der andere seinen Kaffee trank.
Zwei Nachbarn, deren Hände sich manchmal über einer Einkaufstasche berührten.
Zwei Nachbarn, die sich zu lange ansahen und anschließend beide so taten, als hätten sie etwas Wichtiges an der Wand entdeckt.
Doch zwischen ihnen blieb eine verschlossene Tür.
Johannes hatte sie aus all den Dingen gebaut, die er noch nicht erzählt hatte.
Diese Tür öffnete sich an einem Donnerstag.
Am frühen Nachmittag erhielt Katrin in der Bibliothek eine Nachricht der Verwaltung.
Mehrere Nachmittagsangebote sollten vorübergehend ausgesetzt werden. Grund war eine Prüfung von Datenschutzverträgen mit externen Technologieanbietern.
Katrin las weiter.
In der dritten Passage wurde der Konzern erwähnt, den Johannes geleitet hatte.
Über ein Partnerprogramm waren Daten aus Bibliotheken und Bildungszentren verarbeitet worden.
Teilnahmen.
Abwesenheiten.
Familiäre Belastungen.
Wahrscheinlichkeiten, ob ein Kind ein Angebot künftig nicht mehr nutzen würde.
Die Sprache war sauber und sachlich.
Gerade deshalb wirkte sie so kalt.
Am Abend kam Markus, Jonas’ Vater, zu spät zur vereinbarten Abholung.
Er blieb in der Küchentür stehen, als er Johannes neben Jonas sah. Die beiden beugten sich über den Waschwächter, dessen linkes Rad wieder klemmte.
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