Der gefesselte Hund im Kanal überlebte doch seine größte Prüfung begann erst nach der Rettung

Sie hatten Friedas Pfoten gefesselt und sie in den Kanal geworfen, doch zwei Jahre später ging sie freiwillig zurück ins Wasser.

Ich hätte sie fast übersehen.

Das Geräusch aus dem Entwässerungskanal war so schwach, dass es nicht einmal wie Bellen klang. Eher wie ein kurzes, kaputtes Husten. Dann ein Platschen. Danach nichts mehr.

Ich hielt den Wagen trotzdem an.

Mein Name ist Markus Weber. Damals war ich 47 und arbeitete beim kommunalen Bauhof einer Kleinstadt südlich von Bremen. An diesem Vormittag kontrollierte ich verstopfte Abläufe hinter einem Gewerbegebiet.

Zwischen hohem Schilf und einem alten Metallzaun verlief ein breiter Regenwasserkanal. Im braunen Wasser trieben Äste, Plastik und Grasbüschel auf einen Betondurchlass zu.

Etwa zwanzig Meter weiter sah ich etwas Dunkles.

Dann tauchte eine schwarze Nase auf.

Sie verschwand.

Eine Sekunde später kam sie wieder hoch.

Ich rutschte den Hang hinunter und sah den Hund.

Eine gestromte Mischlingshündin mit weißer Brust, einem geknickten Ohr und Augen, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Ihr Körper lag seitlich im Wasser.

Alle vier Pfoten waren mit gelbem Kunststoffseil zusammengebunden.

Sie konnte nicht paddeln.

Sie konnte nicht aufstehen.

Jemand hatte ihre Beine so eng verschnürt, dass sie vollkommen hilflos war. Nur ihre Schnauze ragte manchmal noch über die Oberfläche.

Immer wenn die Strömung sie drehte, verschwand auch die.

Ich rief die Leitstelle an.

Dann ging die Hündin wieder unter.

Diesmal kam ihre Nase nicht zurück.

Ich steckte das Handy ein und ging ins Wasser.

Schon nach wenigen Schritten bekam ich kaum Luft.

Nicht wegen der Kälte.

Wegen meines Bruders.

Als ich fünfzehn war, war mein jüngerer Bruder Lukas in einem Fluss ertrunken. Ich hatte damals vom Ufer aus zugesehen, wie Erwachsene nach ihm suchten.

Ich war zu verängstigt gewesen, um ins Wasser zu gehen.

Seit diesem Tag war ich nie wieder geschwommen.

Aber jetzt war da dieser Hund.

Also ging ich weiter.

Der Schlamm zog an meinen Stiefeln. Unter Wasser schlugen Äste gegen meine Beine. Je näher ich an den Durchlass kam, desto stärker wurde die Strömung.

Ich tastete blind nach vorne.

Dann berührte meine Hand Fell.

Ich zog.

Der Kopf der Hündin kam hoch. Sie hustete gegen meinen Arm und öffnete die Augen.

Sie knurrte nicht.

Sie schnappte nicht.

Sie hatte dafür keine Kraft mehr.

„Ich hab dich“, sagte ich.

Ich schob einen Arm unter ihre Brust und zog mein Arbeitsmesser aus der Tasche. Das gelbe Seil war mehrfach um ihre Beine gewickelt und so fest verknotet, dass es tief in die Haut eingeschnitten hatte.

Meine Hände zitterten.

Die Klinge rutschte ab.

Die Strömung zog uns weiter.

„Bleib bei mir.“

Immer wenn Wasser über ihre Nase schwappte, drückte sie die Schnauze gegen meinen Unterarm.

Nicht, weil sie mir schon vertraute.

Sondern weil mein Arm das Einzige war, was sie noch über Wasser hielt.

Der erste Knoten gab nach.

Dann der zweite.

Als die letzte Schlaufe aufsprang, trennten sich ihre Beine.

Aber sie schwamm nicht.

Ihr Körper hing schwer in meinen Armen.

Ich zog sie zum Ufer.

Zweimal fiel ich auf ein Knie. Jedes Mal hob ich den Hund höher, bevor ich mich wieder aufrichtete.

Ein Lieferfahrer, der meinen Wagen gesehen hatte, kam den Hang herunter und half mir.

Gemeinsam legten wir sie ins Gras. Ich wickelte meine Arbeitsjacke um ihren nassen Körper.

Ihre Atmung war flach.

„Komm schon, Mädchen.“

Ich rieb vorsichtig ihre Brust.

Dann öffnete sie die Augen.

Sie hob den Kopf vielleicht zwei Zentimeter.

Und leckte über meine Fingerknöchel.

Ein Mensch hatte sie gefesselt und ins Wasser geworfen.

Ein anderer Mensch streckte die Hand nach ihr aus.

Und ihre erste Reaktion war Vertrauen.

In der Tierklinik behandelte man Unterkühlung, Wasser in der Lunge, entzündete Wunden und schwere Erschöpfung.

Die Tierärztin sagte mir, dass die Nacht kritisch werden würde.

Ich blieb.

Gegen halb vier morgens öffnete die Hündin die Augen und schob ihre Nase gegen die transparente Tür der Sauerstoffbox.

Meine Hand lag auf der anderen Seite.

Ich nannte sie Frieda.

Warum dieser Name?

Ich weiß es nicht genau.

Vielleicht, weil er sich ruhig anhörte. Und weil Ruhe etwas war, das sie dringend brauchte.

Frieda überlebte die erste Nacht.

Dann die zweite.

Nach einigen Tagen war klar, dass auch ihre Beine erhalten bleiben würden. Das Seil hatte tiefe Wunden hinterlassen, aber keine Knochen gebrochen.

Neun Tage blieb sie in der Klinik.

Ich kam morgens vor der Arbeit und abends danach.

Am ersten Tag sah sie mich nur an.

Am zweiten bewegte sich ihre Schwanzspitze einmal über die Decke.

Am vierten Tag versuchte sie aufzustehen, als ich hereinkam.

Ihre Beine knickten sofort weg.

Sie sah mich an, als hätte sie etwas falsch gemacht.

Ich setzte mich vor ihre Box.

„Du musst gar nichts.“

Frieda kroch näher und legte den Kopf an das Gitter.

Währenddessen fanden die Ermittler heraus, wem sie gehört hatte.

Eine Kamera an einer Tankstelle hatte in der Nacht einen dunklen Transporter auf der Zufahrtsstraße aufgenommen.

Das Fahrzeug gehörte einem 38-jährigen Mann namens Tobias Kern.

Frieda war ursprünglich der Hund seiner früheren Partnerin Jana gewesen.

Jana meldete sich, nachdem sie von der Rettung erfahren hatte.

Sie hatte Tobias einige Wochen zuvor verlassen. Frieda wollte sie mitnehmen, doch Tobias hatte den Hund versteckt und behauptet, er habe ihn bei Bekannten untergebracht.

Das war gelogen.

Aus später sichergestellten Nachrichten ging hervor, dass er Frieda behalten hatte, um Jana unter Druck zu setzen.

Als sie sich weigerte zurückzukommen, brachte er den Hund zum Kanal.

Die Tat war kein Zufall.

Frieda sollte eine Botschaft sein.

Als Jana sie in der Klinik besuchte, erkannte Frieda ihre Stimme noch bevor die Tür richtig offen war.

Sie versuchte aufzustehen.

Diesmal schaffte sie es.

Nur für zwei Sekunden.

Jana sank auf die Knie.

„Ich dachte, du wärst in Sicherheit.“

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen