Der Hund, den ich vertreiben wollte, rettete mir in jener Nacht das Leben

Ich lag mit zerschmettertem Bein im tiefen Schnee und erwartete den Erfrierungstod, als sich der gewaltige Schatten jenes riesigen Hundes über mich beugte, den ich beim Ordnungsamt melden wollte.

Mein Name ist Monika. Ich bin fünfundsechzig Jahre alt und lebte damals allein in einer kleinen Reihenhaussiedlung am Rand einer mittelgroßen deutschen Stadt.

Ich mochte Ordnung.

Meine Gardinen hingen gerade. Meine Mülltonnen standen am richtigen Tag draußen. Im Treppenhaus lag nichts herum.

Und wenn jemand nach zweiundzwanzig Uhr noch laut Musik hörte, konnte er sicher sein, dass ich am nächsten Morgen etwas dazu sagte.

Ich hielt mich nicht für neugierig oder streng.

Ich nannte es aufmerksam.

Heute weiß ich, dass ich oft vorschnell geurteilt habe.

Besonders über Marlon, den jungen Mann aus dem Nachbarhaus.

Er war Mitte zwanzig, trug häufig eine alte schwarze Lederjacke und schwere Stiefel. Seine Arme waren tätowiert. An einer Augenbraue und an der Unterlippe hatte er kleine Piercings.

Wenn er mir entgegenkam, grüßte er freundlich.

Ich antwortete meistens nur knapp.

Nicht weil er mir jemals etwas getan hatte. Ich kannte ihn kaum. Aber sein Äußeres reichte mir damals, um mir eine Meinung zu bilden.

Und dann war da noch Matilda.

Matilda war sein Hund. Eine große, kräftige Rottweiler-Mischlingshündin mit breitem Kopf, dunklem Fell und einer Brust, die fast so breit wirkte wie ein kleiner Küchentisch.

Wenn Matilda neben Marlon herlief, sah sie auf mich einschüchternd aus.

Sie zog nicht an der Leine. Sie bellte nicht. Sie sprang niemanden an.

Trotzdem machte sie mir Angst.

Einmal begegnete ich den beiden direkt vor meiner Haustür. Matilda blieb stehen und sah mich an. Ihr Schwanz bewegte sich langsam hin und her.

Marlon sagte: „Keine Sorge, Frau Berger. Sie möchte nur Hallo sagen.“

Ich drückte meine Einkaufstasche fester an mich.

„Dann halten Sie sie bitte von mir fern.“

Er zog die Leine ein Stück kürzer.

„Natürlich.“

Mehr sagte er nicht.

Eigentlich hätte mir auffallen können, wie ruhig er reagierte. Doch ich sah nur diesen großen Hund und den tätowierten Mann daneben.

In den folgenden Wochen beobachtete ich sie häufiger.

Marlon ging früh am Morgen mit Matilda hinaus. Manchmal trug er einen Rucksack. Manchmal hatte er eine lange Leine, eine Warnweste und verschiedene Taschen dabei.

Ich redete mir ein, der Hund werde irgendwo im Wald ohne Kontrolle laufen gelassen.

Eines Nachmittags sprach ich mit meiner Nachbarin über Matilda.

„So ein Tier gehört nicht in eine Wohnsiedlung“, sagte ich.

Meine Nachbarin zuckte mit den Schultern.

„Sie hat doch noch nie etwas gemacht.“

„Noch nicht“, antwortete ich.

Genau dieses „noch nicht“ wurde zu meinem Lieblingsargument.

Ich wusste nichts über Matilda. Ich wusste nichts über Marlon. Aber ich war überzeugt, dass früher oder später etwas passieren würde.

Also rief ich beim Ordnungsamt an.

Beim ersten Mal fragte ich nur, welche Regeln für große Hunde galten.

Beim zweiten Mal behauptete ich, mehrere ältere Anwohner fühlten sich bedroht. Tatsächlich hatte ich nur mit zwei Personen gesprochen. Beide hatten gesagt, Matilda sei ihnen egal.

Beim dritten Mal beschwerte ich mich darüber, dass der Hund angeblich ohne ausreichende Sicherung unterwegs sei.

Ich hatte keinen Beweis.

Trotzdem fühlte ich mich im Recht.

Ein Mitarbeiter erklärte mir geduldig, es lägen keine Hinweise auf einen Verstoß vor. Der Halter sei bekannt, und gegen den Hund gebe es keine Beschwerden wegen aggressiven Verhaltens.

Das beruhigte mich nicht.

Im Gegenteil.

Ich dachte, die Behörde nehme meine Sorgen nicht ernst.

Einige Tage später begegnete ich Marlon im kleinen Supermarkt unseres Viertels. Er stand vor mir an der Kasse und kaufte Hundefutter, Verbandsmaterial, Mineralwasser und mehrere Packungen Müsliriegel.

Als er mich bemerkte, lächelte er kurz.

„Guten Morgen, Frau Berger.“

Ich sah auf seine tätowierten Hände.

„Guten Morgen.“

Dann wandte ich mich ab.

Heute schäme ich mich dafür.

Damals glaubte ich, Menschen gut einschätzen zu können. Ich hatte mein Leben lang im Büro einer Hausverwaltung gearbeitet. Dort hatte ich gelernt, auf Regeln, Termine und äußere Ordnung zu achten.

Irgendwann hatte ich angefangen zu glauben, ein gepflegtes Äußeres bedeute automatisch Anstand.

Und alles, was davon abwich, machte mich misstrauisch.

Kurz nach Weihnachten beschloss ich, einen Spaziergang durch den Stadtwald zu machen.

Seit dem Tod meines Mannes ging ich oft allein. Bewegung half mir gegen die stillen Stunden in der Wohnung.

Ich kannte den breiten Hauptweg gut. An diesem Tag nahm ich jedoch eine schmale Abzweigung, weil ich etwas Neues sehen wollte.

Das war ungewöhnlich für mich.

Normalerweise mochte ich keine Umwege.

Der Weg führte an einem bewaldeten Hang entlang. Ich ging langsam und setzte jeden Schritt vorsichtig.

Dann trat mein rechter Fuß auf eine glatte Stelle.

Ich verlor sofort das Gleichgewicht.

Mein Spazierstock rutschte weg. Ich versuchte, mich an einem dünnen Stamm festzuhalten, bekam ihn aber nicht zu fassen.

Im nächsten Moment stürzte ich den Hang hinunter.

Ich schlug mehrmals hart auf, rutschte über gefrorenen Boden und blieb schließlich in einer tieferen Mulde liegen.

Für einige Sekunden konnte ich nichts hören.

Dann kam der Schmerz.

Er begann in meinem rechten Oberschenkel und zog durch meinen gesamten Körper. Ich wollte das Bein bewegen, doch schon der Versuch ließ mich laut aufschreien.

Ich sah hinunter.

Mein Fuß lag in einem unnatürlichen Winkel.

Da wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert war.

„Hilfe!“, rief ich.

Meine Stimme klang klein zwischen den Bäumen.

Ich tastete nach meinem Handy.

Die Manteltasche war leer.

Beim Sturz musste es herausgefallen sein.

Ich suchte mit beiden Händen den Boden um mich herum ab, doch ich konnte mich kaum drehen. Jeder Zentimeter Bewegung verstärkte den Schmerz.

Wieder schrie ich um Hilfe.

Keine Antwort.

Ich versuchte, mich mit den Armen ein Stück nach oben zu ziehen. Dabei wurde mir schwarz vor Augen. Also blieb ich liegen.

Zum ersten Mal in meinem Leben begriff ich, wie wenig Kontrolle ein Mensch wirklich hat.

Am Morgen hatte ich noch meine Küche aufgeräumt, einen Einkaufszettel geschrieben und darüber nachgedacht, welche Bettwäsche ich am Wochenende wechseln wollte.

Nun lag ich verletzt in einer Schlucht und konnte nicht einmal mein Telefon erreichen.

Ich rief erneut.

Nach einigen Versuchen war meine Stimme nur noch heiser.

Ich dachte an meine Tochter, die fast zweihundert Kilometer entfernt wohnte. Wir telefonierten normalerweise jeden Mittwoch und jeden Sonntag.

Heute war Freitag.

Es würde lange dauern, bis sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte.

Niemand wusste genau, wo ich war.

Ich hatte niemandem von dem Spaziergang erzählt.

Ich spürte meine Hände immer weniger. Mein ganzer Körper zitterte. Gleichzeitig wurde ich müde.

Diese Müdigkeit machte mir am meisten Angst.

Ich hatte einmal eine Fernsehdokumentation über Unterkühlung gesehen. Darin hatte ein Arzt erklärt, dass Verletzte irgendwann aufhören zu kämpfen. Sie werden schläfrig, verwirrt und verlieren das Bewusstsein.

Ich zwang mich, laut zu sprechen.

„Ich heiße Monika Berger. Ich bin fünfundsechzig. Ich darf nicht einschlafen.“

Meine Worte klangen lächerlich, aber sie hielten mich wach.

Ich zählte rückwärts von hundert.

Bei zweiundsiebzig vergaß ich, welche Zahl als Nächstes kam.

Ich begann erneut.

Dann hörte ich ein Geräusch oberhalb des Hangs.

Etwas bewegte sich zwischen den Bäumen.

„Hallo?“, rief ich.

Keine menschliche Stimme antwortete.

Stattdessen hörte ich schweres Atmen.

Eine dunkle Gestalt erschien am Rand der Schlucht.

Zuerst erkannte ich nur den großen Kopf und den kräftigen Körper.

Dann sah ich die breite Brust.

Matilda.

Ausgerechnet Matilda.

Mein Herz begann zu rasen.

Der Hund, vor dem ich monatelang Angst gehabt hatte, stand über mir. Kein Mensch war zu sehen. Keine Leine. Kein Maulkorb.

In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

Ich war verletzt. Ich konnte nicht fliehen. Ich konnte mich nicht schützen.

Matilda sah zu mir hinunter.

Dann setzte sie sich in Bewegung.

Sie kam nicht langsam.

Sie sprang den Hang hinab, fing sich mit den kräftigen Pfoten ab und rutschte die letzten Meter direkt auf mich zu.

Ich hob beide Arme vor mein Gesicht.

„Nein! Geh weg!“

Meine Stimme brach.

Matilda blieb dicht vor mir stehen.

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