Tamo weigerte sich, die zerstörte Küche zu verlassen – erst als wir unter dem Kühlschrank eine Hand sahen, verstanden wir warum.
„Wir müssen den Hund hier rausbringen.“
Mein Kollege Jannik hielt den roten Rettungsgurt bereits in der Hand. Unter unseren Stiefeln zog sich ein neuer Riss durch die Küchenfliesen, und aus der Wand kam dieses dumpfe Knacken, das kein Feuerwehrmann gern hört.
Der gestromte Hund vor uns bewegte sich trotzdem keinen Zentimeter.
Er hieß Tamo.
Milch, Äpfel und tiefgekühltes Gemüse lagen um ihn herum. Ein Teller war zerbrochen. Sein Fell war grau vom Staub, an einem Vorderbein hatte er eine kleine blutende Schramme.
Hinter ihm lag ein umgestürzter Kühlschrank.
Und Tamo presste seine linke Schulter gegen die untere Kante.
„Die Wohnung müsste leer sein“, sagte Jannik.
Das hatten uns mehrere Leute bestätigt.
Marlies Kramer, 78 Jahre alt, wohnte allein in der Wohnung im dritten Stock. Ihr Auto war weg. Ihre Jacke hing nicht an der Garderobe. Auch ihre Handtasche war nicht an dem Platz, an dem sie normalerweise lag.
Alles sprach dafür, dass Marlies das Haus verlassen hatte.
Nur Tamo verhielt sich, als wäre das nicht wahr.
Ich schob den Rettungsgurt langsam über den Boden.
„Komm, Tamo.“
Er sah den Gurt an.
Dann packte er ihn mit den Zähnen.
Nicht aggressiv.
Er zog daran, ging rückwärts bis zum Kühlschrank und legte das Ende an eine verbogene Ecke nahe dem Boden.
Dann ließ er los.
„Was macht der denn?“, fragte Jannik.
Ich nahm den Gurt wieder.
Tamo packte ihn erneut.
Diesmal schob er ihn mit der Schnauze unter den Kühlschrank.
Ich wollte näher heran.
Tamo spannte den ganzen Körper an.
„Er bewacht irgendwas“, sagte Jannik.
Ich holte ein Stück Fleisch aus unserer Ausrüstung und legte es ein paar Meter entfernt auf den Boden.
Tamo sah nicht einmal hin.
Im Flur stand Günter, der 81-jährige Nachbar von gegenüber.
„Tamo tut niemandem was“, sagte er. „Ich kenne ihn seit Jahren.“
„Wo ist Frau Kramer?“
Günter rieb sich über die Stirn.
„Das Auto hat ihre Tochter seit gestern. Jetzt fällt es mir wieder ein.“
Ich sah ihn an.
„Dann könnte Marlies hier sein?“
Sein Gesicht wurde blass.
Ich rief ihren Namen.
Keine Antwort.
Wasser lief aus dem beschädigten Kühlschrank über die Fliesen. Tamo hob plötzlich den Kopf.
Dann schlug er dreimal mit einer Pfote auf den Boden.
Klack.
Klack.
Klack.
Er starrte in den schmalen Spalt unter dem Gerät.
Ich ging auf die Knie.
Zuerst hörte ich nur Alarmsignale aus einer anderen Wohnung und Stimmen im Treppenhaus.
Dann schabte etwas über den Boden.
Tamo schob die Nase gegen die Kante.
Ich legte mein Gesicht fast auf die Fliesen.
Und dann sah ich sie.
Vier staubige Finger kamen langsam aus der Dunkelheit.
Sie tasteten über den Boden.
Bis sie den Rettungsgurt fanden, den Tamo dort hingeschoben hatte.
„Jannik.“
Er kniete neben mir.
„Ich sehe es.“
Die Hand gehörte Marlies Kramer.
Sie lag seit fast einer Stunde hinter dem Kühlschrank.
Ein umgestürztes Regal klemmte ihr linkes Bein ein. Der Kühlschrank lag schräg über ihrem Oberkörper und wurde von einem zerbrochenen Küchenschrank, einer schweren Pfanne und dem Körper eines 27-Kilo-Hundes daran gehindert, weiterzurutschen.
Ich berührte Marlies’ Finger.
Sie drückte meine Hand schwach.
„Tamo nicht wegnehmen“, flüsterte sie.
In diesem Moment bebte der Boden erneut.
Der Kühlschrank rutschte ein kleines Stück.
Tamos Beine zitterten.
Aber er blieb.
Später fragte ich mich oft, woher dieser Hund wusste, was er tun musste.
Die Antwort begann drei Jahre früher.
Nach dem Tod ihres Mannes Werner hatte Marlies lange allein gelebt. Die beiden waren 49 Jahre verheiratet gewesen. Ihre Tochter Anke wohnte knapp eine Stunde entfernt und wollte, dass Marlies zu ihr zog.
Marlies weigerte sich.
Sie mochte ihre kleine Wohnung, ihre Nachbarn und ihre festen Gewohnheiten.
Jeden Morgen kochte sie Kaffee, stellte das Radio leise an und fütterte zuerst den Hund.
Tamo kam erst später in ihr Leben.
Er war sechs Jahre alt, als Marlies ihn aus einem Tierheim holte.
Ein kräftiger Mischling mit dunklem gestromtem Fell und weißer Brust. Fremde Männer mit Werkzeug machten ihn nervös. Große Maschinen ebenfalls.
Besonders Kühlschränke.
In der ersten Woche weigerte er sich, Marlies’ Küche zu betreten.
Sobald der Kompressor ansprang, blieb er im Türrahmen stehen.
Marlies zwang ihn nie.
Neun Abende lang setzte sie sich mit ihrem Teller auf den Teppich im Flur.
Am zehnten Abend stellte sie Tamos Napf einen halben Meter in die Küche.
Sie setzte sich daneben.
Tamo wartete.
Dann machte er einen Schritt.
Noch einen.
Für Marlies war das ein kleiner Sieg.
Es gab noch etwas, das die beiden verband.
Marlies hatte nach einem leichten Schlaganfall weniger Kraft in der linken Hand. Ihr fielen öfter Gegenstände herunter.
Besonders ein langer Holzlöffel.
Irgendwann machte sie daraus ein Spiel.
Sie versteckte sich hinter dem Küchentresen, schlug dreimal mit dem Löffel auf die Fliesen und wartete.
Tamo suchte sie.
Wenn er sie fand, stupste er ihre Hand mit der Nase an.
Drei Schläge bedeuteten: Such Marlies.
Ein Stupser bedeutete: Gefunden.
Niemand hätte gedacht, dass dieses Spiel eines Tages über Leben und Tod entscheiden würde.
An jenem Morgen begann alles um 8.24 Uhr.
Ein ungewöhnlich starker Erdstoß traf die Region.
Ich war gerade auf der Feuerwache, als plötzlich Schränke aufsprangen und zwei Stühle über den Boden rutschten.
Sekunden später kamen die ersten Notrufe.
Beschädigte Dächer.
Gerissene Gasleitungen.
Menschen in Treppenhäusern.
Alte Gebäude mit Rissen in den Außenwänden.
Marlies stand währenddessen in ihrer Küche.
Sie hatte Tamo bereits gefüttert und wollte sich Haferbrei machen.
Der erste Stoß warf sie gegen die Spüle.
Beim zweiten rollte der Kühlschrank ein Stück nach vorne.
Marlies erinnerte sich später nur noch an einzelne Bilder.
Ein Handtuch, das vom Tresen fiel.
Eine Schranktür, die aufsprang.
Tamos Bellen.
Dann kam der Kühlschrank.
Tamo packte Marlies am Ärmel ihrer Strickjacke und zog.
Sie fiel seitlich zwischen Küchenblock und Wand.
Der Kühlschrank kippte.
Eine obere Ecke schlug gegen einen Schrank und änderte dadurch die Richtung.
Das war vermutlich Marlies’ Glück.
Das schwere Gerät fiel nicht vollständig auf sie.
Doch ein Regalteil klemmte ihren Fuß ein.
Über ihrem Brustkorb blieb nur wenig Platz.
Tamo stand auf der anderen Seite.
Marlies konnte sich nicht bewegen.
Also klopfte sie mit den Knöcheln auf die Fliesen.
Dreimal.
Tamo kratzte einmal zurück.
Gefunden.
Dann versuchte er, an sie heranzukommen.
Er schob den Kopf unter das Gerät.
Zu eng.
Er sprang auf die umgestürzte Tür.
Der beschädigte Schrank bewegte sich.
Also sprang Tamo zurück.
Dann tat er etwas, das zunächst niemand verstand.
Er rannte aus der Wohnung.
Günter sah ihn um 8.29 Uhr im Flur.
Tamo hatte Marlies’ blaues Geschirrtuch am Hals hängen. Er sprang gegen Günters Tür und bellte dreimal.
Günter öffnete.
Tamo drehte sich sofort um und lief zurück zur Wohnung.
„Komm lieber zu mir“, sagte Günter.
Er dachte, Tamo habe Angst.
Tamo lief noch einmal zu ihm.
Dann zurück.
Günter folgte bis zum Türrahmen, sah zerbrochenes Glas und den umgestürzten Kühlschrank.
Marlies konnte er nicht sehen.
Er rief den Notruf.
Tamo suchte weiter.
Im Treppenhaus traf er eine junge Bewohnerin, die ihrem kleinen Bruder nach draußen half.
Tamo zog kurz an ihrem Pullover und lief nach oben.
Sie erschrak.
Tamo ließ sofort los.
Wieder keine Hilfe.
Er kehrte zu Marlies zurück.
Dann erschütterte ein Nachbeben das Gebäude.
Der beschädigte Schrank unter dem Kühlschrank brach weiter auseinander.
Das Gerät rutschte.
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