In den ersten neun Nächten schlief Ole keine zehn Minuten am Stück. In der zehnten biss er in meinen Ärmel und zog mich um 3:14 Uhr aus dem Bett.
Ich heiße Christian Falk, bin zweiundfünfzig und arbeite als Haustechniker in einer kleinen Klinik am Stadtrand von Hannover.
Ich repariere Dinge, die andere Menschen meistens erst bemerken, wenn sie nicht mehr funktionieren.
Türschließer. Lampen. Wasserhähne. Betten. Rollos. Steckdosen.
Das passt ganz gut zu mir.
Ich bin keiner, der viel redet.
Seit meiner Scheidung lebe ich allein in einer Dreizimmerwohnung in einem ruhigen Mehrfamilienhaus. Meine Tochter ist längst ausgezogen. Sie wohnt fast zwei Stunden entfernt, arbeitet viel, hat ihr eigenes Leben.
Wir telefonieren.
Nicht oft.
Aber genug, dass wir uns einreden können, wir hätten regelmäßig Kontakt.
Abends komme ich nach Hause, stelle meine Schuhe ordentlich neben die Tür, mache mir etwas zu essen und schalte das Radio an.
Nicht weil ich unbedingt zuhören will.
Einfach damit jemand spricht.
Ich hätte nie gesagt, dass ich einsam bin.
Mit zweiundfünfzig sagt man so etwas nicht gern.
Man sagt eher:
„Ich genieße meine Ruhe.“
Oder:
„Ich bin gern für mich.“
Das klingt besser.
Ole kam an einem Donnerstag zu mir.
Ich hatte eigentlich nur vorgehabt, mich im Tierheim umzusehen.
Eine Kollegin hatte mir wochenlang damit in den Ohren gelegen.
„Christian, du brauchst einen Hund.“
„Ich brauche gar nichts.“
„Doch.“
„Warum?“
„Weil du inzwischen sogar mit dem Kaffeeautomaten redest.“
Das stimmte nicht ganz.
Ich fluchte nur manchmal mit ihm.
Im Tierheim standen viele Hunde vorne an den Gittern.
Sie bellten.
Sprangen hoch.
Wedelten.
Ein kleiner Terrier brachte mir sogar einen völlig zerfetzten Ball.
Ole tat nichts davon.
Er stand hinten in seinem Zwinger.
Ein mittelgroßer Schäferhund-Mischling, ungefähr sechs Jahre alt.
Graubraunes Fell.
Linkes Ohr leicht abgeknickt.
Eine längliche Narbe zog sich über seine Brust.
Er war nicht besonders schön.
Nicht auf den ersten Blick.
Er sah aus wie ein Hund, der zu lange versucht hatte, nicht aufzufallen.
„Fundhund“, sagte die Mitarbeiterin.
„Wo gefunden?“
„Am Rand eines Gewerbegebiets.“
„Besitzer?“
„Nicht bekannt.“
„Chip?“
Sie schüttelte den Kopf.
Ole sah mich nicht an.
Nicht einmal, als ich mich vor den Zwinger setzte.
„Ist er aggressiv?“
„Nein.“
„Ängstlich?“
„Schwer zu sagen.“
Sie überlegte kurz.
„Er wartet.“
Ich sah sie an.
„Worauf?“
„Das wissen wir nicht.“
Ole stand immer noch mit dem Gesicht zur Tür des Gebäudes.
Nicht zu mir.
Zur Tür.
Ich blieb fast eine halbe Stunde dort.
Dann stand ich auf und sagte:
„Ich nehme ihn.“
Bis heute weiß ich nicht genau, warum.
Vielleicht weil ich sein Verhalten verstand.
In einem Raum stehen und mit den Gedanken trotzdem irgendwo anders sein.
Das kannte ich.
Am ersten Abend ging Ole nicht weiter als bis zum Flur.
Ich stellte seinen Napf in die Küche.
Er fraß erst, als ich ins Wohnzimmer ging.
Ich legte ihm eine Decke hin.
Später kaufte ich sogar ein ordentliches Hundebett.
Er benutzte beides nicht.
Stattdessen lag er in der Nähe der Wohnungstür.
Eigentlich lag er nicht.
Er setzte sich.
Stand wieder auf.
Ging drei Schritte.
Hörte.
Kam zurück.
In der ersten Nacht wachte ich gegen halb drei auf.
Tick.
Tick.
Tick.
Seine Krallen auf dem Laminat.
Ich dachte, er müsse raus.
Also zog ich mir eine Hose an und nahm die Leine.
Ole sah die Leine.
Sah mich an.
Dann ging er zur Balkontür.
Ich öffnete.
Er trat hinaus.
Und blieb dort stehen.
Unser Haus bildet mit zwei anderen Gebäuden einen kleinen Innenhof.
Von meinem Balkon aus sieht man auf die Rückseite des gegenüberliegenden Hauses.
Ole stellte sich ans Geländer und blickte hinunter.
Nicht nach links.
Nicht nach rechts.
Immer zu demselben Fenster.
Ich dachte mir nichts dabei.
In der zweiten Nacht dasselbe.
In der dritten auch.
Irgendwann stellte ich eine kleine Kamera ins Wohnzimmer.
Nicht weil ich ihn überwachen wollte.
Ich wollte wissen, ob er schlief, sobald ich ins Bett ging.
Am nächsten Morgen setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch und schaute mir die Aufnahme an.
Sieben Stunden.
Ole legte sich nie länger als wenige Minuten hin.
Er lief zur Wohnungstür.
Zum Balkon.
Zur Wohnungstür.
Zum Balkon.
Manchmal setzte er sich vor die Balkontür und starrte hinaus.
Dann stand er wieder auf.
Immer dasselbe.
Ich ging mit ihm zum Tierarzt.
Körperlich war er, abgesehen von ein paar alten Narben, in Ordnung.
„Er muss erst ankommen“, sagte der Tierarzt.
Das klang vernünftig.
Also gab ich ihm Zeit.
Ich versuchte nicht, ihn anzufassen.
Ich zwang ihn zu nichts.
Ich ging morgens und abends mit ihm raus.
Ole lief ordentlich an der Leine.
Vielleicht zu ordentlich.
Er schnupperte kaum.
Spielte nicht.
Zog nicht.
Andere Hunde interessierten ihn nicht.
Er lief neben mir wie jemand, der eine Aufgabe erledigte.
Am vierten Tag bemerkte ich zum ersten Mal Herr Bender.
Natürlich kannte ich ihn vorher schon.
Ich wohnte seit fast vier Jahren in diesem Haus.
Herr Bender wohnte im Erdgeschoss des gegenüberliegenden Gebäudes.
Achtundsiebzig, wie ich später erfuhr.
Schmal.
Graue Haare.
Immer dieselbe dunkelblaue Jacke.
Wir kannten uns so, wie man sich in einem deutschen Mehrfamilienhaus eben kennt.
„Morgen.“
„Morgen.“
„Paket für Sie abgegeben.“
„Danke.“
Das war ungefähr der Umfang unserer Beziehung.
An diesem Nachmittag ging Herr Bender über den Innenhof.
In einer Hand trug er einen kleinen Stoffbeutel.
Ole stand plötzlich still.
So abrupt, dass die Leine spannte.
Ich dachte zuerst, er hätte eine Katze gesehen.
Dann bemerkte ich, wohin er schaute.
Herr Bender.
Ole bewegte sich nicht.
Kein Bellen.
Kein Winseln.
Kein Schwanzwedeln.
Nur dieser Blick.
Herr Bender sah uns.
Er blieb ebenfalls stehen.
Für vielleicht zwei Sekunden.
Vielleicht drei.
Dann sagte er:
„Schöner Hund.“
„Danke.“
Ole setzte sich.
Herr Bender ging weiter.
Ich schaute zu ihm.
Dann zu Ole.
„Kennst du den?“
Natürlich antwortete er nicht.
Aber als Herr Bender im Treppenhaus verschwand, blieb Ole noch lange sitzen.
In dieser Nacht stand er fast drei Stunden am Balkon.
Jetzt begann ich darüber nachzudenken.
Vielleicht war Ole früher Herr Benders Hund gewesen.
Vielleicht hatte der alte Mann ihn abgegeben.
Vielleicht gab es irgendeine Geschichte.
Am nächsten Morgen wollte ich ihn eigentlich fragen.
Aber als ich Herr Bender an den Briefkästen traf, brachte ich es nicht über mich.
Was sollte ich sagen?
„Entschuldigung, gehört Ihnen zufällig mein Hund?“
Also sagte ich nur:
„Guten Morgen.“
Er nickte.
„Morgen.“
Damit war das Gespräch beendet.
Am sechsten Tag passierte etwas Neues.
Herr Bender kam am späten Nachmittag durch den Hof.
Ole und ich standen gerade unten.
Als Ole ihn bemerkte, ging er nicht zu ihm.
Er setzte sich.
Herr Bender blieb stehen.
Diesmal schaute er länger.
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