Ich fing an zu weinen.
Nicht diese stillen Tränen, die ich inzwischen gut beherrschte.
Es kam alles.
Die Angst.
Die Müdigkeit.
Die Wut.
Die Schuld.
Zwei Jahre.
„Ich kann nicht einfach aufhören“, sagte ich. „Wenn ich mich hinlege, wer macht dann alles? Wenn ich schlafe, wer hört seinen Atem?“
Sie ließ mich ausreden.
Dann sagte sie:
„Wenn Sie zusammenbrechen, können Sie gar nichts mehr für ihn tun.“
Das tat weh.
Weil es stimmte.
„Sie müssen sich ausruhen“, sagte sie. „Nicht irgendwann. Jetzt.“
Am Abend durfte ich nach Hause.
Bero war inzwischen versorgt worden.
Ein Teil seines Brustfells war für die Behandlung abrasiert. Unter seinem Verband sah ich die Stellen, an denen die Haut genäht worden war.
Auf der Rückfahrt saß er dicht bei mir.
Das kannte ich nicht von ihm.
Normalerweise schaute er nach vorn oder wartete ungeduldig darauf, wieder zu Joachim zu kommen.
Diesmal lehnte er sein gesamtes Gewicht gegen mein Bein.
Als wollte er prüfen, ob ich noch da war.
Zu Hause ging ich sofort ins Schlafzimmer.
Joachim lag in seinem Bett.
Alles war versorgt worden.
Alle Tabletten waren pünktlich gegeben worden.
Nichts war zusammengebrochen, nur weil ich einige Stunden nicht da gewesen war.
Das war für mich fast schwerer zu akzeptieren als mein eigener Zusammenbruch.
Ich setzte mich neben Joachim und nahm seine Hand.
„Es tut mir leid.“
Er bewegte die Finger.
„Wofür?“
„Dass ich nicht hier war.“
Er sah mich lange an.
„Du bist doch wieder da.“
Mehr sagte er nicht.
Später legte ich mich zum ersten Mal seit Monaten richtig ins Bett.
Nicht in den Sessel daneben.
Nicht halb angezogen oben auf die Decke.
Ins Bett.
Ich erwartete das vertraute Geräusch von Beros Krallen auf dem Boden.
Er würde zu seinem Platz gehen.
Joachims Seite.
Zwischen Bett und Tür.
Sein Platz seit zwei Jahren.
Doch die Schritte gingen in die falsche Richtung.
Bero lief um das Fußende herum.
Zu mir.
Dann legte er sich auf meiner Seite des Bettes hin.
Zwischen mir und der Tür.
Genau so, wie er zwei Jahre lang bei Joachim gelegen hatte.
Ich stützte mich auf den Ellbogen.
„Bero?“
Er hob nur die Augen.
„Was machst du denn hier?“
Sein Schwanz klopfte zweimal gegen den Boden.
Ich sah über das Bett zu Joachim.
Er schlief.
Sein Atem war ruhig.
Dann sah ich wieder zu Bero.
Und plötzlich verstand ich etwas, das mir vorher nie aufgefallen war.
Bero hatte Joachim nicht bewacht, weil Joachim sein Lieblingsmensch war.
Vielleicht war es viel einfacher.
Joachim war zwei Jahre lang der Schwächste von uns gewesen.
Also hatte Bero bei ihm gelegen.
Immer.
An diesem Tag war ich zusammengebrochen.
Zum ersten Mal war Joachim nicht der Mensch im Haus gewesen, um den man sich am meisten Sorgen machen musste.
Ich war es.
Und Bero hatte die Seite gewechselt.
In dieser Nacht schlief ich fast neun Stunden.
Am Morgen lag er immer noch dort.
Einige Wochen später verschlechterte sich Joachims Zustand.
Bero ging zurück auf seine alte Seite.
Ohne dass jemand ihn rief.
Ohne Kommando.
Er lag wieder zwischen Joachim und der Tür.
Tag und Nacht.
Ich wusste, was das bedeutete.
Joachim starb etwa einen Monat nach meinem Zusammenbruch.
Früh am Morgen.
Ich hielt seine Hand.
Nach 53 Jahren Ehe dachte ich, ich müsste irgendeinen besonderen Satz sagen.
Etwas, das all diese Jahre zusammenfasste.
Mir fiel nichts ein.
Also sagte ich nur:
„Ich bin hier.“
Bero stand neben dem Bett.
Nachdem Joachim aufgehört hatte zu atmen, wartete der Hund lange.
Dann stellte er seine Vorderpfoten an die Bettkante und drückte seine Nase gegen Joachims Hand.
Ganz ruhig.
Danach ging er um das Fußende des Bettes.
Zu meiner Seite.
Und legte sich hin.
Zwischen mir und der Tür.
Dort blieb er.
Das Jahr danach war schlimm.
Es gibt dafür kein schöneres Wort.
Nach 53 Jahren war plötzlich niemand mehr da, dem ich morgens eine Tasse Kaffee hinstellen konnte.
Niemand fragte, ob ich schon wieder das Küchenfenster offen gelassen hatte.
Keine Stimme aus dem Schlafzimmer.
Keine rauen Hände auf dem Tisch.
Ich blieb morgens oft lange liegen.
Bero ließ mich nicht.
Er kam an das Bett und schob seine kalte Nase unter meine Hand.
Wenn ich nicht reagierte, machte er es noch einmal.
Dann stand er an der Tür und wartete.
Also stand ich irgendwann auf.
Weil der Hund rausmusste.
Ich zog Schuhe an.
Weil der Hund laufen musste.
Ich ging zum Briefkasten.
Weil Bero mitging.
Ich setzte mich in die Küche.
Wenn ich nichts aß, saß Bero einfach vor seinem Napf und schaute mich an.
Er begann oft erst zu fressen, nachdem ich selbst etwas auf dem Teller hatte.
Vielleicht bilde ich mir einen Teil davon ein.
Das ist mir heute egal.
Denn ob Bero wusste, was er tat oder nicht, änderte nichts daran, was es mit mir machte.
Er brachte Struktur in Tage, die keine mehr hatten.
Er gab mir Aufgaben, als ich keinen Grund sah aufzustehen.
Wenn ich weinte, drückte er seine breite Schulter gegen meine Beine.
Nicht besonders sanft.
Bero war nie ein zarter Hund.
Er war einfach da.
Jeden Morgen.
Jeden Abend.
Wie früher bei Joachim.
Fast ein Jahr verging.
Dann kam ein Morgen, an dem ich aufstand, bevor Bero mich wecken konnte.
Ich ging in die Küche.
Machte Kaffee.
Öffnete die Vorhänge.
Rief eine alte Freundin an, deren Nummer ich viel zu lange nicht gewählt hatte.
Wir redeten fast eine Stunde.
Bero lag währenddessen in der Küchentür.
Er beobachtete mich.
Am Abend ging ich ins Schlafzimmer.
Ich legte mich hin.
Bero kam hinterher.
Aber diesmal legte er sich nicht auf meine Seite.
Auch nicht auf Joachims alte Seite.
Er legte sich mitten in die Tür.
Von dort konnte er das ganze Zimmer überblicken.
Ich musste lachen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit kam das Lachen einfach so.
„Na gut“, sagte ich. „Dann bin ich wohl wieder einigermaßen in Ordnung.“
Bero hob kurz den Kopf.
Dann legte er ihn wieder auf seine Pfoten.
Heute ist er alt.
Sein Gesicht ist grau geworden.
Er schläft länger als früher.
Manchmal schnarcht er so laut, dass ich den Fernseher lauter stellen muss.
Ich lasse ihn schlafen.
Dieser Hund hat zwei Jahre lang über Joachim gewacht.
Dann hat er eine Autoscheibe zerstört, sich verletzt und einen Supermarkt voller Fremder durchquert, als mein eigener Körper beschlossen hatte, nicht mehr weiterzumachen.
Danach wachte er über mich.
Bis ich wieder alleine aufstehen konnte.
Vielleicht wird mir nie jemand erklären können, was Bero an jenem Tag gespürt hat.
Vielleicht war es Geruch.
Vielleicht Geräusch.
Vielleicht Instinkt.
Ich brauche keine Erklärung mehr.
Ich weiß nur, dass Bero immer bei dem Menschen lag, der gerade am nächsten am Abgrund stand.
Zwei Jahre lang war das Joachim.
Dann war ich es.
Und als ich irgendwann wieder festen Boden unter den Füßen hatte, rückte Bero zurück in die Tür, schloss die Augen und erlaubte sich endlich, einfach nur ein alter Hund zu sein.
Ich lasse ihn.
Er hat sich seine Ruhe verdient.






