Zwei Tage, nachdem Rune uns durch den Schneesturm zu Klaras Tür geführt hatte, bimmelte die kleine Glocke im Café wieder, aber diesmal klang sie wie eine Frage.
Tisch vier stand noch immer leer, und trotzdem hatte ich das Gefühl, als würde dort jemand sitzen, nur unsichtbar. Draußen war die Stadt weiß und hart gefroren, drinnen roch es nach Kaffee und dem Rest Wärme, den Menschen an kalten Tagen übrig haben.
Rune kam an diesem Morgen nicht. Das war das Erste, was mir auffiel, noch bevor ich die Kasse öffnete und die Stühle zurechtrückte. Ich ertappte mich dabei, wie ich zur Tür sah, als müsste ich ihn nur lange genug ansehen, damit er auftaucht.
Hannes war früher da als sonst, mit roten Wangen und der Art von Müdigkeit, die man bekommt, wenn man nachts zu lange über etwas nachdenkt.
Er stellte seine Kaffeetasse hin, sah zu Tisch vier und sagte leise: „Wir können sie da jetzt nicht einfach liegen lassen.“ Ich nickte, weil ich wusste, was er meinte, obwohl er es nicht aussprach.
Auf dem Tresen lag noch eine der Servietten vom Vortag, glatt gestrichen, als wäre sie ein wichtiger Brief.
Nele kam rein, schüttelte den Schnee aus der Mütze und legte wortlos einen kleinen Stapel Karteikarten daneben, blanko, ordentlich. „Ich hab welche besorgt“, sagte sie, und in ihrer Stimme war etwas wie Trotz gegen die Kälte.
Ich nahm mir eine Karteikarte und schrieb, ohne nachzudenken: Heute ist Tisch vier nicht leer. Heute bist du nicht allein. Dann hielt ich inne, weil ich plötzlich Angst hatte, dass Worte zu klein sein könnten für das, was wir da anfingen.
Trotzdem legte ich die Karte zu den anderen, als wäre sie ein Stein, der etwas beschwert, das sonst wegfliegt.
Gegen Mittag stand Frau Huber vor der Tür, die Schultern hochgezogen, als trüge sie den Winter wie einen Mantel, den man nicht ausziehen kann.
In der Hand hatte sie einen kleinen Zettel mit krakeliger Schrift und sagte: „Klara hat gefragt, ob jemand… ob jemand Rune heute kurz ausführt.“ Sie sprach das letzte Wort so vorsichtig aus, als wäre es eine Bitte, die sie schon zu lange im Mund trägt.
„Natürlich“, sagte ich sofort, und dann erst fragte ich: „Wie geht es ihr?“
Frau Huber sah kurz zur Seite, zu der grauen Straße, und antwortete: „Sie ist schwach, aber sie ist da. Und sie schämt sich, dass wir da waren.“ Dann hob sie den Blick und fügte hinzu: „Als hätte sie uns etwas weggenommen, dabei hat sie uns jahrelang gegeben.“
Ich ging mit ihr zu Klaras Haus, und der Schnee knirschte unter meinen Schuhen wie ein alter Boden, der jede Bewegung kommentiert. Hinter dem halb versunkenen Gartenzaun war es stiller als in der Stadt, als würde die Welt dort langsamer atmen.
Rune wartete an der Tür, ohne Halsband, aber mit diesem ernsten Blick, der so unpassend erwachsen war für einen struppigen Terriermix.
Als ich die Wohnung betrat, war die Luft warm, aber nicht lebendig, eher wie ein Zimmer, das man aus Pflicht heizt.
Klara lag im Pflegebett, die Augen offen, als hätte sie die Zeit beobachtet, während sie auf uns wartete. Rune sprang nicht sofort aufs Bett, er blieb neben ihr stehen und berührte mit der Nase ihre Hand, als wollte er prüfen, ob sie noch wirklich da ist.
„Lena“, flüsterte sie, und es klang, als wäre mein Name etwas, das man festhalten kann. Ich ging näher, nahm ihre Hand, und sie drückte, überraschend kräftig, als würde sie sich schämen, dass sie schwach ist, und mir gleichzeitig beweisen wollen, dass sie es nicht ist.
Auf dem Nachttisch stand eine Tasse Tee, kalt geworden, neben einem geschlossenen Buch, das sie wohl nicht mehr aufbekommen hatte.
„Wir haben geschrieben“, sagte ich und zeigte auf die prall gefüllte Jeans-Tasche, die ich mitgebracht hatte. Klara schloss kurz die Augen, und als sie sie wieder öffnete, glänzten sie. „Ich wollte nur nicht…“ begann sie, brach ab, atmete ein, und sagte dann ehrlich: „Ich wollte nicht zur Last fallen.“
„Du bist keine Last“, sagte ich so ruhig, wie ich konnte. Frau Huber stellte sich an die Tür und sagte, fast streng: „Klara, du bist ein Mensch. Menschen brauchen manchmal Menschen.“ Rune setzte sich zwischen diese Sätze, als würde er sie zusammenhalten, damit sie nicht auseinanderdriften.
Klara ließ sich die Tasche geben, nicht alles auf einmal, nur ein paar Zettel. Sie las langsam, mit den Lippen, die leise mitformten, was die anderen geschrieben hatten, als würde sie jede Zeile wie Brot kauen, damit sie sie wirklich nährt.
Einmal blieb sie hängen, hielt eine Serviette in der Luft und sagte: „Das ist von dem Fernfahrer, oder?“ Ich nickte, und Klara lachte leise, ein dünnes Lachen, aber echt. „Er hat sonst nie geredet“, flüsterte sie, und dieses Flüstern war plötzlich nicht mehr traurig, sondern staunend.
Als wir wieder gingen, nahm ich Rune mit, nur für eine Stunde, damit er rauskommt und nicht die Wände anstarrt. Klara sah ihm nach, als würde sie einen Teil von sich weggeben, und trotzdem nickte sie. „Bring ihn zurück“, sagte sie, und dann, als hätte sie sich ertappt, fügte sie hinzu: „Wenn du Zeit hast.“
Im Café wurde Rune sofort wieder zu dem, was er immer gewesen war: ein kleiner Magnet für Hände, die streicheln wollen, und Augen, die weich werden, ohne dass man es geplant hat.
Aber diesmal war da etwas Neues, etwas, das uns allen in den Schultern saß. Wir wollten nicht nur reagieren, wenn Rune vor der Tür stand, wir wollten vorher da sein.
Nele schnitt aus einem Stück Karton ein Schild, schrieb mit dicker Schrift darauf: Tisch vier – Schreib ihm zurück. Sie stellte eine Schale mit Karteikarten daneben und ein Glas mit Stiften, und plötzlich war es kein leerer Tisch mehr, sondern ein Ort, an dem man etwas lassen konnte, ohne sich zu blamieren.
Die Studentin, die immer so tat, als würde sie lernen, blieb lange davor stehen, las das Schild zweimal und setzte sich dann hin, als hätte sie endlich einen Grund, nicht nur zu überleben.
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