Er rief an, wenn er etwas Schönes erlebt hatte.
Eines Nachmittags stand er vor einem kleinen Café.
„Ich möchte Ihnen einen Kaffee kaufen“, sagte er. „Einen echten. Nicht nur einen über das Telefon.“
Am anderen Ende entstand eine lange Pause.
„Hannes“, sagte Marlene schließlich. „Ich glaube, Sie wären enttäuscht.“
„Wovon?“
„Von der Frau, die Ihnen gegenübersitzt.“
Er sah sein Spiegelbild im Schaufenster.
„Ich habe genug schöne Verpackungen gesehen“, sagte er. „Ich möchte den Menschen treffen, dessen Stimme mich durch die Nacht gebracht hat.“
„Noch nicht.“
Ihre Antwort war freundlich, aber entschieden.
Hannes akzeptierte es.
Er hätte Mitarbeiter beauftragen können, ihre Identität herauszufinden. Er verfügte über Geld, Kontakte und technische Möglichkeiten.
Doch er tat es nicht.
Zum ersten Mal in seinem Leben wollte er etwas nicht erzwingen.
Einige Wochen später verließ er nach einer erbitterten Vorstandssitzung sein Penthouse.
Es war nach zwei Uhr morgens.
Er lief ohne Ziel durch die kalten Straßen im Süden Hamburgs. Sein Mantel war teuer, aber der Wind kroch trotzdem durch jede Naht.
In der Nähe eines Bahnhofs entdeckte er ein rund um die Uhr geöffnetes Café.
In diesem Moment schlug die Glocke einer alten Kirche.
Unmittelbar danach heulte in der Ferne ein Güterzug.
Hannes blieb stehen.
Diese beiden Geräusche hatte er während der nächtlichen Gespräche oft durch Marlenes Telefon gehört.
Sein Herz begann schneller zu schlagen.
Er öffnete die Tür des Cafés.
Warme Luft, Kaffee und der Geruch von aufgebackenen Brötchen schlugen ihm entgegen.
Am Fenster saß eine auffallend elegante Frau mit glänzendem Haar, schmalen Händen und einem professionellen Headset. Vor ihr stand ein Laptop.
Hannes hielt den Atem an.
Dann winkte die Frau den müden Kellner heran.
„Ich habe ausdrücklich Haferdrink gesagt“, fuhr sie ihn an. „Ist das so schwer zu verstehen?“
Ihre scharfe Stimme zerschnitt den Raum.
Hannes spürte eine lächerliche Enttäuschung.
Er setzte sich in die dunkelste Ecke.
Er war gerade dabei, über sich selbst zu lachen, als er die Frau am Nebentisch bemerkte.
Sie trug einen ausgewaschenen, viel zu großen Wollpullover. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten. Ihr graubraunes Haar war hastig mit einer Klammer hochgesteckt, einzelne Strähnen fielen ihr ins Gesicht.
Vor ihr stand ein alter Laptop mit einem Sprung im Gehäuse.
Auf dem Kopf trug sie ein billiges Kunststoff-Headset.
Sie blickte aus dem Fenster, wo der Regen dünne Linien über das Glas zog.
Dann beugte sie sich zum Mikrofon.
„Ich bin da“, sagte sie. „Sie sind nicht allein.“
Hannes’ Welt blieb stehen.
Diese Stimme.
Er hätte sie unter tausend anderen erkannt.
Die Frau hörte weiter zu, machte sich Notizen und strich sich erschöpft über die Stirn.
Sie war nicht die makellose Erscheinung, die man an seiner Seite auf einer Gala erwartet hätte.
Sie war müde.
Sie war älter, als er sie sich vorgestellt hatte.
Und sie wirkte wie ein Mensch, der selbst viele Nächte überlebt hatte.
In diesem Moment wusste Hannes, dass er sich nicht in ein Gesicht verliebt hatte.
Er hatte sich in eine Seele verliebt, die ihre eigenen Narben nicht versteckte.
Langsam ging er zu ihrem Tisch.
Die Frau bemerkte ihn nicht.
Er blieb vor ihr stehen.
„Marlene.“
Sie zuckte heftig zusammen.
Der Kugelschreiber fiel ihr aus der Hand.
Als sie aufblickte und Hannes erkannte, wich alle Farbe aus ihrem Gesicht.
Sie riss das Headset herunter und stopfte Papiere in ihre abgenutzte Tasche.
„Bitte“, sagte Hannes. „Laufen Sie nicht weg.“
„Sie hätten mich nicht finden dürfen.“
„Ich habe Sie nicht gesucht.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Natürlich nicht. Männer wie Sie müssen niemanden suchen. Die Welt stellt sich ihnen von selbst in den Weg.“
Marlene wollte an ihm vorbeigehen.
Hannes trat zur Seite.
Er hielt sie nicht fest.
„Gehen Sie, wenn Sie gehen möchten“, sagte er. „Aber sagen Sie mir vorher, warum Sie solche Angst vor mir haben.“
Fünfzehn Minuten später saßen sie auf einer kalten Bank unter einer Straßenlaterne.
Marlene zog ihren dünnen Mantel enger um den Körper. Hannes sah, wie ihre Hände zitterten.
„Ich weiß, wer Sie sind“, sagte sie. „Ich wusste es seit der zweiten Woche.“
Hannes runzelte die Stirn.
„Meine Stimme?“
„Ihr Bruder Uwe. Der Krankenhausflur. Das Interview über Ihre Kindheit. Ich hatte es Jahre zuvor gelesen.“
Sie starrte auf eine Pfütze.
„Und ich kannte Ihren Geschäftspartner.“
Hannes wurde still.
„Welchen?“
Marlene hob den Kopf.
„Mein Nachname war früher Falkenberg.“
Hannes’ Gesicht erstarrte.
Rüdiger Falkenberg.
Der Mann, mit dem er den Konzern aufgebaut hatte.
Der Mann, den Hannes fünf Jahre zuvor aus der Firma gedrängt hatte, nachdem interne Dokumente Manipulationen, versteckte Konten und systematischen Druck auf Beschäftigte offenbart hatten.
Es war ein erbarmungsloser Machtkampf gewesen.
„Sie sind seine Ex-Frau“, sagte Hannes.
Marlene nickte.
Sofort kehrte seine alte Kälte zurück.
„War das alles ein Spiel?“
„Nein.“
„Drei Monate lang haben Sie meine Panik gehört. Meine Kindheit. Meine größte Angst.“
Er lachte bitter.
„Haben Sie Notizen für ihn gemacht? Wollten Sie herausfinden, wie man mich endgültig zerstört?“
Marlene verteidigte sich nicht.
Sie sah ihn nur mit roten, erschöpften Augen an.
„Ich habe Sie nie als seinen Feind gesehen.“
„Was war ich dann?“
„Ein Spiegel.“
Das Wort traf ihn härter als jede Anschuldigung.
„Der Mann, der heute nachts nicht schlafen kann, erinnert mich an die Frau, die ich vor fünf Jahren war“, sagte sie. „Wir beide schlagen unter einer Eisdecke um uns. Von außen sieht niemand, dass wir keine Luft bekommen.“
„Sie kennen mein Eis nicht.“
„Doch.“
Ihre Stimme wurde brüchig.
„Rüdiger hat mich über Jahre klein gemacht. Nicht mit Fäusten. Mit Sätzen. Mit Blicken. Mit Schweigen. Er erklärte mir jeden Tag, dass ich zu dumm, zu empfindlich und zu instabil sei.“
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