Der Mann, der seine Liebe in kleinen Zetteln im ganzen Haus versteckte

Ich dachte, Manfred hätte mir nur Zettel hinterlassen.

Aber ein paar Tage später verstand ich, dass er mir etwas viel Größeres gebaut hatte.

Er hatte mir nicht gezeigt, wie man allein weiterlebt.

Er hatte mir gezeigt, dass ich es nicht allein tun muss.

Am Morgen nach dem Fund der Karte saßen wir lange am Küchentisch.

Die Zeitung lag zwischen uns, ungelesen.

Draußen war Hannover grau, so ein stiller Vormittag, an dem selbst die Straße langsamer klingt.

Manfred hielt seine Tasse mit beiden Händen.

„Du hast die Karte gefunden“, sagte er irgendwann.

Ich nickte.

Er schaute nicht weg.

Das tat er früher oft, wenn es um Gefühle ging.

Diesmal blieb sein Blick bei mir.

„Ich wollte nicht, dass du denkst, ich gebe dich auf“, sagte er.

Dieser Satz traf mich härter als alle Arztgespräche.

„Das denke ich nicht“, sagte ich.

Aber meine Stimme war klein.

Manfred atmete schwer ein.

Dann lächelte er müde.

„Ich kann nur nicht mehr viel tragen. Also schreibe ich es auf.“

Ich griff über den Tisch und legte meine Hand auf seine.

Seine Finger waren kalt, aber sie drückten meine noch immer auf diese ruhige Art.

Nicht fest.

Nur so, dass ich wusste: Ich bin da.

„Dann schreiben wir ab jetzt zusammen“, sagte ich.

Er runzelte die Stirn.

„Was denn?“

„Alles, was nicht nur du wissen musst.“

Er sah mich an, als hätte ich ihm eine Schraube falsch herum gereicht.

Dann lachte er.

Leise.

Kurz.

Aber echt.

Am Nachmittag holte ich ein altes Schulheft aus der Schublade.

Blauer Umschlag, kariertes Papier.

Vorne schrieb ich mit Kugelschreiber: „Unser Haus“.

Manfred wollte erst protestieren.

„Nicht so groß machen“, murmelte er.

„Doch“, sagte ich. „Seit 48 Jahren machst du alles klein, damit ich keine Angst habe. Jetzt darf es mal groß sein.“

Er sagte nichts mehr.

Wir saßen nebeneinander am Küchentisch.

Er diktierte.

Ich schrieb.

Wo der Hauptwasserhahn war.

Welche Sicherung zum Keller gehörte.

Dass der Rasenmäher im Frühling manchmal zweimal ziehen brauchte.

Dass die Haustür klemmte, wenn es lange geregnet hatte.

Dann kam er ins Stocken.

„Was ist?“, fragte ich.

Er sah zur Spüle.

„Schreib noch: Die gute Pfanne nicht mit der grünen Seite vom Schwamm schrubben.“

Ich sah ihn an.

„Manfred.“

„Was? Die Pfanne ist noch gut.“

Und da lachten wir beide.

Es war kein großes Lachen.

Kein leichtes.

Aber es war unseres.

Von da an hatten wir jeden Tag eine halbe Stunde für das Heft.

Nicht länger.

Manfred wurde schnell müde.

Manchmal schlief er mitten im Satz ein, und ich ließ den Stift liegen.

Dann saß ich neben ihm und hörte seinem Atem zu.

Früher hatte ich mich über dieses kleine Schnarchen geärgert.

Jetzt war es das schönste Geräusch im Haus.

Luis kam alle paar Tage vorbei.

Nie aufdringlich.

Nie mit diesem mitleidigen Gesicht, das manche Menschen aufsetzen, wenn sie nicht wissen, wohin mit sich.

Er klingelte, hielt einen Schraubendreher hoch und fragte: „Darf ich kurz den lockeren Griff am Gartentor machen?“

Oder er brachte Brötchen mit.

„Ich war sowieso unterwegs“, sagte er dann.

Ich wusste, dass das nicht immer stimmte.

Aber ich tat so, als glaubte ich es.

Manfred mochte ihn.

Das sah man daran, dass er ihm nicht viele Worte schenkte, sondern seine Werkzeuge.

„Der kleine Kreuzschlitz ist gut“, sagte er eines Tages. „Den behältst du.“

Luis nahm ihn, als hätte ihm jemand eine Medaille gegeben.

„Danke, Herr Kruse.“

„Manfred“, sagte mein Mann.

Luis wurde rot.

„Danke, Manfred.“

Nach diesem Tag blieb Luis manchmal zehn Minuten länger.

Er setzte sich an den Küchentisch, trank Kaffee und hörte zu, wenn Manfred ihm erklärte, warum man Schrauben nicht mit Gewalt überzeugt.

„Eine Schraube merkt, wenn du wütend bist“, sagte Manfred.

Luis nickte ernst.

Ich stand an der Spüle und musste lächeln.

Manfred hatte keinen Sohn gehabt.

Luis hatte seinen Vater früh verloren, wie er mir später erzählte.

Vielleicht fanden die beiden nicht das, was fehlte.

Aber sie legten etwas daneben, das warm genug war.

Renate kam sonntags.

Meine Schwester redet normalerweise für drei Leute.

In dieser Zeit sprach sogar sie leiser.

Sie brachte Kuchen, den Manfred kaum essen konnte.

Trotzdem sagte er jedes Mal: „Gut geworden.“

Renate wischte sich dann schnell über die Augen und tat so, als hätte sie Krümel im Gesicht.

Eines Sonntags saßen wir zu viert in der Küche.

Luis hatte den tropfenden Wasserhahn gerichtet.

Renate schnitt Apfelkuchen.

Manfred lag mit einer Decke auf dem Sofa, die Tür zur Küche offen.

„Erika“, rief er plötzlich.

„Ja?“

„Im Flur, oberes Fach. Da liegt ein Umschlag.“

Ich holte ihn.

Darauf stand: „Für später. Aber heute geht auch.“

Ich setzte mich neben ihn.

„Soll ich?“

Er nickte.

Im Umschlag waren kleine Kärtchen.

Nicht viele.

Vielleicht zwölf.

Auf jedem stand ein Satz.

„Wenn du schlecht geschlafen hast, mach das Fenster in der Küche auf. Morgens riecht der Garten am ehrlichsten.“

„Wenn du dich über mich ärgerst, ist das in Ordnung. Ich war manchmal stur.“

„Wenn du Kartoffelsuppe kochst, nimm mehr Majoran. Du nimmst immer zu wenig.“

Ich lachte und weinte gleichzeitig.

Dann kam eine Karte, bei der ich nicht weiterlesen konnte.

Renate nahm sie vorsichtig aus meiner Hand.

Sie las leise:

„Wenn jemand dir helfen will, sag nicht sofort nein. Sag erst: Was genau meinst du? Dann kannst du immer noch nein sagen.“

Luis sah auf den Tisch.

Manfred sah ihn an.

„Gilt auch für dich“, sagte er.

Luis nickte, aber seine Augen glänzten.

In den nächsten Tagen wurde Manfred schwächer.

Das Haus wurde vorsichtiger.

Die Türen fielen nicht mehr zu.

Das Radio blieb leiser.

Sogar der Wasserkocher klang, als wolle er niemanden erschrecken.

Ich half ihm vom Sofa ins Bad.

Ich schnitt sein Brot klein.

Ich tat Dinge, die er früher für mich getan hatte, nur langsamer und mit zitternden Händen.

Einmal entschuldigte er sich.

Einfach so.

„Wofür denn?“, fragte ich.

„Dass du mich so sehen musst.“

Ich setzte mich auf die Bettkante.

„Manfred, ich habe dich mit Farbe im Gesicht gesehen, mit Hexenschuss, mit schlechter Laune, mit Schnupfen, mit diesem hässlichen braunen Pullover, den du zwanzig Jahre geliebt hast.“

Er sah mich an.

„Der Pullover war warm.“

„Er war schrecklich.“

Da lächelte er.

Ich nahm seine Hand.

„Ich sehe dich nicht weniger, nur weil du Hilfe brauchst.“

Er schloss die Augen.

Eine Träne lief ihm seitlich zur Schläfe.

Ich tat so, als hätte ich sie nicht gesehen.

So, wie er früher oft so getan hatte, als hätte er meine gesehenen Tränen nicht bemerkt.

Manchmal ist Liebe auch, dem anderen seine Würde zu lassen.

An einem Dienstagmorgen bat er darum, in die Küche zu kommen.

Luis war gerade da.

Zusammen halfen wir ihm in den Stuhl am Fenster.

Es dauerte lange.

Manfred war erschöpft, als säße er nach einer Bergwanderung da.

Aber sein Blick ging durch den Raum.

Zur Spüle.

Zum Kühlschrank.

Zur Teedose.

Zum Tisch.

„Hier“, sagte er.

Mehr nicht.

Ich wusste, was er meinte.

Hier hatten wir gestritten.

Hier hatten wir Rechnungen sortiert.

Hier hatte er mir 1978 eine Tasse Kaffee hingestellt, nachdem ich unser erstes gemeinsames Regal verflucht hatte.

Hier hatten wir geschwiegen, wenn Worte zu klein waren.

Hier hatte er mich am längsten geliebt.

Ich kochte Tee.

Kamille.

Nicht, weil ich ihn brauchte.

Sondern weil er wusste, dass ich ihn brauchen würde.

Manfred trank nur zwei Schlucke.

Dann sah er zu Luis.

„Du weißt, wo der Hauptschalter ist?“

Luis schluckte.

„Ja.“

„Und du klingelst nicht nur, wenn was kaputt ist.“

„Ja.“

„Gut.“

Dann sah er zu mir.

„Du rufst ihn an.“

Ich wollte widersprechen.

Aus Gewohnheit.

Aus Stolz.

Aus Angst, eine Last zu sein.

Aber ich hörte seine Karte in meinem Kopf.

Sag nicht sofort nein.

Also nickte ich.

„Ich rufe ihn an.“

Manfred lehnte sich zurück.

Sein Gesicht wurde weich.

„Dann ist gut.“

In der Nacht darauf schlief ich kaum.

Ich saß neben seinem Bett und hielt seine Hand.

Der kleine Radiowecker zeigte 3:17 Uhr, als er die Augen öffnete.

„Erika“, flüsterte er.

„Ich bin hier.“

„Licht?“

Ich machte die Nachttischlampe an.

Er sah zum Schrank.

Dann zu mir.

„Nicht das große“, sagte er.

Trotz allem musste ich lächeln.

„Nein. Nur das kleine.“

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