Der müde Vater wurde mit seinem Kind abgewiesen – dann erfuhr die Rezeption, wem das Hotel gehörte

Martin musste unwillkürlich lächeln.

„Offenbar nicht ganz. Meine Reservierung ist verschwunden.“

„Unter welchem Namen?“

„Berger.“

Gisela blickte zur Rezeption.

„Habt ihr im Verwaltungskontingent nachgesehen?“

Nadines Gesicht wurde hart.

„Ich habe gesucht.“

„Auch im zweiten Bereich?“

„Gisela …“

„Wir hatten das letzte Woche schon einmal. Buchungen aus der Verwaltung landen manchmal dort.“

Die Kollegin verdrehte fast unmerklich die Augen.

Gisela ließ sich davon nicht beeindrucken.

Menschen, die fast sechzig Jahre gelebt, drei Kinder großgezogen, einen Mann beerdigt und drei Jahrzehnte gearbeitet haben, sind oft erstaunlich unempfindlich gegen hochgezogene Augenbrauen.

„Schau bitte noch einmal nach“, sagte sie ruhig.

Nadine atmete durch und klickte.

Einmal.

Zweimal.

Dann noch einmal.

Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht.

„Da ist tatsächlich etwas.“

Martin sagte nichts.

„Berger. Eine Suite im neunten Stock.“

Gisela nickte nur.

„Na also.“

Die Kollegin trat näher an den Bildschirm.

„Gebucht über die zentrale Verwaltung.“

Für einen Moment war es still.

Martin hätte jetzt etwas sagen können.

Etwas Scharfes.

Etwas Triumphierendes.

Er hätte seine Position nennen können.

Er hätte fragen können, weshalb drei Minuten genervtes Abwimmeln offenbar leichter gewesen waren als zwanzig Sekunden zusätzliches Suchen.

Er tat nichts davon.

Gisela betrachtete währenddessen den Rosenstrauß.

Eine Blüte hing etwas tiefer als die anderen. Ein Stiel war geknickt.

„Schade um die Rosen“, sagte sie.

Martin sah auf die Blumen.

„Die haben die Reise nicht besonders gut überstanden.“

„Für jemanden Besonderen?“

Diese Frage war anders als die Fragen zuvor.

Nicht neugierig.

Nicht höflich aus Pflicht.

Einfach menschlich.

Martin zögerte.

„Für meine Frau.“

Gisela lächelte.

Dann bemerkte sie, wie Martin den Satz gesagt hatte.

Das Lächeln verschwand.

„Sie ist morgen seit drei Jahren tot.“

Gisela sah ihn einen Moment lang schweigend an.

„Das tut mir leid.“

Martin nickte.

„Lena und ich stellen jedes Jahr Rosen auf den Tisch.“

Gisela blickte zu dem schlafenden Mädchen.

„Das ist eine schöne Tradition.“

„Sie sucht die Vase aus.“

„Dann sollten die Blumen wenigstens bis morgen durchhalten.“

Gisela deutete auf den gebogenen Stiel.

„Geben Sie mal her.“

Martin reichte ihr vorsichtig den Strauß.

Sie nahm eine Rose heraus, richtete das Papier neu und stabilisierte den angeschlagenen Stiel mit einer zweiten Rose.

„Ich hole Ihnen eine Vase.“

„Das müssen Sie wirklich nicht.“

Gisela schnaubte.

„Junger Mann, ich mache seit 31 Jahren Zimmer. Glauben Sie mir, eine Vase bekomme ich noch hin.“

Martin musste lachen.

„Mit zweiundfünfzig wurde ich lange nicht mehr ‚junger Mann‘ genannt.“

„Dann genießen Sie den Abend.“

Sie lächelte.

Es war das erste warme Lächeln, das Martin seit seiner Ankunft bekommen hatte.

Und plötzlich spürte er etwas Merkwürdiges.

Die Enge in seiner Brust wurde ein wenig leichter.

Nicht wegen der Suite.

Nicht wegen der gefundenen Buchung.

Wegen einer Frau aus der Hauswirtschaft, die einen abgeknickten Rosenstiel gesehen hatte.

So wenig war manchmal nötig.

Gisela kam kurz darauf mit einer schlichten Glasvase zurück.

„Nicht besonders schön“, sagte sie.

„Perfekt.“

„Oben können Sie Wasser nachfüllen.“

Sie gab ihm die Vase und sah Lena noch einmal an.

„Und jetzt bringen Sie das Kind ins Bett. Die Kleine ist völlig erledigt.“

Martin nickte.

„Danke, Gisela.“

Sie winkte ab.

„Dafür sind wir doch da.“

Martin blickte sie an.

Dieser Satz blieb hängen.

Dafür sind wir doch da.

Nicht: Dafür werde ich bezahlt.

Nicht: Das gehört zu meiner Abteilung.

Nicht: Dafür ist die Rezeption zuständig.

Einfach:

Dafür sind wir da.

In diesem Augenblick öffnete sich der Aufzug.

Ein Mann in dunklem Anzug trat heraus.

Anfang sechzig, akkurat gebundene Krawatte, angespannter Gesichtsausdruck.

Thomas Seidel, Hoteldirektor.

Er war offenbar nur heruntergekommen, weil Nadine ihm inzwischen eine kurze Nachricht geschickt hatte.

Seidel sah zuerst zur Rezeption.

Dann zu Martin.

Dann noch einmal.

Sein Gesicht verlor die Farbe.

„Herr Berger?“

Nadine drehte sich um.

Die Kollegin ebenfalls.

Gisela blieb stehen.

Martin hob nur kurz die Hand.

„Guten Abend, Herr Seidel.“

Der Direktor brauchte zwei Sekunden zu lange für seine Antwort.

„Ich … ich wusste nicht, dass Sie heute kommen.“

„Das war der Sinn der Sache.“

Nun war die Stille in der Lobby eine andere.

Nadine blickte zwischen den beiden Männern hin und her.

„Sie kennen sich?“, fragte sie.

Thomas Seidel antwortete nicht sofort.

Martin tat es.

„Herr Seidel leitet dieses Haus.“

Noch immer verstand Nadine nicht.

Dann sagte Seidel leise:

„Herr Berger ist der Eigentümer der Hotelgruppe.“

Das Gesicht der Kollegin erstarrte.

Nadine öffnete den Mund.

Schloss ihn wieder.

Martin sah beide an.

Kein Triumph.

Keine Schadenfreude.

Nur Müdigkeit.

„Ich möchte heute niemanden vor meinem Kind zur Rede stellen.“

Er sah zu Seidel.

„Aber morgen sprechen wir.“

„Natürlich.“

„Und zwar nicht darüber, dass man mich nicht erkannt hat.“

Seidels Blick sank.

„Das wäre mir völlig egal gewesen.“

Martin deutete mit der Vase in Richtung Rezeption.

„Wir sprechen darüber, warum ein müder Vater mit einem schlafenden Kind erst dann vernünftig behandelt wurde, nachdem jemand aus der Hauswirtschaft eingeschritten ist.“

Gisela wurde rot.

Nadine ebenfalls, allerdings aus einem anderen Grund.

„Herr Berger, ich möchte mich wirklich entschuldigen“, begann sie.

Martin hob die Hand.

„Nicht heute.“

Er sah auf Lena.

„Heute bringe ich meine Tochter ins Bett.“

Im Aufzug öffnete Lena kurz die Augen.

„Papa?“

„Hm?“

„Warum hattest du Ärger?“

Martin küsste sie auf die Stirn.

„Nur ein Missverständnis.“

„Ist die Frau mit den grauen Haaren nett?“

Martin lächelte.

Er hatte gedacht, Lena hätte geschlafen.

„Sehr nett.“

„Hat sie Mamas Blumen gerettet?“

Er schluckte.

„Ja.“

Lena schloss wieder die Augen.

„Dann mag Mama sie bestimmt.“

Die Türen öffneten sich im neunten Stock.

Martin blieb einen Moment im leeren Flur stehen.

Mit seiner Tochter im Arm.

Mit Sabines Rosen in der anderen Hand.

Und mit Tränen in den Augen, die niemand sah.

Am nächsten Morgen stand die Glasvase auf dem kleinen Tisch am Fenster.

Lena steckte die Rosen einzeln hinein.

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