„Weißt du“, sagte Nina, „er hat diese Hose selbst dann noch anziehen wollen, als sie ihm schon zu klein war.“
Ich nickte.
„Er hat immer gesagt, er müsse schließlich zur Arbeit.“
Sie lächelte traurig.
Dann blickte sie hinter mich.
Dieter kam gerade den Weg entlang.
In den Händen hielt er eine kleine Holzkiste.
Hinter ihm folgten Helmut und einige andere Männer.
Nina sah mich fragend an.
„Was ist das?“
Dieter räusperte sich.
„Wir haben noch etwas.“
Er öffnete die Kiste.
Darin lagen siebenundzwanzig kleine Holztraktoren.
Jeder war von einem anderen Mann ausgesucht oder selbst angefertigt worden.
Einige waren rot.
Andere grün, blau oder gelb.
Manche hatten winzige Holzräder.
Andere waren nur grob geschnitzt.
Auf der Unterseite jedes Traktors stand ein Name.
Dieter nahm den ersten heraus.
„Der hier ist von mir.“
Er stellte ihn vorsichtig auf den Rand des Grabes.
„Für Paul.“
Helmut trat vor.
Seine Hände zitterten ein wenig.
Er stellte einen grünen Holztraktor daneben.
„Von mir auch, kleiner Mann.“
Einer nach dem anderen legten wir unsere kleinen Geschenke in die Holzkiste, die Nina später mit nach Hause nehmen wollte.
Sie hatte uns gebeten, nicht alle Figuren dauerhaft auf dem Grab stehen zu lassen.
„Die nehme ich für sein Zimmer“, sagte sie. „Dann habe ich etwas von euch allen.“
Ich war froh darüber.
Denn vielleicht war das sogar der schönere Platz für sie.
Bei seinen Büchern.
Bei seinen Zeichnungen.
Bei dem kleinen Bett, in dem er so viele Nächte geschlafen hatte.
Als ich an der Reihe war, holte ich meinen Traktor aus der Jackentasche.
Er war rot.
Die Räder waren etwas schief geraten.
Ich hatte ihn am Vorabend aus einem alten Stück Buchenholz geschnitzt.
Auf der Unterseite stand:
„Dein Rolf.“
Ich stellte ihn für einen Moment vor den Grabstein.
Dann ging ich in die Hocke.
„Na, Chef“, flüsterte ich. „Wir waren unterwegs.“
Meine Stimme versagte.
Ich musste mich am Knie abstützen.
„Siebenundzwanzig Trecker. Nicht alle auf einmal, aber alle für dich.“
Hinter mir war es still.
„Ich hoffe, du hast uns gehört.“
Dann legte ich den Holztraktor zu den anderen in die Kiste.
Als ich aufstand, stand Nina direkt neben mir.
Sie umarmte mich.
Lange.
So lange, dass ich irgendwann einfach meine Arme um sie legte und mit ihr weinte.
„Danke, Rolf“, flüsterte sie.
„Wofür?“
„Dass du ihn nie wie einen kranken Jungen behandelt hast.“
Ich sah sie an.
„Er war ein kranker Junge, Nina.“
„Ja. Aber bei dir war er vor allem Paul.“
Sie schaute auf das Grab.
„Im Krankenhaus war er Patient. Zu Hause musste ich ständig aufpassen, ob er müde war, ob er Schmerzen hatte, ob er seine Medikamente bekam.“
Ihre Stimme brach.
„Bei dir durfte er einfach ein kleiner Junge sein, der Traktoren liebt.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Also drückte ich nur ihre Hand.
Ein paar Tage später klingelte es an meiner Tür.
Draußen stand Pfarrer Klee.
Ohne seinen schwarzen Talar.
Er trug eine dunkelgraue Jacke und hielt einen kleinen Umschlag in der Hand.
Ich war überrascht.
„Herr Pfarrer.“
„Herr Hartmann. Darf ich kurz hereinkommen?“
Ich führte ihn in die Küche.
Er setzte sich an denselben Tisch, an dem Nina mir damals von Pauls Diagnose erzählt hatte.
Eine Weile redeten wir über belanglose Dinge.
Dann legte er den Umschlag vor mich.
„Frau Berger hat mir erzählt, was Sie am Tag der Beerdigung gemacht haben.“
Ich nickte.
„Wir waren nicht auf dem Kirchplatz.“
„Das weiß ich.“
Er faltete die Hände.
„Ich möchte Ihnen etwas sagen.“
Ich wartete.
„Ich hatte Sorge, dass aus der Trauerfeier ein Spektakel wird. Dass andere Menschen sich gestört fühlen. Dass die Mutter am Ende zwischen allen Fronten steht.“
„Das verstehe ich“, sagte ich.
Er sah mich an.
„Aber vielleicht habe ich zu sehr darauf geschaut, was ich verhindern wollte, und zu wenig darauf, was der Junge sich gewünscht hat.“
Ich war überrascht.
So einen Satz hätte ich von ihm nicht erwartet.
„Herr Pfarrer, ich wollte Ihnen keinen Ärger machen.“
„Das glaube ich Ihnen inzwischen.“
Er schob den Umschlag zu mir.
Darin lag eine kleine Karte.
Auf der Vorderseite war ein handgemaltes rotes Traktorrad zu sehen.
Innen stand:
„Für Paul. Und für alle, die ihn vermissen.“
Darunter hatte der Pfarrer seinen Namen geschrieben.
Ich sah lange auf die Karte.
„Das hätte ihm gefallen“, sagte ich schließlich.
Der Pfarrer nickte.
Dann fragte er:
„Darf ich Ihre Werkstatt einmal sehen?“
Wir gingen hinüber.
Ich zeigte ihm den roten Traktor.
Die Werkbank.
Den kleinen Farbeimer.
Und die Zeichnungen an der Wand.
Vor einem Bild blieb er stehen.
Es zeigte einen kleinen grünen Traktor zwischen Wolken.
Darunter stand:
„ROLF KOMT AUCH.“
Der Pfarrer betrachtete die Zeichnung lange.
Dann sagte er leise:
„Er muss Sie sehr lieb gehabt haben.“
„Ja“, antwortete ich.
Und nach einer Weile fügte ich hinzu:
„Ich ihn auch.“
Am Abend nach der Beerdigung hatten wir uns noch einmal bei Dieter getroffen.
Diesmal waren fast alle 27 Männer gekommen.
Nicht, um etwas zu planen.
Nicht, um über den Pfarrer zu schimpfen.
Sondern einfach, um über Paul zu reden.
Jeder hatte eine Geschichte.
Heinrich erzählte, wie Paul einmal versucht hatte, mit einem Spielzeugschraubenzieher seinen Traktor zu reparieren.
„Er hat gesagt, der Motor braucht neue Bonbons.“
Wir lachten.
Dieter berichtete, wie Paul ihn gefragt hatte, ob er früher schon gelebt habe, als es noch Dinosaurier gab.
„Ich habe gesagt, ich kann mich nicht mehr genau erinnern.“
Da lachten wir noch mehr.
Und zwischendurch wurde es immer wieder still.
So ist Trauer manchmal.
Man lacht über eine Erinnerung.
Und im nächsten Moment tut es weh, weil man weiß, dass es keine neuen Erinnerungen mehr geben wird.
Wir hängten ein Foto von Paul in Dieters Scheune auf.
Darunter stellten wir einen kleinen roten Holztraktor.
Die grüne Latzhose nahm ich mit nach Hause.
Dort bekam sie einen besonderen Platz.
Nicht in einer Schublade.
Nicht in einem Karton.
Sondern an der Wand meiner Werkstatt.
Direkt neben Pauls Zeichnungen.
Seitdem habe ich sie jeden Tag vor Augen.
Und manchmal, wenn ich die Werkstatt morgens aufschließe, sage ich noch immer:
„Morgen, Chef.“
Natürlich antwortet niemand.
Aber es fühlt sich trotzdem richtig an.
Das ist jetzt drei Jahre her.
Ich bin inzwischen 72.
Meine Knie sind schlechter geworden, und ich brauche morgens länger, bis ich richtig in Gang komme.
Der rote Traktor läuft noch.
Manchmal macht die Einspritzpumpe Schwierigkeiten.
Dann schimpfe ich eine Weile, hole meine Werkzeuge und repariere, was zu reparieren ist.
Ganz so, wie früher.
Nur dass ich inzwischen nicht mehr allein in der Werkstatt bin.
An manchen Samstagen kommen zwei Jungen aus der Nachbarschaft vorbei.
Der eine ist neun, der andere elf.
Ihre Eltern haben mich gefragt, ob ich ihnen ein bisschen zeigen könnte, wie man alte Maschinen wartet.
Zuerst wollte ich nicht.
Ich hatte Angst, dass mir das zu viel wird.
Oder dass ich ständig an Paul denken muss.
Aber dann standen sie eines Morgens vor meiner Tür.
Mit großen Augen.
Mit hundert Fragen.
Und einer von ihnen fragte:
„Sind Sie der Mann mit dem roten Trecker?“
Da musste ich mich erst einmal auf meinen Hocker setzen.
Denn genau so hatte alles angefangen.
Heute dürfen die beiden unter meiner Aufsicht einfache Arbeiten erledigen.
Werkzeuge sortieren.
Schrauben reinigen.
Bauteile kennenlernen.
Und natürlich gibt es Apfelsaft.
Den habe ich immer im Haus.
Nicht, weil ich ihn selbst besonders gern trinke.
Sondern weil ich es nicht fertigbringe, keinen mehr zu kaufen.
Nina kommt auch noch manchmal vorbei.
Anfangs war jeder Besuch schwer.
Wir saßen oft schweigend in der Küche.
Später fingen wir an, wieder über andere Dinge zu reden.
Über ihre Arbeit.
Über meine Gesundheit.
Über die Nachbarn.
Und manchmal über Paul.
Sein Zimmer hat sie inzwischen umgestaltet.
Nicht, weil sie ihn vergessen wollte.
Sondern weil sie irgendwann wieder Luft zum Atmen brauchte.
Die Holztraktoren stehen heute auf einem Regal in ihrem Wohnzimmer.
Alle siebenundzwanzig.
Manchmal schickt sie mir ein Foto.
Oder sie bringt einen Kuchen vorbei, so wie früher meine Gisela.
Sie sagt, ich sei für Paul eine Art Ersatzopa gewesen.
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht war er für mich auch ein Ersatz für all die Stunden, die ich mit meinem eigenen Sohn versäumt hatte.
Aber ich glaube, das muss man gar nicht so genau erklären.
Manche Menschen kommen einfach in unser Leben.
Und plötzlich ist der Alltag ein bisschen heller.
Manchmal für viele Jahre.
Manchmal nur für kurze Zeit.
Und manchmal reicht ein einziger kleiner Mensch, um einen alten Mann für immer zu verändern.
Jedes Jahr, an Pauls Todestag, treffen wir uns wieder.
Nicht mehr alle siebenundzwanzig.
Einige sind inzwischen selbst gestorben.
Andere können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fahren.
Helmut ist im vergangenen Winter mit 77 Jahren eingeschlafen.
Bei seiner Beerdigung lag ein kleiner grüner Holztraktor neben seinem Foto.
Seine Tochter hatte ihn dort hingelegt.
Sie sagte, ihr Vater habe bis zuletzt von Paul gesprochen.
Von diesem kleinen Jungen, der es geschafft hatte, so viele alte Männer zusammenzubringen.
Wir fahren heute auch keine großen Runden mehr.
Einige von uns treffen sich mit ihren alten Traktoren auf einem privaten Hof.
Die anderen kommen mit dem Auto.
Dann stellen wir uns zusammen, trinken Kaffee und erinnern uns.
Wer möchte, geht später in die kleine Kirche, in der Pastorin Arndt damals die Kerze angezündet hatte.
Und jedes Jahr kommt Nina.
Manchmal mit ihrer Mutter.
Manchmal allein.
Sie bringt Pauls Foto mit.
Das von seiner letzten Ausfahrt.
Dann stellen wir es auf einen Tisch.
Neben die Kerze.
Und neben den kleinen roten Holztraktor, den ich damals geschnitzt habe.
Wir machen daraus keine große Veranstaltung.
Keine Musik.
Keine Reden.
Nur ein paar Menschen, die sich an einen Jungen erinnern, der viel zu früh gehen musste.
Im letzten Jahr stand Nina lange vor meinem Traktor.
Sie legte ihre Hand auf den abgenutzten Kotflügel.
„Rolf, weißt du noch, wie Paul immer behauptet hat, er würde später deine Werkstatt übernehmen?“
Ich nickte.
„Ja.“
„Manchmal denke ich darüber nach, was wohl aus ihm geworden wäre.“
Sie schaute auf die Werkstatttür.
„Vielleicht hätte er wirklich Maschinen repariert.“
Ich lächelte.
„Vielleicht.“
„Oder er wäre Lehrer geworden.“
„Auch möglich.“
„Oder etwas ganz anderes.“
Wir schwiegen.
Dann sagte ich:
„Aber eines weiß ich sicher.“
Sie sah mich an.
„Was?“
„Er wäre ein guter Mensch geworden.“
Nina begann zu weinen.
Und ich weinte mit.
Nicht, weil das besonders schöne Worte gewesen wären.
Sondern weil ich sie wirklich meinte.
Paul war erst fünf gewesen.
Aber er hatte schon verstanden, worauf es im Leben ankommt.
Er hatte Menschen gern, ohne sich darum zu kümmern, ob sie alt oder jung waren.
Ob sie schöne Kleidung trugen oder nach Diesel rochen.
Ob sie viel redeten oder lieber schwiegen.
Er hatte in mir nicht den grimmigen Rentner gesehen, über den manche Nachbarn sagten, er sei ein schwieriger alter Kerl.
Er hatte einfach einen Mann gesehen, der einen roten Traktor besaß.
Und der bereit war, ihm jeden Samstag dieselben Fragen zu beantworten.
Vielleicht ist das das größte Geschenk, das ein Mensch einem anderen machen kann.
Ihn so zu sehen, wie er wirklich ist.
Nicht nur das Äußere.
Nicht seine Fehler.
Nicht die Dinge, die er im Leben versäumt hat.
Sondern das, was in ihm steckt.
Vor ein paar Wochen habe ich etwas getan, das ich jahrelang vor mir hergeschoben hatte.
Ich bin zu meinem Sohn gefahren.
Vier Stunden Autobahn.
Mein Rücken hat anschließend zwei Tage geschmerzt.
Aber ich habe meinen Enkel besucht.
Er ist inzwischen dreizehn.
Wir haben zusammen an seinem Fahrrad geschraubt.
Und am Abend saßen wir lange am Küchentisch.
Mein Sohn sagte irgendwann:
„Papa, das haben wir früher viel zu selten gemacht.“
Ich wusste, dass er recht hatte.
Früher hätte ich wahrscheinlich irgendeine Ausrede gefunden.
Dass ich arbeiten musste.
Dass ich müde war.
Dass noch eine Maschine auf mich wartete.
Diesmal sagte ich nur:
„Ja, Junge. Das stimmt.“
Dann fragte ich ihn, ob wir das in Zukunft öfter machen könnten.
Er sah mich überrascht an.
Und lächelte.
„Klar, Papa.“
Auf der Rückfahrt dachte ich die ganze Zeit an Paul.
An seinen Handschlag.
An die Frage, ob man im Himmel Traktoren hören kann.
Ich weiß nicht, ob es einen Himmel gibt, in dem alte Dieselmotoren knattern.
Ich weiß nicht, ob Paul uns an jenem Vormittag wirklich gehört hat.
Und ich werde auch nicht behaupten, dass ich es weiß.
Aber ich weiß, dass seine Mutter uns gehört hat.
Dass siebenundzwanzig Männer für einen kleinen Jungen zusammengekommen sind.
Dass ein Pfarrer später den Mut hatte, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken.
Und dass ich durch Paul gelernt habe, meinem eigenen Sohn etwas näherzukommen.
Manchmal denke ich, das ist vielleicht mehr, als wir überhaupt erwarten dürfen.
Gestern habe ich wieder in meiner Werkstatt gearbeitet.
Die beiden Nachbarsjungen waren da.
Wir haben einen alten Anlasser auseinandergenommen.
Irgendwann zeigte der Jüngere auf die grüne Latzhose an der Wand.
„Rolf, wem gehört die?“
Ich legte mein Werkzeug weg.
„Die gehörte meinem besten kleinen Freund.“
„Wo ist der jetzt?“
Ich schaute auf das Foto daneben.
Paul mit seiner Strickmütze.
Paul mit seinem breiten Lächeln.
Paul, der sich für den größten Traktorfahrer der Welt hielt.
„Er ist gestorben“, sagte ich.
Der Junge wurde ernst.
„Warst du traurig?“
Ich nickte.
„Sehr.“
Er dachte eine Weile nach.
Dann fragte er:
„Bist du immer noch traurig?“
Ich sah auf die kleine Latzhose.
„Manchmal ja.“
„Warum hängt die dann hier?“
Ich lächelte.
„Damit ich mich nicht nur daran erinnere, dass er gestorben ist.“
Der Junge schaute mich fragend an.
„Sondern?“
Ich strich mit der Hand über die Werkbank.
Über das Holz, auf dem Paul so oft gesessen und seine Apfelsaftpackung abgestellt hatte.
„Damit ich mich daran erinnere, dass er da war.“
Der Junge nickte langsam.
Dann nahm er seinen Schraubenschlüssel wieder in die Hand.
„Rolf?“
„Ja?“
„Wenn ich groß bin, darf ich dann auch mal deinen Trecker fahren?“
Ich musste lachen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit tat dieses Lachen nicht weh.
„Wenn du groß genug bist und den Führerschein hast, reden wir darüber.“
Er grinste.
„Versprochen?“
Ich sah ihn an.
Dann streckte ich meine Hand aus.
„Versprochen.“
Er schlug ein.
Und während wir weiterarbeiteten, fiel mein Blick noch einmal auf Pauls Zeichnung.
Auf den grünen Traktor zwischen den Wolken.
Auf die ungelenken Buchstaben.
„ROLF KOMT AUCH.“
Ich lächelte.
„Noch nicht, mein Kleiner“, flüsterte ich so leise, dass die beiden Jungen es nicht hörten.
„Ich habe hier unten noch ein bisschen was zu tun.“
Dann nahm ich meinen Schraubenschlüssel.
Und arbeitete weiter.






