Michael drehte sich zu ihr.
„Dann tut ihr alle so, als wäre er weg, obwohl er alles mitbekommt.“
„Wir tun nicht so.“
Sie klang nicht beleidigt. Eher müde.
„Wir haben viel versucht.“
„Was denn?“
„Rufen. Spielen. Spaziergänge. Verschiedene Leute. Leckerlis. Andere Hunde.“
„Und?“
„Draußen läuft er ordentlich mit. Frisst normal. Aber sobald er wieder hier drin ist, legt er sich hin.“
Michael blickte erneut durch die Stäbe.
„Kann ich rein?“
Die Mitarbeiterin zögerte.
„Zu ihm?“
„Ja.“
„Sie wollen ihn kennenlernen?“
Michael schüttelte den Kopf.
„Ich will mich nur hinsetzen.“
Sie betrachtete ihn kurz.
Dann holte sie einen Schlüssel.
„Nicht direkt auf ihn zugehen. Lassen Sie ihn entscheiden.“
„Hab ich vor.“
Die Tür öffnete sich.
Michael trat hinein.
Der Hund hob nicht den Kopf.
Michael ging nicht näher.
Er setzte sich einfach auf den Betonboden.
Der kalte Boden drückte sofort durch seine Jeans.
Er lehnte den Rücken an die Wand.
Sagte nichts.
Eine Weile saßen sie einfach da.
Der Retriever in seiner Ecke.
Michael zwei Meter entfernt.
Draußen bellten die anderen Hunde weiter.
Nach einer Minute fühlte Michael sich lächerlich.
Nach zwei Minuten dachte er darüber nach, wieder aufzustehen.
Dann sagte er plötzlich:
„Ich wollte heute auch mit niemandem reden.“
Keine Reaktion.
Michael schnaubte leise.
„Eigentlich wollte ich nicht mal herkommen.“
Der Hund blieb liegen.
„Meine Frau hätte mich ausgelacht.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Sie wollte immer einen Hund.“
Michael blickte auf seine Hände.
„Ich hab immer gesagt, später.“
Das Wort blieb einen Moment im Raum.
Später.
Er rieb mit dem Daumen über einen kleinen Kratzer an seinem Fingernagel.
„Später haben wir einen größeren Garten.“
Keine Bewegung.
„Später haben wir mehr Zeit.“
Michael schluckte.
„Später bin ich weniger unterwegs.“
Er lächelte kurz.
Aber es war kein fröhliches Lächeln.
„Blödes Wort, dieses später.“
Die Mitarbeiterin stand draußen im Gang.
Sie sagte nichts.
Michael bemerkte sie kaum noch.
„Seit Gabriele weg ist, mache ich morgens manchmal noch ihre Tasse fertig.“
Er sah nicht zum Hund.
„Ist bescheuert.“
Da bewegte sich etwas.
Nur ganz leicht.
Michael hielt inne.
Der Retriever hatte den Kopf ein paar Zentimeter angehoben.
Nicht viel.
Aber eindeutig.
Michael atmete plötzlich vorsichtiger.
Er blieb sitzen.
„Ich weiß ja, dass sie nicht zurückkommt“, sagte er.
Der Kopf blieb oben.
„Trotzdem hört ein Teil von einem wohl später auf als der Rest.“
Jetzt öffnete der Hund die Augen vollständig.
Er sah nicht zur Tür.
Nicht zur Mitarbeiterin.
Er sah Michael an.
Direkt.
Michael verstummte.
Sekundenlang geschah nichts.
Dann flüsterte er:
„Na also.“
Der Hund blickte weiter.
Kein Wedeln.
Keine Freude.
Nur ein Blick.
Aber Michael hatte das Gefühl, zum ersten Mal wirklich gesehen zu werden.
Die Mitarbeiterin machte einen kleinen Schritt näher.
„Das hat er bei Besuchern noch nie gemacht.“
Michael schaute nicht zu ihr.
„Was?“
„So geguckt.“
„Vielleicht waren die anderen interessanter.“
„Nein.“
Sie sagte es sehr leise.
„Ich meine es ernst.“
Michael blickte den Hund weiter an.
„Wie heißt er?“
„Rocky.“
Michael verzog leicht das Gesicht.
„Rocky.“
Das Ohr des Hundes zuckte.
„Na, wenigstens deinen Namen kennst du.“
Rocky blinzelte.
Dann legte er den Kopf nicht wieder ab.
Die Mitarbeiterin stand noch immer an der Tür.
Nach einer Weile sagte sie:
„Er kam nicht als Fundhund.“
Michael hob den Blick.
„Nein?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Sein Besitzer war ein älterer Herr aus der Gegend.“
Michael sagte nichts.
„Er ist zu Hause gestorben.“
Rockys Augen blieben auf Michael gerichtet.
„Der Hund war bei ihm.“
Michael spürte, wie sich etwas in seinem Gesicht veränderte.
„Wie lange?“
„Mehrere Stunden. Vielleicht länger. Genau weiß es niemand.“
Die Mitarbeiterin sprach ruhig.
„Eine Nachbarin hat irgendwann gemerkt, dass etwas nicht stimmt.“
Michael blickte zu Rocky.
„Und dann?“
„Anfangs war er hier völlig anders.“
Sie lehnte sich leicht an den Türrahmen.
„Am ersten Tag hat er dauernd gebellt. Bei jedem Schritt im Gang ist er zur Tür gerannt.“
Michael sah sie an.
„Als würde er jemanden erwarten.“
Sie nickte.
„Ja.“
„Und irgendwann hat er aufgehört.“
„Nach ein paar Tagen weniger. Nach ein paar Wochen fast ganz.“
Michael schaute wieder zum Hund.
Plötzlich sah die ganze Sache anders aus.
Rocky hatte nicht aufgehört zu bellen, weil ihm Menschen egal waren.
Vielleicht hatte er aufgehört, weil Bellen nichts zurückbrachte.
„Er ist nicht kaputt“, sagte Michael.
Die Mitarbeiterin schwieg.
„Er wartet nur nicht mehr.“
Rockys Ohren gingen ein wenig nach vorn.
Michael merkte es sofort.
Er streckte langsam eine Hand aus.
Nicht bis zum Hund.
Nur ungefähr bis zur Hälfte des Abstands.
Handfläche nach unten.
Dann wartete er.
Rocky sah auf die Hand.
Eine Sekunde.
Fünf.
Zehn.
Michael bewegte keinen Finger.
„Du musst gar nichts“, sagte er.
Rocky blieb liegen.
Michael nickte.
„Ist auch okay.“
Er wollte die Hand gerade zurücknehmen.
Da hob Rocky sich vorne hoch.
Langsam.
Fast vorsichtig.
Er saß eine Weile.
Als müsste er erst prüfen, ob sich die Mühe lohnte.
Dann stand er auf.
Die Mitarbeiterin im Gang hielt hörbar den Atem an.
Rocky machte einen Schritt.
Blieb stehen.
Michael bewegte sich nicht.
Ein zweiter Schritt.
Dann ein dritter.
Jetzt stand der Golden Retriever direkt vor ihm.
Michaels Hand war noch ausgestreckt.
Rocky senkte den Kopf.
Schnupperte.
Dann berührte seine Nase ganz kurz Michaels Finger.
Nur eine Sekunde.
Vielleicht weniger.
Aber Michael schloss die Augen.
Seine Unterlippe zitterte kurz.
Er räusperte sich.
„Na gut.“
Rocky blieb stehen.
Michael öffnete die Augen wieder.
„Das war jetzt ziemlich unfair.“
Die Mitarbeiterin lächelte zum ersten Mal.
Michael strich Rocky nicht sofort.
Er wartete noch.
Erst als der Hund seine Schnauze ein zweites Mal gegen seine Hand schob, legte Michael vorsichtig die Finger an seine Wange.
Rocky wich nicht zurück.
Sein Schwanz wedelte nicht.
Noch nicht.
Aber er blieb.
Das reichte.
Michael saß fast zwanzig Minuten bei ihm.
Keiner versuchte, Rocky zum Spielen zu bringen.
Niemand pfiff.
Niemand klatschte.
Niemand hielt ihm ein Leckerli vor die Nase.
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