Der stumme Kater, den niemand haben wollte, hörte einen Hilferuf, den im ganzen Haus kein anderer Mensch bemerkte, und veränderte damit unser ganzes Mietshaus.
„Nehmen Sie ihn wirklich mit?“
Die Mitarbeiterin im kleinen Tierheim am Stadtrand sah mich an, als hätte ich gerade etwas Unvernünftiges gesagt.
Ich nickte.
Der blaugraue Kater hinter der Gittertür war viel zu dünn. Seine bernsteinfarbenen Augen bewegten sich kaum. Er saß einfach da und beobachtete uns.
„Er kann nicht richtig miauen“, sagte die Frau leise. „Sein Kehlkopf wurde früher schwer verletzt. Wenn er versucht, einen Laut zu machen, sieht es schlimm aus. Manche Menschen erschrecken davor.“
In diesem Moment öffnete der Kater sein Maul.
Sein Hals spannte sich an.
Sein ganzer Körper zitterte.
Es sah aus, als würde gleich ein Schrei durch den Raum gehen.
Aber es kam nichts.
Kein Miauen.
Kein Krächzen.
Nur Stille.
Ich weiß nicht, warum mich genau das traf.
Vielleicht, weil ich beruflich für Menschen schrieb, die selbst keine Worte fanden. Entschuldigungen. Abschiedsbriefe. Briefe an erwachsene Kinder, mit denen seit Jahren kein Kontakt mehr bestand.
Ich kannte diese Art von Stille.
„Ich nehme ihn“, sagte ich.
„Und wie soll er heißen?“
Ich schaute den Kater an.
„Schatten.“
Ich heiße Matthias, bin 48 und wohne allein in einem alten Mietshaus in Kassel.
Kein schickes Haus. Vier Etagen, schmale Treppen, ein Keller voller Fahrräder und abgestellter Kartons. Man hört, wenn jemand über einem einen Stuhl verrückt oder unter einem die Waschmaschine schleudert.
Die ersten Tage mit Schatten waren unkompliziert.
Er fraß.
Er schlief.
Er lief durch meine Wohnung, als wäre er immer schon dort gewesen.
Nur nachts machte er etwas Merkwürdiges.
Er setzte sich vor die Wohnzimmerwand.
Nicht vor ein Fenster.
Nicht vor die Tür.
Einfach vor die blanke Wand.
Dann öffnete er sein Maul.
Sein Körper spannte sich an.
Dieser lautlose Schrei.
Immer wieder.
„Was machst du da?“, fragte ich manchmal.
Schatten drehte sich nicht einmal um.
In der vierten Nacht wurde ich gegen zwei Uhr von heftigem Klopfen geweckt.
BUMM.
BUMM.
BUMM.
Es kam von unten.
Dann hörte ich eine Frauenstimme.
„MACHEN SIE DAS ENDLICH AUS!“
Ich setzte mich im Bett auf.
Schatten lag zusammengerollt an meinen Füßen.
Er schlief.
Unter mir wohnte Frau Krüger.
72 Jahre alt, verwitwet, immer ordentlich gekleidet. Selbst wenn sie nur den Müll rausbrachte, trug sie eine Strickjacke und hatte ihre Haare gemacht.
Am nächsten Abend passierte es wieder.
Diesmal schlug sie offenbar mit einem Besenstiel gegen ihre Decke.
„DIESER KATER!“
Ich ging hinunter.
Frau Krüger öffnete nur einen Spalt breit.
Die Sicherheitskette blieb vorgelegt.
Ihre Augen waren rot.
„Frau Krüger“, sagte ich. „Schatten kann gar nicht miauen.“
Sie starrte mich an.
„Er schreit.“
„Nein.“
„Ich höre ihn!“
Ihre Stimme brach.
„Als würde da oben etwas sterben.“
Dann schlug sie die Tür zu.
Ich blieb im Treppenhaus stehen.
Wütend war ich nicht.
Eher ratlos.
Als ich wieder nach oben kam, lag Schatten nicht mehr im Schlafzimmer.
Er lag im Wohnzimmer.
Flach auf dem Boden.
Genau über Frau Krügers Schlafzimmer.
Ein Ohr hatte er an die Dielen gepresst.
Dann öffnete er sein Maul.
Lautlos.
Sein Körper zitterte.
Und plötzlich hatte ich einen Gedanken, den ich nicht mehr loswurde.
Was, wenn er gar nicht versuchte zu schreien?
Was, wenn er zuhörte?
Einige Tage später tobte nachts ein heftiger Herbststurm über Kassel.
Ich saß auf dem Sofa und las.
Schatten lief unruhig durch die Wohnung.
Plötzlich sprang er mir auf den Schoß.
Seine Krallen drückten durch meine Jogginghose.
Er sah mir direkt ins Gesicht.
Dann öffnete er sein Maul.
Der lautlose Schrei.
Diesmal galt er mir.
Schatten sprang herunter, rannte zur Wohnungstür und kratzte daran.
„Was ist denn?“
Er kratzte weiter.
Ich öffnete.
Schatten schoss ins Treppenhaus.
Eine Etage tiefer blieb er vor Frau Krügers Tür stehen.
Er drückte seinen Kopf dagegen.
Immer wieder.
Ich klopfte.
„Frau Krüger?“
Keine Antwort.
Ich wollte schon zurückgehen.
Dann hörte ich etwas.
So leise, dass ich zuerst dachte, ich hätte es mir eingebildet.
Ein Wimmern.
„Frau Krüger?“
Eine Pause.
Dann kam durch die Tür:
„Hilfe.“
Ich rief sofort den Rettungsdienst.
Frau Krüger war im Flur gestürzt.
Sie hatte sich die Hüfte gebrochen.
Ihr Telefon lag auf einem Tisch, den sie vom Boden aus nicht erreichen konnte.
Sie hatte lange gerufen.
Irgendwann war ihre Stimme kaum noch da.
In unserem alten Haus hatte niemand etwas gehört.
Außer Schatten.
Zwei Wochen später durfte ich sie kurz besuchen.
Schatten blieb in seiner Transporttasche, bis Frau Krüger sagte:
„Machen Sie auf.“
Er ging langsam zu ihr.
Dann legte er sich neben ihr verletztes Bein.
Frau Krügers Hand zitterte, als sie über seinen Rücken strich.
„Du hast mich gehört“, flüsterte sie.
Dann sah sie mich an.
„Matthias, ich muss Ihnen etwas sagen.“
Ich zog meinen Stuhl näher.
„Ich wusste, dass er stumm ist.“
Ich sagte nichts.
„In diesen Nächten habe ich kein Miauen gehört.“
„Warum haben Sie dann gegen die Decke geschlagen?“
Sie blickte auf ihre Hände.
Lange.
„Weil es bei mir so still war.“
Ihre Stimme wurde kleiner.
„Seit mein Mann tot ist, kann ich abends manchmal meine eigene Uhr in der Küche hören. Mehr nicht.“
Sie schluckte.
„Ich habe gegen die Decke geschlagen, weil ich wollte, dass jemand reagiert.“
Das traf mich härter als erwartet.
„Warum haben Sie nichts gesagt?“
Frau Krüger lachte bitter.
„Was denn? Guten Abend, Herr Nachbar, ich bin 72 und habe Angst davor, dass ich irgendwann in meiner Wohnung liege und keiner merkt es?“
Sie sah Schatten an.
„Und dann ist genau das passiert.“
Nach ihrer Rückkehr veränderte sich unser Haus langsam.
Schatten verbrachte viele Nachmittage bei Frau Krüger.
Sie behauptete immer, das sei keine große Sache.
„Er kommt halt runter.“
Natürlich.
Und natürlich stand für ihn immer eine kleine Schale Wasser bereit.
Manchmal ging ich ebenfalls runter.
Wir tranken Kaffee.
Frau Krüger erzählte.
Schatten hörte zu.
Eines Tages schob sie mir einen Briefumschlag über den Tisch.
„Meine Tochter.“
Ich hatte nie gewusst, dass sie eine Tochter hatte.
„Jana“, sagte Frau Krüger. „37. Wohnt in der Nähe von Göttingen.“
„Sie haben keinen Kontakt?“
„Seit drei Jahren nicht.“
Ihre Finger hielten den Umschlag so fest, dass das Papier knitterte.
„Sie sagt, bei mir müsse immer alles nach meinen Vorstellungen laufen.“
Frau Krüger sah weg.
„Vielleicht hat sie recht.“
Dann sah sie wieder zu mir.
„Sie schreiben doch für Menschen.“
„Manchmal.“
„Dann schreiben Sie ihr.“
„Was?“
„Die Wahrheit.“
Ich machte ihr klar, dass ich keinen schönen Brief verfassen würde, in dem plötzlich einer von beiden unschuldig war.
Frau Krüger nickte.
„Genau deshalb frage ich Sie.“
Also schrieb ich.
Nicht, dass Jana ihrer Mutter etwas schuldig sei.
Nicht, dass sie sofort zurückkommen müsse.
Ich schrieb nur, was passiert war.
Dass ihre Mutter gestürzt war.
Dass sie allein gewesen war.
Dass ausgerechnet ein stummer Kater bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte.
Und dass Frau Krüger mir gestanden hatte, wie sehr sie sich vor der Einsamkeit fürchtete.
Drei Tage später bekam ich eine Nachricht.
Von Jana.
„Wer sind Sie überhaupt?“
Dann:
„Sie kennen meine Mutter nicht so, wie ich sie kenne.“
Ich antwortete:
„Das stimmt.“
Noch eine Nachricht.
„Sie kann einem das Gefühl geben, entweder alles für sie sein zu müssen oder gar nichts.“
Darauf wusste ich zuerst keine Antwort.
Denn plötzlich begriff ich etwas.
Frau Krügers Einsamkeit machte Janas Verletzungen nicht unwichtig.
Und Janas Verletzungen machten Frau Krügers Angst nicht unecht.
Zwei Menschen konnten gleichzeitig verletzt sein.
Ohne dass einer zum Bösewicht erklärt werden musste.
Ich schrieb:
„Ich glaube Ihnen. Und ich glaube Ihrer Mutter, dass sie Angst hat. Beides kann stimmen.“
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