Der Tag, an dem ich ein Kind schützte und zur Schuldigen wurde

Bin ich im Unrecht, weil ich den Hund meiner Nachbarin beim Ordnungsamt gemeldet habe, im Wissen, dass er eingeschläfert wird?

Ich (28/w) lebe in einer ruhigen Reihenhaussiedlung, direkt neben einer alleinerziehenden Mutter, „Sabine“ (35), und ihren zwei kleinen Kindern. Vor einem Jahr hat Sabine einen großen Rottweiler-Staffordshire-Mix namens Buster aus dem Tierheim adoptiert. Da es sich um einen sogenannten Listenhund handelt, gelten in unserem Bundesland strenge Auflagen, darunter eine strikte Leinen- und Maulkorbpflicht. Sabine war jedoch völlig unfähig, einen Hund dieser Größe und Kraft zu kontrollieren.

Buster war hochgradig reaktiv und aggressiv. Jedes Mal, wenn ich in meinen Garten ging, warf er sein gesamtes Gewicht gegen den gemeinsamen Gartenzaun, fletschte die Zähne und bellte aggressiv. In den letzten sechs Monaten hat er sich dreimal losgerissen, weil Sabine die Haustür öffnete und er sich einfach an ihr vorbeidrängte. Jedes Mal jagte er Nachbarn oder DHL-Paketboten hinterher. Ich habe mehrmals das Gespräch mit ihr gesucht und sie gebeten, ihm den gesetzlich vorgeschriebenen Maulkorb anzulegen und das kaputte Tor auf ihrer Seite zu reparieren. Sie tat es immer wieder ab: „Er ist nur laut, er hat ein Trauma aus seiner Vergangenheit, er würde niemals beißen.“

Letzten Samstag kam mein 4-jähriger Neffe zu Besuch. Wir gingen gerade meine Einfahrt hinauf, als Buster durch Sabines ungesicherte Haustür stürmte. Ohne Maulkorb. Er bellte nicht einmal. Er legte einfach die Ohren an und rannte direkt auf meinen Neffen zu.

Ich stellte mich schützend vor meinen Neffen, als Buster zum Sprung ansetzte. Er verbiss sich in meinem Unterarm und riss mich auf den Asphalt. Es brauchte Sabine und einen Spaziergänger von der anderen Straßenseite, der mit einer Mülltonne auf Buster einschlug, um ihn dazu zu bringen, meinen Arm loszulassen. Ich musste sofort in die Notaufnahme, wurde mit 14 Stichen genäht und bekam starke Antibiotika. Mein Neffe blieb körperlich unversehrt, aber er schrie in absoluter Todesangst. Wenn ich nicht dazwischengegangen wäre, hätte dieser Hund ein Kleinkind zerfleischt.

Da es sich um eine schwere Bissverletzung handelte, wurde das Krankenhaus routinemäßig tätig und verständigte die Polizei und das zuständige Veterinäramt. Als die Beamten bei mir auftauchten, um meine offizielle Aussage aufzunehmen, kam Sabine weinend und völlig hysterisch herübergelaufen.

Sie flehte mich an, keine Anzeige zu erstatten. Sie bettelte mich an, den Polizisten zu sagen, ich hätte ihn provoziert oder sei aus Versehen auf ihn gefallen und er habe aus Angst zugebissen. Sie gestand, dass Buster bereits bei seinem Vorbesitzer einen Beißvorfall hatte und den Wesenstest nie bestanden hatte. Aufgrund der strengen Gefahrhundeverordnung unseres Bundeslandes bedeutete ein zweiter schwerer, unprovokozierter Biss die sofortige Sicherstellung und obligatorische Einschläferung.

Sie fiel in meiner Einfahrt auf die Knie und weinte, dass ihre Kinder schon eine furchtbare Scheidung hinter sich hätten, dass Buster ihr einziger Trost sei und dass ich, wenn ich die Wahrheit sage, den besten Freund ihrer Kinder ermorden würde.

Ich sah auf meinen blutigen, verbundenen Arm, dachte an das Gesicht meines 4-jährigen Neffen und erzählte den Beamten haargenau, was passiert war. Ich weigerte mich zu lügen. Ich unterschrieb das Protokoll.

Das Ordnungsamt und das Veterinäramt beschlagnahmten Buster noch am selben Nachmittag. Zwei Tage später wurde er eingeschläfert.

Jetzt ist mein Leben die reinste Hölle. Sabines Kinder stehen weinend am Fenster. Sabine hat in unserer lokalen Nachbarschafts-App und in der WhatsApp-Gruppe der Siedlung einen langen, hochgradig manipulativen Text gepostet. Sie nennt mich eine herzlose Hundemörderin, die eine trauernde Familie wegen „eines kleinen Zwickers“ zerstört hat. Dass der Hund ein 4-jähriges Kind angreifen wollte, hat sie komplett weggelassen.

Die halbe Nachbarschaft stellt sich auf ihre Seite. Leute legen Hundeleckerlis mit Zetteln auf meine Fußmatte, auf denen „Mörderin“ steht. Nachbarn, die ich seit Jahren kenne, wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen. Sogar meine eigene Schwester meinte, sie sei zwar unglaublich dankbar, dass ich ihren Sohn beschützt habe, aber ich hätte Sabine auch einfach zivilrechtlich auf Schmerzensgeld verklagen können, anstatt das Todesurteil für ein Familientier zu unterschreiben.

Ich wollte nicht, dass der Hund stirbt. Ich wollte nicht der Grund sein, warum diese Kinder trauern. Ich wollte einfach nur sicher auf meinem eigenen Grundstück sein und ein Kind beschützen. Aber alle tun so, als hätte ich die Spritze selbst aufgezogen.

Bin ich im Unrecht, weil ich der Polizei die Wahrheit gesagt habe, obwohl ich wusste, dass es den Hund das Leben kosten würde? Oder liegt die wahre Schuld bei einer Nachbarin, die sich weigert, ein gefährliches Tier zu kontrollieren?

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