Zwei Jahre nach der Rettung unseres Hundes stand derselbe tätowierte Riese plötzlich vor unserer Tür und diesmal zitterten seine Hände.
Ich erkannte es sofort.
Götz war sonst ein Mann, der selbst einen tropfenden Wasserhahn ansehen konnte, als hätte er ihn persönlich beleidigt. Ruhig. Breit. Fest wie eine alte Mauer.
Aber an diesem Dienstagabend stand er im Treppenhaus, die Lederjacke nass vom Regen, Hektor neben sich, und seine Finger krallten sich so fest um die Leine, dass seine Knöchel weiß wurden.
„Monika“, sagte er leise. „Kann ich kurz reinkommen?“
Andreas sprang vom Küchentisch auf. Matheheft offen, Bleistift hinterm Ohr, Max schnarchend unter dem Stuhl.
„Götz!“, rief er. „Du kommst genau richtig. Ich versteh diese Brüche immer noch nicht.“
Normalerweise hätte Götz gelacht und gesagt: „Brüche sind wie Kuchen, Kleiner. Man muss nur wissen, wer wie viel abbekommt.“
Diesmal sagte er nichts.
Er trat nur in unsere kleine Küche, setzte sich schwer auf den Stuhl und legte eine zerknitterte Mappe auf den Tisch.
Ich stellte ihm wortlos eine Tasse Kaffee hin.
„Was ist los?“, fragte ich.
Götz sah erst zu Andreas, dann zu Hektor. Der große Rottweiler legte seinen Kopf auf Götz’ Knie, als wüsste er längst, dass sein Mensch heute nicht stark sein konnte.
„Ich muss vielleicht weg“, sagte Götz.
Andreas’ Gesicht verlor in einer Sekunde jede Farbe.
„Weg? Wohin?“
Götz räusperte sich. „Es ist noch nichts sicher.“
Aber ich kannte diesen Satz. Erwachsene sagen ihn, wenn sie Kinder schonen wollen.
Ich nahm die Mappe und sah hinein. Es waren Unterlagen von einer kleinen Werkstatt am Stadtrand. Nicht unsere Ecke. Weiter draußen. Ein Angebot für eine feste Stelle. Guter Lohn. Geregelte Zeiten. Unterkunft für die erste Zeit.
Eigentlich hätte ich mich freuen müssen.
Götz hatte lange nur hier und da geholfen. Mal in einer Fahrradwerkstatt, mal auf Baustellen, mal bei Bekannten. Er war zuverlässig, aber viele Menschen sahen zuerst sein Gesicht, seine Narben, seine Tätowierungen.
Und dann hörten sie auf zuzuhören.
Diese Stelle war eine Chance.
Trotzdem fühlte sich mein Herz an, als hätte mir jemand heimlich den Boden weggezogen.
„Wann?“, fragte ich.
„In drei Wochen.“
Andreas starrte ihn an. „Aber mein Turnier ist in vier Wochen.“
Götz senkte den Blick.
Dieser Blick traf mich mehr als jedes Wort.
Denn ich sah darin nicht nur Schuld. Ich sah Angst.
Angst, wieder irgendwo neu anzufangen. Angst, nicht gebraucht zu werden. Angst, sich für das eigene Leben entscheiden zu müssen und dabei jemanden zu verletzen.
Andreas schob sein Matheheft von sich.
„Dann geh halt“, sagte er plötzlich. Seine Stimme war hart, aber seine Augen glänzten. „Ist doch egal.“
Er stand auf, rannte in sein Zimmer und knallte die Tür zu.
Max hob den Kopf, winselte kurz und trottete ihm hinterher.
Götz blieb sitzen, als hätte ihn dieser Satz körperlich getroffen.
„Er meint es nicht so“, sagte ich.
„Doch“, murmelte Götz. „Gerade meint er es genau so.“
Ich setzte mich ihm gegenüber.
„Warum hast du uns das erst jetzt gesagt?“
Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Weil ich feige war.“
Das Wort passte nicht zu ihm. Gar nicht.
Götz, der mit einem Rottweiler an der Leine durch eine Hundewiese lief, während alle anderen flüsterten. Götz, der alten Damen Einkaufstaschen hochtrug. Götz, der Andreas beigebracht hatte, dass man vor schwierigen Aufgaben nicht wegläuft.
Und doch saß er jetzt da wie ein kleiner Junge, der nicht wusste, wohin mit seiner Angst.
„Ich wollte euch nicht verlieren“, sagte er. „Aber ich kann auch nicht ewig nur der Mann sein, der bei anderen repariert, was kaputt ist.“
Dieser Satz blieb in der Küche hängen.
Ich wollte etwas sagen. Etwas Kluges. Etwas Warmes.
Aber manchmal gibt es keine klugen Sätze.
Nur ehrliche.
„Du bist nicht nur der Mann, der Dinge repariert“, sagte ich leise. „Du bist der Mann, der geblieben ist.“
Götz sah mich an.
Für einen Moment war es wieder wie damals auf dem Parkplatz vor der Tierarztpraxis. Nur dass diesmal nicht ich weinte.
Diesmal kämpfte er damit.
Später klopfte er an Andreas’ Tür.
Keine Antwort.
„Kleiner?“
Stille.
„Ich geh nicht, weil du mir egal bist.“
Wieder Stille.
„Ich geh vielleicht, weil ich lernen muss, mir selbst nicht egal zu sein.“
Da hörte ich etwas im Zimmer. Ein Schluchzen, schnell unterdrückt.
Götz blieb vor der Tür sitzen. Einfach auf dem Flur, den Rücken an die Wand gelehnt, Hektor neben sich.
Er wartete.
Fast eine halbe Stunde.
Dann ging die Tür einen Spalt auf.
Andreas stand da, rot im Gesicht, die Haare verwuschelt.
„Wenn du gehst“, sagte er, „wer steht dann beim Turnier am Rand und brüllt wie ein Verrückter?“
Götz lächelte traurig.
„Vielleicht brülle ich dann aus der Ferne.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein“, sagte Götz. „Das ist es nicht.“
Andreas sah ihn lange an.
Dann fragte er leise: „Bist du dann trotzdem noch Familie?“
Götz’ Gesicht veränderte sich.
Dieser riesige Mann, der vielen Leuten Angst machte, musste plötzlich blinzeln wie jemand, der nicht weinen wollte.
„Wenn du mich lässt“, sagte er.
Andreas öffnete die Tür ganz und fiel ihm in die Arme.
Ich stand in der Küche und hielt mich am Spülbecken fest.
Denn manchmal merkt man erst, wie viel jemand bedeutet, wenn das Leben kurz so tut, als würde es ihn wieder wegnehmen.
In den nächsten Tagen war alles anders.
Götz kam weiterhin vorbei, aber über allem lag diese unausgesprochene Schwere. Andreas lachte weniger. Max folgte Götz ständig, als müsse auch er prüfen, ob der große Mann wirklich noch da war.
Hektor wurde stiller.
Oder vielleicht bildete ich mir das nur ein.
Am Samstag gingen wir wie immer auf die Hundewiese. Es war kalt, aber trocken, und Andreas kickte einen alten Ball über das Gras.
Götz stand mit verschränkten Armen daneben.
„Du solltest die Stelle annehmen“, sagte ich plötzlich.
Er sah mich nicht an.
„Sagst du das, weil du es meinst? Oder weil du stark sein willst?“
„Beides.“
Er atmete schwer aus.
„Ich habe Angst, Monika.“
Ich nickte.
„Ich auch.“
Da sah er mich an.
„Wovor?“
„Davor, dass Andreas wieder jemanden verliert, den er liebt. Davor, dass ich wieder alles allein schaffen muss. Davor, dass ich mich daran gewöhnt habe, nicht mehr allein zu sein.“
Das war das Ehrlichste, was ich seit langem gesagt hatte.
Götz schwieg.
Dann sagte er: „Ich habe nie gelernt, irgendwo dazuzugehören. Wenn es gut wird, gehe ich meistens vorher.“
„Dann bleib diesmal anders“, sagte ich.
„Wie meinst du das?“
„Nicht unbedingt mit deinem Körper jeden Tag. Aber mit deinem Herzen. Mit Anrufen. Mit Besuchen. Mit Versprechen, die du hältst. Familie heißt nicht, dass alle immer im selben Zimmer sitzen.“
Götz schaute zu Andreas, der gerade lachend hinter Max herrannte.
„Und wenn ich enttäusche?“
„Dann entschuldigst du dich. Wie jeder andere auch.“
Er lachte kurz.
„Das klingt viel zu einfach.“
„Ist es nicht. Aber es ist möglich.“
In der Woche darauf passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Die Bäckerei, in der ich als Aushilfe arbeitete, bekam ein Problem mit ihrem alten Lieferwagen. Nichts Großes, aber genug, um den Chef nervös zu machen.
Ich erzählte es abends nur nebenbei.
Götz hob sofort den Kopf.
„Was für ein Geräusch macht er?“
Ich machte das Geräusch nach.
Andreas prustete los. „Mama, das klang wie eine erkältete Ente.“
Götz grinste zum ersten Mal seit Tagen richtig.
Am nächsten Morgen sah er sich den Wagen an. Nach zwanzig Minuten wusste er, was los war. Nach zwei Stunden lief das Ding wieder.
Mein Chef stand daneben und kratzte sich am Kopf.
„Sie haben das gelernt?“
Götz wischte sich die Hände an einem alten Lappen ab.
„Unter anderem.“
Der Chef musterte ihn. Erst die Tätowierungen. Dann die Narben. Dann den reparierten Wagen.
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