Am nächsten Morgen verstand ich erst, dass meine Mutter nicht nur einsam gewesen war. Sie hatte gelernt, ohne mich weiterzuleben.
Und genau das tat am meisten weh.
Ich wachte in meinem alten Kinderzimmer auf.
Die Tapete war noch dieselbe. Kleine blaue Blumen, die ich mit sechzehn peinlich gefunden hatte. Auf dem Regal standen noch ein paar Bücher, ein gerahmtes Foto vom Abiball und ein Tonbecher, den ich in der Grundschule gemacht hatte.
Unten klapperte Geschirr.
Für einen Moment war ich wieder acht Jahre alt.
Mama in der Küche.
Papa draußen im Garten.
Kaffeeduft im Flur.
Dann erinnerte ich mich.
Papa war nicht draußen.
Und ich war nicht mehr acht.
Ich zog mir einen alten Pullover über und ging hinunter.
Mama stand am Herd und rührte in einem kleinen Topf Milchreis. Sie trug ihre graue Strickjacke, die an den Ärmeln schon dünn geworden war.
„Guten Morgen, Kind“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
„Du sollst doch nicht so lange stehen“, sagte ich sofort.
Sie seufzte.
„Und du sollst nicht gleich am Morgen anfangen, mich zu verwalten.“
Das traf.
Nicht laut.
Nicht böse.
Aber genau.
Ich blieb in der Tür stehen.
„Entschuldige.“
Mama drehte sich zu mir um. Ihr Gesicht wurde weicher.
„Ich weiß, du meinst es gut.“
Ich setzte mich an den Küchentisch.
Auf meinem alten Platz.
Links neben dem Fenster.
Dort, wo ich früher Mathehausaufgaben gemacht hatte, während Papa draußen den Rasen mähte.
„Kommt Marc heute?“, fragte ich.
Mama lächelte in den Topf.
„Wahrscheinlich. Wenn seine Welt ihn lässt.“
„Was heißt das?“
Sie stellte den Herd kleiner.
„Marc hat es nicht leicht.“
Ich wartete.
Mama nahm zwei Schalen aus dem Schrank.
„Seine Mutter arbeitet viel. Sein Vater ist schon lange weg. Der Junge hat früh gelernt, dass man nicht zu viel erwarten darf. Und wenn man aussieht wie Marc, erwarten die Leute manchmal sowieso das Falsche.“
Ich dachte an meine erste Reaktion am Gartentor.
An meinen hässlichen Gedanken.
Will der Geld?
Nutzt der sie aus?
Ich schämte mich so sehr, dass ich auf meine Hände sah.
„Er hat die Schule geschafft“, sagte Mama. „Nicht mit Bestnoten. Aber er hat sie geschafft. Er ist zuverlässig. Hilfsbereit. Aber sobald er irgendwo auftaucht, sehen viele nur die Tattoos und die kaputten Schuhe.“
„Und du?“
Mama stellte mir eine Schale Milchreis hin.
„Ich sehe einen Jungen, der mir den schweren Sack Erde in den Schuppen trägt und danach fragt, ob ich noch genug Brot im Haus habe.“
Draußen knirschte Kies.
Mama sah sofort zum Fenster.
Ich auch.
Marc kam den Weg entlang. Kapuzenpulli, Skateboard unter dem Arm, eine Papiertüte in der Hand.
Er blieb stehen, als er mich am Fenster sah.
Für eine Sekunde wirkte er unsicher.
Dann hob er kurz die Hand.
Mama öffnete das Fenster.
„Marc! Hast du gefrühstückt?“
„Äh… ja“, rief er.
Mama sah ihn an.
Er sah auf seine Schuhe.
„Also nein“, sagte sie.
Zehn Minuten später saß Marc mit uns am Küchentisch.
Er passte nicht in dieses Bild und gleichzeitig passte er genau hinein.
Seine tätowierten Hände hielten die kleine Schale, als wäre sie etwas Zerbrechliches.
„Milchreis hatte ich ewig nicht“, sagte er.
Mama nickte zufrieden.
„Dann war es höchste Zeit.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Bei der Arbeit konnte ich vor zwanzig Menschen sprechen.
Ich konnte Entscheidungen erklären, Projekte retten und in Sitzungen ruhig bleiben, wenn alles brannte.
Aber vor diesem Jungen, der meiner Mutter mehr Nähe gegeben hatte als ich, fehlten mir die Worte.
„Mama sagt, du suchst eine Ausbildung“, sagte ich schließlich.
Marc erstarrte ein wenig.
Nicht sichtbar für jeden.
Aber ich sah es.
„Ja“, sagte er. „Irgendwas mit Händen. Garten. Holz. Lager. Mir ist fast alles recht, wenn es ehrlich ist.“
„Hast du schon Bewerbungen geschrieben?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ein paar.“
„Und?“
Er lächelte kurz, aber es war kein fröhliches Lächeln.
„Nichts.“
Mama legte ihre Hand auf den Tisch.
„Die lesen nicht richtig.“
Marc sah sie an.
„Frau Inge.“
„Doch“, sagte Mama. „Das stimmt.“
Ich hätte fast gefragt, ob ich sie mir ansehen darf.
Dann merkte ich, wie das geklungen hätte.
Wie eine Abteilungsleiterin, die auch diese kleine Küche in Ordnung bringen wollte.
Also schwieg ich.
Marc aß langsam weiter.
Nach dem Frühstück gingen wir nach draußen.
Die Sonne stand blass über den Feldern. Es roch nach feuchter Erde, altem Holz und Herbst.
Mama setzte sich auf die Bank.
Marc kniete am Beet und prüfte die Tomatenpflanzen, als wären sie kleine Patienten.
Ich stand daneben und wusste nicht, wohin mit mir.
„Kann ich helfen?“, fragte ich.
Marc sah hoch.
„Haben Sie Gartenschuhe?“
Ich lachte leise.
„Ich habe teure Stiefel, die so tun, als wären sie praktisch.“
Zum ersten Mal grinste er richtig.
„Dann lieber nicht.“
Mama lachte.
Dieses Lachen.
Gestern hatte es mich verletzt.
Heute wärmte es mich.
Ich zog trotzdem meine Stiefel aus, holte alte Gummischuhe aus dem Schuppen und kniete mich neben Marc in die Erde.
Es war ungewohnt.
Kalt.
Feucht.
Echt.
„Nicht so ziehen“, sagte Marc vorsichtig, als ich an einer Wurzel zerrte. „Sonst reißen Sie die halbe Pflanze mit raus.“
„Entschuldigung.“
„Schon gut. Beim ersten Mal habe ich Frau Inges Schnittlauch fast ermordet.“
„Fast?“, rief Mama von der Bank.
„Na gut“, sagte Marc. „Ganz.“
Wir lachten.
Und plötzlich war da etwas, das ich seit Papas Tod nicht mehr gefühlt hatte.
Nicht Glück.
Dafür war es zu zart.
Aber Frieden.
Ein kleiner Anfang davon.
Am Nachmittag fand ich Marc allein im Schuppen.
Er stand vor Papas alter Werkbank.
Seine Hand lag auf dem abgenutzten Holz.
„Darf ich hier sein?“, fragte er sofort, als er mich bemerkte.
„Natürlich.“
Er nahm die Hand zurück.
„Frau Inge hat gesagt, Herr Holger hat hier immer Sachen repariert.“
„Ja“, sagte ich.
Meine Stimme wurde eng.
„Er konnte aus allem noch etwas machen.“
Marc nickte.
„So jemand wäre ich auch gern.“
Ich trat neben ihn.
Auf der Werkbank lag Papas alter Schraubenzieher. Der Griff war rissig, aber sauber.
Ich hatte ihn seit zwei Jahren nicht angefasst.
Marc sah ihn an, aber er nahm ihn nicht.
„Mama hat gesagt, du hörst gern von ihm.“
„Ja.“
„Warum?“
Marc überlegte lange.
„Weil Frau Inge anders wird, wenn sie von ihm erzählt.“
Ich sah zu ihm.
„Wie meinst du das?“
„Gerader“, sagte er. „Nicht jünger. Aber… mehr sie selbst.“
Ich schluckte.
So hätte ich es nie sagen können.
Aber es stimmte.
„Ich habe sie oft unterbrochen“, sagte ich leise. „Wenn sie von Papa anfangen wollte.“
Marc sagte nichts.
Und weil er nichts sagte, redete ich weiter.
„Ich dachte, es hilft, wenn wir nicht immer traurig sind. Wenn ich das Thema wechsle. Wenn ich praktisch bleibe.“
„Hat es geholfen?“
Es war keine Anklage.
Nur eine Frage.
Ich sah auf den Schraubenzieher.
„Nein.“
Am Abend kochten wir zusammen.
Nicht Marc und ich.
Mama bestimmte.
Marc schnitt Äpfel.
Ich schälte Kartoffeln.
Mama stand am Tisch und erklärte uns beide zurecht, als wären wir zwei Kinder im Ferienlager.
„Nicht so dick, Klara.“
„Marc, die Stücke müssen kleiner.“
„Ihr zwei würdet ohne mich verhungern.“
Marc sagte: „Wahrscheinlich.“
Ich sagte: „Ganz sicher.“
Mama strahlte.
Später saßen wir zu dritt in der Küche.
Draußen wurde es dunkel.
Die Fenster spiegelten uns zurück.
Eine alte Frau.
Ein tätowierter Junge.
Eine Tochter, die zu spät begriff.
Mein Handy lag ausgeschaltet in meiner Tasche.
Nicht stumm.
Nicht mit dem Bildschirm nach unten.
Aus.
Zum ersten Mal seit Jahren fehlte es mir nicht.
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