Am nächsten Morgen zeigte das Thermostat immer noch 23 Grad. Der Sturm hatte die ganze Nacht gegen die Scheiben gewütet, aber in dem Wohnzimmer war es stiller geworden, als hätte jemand die Welt ein Stück leiser gedreht.
Ich wachte im Halbschlaf auf, weil etwas Warmes gegen meinen Knöchel drückte. Otto lag quer über meinen Füßen, wie eine lebendige Wärmflasche mit Herzschlag, und atmete so ruhig, als hätte er einen Vertrag mit der Zeit abgeschlossen.
Meine Mutter saß noch immer im Sessel. Nicht zusammengesunken, nicht „weg“, nur da, mit einer Tasse in beiden Händen, als müsste sie das Porzellan festhalten, damit der Morgen nicht wieder wegrutscht.
„Du bist ja noch hier“, sagte sie, als wäre das ein Satz, den sie lange nicht mehr benutzt hatte.
„Ich hab’s versucht, wegzugehen“, murmelte ich. „Dann hat Otto meine Schuhe blockiert.“
Otto hob kurz den Kopf, als hätte er verstanden, dass sein Name gefallen war, und ließ ihn wieder sinken. Meine Mutter lächelte so klein, dass man es fast übersehen konnte, und strich ihm mit dem Daumen über die nackte Stirn.
Draußen waren die Schneemassen zu einer einzigen weißen Fläche geworden. Die Straße war nur noch eine Vermutung, und irgendwo in der Ferne brummte ein Räumfahrzeug wie ein Tier, das man nicht sieht.
Ich stand auf, spürte die Kälte im Boden durch die Socken, und ging in die Küche. Die Kaffeemaschine stand da wie ein vertrauter Gegenstand aus einem anderen Leben, und ich brauchte einen Moment, um mich zu erinnern, welche Taste die richtige ist.
Als der Kaffee durchlief, sah ich die kleinen Dinge, die ich sonst nie sehe. Die Kerbe im Türrahmen, wo ich als Kind meine Größe markieren wollte. Der Magnet am Kühlschrank, an dem ein vergilbter Zettel hing, auf dem in der Handschrift meines Vaters „Batterien“ stand, als wäre das das Wichtigste der Welt.
Ich kam mit zwei Tassen zurück und stellte eine vor meine Mutter. Sie sah nicht auf die Tasse, sondern auf meine Hand, als hätte sie vergessen, wie es aussieht, wenn jemand etwas einfach hinstellt, ohne dass man darum bitten muss.
„Du hast doch ein Meeting“, sagte sie dann, und da war wieder dieser Reflex: Sorge, die sich als praktische Frage tarnt.
„Nicht mehr“, sagte ich und zuckte mit den Schultern, als wäre das leicht. „Ich hab gesagt, ich bin… festgesessen.“
Sie nickte langsam, als hätte sie das Wort „festgesessen“ nicht auf das Auto bezogen, sondern auf etwas anderes. Otto schob sich im Schlaf näher an ihre Hüfte, als würde er das Gespräch abstützen.
Gegen zehn flackerte kurz das Licht. Ein einmaliges Zucken, ein Blinzeln, und dann war wieder alles normal.
Meine Mutter hielt die Luft an. Es war nur eine Sekunde, aber ich sah, wie ihr Körper sich darauf vorbereitete, wieder alleine zu sein.
„Wenn der Strom ausfällt“, sagte ich, und meine Stimme klang zu sachlich, als hätte ich Angst, sonst selbst zu kippen, „dann haben wir immer noch Decken. Und Otto. Und den Gasherd—“
Sie hob die Augenbrauen.
„Der ist elektrisch“, korrigierte ich und musste selbst kurz lachen. Es war ein kleines, ungelenkes Geräusch, aber es war da, und es machte etwas in dem Raum weniger schwer.
Sie stand auf, langsam, als müsste sie ihren Körper überzeugen, dass heute kein Tag zum Zusammenbrechen ist. Otto sprang sofort runter und folgte ihr so dicht, dass sie beim Gehen aufpassen musste, ihn nicht zu treten.
„Du musst den nicht die ganze Zeit…“, begann sie, aber Otto blieb einfach neben ihr, als wäre er ein Schatten mit Wärme.
„Er entscheidet das gerade selbst“, sagte ich.
Sie ging zum Fenster und schaute hinaus. Der Garten war unter Schnee verschwunden, nur die Spitze des alten Vogelhäuschens ragte noch heraus wie ein schiefer Finger.
„Dein Vater hat immer gesagt, so ein Sturm ist wie ein Test“, murmelte sie. „Nicht für die Heizung. Für die Nerven.“
Ich kannte diesen Satz nicht. Oder vielleicht kannte ich ihn und hatte ihn nie gespeichert.
„Was hat er dann gemacht?“ fragte ich.
Sie zuckte mit den Schultern. „Radio an. Suppe. Und so getan, als wäre das alles Absicht. Als wäre das eine gemütliche Entscheidung, nicht etwas, das einem passiert.“
Ich sah sie an, und plötzlich war mein Vater nicht nur „tot“, sondern wieder ein Mensch, der in diesem Haus gelebt hatte. Jemand, der Geräusche gemacht hat, der die Luft verändert hat.
„Hast du Hunger?“ fragte ich.
Sie sah mich an, als wäre Hunger etwas, das man erst wieder lernen muss.
„Ein bisschen“, sagte sie schließlich. „Aber… ich weiß nicht, was ich noch hier habe.“
„Dann finden wir’s raus“, sagte ich, öffnete den Kühlschrank und tat so, als wäre das eine Mission. Nicht, weil es wichtig ist, sondern weil ich diese Art von Aufgabe kannte.
Wir fanden Kartoffeln, eine vergessene Möhre, eine Zwiebel, die schon sehr überzeugt davon war, dass sie ihre besten Tage hinter sich hat. Und wir fanden ein Stück Speck, das mein Vater wahrscheinlich „für Notfälle“ aufbewahrt hatte.
„Das reicht“, sagte ich.
„Du kannst kochen?“ Sie klang ehrlich überrascht.
„Ich kann… Wasser warm machen und Sachen darin verlieren“, sagte ich. „Das zählt.“
Sie lachte, diesmal länger. Das Geräusch war kratzig, aber es war echt, und Otto hob wieder den Kopf, als würde er überprüfen, ob das Lachen ungefährlich ist.
Während die Suppe auf dem Herd blubberte, setzte sie sich wieder. Nicht, weil sie nicht stehen konnte, sondern weil der Sessel sie rief wie ein alter Reflex.
Ich merkte, wie automatisch ich die Küche aufräumte, wie ich Dinge sortierte, als könnte man so auch Gedanken sortieren. Und dann fiel mein Blick auf den zweiten Stuhl neben dem Sessel, den mein Vater früher immer benutzt hatte.
Er stand da wie ein Satz, der nicht zu Ende geschrieben wurde.
„Du musst den nicht anschauen“, sagte meine Mutter leise, ohne mich anzusehen.
„Ich schaue gar nicht“, log ich.
Otto ging zu dem Stuhl, schnupperte kurz und legte dann demonstrativ seine nackte Brust dagegen, als wolle er ihn wärmen. Es sah lächerlich und gleichzeitig unheimlich richtig aus.
Meine Mutter atmete aus.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“ sagte sie. „Es ist nicht die Trauer. Trauer ist… klar. Sie tut weh, aber man weiß wenigstens, was es ist.“ Sie strich Otto über den Rücken, langsam. „Das Schlimmste ist, dass der Tag irgendwann einfach weitergeht, als wäre nichts passiert. Und dann sitze ich um vier hier und merke, dass ich seit Stunden kein Wort gesagt habe.“
Vier. Da war es wieder. Diese Uhrzeit, von der sie gestern gesprochen hatte, als wäre sie ein Wetterbericht.
„Wann ist es jetzt?“ fragte ich, und ich hasste mich dafür, dass ich sofort wieder in Zahlen wollte.
Sie schaute auf die Küchenuhr. „Zehn nach drei.“
Mir zog sich etwas im Bauch zusammen, als würde der Sturm nicht nur draußen stattfinden. Otto hob den Kopf und gähnte, als wüsste er, dass gleich etwas kommt.
Meine Mutter setzte die Tasse ab. Ihre Finger zitterten nicht vor Kälte, sondern vor Erwartung.
„Ich fühl sie schon“, flüsterte sie.
Die Worte machten mich wütend. Nicht auf sie. Auf diese unsichtbare Kälte, die so selbstverständlich an ihr zerrte, dass sie ihr schon einen Stundenplan gegeben hatte.
Ich ging ins Schlafzimmer, ohne groß nachzudenken, und kam mit der alten Wolldecke zurück, die früher immer auf dem Sofa lag. Sie roch nach Staub und Lavendel und einem Leben, das ich zu lange nicht besucht hatte.
„Hier“, sagte ich und legte sie ihr über die Schultern.
Sie zuckte kurz zusammen, als würde Berührung sie überraschen. Dann zog sie die Decke nicht weg, sondern zog sie fester um sich.
„Du musst nicht—“ begann sie.
„Doch“, sagte ich, und es war kein scharfes „Doch“. Eher ein „Ich kann nicht mehr so tun, als wäre das optional.“
Otto kletterte wieder auf den Sessel, diesmal ohne Zögern, und drückte sich an ihren Bauch. Meine Mutter legte beide Arme um ihn, als hätte sie das gestern schon geübt.
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