Der vernarbte Hund, den ich töten wollte, rettete meiner Tochter das Leben

Ich war fest entschlossen, den gewaltigen, vernarbten Hund am Waldrand mit einem Eichenstock zu erschlagen. Er hatte meine siebenjährige Tochter blutig zugerichtet – dachte ich zumindest, bis ich die furchtbare Wahrheit erkannte.

Der Schrei meiner Tochter ging mir durch Mark und Bein.

„Papa! Papa!“

Jessica stolperte durch die Haustür, blieb mit einem Schuh an der Fußmatte hängen und wäre beinahe der Länge nach in unseren Flur gefallen.

Ihre rosafarbene Übergangsjacke hing in Fetzen an ihr herunter. An den Ärmeln klebten Blätter und kleine Dornen. Ihre Knie waren aufgeschürft, am linken Unterarm zog sich eine blutige Schramme entlang.

Ich ließ die Kaffeetasse fallen. Sie zerbrach auf den Fliesen, aber ich nahm das Geräusch kaum wahr.

Jessica weinte so heftig, dass sie kaum sprechen konnte. Sie klammerte sich an mein Bein und rang nach Luft.

„Das schwarze Monster“, brachte sie hervor. „Der riesige Hund! Er ist aus dem Gebüsch gekommen. Er hat mich angesprungen!“

In diesem Moment dachte ich nicht nach.

Ich fragte nicht, wo genau es passiert war. Ich fragte nicht, ob sie gebissen worden war. Ich prüfte nicht einmal sofort ihre Verletzungen. In meinem Kopf gab es nur noch ein Bild: ein großer, gefährlicher Hund, der sich auf meine kleine Tochter gestürzt hatte.

Meine Frau Katrin kam aus der Küche, sah Jessica und wurde kreidebleich.

„Was ist passiert?“

„Ein Hund“, sagte ich. „Hinten am Wald.“

Ich löste Jessicas Hände von meinem Bein und schob sie vorsichtig zu Katrin.

„Bleibt hier. Ich komme gleich zurück.“

„Daniel, warte doch“, rief Katrin. „Ruf erst jemanden an.“

Aber ich hörte schon nicht mehr richtig zu.

In der Ecke neben der Garderobe stand mein alter Wanderstock aus Eichenholz. Er war dick, schwer und eigentlich nur für längere Touren gedacht. Ich griff danach, riss die Haustür auf und lief los.

Ich war noch nie ein gewalttätiger Mensch gewesen. Ich hatte mich nicht einmal als Jugendlicher geprügelt. Aber an diesem Nachmittag fühlte ich nur Wut. Eine heiße, blinde Wut, die jedes vernünftige Denken verdrängte.

Ich wollte den Besitzer finden. Ich wollte Antworten. Und wenn das Tier mich angreifen sollte, war ich bereit zuzuschlagen.

Der Weg führte hinter unserer Reihenhaussiedlung an ein paar Gärten vorbei und dann in das kleine Waldstück, das alle in der Gegend einfach nur „den Bürgerwald“ nannten.

Jessica kannte dort jeden Pfad. Sie durfte allein bis zur ersten Lichtung gehen, weil es von unserem Haus aus nur wenige Minuten waren.

Dann erreichte ich die Lichtung.

Dort kniete ein älterer Mann auf dem Boden. Er trug eine abgewetzte dunkle Jacke und eine graue Arbeitshose. Neben ihm lag ein Hund, wie ich ihn noch nie aus der Nähe gesehen hatte.

„He!“, brüllte ich.

Der Mann hob langsam den Kopf.

„Ist das Ihr Hund?“

Er antwortete nicht sofort. Eine Hand lag auf dem Hals des Tieres.

„Ich rede mit Ihnen!“, schrie ich. „Ihr Hund hat gerade meine Tochter angegriffen. Sie ist sieben Jahre alt!“

Der Mann sah mich an, aber er wirkte nicht erschrocken. Auch nicht trotzig. Sein Gesicht war leer vor Erschöpfung.

„Bitte“, sagte er leise. „Sehen Sie genauer hin.“

„Ich habe genug gesehen.“

„Nein“, sagte er. „Das haben Sie nicht.“

Seine Stimme war rau. Erst jetzt bemerkte ich, dass seine rechte Hand voller Blut war. Es lief zwischen seinen Fingern hindurch und tropfte auf den Boden.

Ich schaute zu dem Hund.

Er knurrte nicht. Er fletschte nicht die Zähne. Er hob nicht einmal den Kopf. Er lag auf der Seite und atmete flach. Seine Flanke bewegte sich unregelmäßig.

Der Mann strich ihm über die Stirn.

„Bleib bei mir, Balu“, flüsterte er.

Dann blickte er wieder zu mir.

„Sie sind doch Daniel, oder? Aus der Siedlung am Birkenweg.“

Dass er meinen Namen kannte, machte mich für einen Moment sprachlos.

„Wir haben uns ein paarmal beim Bäcker gesehen“, erklärte er. „Ich heiße Johann. Sehen Sie sich bitte Balus rechte Seite an.“

Ich trat einen halben Schritt näher.

Da erkannte ich es.

Unterhalb der Rippen klaffte eine tiefe Wunde. Das schwarze Fell war verklebt. Das Blut hatte sich unter seinem Körper gesammelt. Ein Teil meiner Wut verschwand sofort. Nicht langsam, sondern schlagartig.

Der Stock wurde schwer in meiner Hand.

„Was ist passiert?“, fragte ich.

Johann zeigte auf das dichte Brombeergestrüpp am Rand der Lichtung. Mehrere Zweige waren heruntergedrückt. Auf dem Boden lagen aufgewühlte Blätter und abgebrochene Äste.

„Eine Bache“, sagte er. „Mit Frischlingen.“

Ich starrte ihn an.

„Ihre Tochter kam den Weg entlanggelaufen“, erzählte Johann. „Sie hatte einen roten Ball unter dem Arm. Wahrscheinlich wollte sie zur Wiese hinter dem Wald.“

Ich nickte unbewusst. Jessica nahm diesen Weg oft.

„Die Frischlinge waren im Gebüsch. Das Mädchen konnte sie nicht sehen. Die Bache stand weiter hinten. Als Jessica auf die Lichtung kam, rannte einer der Frischlinge aus dem Gestrüpp. Ihre Tochter erschrak und schrie.“

Johann schluckte.

„Die Bache schoss sofort nach vorn.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Und Balu?“

Johann nahm die zerrissene Lederleine hoch. Der Karabiner war verbogen, der Metallring am Halsband halb aufgerissen.

„Er hat sie gesehen, bevor ich richtig verstanden hatte, was los war. Er war angeleint. Aber er warf sich mit seinem ganzen Gewicht nach vorn, bis der Haken nachgab.“

Ich sah zu Balu. Der alte Hund öffnete kurz die Augen. Sie waren trüb, aber ruhig.

„Er rannte nicht auf Jessica los“, sagte Johann. „Er rannte an ihr vorbei. Dann drehte er sich quer vor sie.“

„Die Bache war schon sehr nah“, fuhr Johann fort. „Balu hatte keine Zeit, das Mädchen vorsichtig wegzuschieben. Er sprang gegen sie und rammte sie mit der Schulter in die Brombeeren.“

Ich dachte an die zerrissene Jacke. An die Kratzer. An die blutigen Knie.

„Deshalb sah es für Jessica aus, als hätte er sie angegriffen“, sagte Johann. „Aber er hat sie aus der direkten Laufbahn gestoßen.“

Ich brachte nur ein leises „Mein Gott“ hervor.

„Als Ihre Tochter im Gebüsch lag, stellte Balu sich vor sie. Die Bache traf ihn an der Seite. Er wurde zu Boden geschleudert, stand aber wieder auf.“

Johanns Stimme brach.

„Er ist zwölf Jahre alt. Seine Hüfte macht ihm zu schaffen. Manchmal braucht er morgens eine Weile, bis er überhaupt richtig laufen kann. Aber heute hat er keinen Schritt zurück gemacht.“

Ich sah wieder auf die Wunde.

„Er bellte und stellte sich immer wieder zwischen die Bache und das Mädchen“, sagte Johann. „Irgendwann zog sie sich mit den Frischlingen zurück. Jessica kroch aus den Brombeeren und rannte nach Hause. Sie war völlig außer sich. Sie hat nur gesehen, dass Balu sie umgestoßen hat.“

Der Eichenstock glitt mir aus der Hand und fiel auf den Boden.

Noch vor wenigen Sekunden hatte ich mir vorgestellt, mit diesem Stock auf den Hund einzuschlagen.

Auf den Hund, der gerade meine Tochter gerettet hatte.

Ich hatte geschrien. Ich hatte gedroht. Ich hatte den Hund wegen seiner Größe, seines schwarzen Fells und seiner Narbe verurteilt. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er schwer verletzt war.

Balu atmete schneller. Seine Pfote zuckte.

„Wir müssen die Blutung stoppen“, sagte ich.

„Der tierärztliche Notdienst ist unterwegs“, antwortete Johann. „Ich habe sofort angerufen. Aber ich schaffe es nicht, gleichzeitig Druck auf die Wunde auszuüben und ihn ruhig zu halten.“

Ich zog meine Jacke aus, rollte sie zusammen und presste sie vorsichtig gegen Balus Flanke. Er stieß ein leises Winseln aus. Instinktiv zog ich die Hand zurück.

„Nein“, sagte Johann. „Sie müssen drücken. Sonst verliert er zu viel Blut.“

Also presste ich den Stoff wieder auf die Wunde.

Balu spannte den Körper an, aber er schnappte nicht. Er knurrte nicht. Stattdessen hob er den Kopf ein paar Zentimeter und roch an meinem Ärmel.

Dann legte er ihn wieder ab.

„Er riecht Jessica“, sagte Johann. „Wahrscheinlich an Ihrer Kleidung.“

Meine Kehle wurde eng.

„Ich wollte ihn umbringen“, flüsterte ich.

Johann antwortete nicht.

Nach einigen Minuten hörten wir ein Fahrzeug auf dem Waldweg. Ein Geländewagen kam bis an den Rand der Lichtung. Ein Tierarzt und eine Helferin stiegen aus, öffneten den Kofferraum und kamen mit einer Trage und einem Notfallkoffer zu uns.

Der Tierarzt untersuchte Balu kurz und nickte dann ernst.

„Die Wunde ist tief. Wir müssen ihn sofort versorgen.“

Gemeinsam schoben wir eine Decke unter den schweren Hund. Zu viert hoben wir ihn auf die Trage. Balu wog mehr, als ich erwartet hatte. Trotzdem blieb er völlig ruhig.

Der Rückweg kam mir länger vor als sonst. Der Eichenstock blieb auf der Lichtung liegen. Ich wollte ihn nicht mehr anfassen.

Als ich unser Haus betrat, saß Jessica auf dem Sofa. Katrin hatte ihre Wunden gereinigt und Pflaster auf die schlimmsten Stellen geklebt. Die kaputte Jacke lag auf dem Tisch.

„Papa?“, fragte Jessica sofort. „Hast du das Monster gefunden?“

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