Drei Monate nachdem ich Lotte mit nach Hause genommen hatte, klingelte Anna vom Tierheim wieder bei mir.
Und für einen Moment dachte ich, es sei etwas Schlimmes passiert.
Manchmal trägt man die Angst noch in sich, selbst wenn es gerade ruhig ist.
Ich stand in meiner kleinen Küche, Lotte saß auf ihrem Platz neben der Heizung und putzte langsam ihre Vorderpfote.
Neben ihr lag der Stoffhase.
Natürlich lag er dort.
Er lag immer dort, wo Lotte war.
Ich ging ans Telefon und versuchte, normal zu klingen.
„Hallo, Anna.“
Am anderen Ende war es kurz still.
Dann sagte sie: „Es tut mir leid, dass ich mich so plötzlich melde.“
Mein Herz wurde sofort eng.
Ich sah zu Lotte.
Sie schaute nicht einmal hoch.
Sie war ganz beschäftigt mit ihrer Pfote, als hätte sie mit schweren Gesprächen nichts zu tun.
„Geht es um Lotte?“, fragte ich.
Anna atmete hörbar aus.
„Ja“, sagte sie. „Aber nicht so, wie Sie denken.“
Ich setzte mich langsam auf den Küchenstuhl.
Anna erzählte mir, dass eine ältere Dame im Tierheim gewesen sei.
Frau Neumann.
Sie hatte früher neben Lottes alter Familie gewohnt.
Nicht nah genug, um alles zu wissen.
Aber nah genug, um Lotte zu kennen.
„Sie hat gefragt, ob die alte grau-weiße Katze noch lebt“, sagte Anna.
Ich schwieg.
Lotte hob den Kopf.
Vielleicht wegen meiner Stimme.
Vielleicht, weil Katzen Dinge spüren, die wir nicht erklären können.
Anna sagte: „Frau Neumann hat erzählt, dass Lotte früher jeden Nachmittag auf einem Fensterbrett im Erdgeschoss saß. Sie hat immer auf die Straße geschaut. Wenn Frau Neumann vorbeiging, hat Lotte mit der Pfote gegen die Scheibe getippt.“
Ich sah Lotte an.
Sie saß jetzt ganz still.
„Und?“, fragte ich leise.
„Die Dame war sehr erleichtert, als ich sagte, dass Lotte lebt“, sagte Anna. „Sie hat geweint.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Manchmal passt ein Tier in mehr Leben hinein, als man ahnt.
Anna zögerte.
„Sie würde Lotte gern noch einmal sehen. Nur kurz. Natürlich nur, wenn Sie das möchten.“
Da war er wieder.
Dieser kleine Stich im Bauch.
Nicht Eifersucht.
Nicht wirklich.
Eher Angst.
Angst, dass Lotte sich an ein anderes Leben erinnert.
An Menschen, die sie verlassen hatten.
An ein Fenster, an eine Straße, an eine Zeit, in der sie vielleicht jünger gewesen war.
Ich sagte nicht sofort Ja.
Ich schaute auf Lottes dünnen Rücken.
Auf ihr geknicktes Ohr.
Auf die Stelle am Hals, wo das Fell langsam wieder dichter wurde.
Sie war nicht mehr nur die Katze aus dem Käfig.
Sie war mein Morgen.
Mein leises Schnurren in der Küche.
Mein kleiner Schatten auf dem Weg ins Bad.
Mein Grund, abends nicht sofort ins Dunkle zu fallen.
Trotzdem hörte ich mich sagen: „Wenn es Lotte nicht stresst, kann Frau Neumann kommen.“
Anna klang erleichtert.
„Ich glaube, es würde der Dame viel bedeuten.“
Am nächsten Samstag kam Frau Neumann zu mir.
Sie war Anfang siebzig, vielleicht älter.
Klein, ordentlich, mit einem beigen Mantel und Händen, die an ihrer Handtasche festhielten, als müsste sie sich irgendwo festmachen.
Ich hatte vorher aufgeräumt.
Nicht perfekt.
Nur so, dass man sehen konnte, dass hier jemand wohnte und sich Mühe gab.
Lotte lag im Wohnzimmer auf dem blauen Pullover meiner Mutter.
Der Stoffhase war unter ihrem Kinn.
Als ich Frau Neumann hereinbat, blieb sie im Türrahmen stehen.
Ihre Augen wurden sofort nass.
„Ach, Lottchen“, sagte sie.
Nicht Lotte.
Lottchen.
Die Katze hob den Kopf.
Langsam.
Erst sah sie mich an.
Dann die fremde Frau.
Dann geschah etwas, das ich nie vergessen werde.
Lotte stand auf.
Nicht schnell.
Nicht sicher.
Aber mit diesem alten, festen Willen, den sie manchmal hatte.
Sie stieg vom Pullover, ging über den Teppich und blieb vor Frau Neumann stehen.
Die Dame hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Sie erkennt mich“, flüsterte sie.
Lotte drückte ihren Kopf gegen ihren Schuh.
Nur einmal.
Aber es reichte.
Frau Neumann kniete sich mühsam hin.
Ich wollte ihr helfen, aber sie winkte ab.
„Ich schaffe das“, sagte sie.
Dann streckte sie zwei Finger aus.
Lotte lehnte sich dagegen.
So wie damals im Tierheim.
So wie bei mir am ersten Tag.
Und wieder dachte ich:
Diese Katze hat nie aufgehört, Menschen eine Chance zu geben.
Frau Neumann streichelte sie ganz vorsichtig.
„Ich hab dich jeden Tag am Fenster gesehen“, sagte sie. „Jeden einzelnen Tag.“
Ihre Stimme zitterte.
„Und dann warst du plötzlich weg.“
Ich setzte mich auf den Sessel gegenüber.
Ich wollte nicht stören.
Aber ich konnte auch nicht weggehen.
Frau Neumann erzählte, dass sie ihren Mann vor zwei Jahren verloren hatte.
Seitdem ging sie jeden Nachmittag dieselbe kleine Runde.
Am Haus mit dem Erdgeschossfenster vorbei.
Da saß Lotte immer.
Manchmal mit einer weißen Pfote an der Scheibe.
Manchmal nur zusammengerollt im Licht.
„Es klingt albern“, sagte Frau Neumann und schämte sich fast dabei. „Aber ich habe ihr immer zugenickt. Und sie hat mich angesehen, als würde sie mich kennen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht albern.“
Sie sah mich dankbar an.
„Als sie nicht mehr da war, habe ich mir Sorgen gemacht. Aber ich wusste nicht, wohin ich fragen sollte.“
Sie streichelte Lottes Kopf.
„Ich dachte, vielleicht ist sie gestorben.“
Lotte schloss die Augen.
Ganz ruhig.
Ganz sicher.
Nach einer Weile fragte Frau Neumann, ob sie ein Foto machen dürfe.
Nicht für das Internet.
Nur für sich.
Ich sagte ja.
Sie nahm ihr altes Handy aus der Tasche und machte ein unscharfes Bild.
Lotte sah darauf aus wie ein kleiner grauer Schatten auf einem Teppich.
Aber Frau Neumann betrachtete das Foto, als hätte sie etwas sehr Kostbares in der Hand.
Beim Abschied legte sie einen kleinen Umschlag auf meinen Tisch.
Ich wollte ihn sofort zurückgeben.
„Bitte nicht“, sagte sie.
„Es ist nichts Großes. Nur für Futter. Oder für diesen Hasen, falls er mal einen Bruder braucht.“
Ich musste lachen.
Dann weinte ich fast.
Es war nicht das Geld.
Es war der Gedanke, dass Lotte nicht nur mir wichtig war.
Dass irgendwo auf einer ganz gewöhnlichen Straße ein Mensch drei Monate lang an sie gedacht hatte.
Als Frau Neumann ging, blieb Lotte noch eine Weile an der Tür sitzen.
Ich bekam kurz Angst, sie würde traurig werden.
Aber dann nahm sie ihren Stoffhasen im Maul und trug ihn zu mir.
Sie legte ihn vor meine Füße.
Als wollte sie sagen:
Ich erinnere mich.
Aber ich bleibe.
Von da an kam Frau Neumann jeden Mittwoch.
Nur für eine halbe Stunde.
Sie brachte manchmal ein kleines Glas selbstgemachte Marmelade mit.
Oder ein Stück weichen Stoff, weil sie meinte, alte Katzen hätten weiche Dinge verdient.
Lotte gewöhnte sich an ihre Schritte im Treppenhaus.
Manchmal wartete sie schon an der Wohnungstür, bevor es klingelte.
Ich nannte es ihren Mittwochssinn.
Frau Neumann nannte es Liebe.
In diesen Wochen wurde meine Wohnung voller.
Nicht mit Möbeln.
Nicht mit Lärm.
Mit Leben.
Anna schrieb manchmal aus dem Tierheim und fragte, wie es Lotte gehe.
Ich schickte Fotos.
Lotte am Fenster.
Lotte in der Küche.
Lotte mit dem Stoffhasen.
Lotte, wie sie sehr ernst auf einer Zeitung saß, die ich eigentlich lesen wollte.
Anna antwortete oft nur mit einem Herz.
Einmal schrieb sie:
„Wegen Lotte hat heute jemand nach einer alten Katze gefragt.“
Ich las diese Nachricht dreimal.
Dann setzte ich mich auf den Boden neben Lotte.
„Hörst du das?“, sagte ich. „Du machst Werbung für die Alten.“
Lotte blinzelte langsam.
Als hätte sie es schon längst gewusst.
Kurz vor Weihnachten rief Anna wieder an.
Diesmal klang sie müde, aber anders.
Nicht gebrochen.
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