Die fast blinde Hündin verlor ihren letzten Welpen doch ihre Reaktion im Tierheim brach allen das Herz

Renate betrachtete die leere Tasse.

„Was würdest du jetzt machen, Walter?“, flüsterte sie.

Natürlich bekam sie keine Antwort.

Nur Paul schnaufte leise unter dem Tisch.

Im Tierheim hatte Melanie inzwischen beschlossen, Alma vorsichtig zurück in ihren vertrauten Bereich zu bringen.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Thomas öffnete sie das Gitter.

„Komm, Alma. Wir machen es dir gemütlich.“

Die Hündin stand langsam auf.

Doch als Melanie ihre Decke anhob, schnupperte Alma plötzlich aufgeregt.

Sie tastete mit ihrer Nase über den Stoff.

Dann begann sie, mit der Vorderpfote kleine, suchende Bewegungen zu machen.

Thomas beugte sich hinunter.

„Was macht sie denn?“

Melanie betrachtete die Decke genauer.

An einer Ecke hing ein winziger Faden.

Daran klebten noch ein paar helle Hundehaare.

Pauls Haare.

Alma drückte ihre Nase dagegen.

Und dann geschah etwas, das Melanie sehr berührte.

Die Hündin legte sich nicht einfach auf die Decke.

Sie schob sie vorsichtig mit der Schnauze zu einer kleinen Mulde zusammen.

Fast so, wie sie es früher gemacht hatte, wenn ihre Welpen neben ihr schliefen.

Dann legte sie den Kopf daneben.

Thomas schluckte.

„Sie sucht ihn immer noch.“

Melanie nickte.

„Ich glaube, sie sucht nicht nur ihn. Sie sucht den Platz, an dem ihre Jungen immer gelegen haben.“

Sie erinnerte sich an die ersten Tage im Tierheim.

Damals hatte Alma ihre Welpen ständig mit der Nase gezählt.

Einen nach dem anderen.

Wenn einer zu weit von der Decke gekrabbelt war, hatte sie ihn sanft zurückgestupst.

Auch als die Kleinen längst laufen konnten, hatte sie diese Gewohnheit nicht abgelegt.

Vier Welpen waren nach und nach ausgezogen.

Paul war bis heute bei ihr geblieben.

Nun war auch sein Platz leer.

Melanie setzte sich auf den Boden.

„Alma, du hast deine Sache gut gemacht“, sagte sie.

Die Hündin hob den Kopf.

„Alle deine Kinder haben jetzt ein Zuhause.“

Alma schnupperte an Melanies Hand.

Dann drehte sie den Kopf wieder zur Tür.

Eine Stunde später klingelte das Telefon erneut.

„Hier ist noch einmal Renate Fischer.“

Melanie richtete sich auf.

„Ist mit Paul alles in Ordnung?“

„Ja. Aber ich wollte fragen, ob ich morgen noch einmal vorbeikommen darf.“

„Natürlich.“

„Und ob ich Alma kennenlernen könnte. Also richtig. Nicht nur durch das Gitter.“

Melanie lächelte.

„Das würde mich sehr freuen.“

Renate zögerte.

„Ich verspreche noch nichts.“

„Das müssen Sie auch nicht.“

„Ich habe ein kleines Haus. Einen Garten. Aber ich bin allein, und Alma kann ja kaum sehen.“

„Das stimmt.“

„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“

Melanie antwortete ruhig.

„Dann schauen wir einfach gemeinsam, was für Alma und für Sie möglich ist.“

Am nächsten Vormittag fuhr Renate wieder zum Tierheim.

Paul blieb zunächst zu Hause bei ihrer Nachbarin, die ihn betreute.

Renate wollte Alma ohne Aufregung kennenlernen.

Melanie führte sie in einen ruhigen Raum.

Darin standen zwei Stühle, ein Wassernapf und eine weiche Decke.

Kurz darauf kam Alma herein.

Sie ging langsam.

Ihre Nase bewegte sich ununterbrochen.

Als sie Renate bemerkte, blieb sie stehen.

„Hallo, Alma“, sagte Renate.

Die Hündin hob den Kopf.

„Weißt du noch, wer ich bin?“

Alma schnupperte.

Dann machte sie zwei vorsichtige Schritte.

Noch einen.

Und plötzlich drückte sie ihre Nase gegen Renates Hand.

Melanie sah überrascht aus.

„Sie erkennt wahrscheinlich Ihren Geruch.“

Renate kniete sich hin.

Alma schnupperte an ihrer Jacke.

An den Ärmeln.

An ihren Händen.

Dann wurde sie unruhig.

„Sie sucht Paul, nicht wahr?“, fragte Renate.

Melanie nickte langsam.

„Das könnte sein.“

Renate hatte etwas mitgebracht.

Die grüne Decke.

Sie holte sie aus einer Stofftasche und legte sie vorsichtig auf den Boden.

Alma erstarrte.

Dann senkte sie den Kopf.

Ihre Nase berührte den Stoff.

Sie schnupperte so intensiv, dass Renate ihr leises Atmen hören konnte.

Und dann wedelte Alma.

Nicht wild.

Nicht aufgeregt.

Nur ganz vorsichtig.

Einmal nach links.

Einmal nach rechts.

Sie drehte sich auf der Stelle, legte sich neben die Decke und schob ihre Nase tief hinein.

Renate musste sich abwenden.

„Ach, Alma“, flüsterte sie.

Melanie reichte ihr ein Taschentuch.

„Sie ist wirklich etwas Besonderes.“

Renate nickte.

„Ich weiß.“

Sie blieb fast zwei Stunden.

Sie ließ sich erklären, wie man mit einem sehbehinderten Hund umgeht.

Dass Möbel möglichst nicht ständig umgestellt werden sollten.

Dass man ruhig mit Alma sprechen musste, bevor man sie berührte.

Dass sie Zeit brauchte, um neue Wege kennenzulernen.

Und dass man ihr nicht alles abnehmen sollte, nur weil sie schlecht sah.

„Sie kann noch sehr viel allein“, erklärte Melanie. „Man muss ihr nur Sicherheit geben.“

Renate hörte aufmerksam zu.

Dann stellte sie eine letzte Frage.

„Glauben Sie, sie könnte mit Paul zusammenleben?“

Melanie überlegte.

„Das müssten wir behutsam ausprobieren. Es kommt darauf an, wie beide reagieren und ob der Alltag für alle passt.“

Renate schaute zu Alma.

Die Hündin schlief inzwischen friedlich neben der grünen Decke.

„Dann würde ich das gern versuchen.“

In den folgenden Tagen besuchte Renate das Tierheim mehrmals.

Bei einem begleiteten Treffen sahen sich Mutter und Sohn wieder.

Paul erkannte Alma sofort.

Er lief auf sie zu, schnupperte an ihrem Gesicht und wedelte so heftig, dass sein ganzer kleiner Körper wackelte.

Alma hob den Kopf.

Ihre Nase berührte sein Ohr.

Dann leckte sie ihn einmal über die Stirn.

Renate begann zu weinen.

Diesmal hielt sie die Tränen nicht zurück.

Melanie stand neben ihr.

„Das sieht doch schon ganz gut aus“, sagte sie lächelnd.

Nach weiteren Gesprächen, Untersuchungen und Vorbereitungen durfte Alma schließlich bei Renate einziehen.

Nicht als Überraschung.

Nicht aus einer spontanen Laune heraus.

Sondern weil alle Beteiligten überzeugt waren, dass es für sie ein gutes Zuhause werden konnte.

Renate stellte die Möbel so, dass Alma feste Wege hatte.

Sie befestigte einen kleinen Teppich vor der Terrassentür, damit die Hündin den Ausgang leichter fand.

Im Garten ging sie anfangs jeden Weg mit ihr gemeinsam.

Langsam lernte Alma ihr neues Zuhause kennen.

Paul machte es ihr dabei nicht immer leicht.

Er stahl ihre Spielsachen, kaute auf Hausschuhen herum und versuchte ständig, mit ihr zu spielen.

Manchmal stand Alma einfach auf und ging in ihr Körbchen.

Dann musste Paul lernen, sie in Ruhe zu lassen.

Aber an den meisten Abenden lagen beide nebeneinander.

Paul mit seinem Kopf auf Almas Vorderbein.

Alma mit geschlossenen Augen.

Drei Monate später besuchte Melanie die beiden.

Renate öffnete die Haustür.

„Kommen Sie rein. Aber wundern Sie sich nicht über die Haare auf dem Teppich.“

Aus dem Wohnzimmer hörte man ein tiefes, zufriedenes Schnarchen.

Alma lag auf ihrer Decke.

Paul, inzwischen deutlich größer, schlief neben ihr.

Melanie blieb im Türrahmen stehen.

„Das ist ja unglaublich.“

Renate lächelte.

„Wissen Sie, was das Schönste ist?“

„Was denn?“

„Sie wartet nicht mehr an der Tür.“

Melanie sah sie an.

Renate setzte sich neben die beiden Hunde.

„Früher lag sie immer im Flur, sobald jemand das Haus verließ. Heute schläft sie einfach weiter. Sie weiß inzwischen, dass wir zurückkommen.“

Melanie strich Alma über den Rücken.

Die Hündin öffnete kurz die Augen, erkannte die vertraute Stimme und wedelte.

Renate blickte zu den beiden Hunden.

„Ich wollte eigentlich nur einen Welpen“, sagte sie leise.

Dann lächelte sie.

„Aber vielleicht haben wir alle drei einander gebraucht.“

An der Wand über dem Hundekörbchen hing inzwischen ein kleines gerahmtes Foto.

Es zeigte Alma und ihre fünf Welpen, aufgenommen kurz nach ihrer Rettung.

Darunter hatte Renate einen einzigen Satz geschrieben:

„Manchmal braucht ein Herz kein neues Zuhause. Manchmal braucht es nur die Gewissheit, dass es nicht mehr zurückgelassen wird.“

Und jeden Abend, wenn Renate das Licht im Wohnzimmer ausschaltete, sagte sie dieselben Worte:

„Gute Nacht, Paul. Gute Nacht, Alma.“

Dann hörte sie zwei zufriedene Atemzüge aus der Ecke.

Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich ihr Haus nicht mehr leer an.

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