Die Hündin ging sechsmal ins Hochwasser – beim letzten Welpen reichte ihre Kraft nicht mehr

Die Hündin hatte bereits fünf Welpen aus dem Hochwasser getragen – dann hörte sie ein sechstes Wimmern und drehte trotz zitternder Beine wieder um.

Ihre Vorderbeine knickten weg.

Die Hündin fing sich im letzten Moment, hob den Kopf und starrte wieder auf das braune Wasser. Hinter ihr lagen fünf winzige Welpen dicht zusammengedrängt auf einer alten Decke.

Und irgendwo auf der anderen Seite wimmerte noch einer.

„Nein“, sagte ich.

Nicht zu meinen Freunden.

Zu ihr.

Mein Name ist Rolf Mertens. Damals war ich 58, trug einen grauen Vollbart, eine alte Lederweste und hatte wahrscheinlich genau das Gesicht, bei dem manche Leute lieber einen Schritt zur Seite gehen.

Dabei verbrachte unsere kleine Motorradgruppe viele Wochenenden damit, Hilfsgüter zu fahren.

An diesem Tag hatten wir Lebensmittel, Decken und Tierfutter in mehrere Orte im Harz gebracht, die vom Hochwasser betroffen waren. Auf dem Rückweg über eine Landstraße sah Sabine plötzlich etwas am Straßenrand.

„Anhalten!“

Ich bremste.

Zuerst sah ich nur Schlamm, Äste und ein Stück umgekippten Zaun.

Dann kroch die Hündin aus dem Wasser.

Gelblich-weißes Fell. Viel zu dünn. Der Bauch noch deutlich von der Geburt gezeichnet.

In ihrem Maul hing ein kleiner dunkler Welpe.

Sie schaffte es bis zu einem schmalen Stück festen Boden, legte ihn vorsichtig neben die anderen und berührte ihn mit der Nase.

Da sah ich die fünf.

Fünf kleine Körper.

Einer braun mit weißem Kinn. Einer fast cremefarben. Einer schwarz. Einer gefleckt. Und ein winziges Tier, das kaum größer als meine beiden Hände zusammen war.

Sabine kniete sofort neben ihnen.

„Die sind eiskalt.“

Dieter holte Decken aus seinem Seitenkoffer.

Ich wollte gerade mein Handy nehmen, als dieses Geräusch kam.

Ein dünnes Wimmern.

Von der anderen Seite.

Die Hündin hörte es ebenfalls.

Bis zu diesem Moment hatte sie ausgesehen, als würde sie jeden Augenblick umfallen. Doch plötzlich hob sie den Kopf.

Sie wusste genau, was dieses Geräusch bedeutete.

Noch einer.

„Bleib hier“, murmelte ich.

Natürlich blieb sie nicht.

Sie machte einen Schritt.

Dann noch einen.

Ihre Beine zitterten so stark, dass ich dachte, sie würde schon am Ufer zusammenbrechen.

Trotzdem ging sie ins Wasser.

Sabine sah mich an.

„Rolf, die schafft das nicht.“

Ich wusste es.

Die Hündin wahrscheinlich auch.

Aber ihr Welpe rief.

Das war offenbar alles, was für sie zählte.

Die Strömung erwischte sie seitlich.

Ihr Körper wurde ein Stück abgetrieben. Der Kopf verschwand kurz, tauchte wieder auf.

Sie schwamm weiter.

Dieter hatte inzwischen das lange Abschleppseil aus einem Koffer geholt.

„Mach keinen Unsinn“, sagte er.

Ich zog meine Lederweste aus.

„Ich mache seit vierzig Jahren Unsinn.“

„Das hier ist etwas anderes.“

Er hatte recht.

Ich band mir trotzdem das Seil um.

Auf der anderen Seite erreichte die Hündin ein halb versunkenes Gartenhäuschen. Zwischen zwei Brettern bewegte sich etwas.

Sie kletterte mit den Vorderpfoten hinauf.

Dann hob sie den sechsten Welpen am Nacken hoch.

Für einen Moment dachte ich wirklich, sie würde es schaffen.

Dann drehte sie um.

Und plötzlich stimmte ihr Rhythmus nicht mehr.

Die Bewegungen wurden langsamer.

Ihr Kopf sank tiefer.

Der kleine Welpe blieb über Wasser, festgehalten von ihrem Maul.

Die Mutter selbst ging beinahe unter.

Ich ging hinein.

„Seil fest!“, rief ich.

Dieter stemmte sich zurück.

Das Wasser zog an meinen Beinen. Ich tastete mich vorwärts und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie dumm diese Entscheidung vielleicht war.

Die Hündin sah mich.

Sie versuchte sogar, von mir wegzuschwimmen.

Das traf mich härter als erwartet.

Dieses Tier war fast am Ende seiner Kraft und hielt einen Welpen im Maul.

Und trotzdem schien sie einem fremden Menschen weniger zu vertrauen als dem Wasser.

„Ganz ruhig“, sagte ich.

Noch zwei Schritte.

Dann kippte ihr Körper zur Seite.

Ich packte sie unter der Brust.

Mit der anderen Hand stützte ich den Welpen, ohne ihn ihr wegzunehmen.

Sie zuckte.

Dann hörte sie auf, sich zu wehren.

Ich weiß nicht, ob Tiere unsere Worte verstehen.

Aber ich sagte trotzdem:

„Du hast sie getragen. Jetzt trage ich dich.“

Ihre Augen waren halb geschlossen.

Trotzdem ließ sie den Welpen nicht los.

„Ziehen!“

Das Seil spannte sich.

Dieter und Sabine zogen uns zurück.

Einmal rutschte ich weg und schlug mit dem Knie gegen einen Stein. Ein anderes Mal verschwand das Hinterteil der Hündin vollständig im Wasser.

Aber ihr Maul blieb oben.

Mit ihrem Baby.

Erst als ihre Pfoten wieder festen Boden berührten, lockerte sich ihr Kiefer.

Sabine legte die anderen fünf Welpen direkt vor sie.

Da passierte etwas, das ich nie vergessen werde.

Die Hündin berührte jeden einzelnen mit der Nase.

Den braunen.

Den hellen.

Den schwarzen.

Den gefleckten.

Den winzigen.

Dann den letzten, den sie gerade herübergetragen hatte.

Danach begann sie von vorne.

Erst als sie alle ein zweites Mal berührt hatte, sackte sie auf die Seite.

„Sechs“, flüsterte Sabine.

Ich kniete daneben.

„Sechs.“

Später erfuhren wir, dass sie jeden Welpen einzeln aus einem tiefer gelegenen Grundstück geholt hatte.

Fünf Überquerungen hatte sie allein geschafft.

Beim sechsten Welpen hatten wir sie gesehen.

Und auf dem Rückweg brauchte sie zum ersten Mal Hilfe.

Eine örtliche Tierrettung brachte die Familie in eine Tierarztpraxis.

Ich fuhr hinterher.

Eigentlich hätte ich nach Hause fahren können.

Ich tat es nicht.

In der Praxis saßen wir drei in verschmutzten Sachen auf einfachen Plastikstühlen. Niemand sagte viel.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Tierärztin heraus.

„Alle sieben leben.“

Sabine schlug beide Hände vors Gesicht.

Dieter sah plötzlich sehr interessiert auf seine Schuhe.

Ich fragte nur:

„Und die Mutter?“

„Völlig erschöpft. Untergewichtig. Ausgetrocknet. Aber stabil.“

Sie machte eine kurze Pause.

„Wenn sie noch einmal allein ins Wasser gemusst hätte, hätte sie es wahrscheinlich nicht geschafft.“

Ich dachte an ihren Blick.

„Sie wäre trotzdem gegangen.“

Die Tierärztin nickte.

„Davon gehe ich auch aus.“

Wir nannten sie Maja.

Nicht weil irgendein großer Gedanke dahintersteckte.

Sabine sagte einfach: „Die braucht endlich einen Namen.“

Und Maja blieb.

In den ersten Tagen vertraute sie fast niemandem.

Sobald jemand einen Welpen anhob, hob auch sie den Kopf.

Wurde einer zu weit von ihr weggetragen, versuchte sie aufzustehen.

Selbst wenn ihre Beine noch nicht richtig mitmachten.

Bei mir war es anders.

Nicht sofort.

Aber ein wenig.

Ich setzte mich oft vor ihre Box auf den Boden und ließ meine Hand einfach liegen.

Ohne sie anzufassen.

Nach zwei Tagen schnupperte sie daran.

Nach drei legte sie für zwei Sekunden ihre Schnauze auf meine Finger.

Am vierten Tag schlief sie dabei ein.

Ich war erledigt.

Ein fast sechzigjähriger Mann, der jahrzehntelang Motorräder repariert, schwere Möbel getragen und sich eingebildet hatte, ziemlich hart zu sein.

Und eine dünne Hündin brauchte ungefähr vier Tage, um mich komplett weichzuklopfen.

Die Welpen bekamen ebenfalls Namen.

Sabine bestand darauf.

Der braune wurde Bruno.

Der helle hieß Leni.

Der Gefleckte bekam den Namen Fiete.

Das kleine Mädchen nannten wir Mini, weil uns nichts Besseres einfiel.

Der schwarze wurde Oskar.

Und der letzte Welpe, den Maja aus dem Wasser geholt hatte, bekam den Namen Ben.

Ben war der Schwächste.

Und natürlich war er sofort mein Liebling.

Ich versuchte, es nicht zu zeigen.

Maja wusste es trotzdem.

Wenn ich Ben hochhob, beobachtete sie meine Hände.

Ich zeigte ihr vorher meine Handflächen.

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