Die Hündin lief kilometerweit für ihre Welpen doch ihr GPS-Halsband enthüllte ein verstörendes Geheimnis

Die Tierärztin informierte die zuständigen Behörden, damit Besitzverhältnisse und Zustand der Tiere geklärt werden konnten.

Die Männer gingen.

An diesem Abend saß ich lange vor dem Zwinger.

Die Hündin wollte kaum fressen.

Erst als eine Helferin die Box mit ihren Welpen näher an sie heranschob, nahm sie ein Stück Hühnchen aus meiner Hand.

Danach legte sie eine Vorderpfote gegen das Gitter.

Ich nannte sie Senta.

Nur vorläufig, sagte ich mir.

Am nächsten Morgen nannte sie bereits jeder Senta.

Zwei Tage später konnten die Daten ihres GPS-Senders ausgewertet werden.

Die rote Linie auf der Karte sah zunächst unspektakulär aus.

Dann erklärte uns eine Mitarbeiterin die Zeiten.

Senta war in einer Nacht aus der Anlage nach Süden gelaufen.

Fast sechzehn Kilometer.

Unterwegs musste die Geburt begonnen haben.

Ihre Spur endete an der Stelle unter den Kiefern.

Dort bekam sie ihre fünf Jungen.

Am Morgen lief sie wieder los.

Nach Norden.

Zurück in Richtung der Anlage.

Wahrscheinlich kannte sie dort Wasser und Futter.

Doch etwa einen Kilometer vor dem Gelände drehte ihre Spur plötzlich um.

Später fand man dort Reifenspuren.

Senta war wieder nach Süden gelaufen.

Diesmal noch weiter.

Bis zur Straße.

Bis zu uns.

Sie hatte also nicht einfach ihre Welpen verlassen.

Sie hatte versucht, zurückzugehen.

Dann hatte sie sich dagegen entschieden.

Und war stattdessen auf die Suche nach jemand anderem gegangen.

Nach irgendeinem Menschen.

Irgendeinem Auto.

Irgendeiner Möglichkeit.

Plötzlich verstand ich auch, warum sie unterwegs kein Wasser angenommen hatte.

Wir waren noch nicht bei den Welpen gewesen.

Solange wir ihr nicht folgten, hatte sie offenbar nur ein Ziel.

Weiter.

Anhalten.

Zurücksehen.

Weiter.

Uns mitnehmen.

Vier Tage später atmeten alle fünf Welpen selbstständig.

Senta konnte wieder stehen.

Ihre Pfoten waren dick verbunden, doch jeden Morgen machte sie dasselbe.

Sie berührte jeden Welpen mit der Nase.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Erst danach fraß sie.

Wir besuchten sie jeden Tag.

Rainer verliebte sich in den kleinsten Welpen, denselben, den ich im Wald kaum noch hatte atmen sehen.

Er nannte ihn Fips.

„Nur ein Arbeitsname“, behauptete er.

Niemand glaubte ihm.

Zwei Wochen später dachten wir, die Geschichte sei vorbei.

Alle sechs Tiere hatten überlebt.

Mehr konnte man sich kaum wünschen.

Dann rief mich eine Ermittlerin an.

Auf dem Gelände der Forschungsanlage waren weitere Tiere gefunden worden.

Mehrere Hunde lebten in schmalen Außenbereichen. Einige hatten Wunden unter elektronischen Halsbändern. Die Wasserschalen waren teilweise stark verschmutzt.

Bei der Überprüfung passten außerdem mehrere interne Unterlagen nicht zu den tatsächlichen Bedingungen.

Eine junge Mitarbeiterin sagte schließlich aus.

Sie hatte Wochen zuvor bemerkt, dass Senta trächtig war.

Sie hatte darum gebeten, sie aus den laufenden Versuchen herauszunehmen.

Das war nicht geschehen.

Also begann die Mitarbeiterin heimlich, zusätzlich Wasser und Futter bereitzustellen.

Auch die blaue Schnur an Sentas Halsband stammte von ihr. Das Band war beschädigt gewesen, und sie hatte es notdürftig repariert.

Kurz vor der Geburt gelang Senta die Flucht durch eine lockere Stelle am Zaun.

Sie lief in den Wald.

Dort brachte sie ihre Jungen zur Welt.

Der Karton war zu diesem Zeitpunkt noch nicht da.

Am nächsten Morgen fand ein Mitarbeiter die Welpen.

Statt Hilfe zu holen, setzte er die Tiere in einen alten Karton und stellte ihn unter die Bäume. Später erklärte er, er habe angenommen, die Mutter werde ihre Jungen schon wegtragen.

Fünf neugeborene Welpen.

Senta konnte unmöglich alle gleichzeitig tragen.

Also tat sie das Einzige, was ihr blieb.

Sie lief.

Erst zurück zu dem Ort, den sie kannte.

Dann, als sie dort offenbar Gefahr wahrnahm, wieder weg.

Mehr als zwanzig Kilometer insgesamt, wenn man ihre Umwege mitrechnete.

Mit offenen Pfoten.

Kurz nach einer Geburt.

Ohne richtig zu trinken.

Als man mir später die genaue Route zeigte, fiel mir ein kleiner Punkt auf der Karte auf.

„Was ist das?“

Die Ermittlerin zeigte darauf.

„Dort hat sie fast zehn Minuten gewartet.“

„Worauf?“

„Vermutlich auf Sie.“

Unsere Motorräder waren schon aus großer Entfernung zu hören gewesen.

Senta konnte nicht wissen, wer wir waren.

Sechs laute Maschinen.

Sechs fremde Männer.

Für einen verängstigten Hund keine besonders beruhigende Aussicht.

Aber sie hatte zwei Möglichkeiten.

Nichts tun.

Oder es noch einmal versuchen.

Sie entschied sich für uns.

Die Anlage wurde schließlich geschlossen, während die Vorwürfe geprüft wurden. Die dort verbliebenen Tiere kamen in andere Unterbringung und wurden tierärztlich untersucht.

Für Senta spielte das vermutlich keine Rolle.

Ihre Welt bestand längst nur noch aus fünf kleinen Körpern.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Als die Welpen alt genug waren, durften sie vermittelt werden.

Rainer nahm Fips.

Matthias nahm die kleine Hündin mit dem geknickten Ohr.

Zwei weitere kamen zu Freunden aus unserem Kreis.

Der fünfte zog zu einem älteren Ehepaar, das bereits während der Behandlung mehrfach geholfen hatte.

Und Senta?

Senta kam zu mir.

Das war angeblich auch nur vorläufig.

Seitdem sind Jahre vergangen.

Jeden dritten Sonntag im Monat kommen ihre Jungen zu uns.

Nicht immer alle gleichzeitig, aber erstaunlich oft.

Senta erkennt jedes einzelne sofort.

Sie läuft durch den Garten, berührt eines nach dem anderen mit der Nase und kontrolliert anschließend noch einmal.

Rainer macht sich darüber lustig.

„Die kann bis fünf zählen.“

Vielleicht.

Vielleicht zählt sie nicht.

Vielleicht merkt sie sich nur einen Geruch, einen Laut, eine Bewegung.

Mir ist es egal.

Bei mir im Garten stehen sechs Wasserschalen.

Eine für Senta.

Fünf für ihre Jungen.

Keine bleibt leer.

Am Jahrestag unserer ersten Begegnung fuhren wir noch einmal zu der kleinen Landstraße.

Keine große Veranstaltung.

Keine Presse.

Keine Reden.

Nur ein paar alte Motorräder, sechs Männer, Senta und ihre inzwischen fast ausgewachsenen Jungen.

Wir gingen zu der Stelle unter den Kiefern.

Der alte Karton war natürlich längst verschwunden.

Senta blieb stehen.

Sie sah zwischen die Bäume.

Für ein paar Sekunden bewegte sie sich überhaupt nicht.

Dann kam Fips von hinten und stupste ihre Schulter an.

Senta drehte sich um.

Sie ging zu ihm.

Dann zum nächsten.

Und zum nächsten.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Erst danach lief sie zu einer der Wasserschalen, die wir mitgebracht hatten.

Sie trank lange.

Ich stand daneben und erinnerte mich an den ersten Tag.

An ihre trockene Zunge.

An ihre blutigen Pfoten.

An diese Wasserflasche direkt vor ihrer Nase.

Und daran, dass sie nicht einen einzigen Schluck genommen hatte.

Nicht bevor wir verstanden hatten, was sie von uns wollte.

Wir hatten damals geglaubt, sechs Motorradfahrer hätten eine Hündin und fünf Welpen gerettet.

Heute sehe ich es anders.

Senta hatte ihre Jungen selbst gerettet.

Sie war nach der Geburt kilometerweit gelaufen.

Sie war zu einem Ort zurückgekehrt, vor dem sie Angst hatte.

Sie hatte wieder umgedreht.

Sie war weitergelaufen, obwohl ihre Pfoten längst wund waren.

Und als sie schließlich sechs fremde Männer auf lauten Maschinen hörte, setzte sie alles auf eine letzte Möglichkeit.

Sie stellte sich auf die Straße.

Sie wartete.

Sie lief voraus.

Und sie schaute zurück.

Wir mussten nur verstehen, dass sie uns nicht folgte.

Sie wollte, dass wir ihr folgten.

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