Die Hündin schwamm sechsmal durch die Flut doch der Grund berührte später alle

Beim letzten Welpen schlug ihre Rute einmal gegen den Boden des Bootes.

Dann brach sie zusammen.

Wir wickelten sie in trockene Decken.

Ihre Körpertemperatur war viel zu niedrig.

Der Puls unregelmäßig.

Torben brachte uns so schnell wie möglich zurück.

In der Tierarztpraxis war der Strom ausgefallen, aber ein Notstromgerät hielt die wichtigsten Geräte am Laufen.

Unsere Tierärztin untersuchte zuerst die Hündin.

Unterkühlung.

Wasser in den Atemwegen.

Verletzte Pfoten.

Völlige Erschöpfung.

Doch sie würde wahrscheinlich durchkommen.

Dann untersuchten wir die Welpen.

Fünf schienen ungefähr gleich alt zu sein.

Der schwarze war anders.

Etwas größer.

Weiter entwickelt.

„Der gehört wahrscheinlich nicht zu diesem Wurf“, sagte unsere Tierärztin.

Ich schaute zur Hündin.

Sie zog gerade genau diesen schwarzen Welpen mit der Pfote näher an ihre Brust.

Ihr Chip verriet uns schließlich ihren Namen.

Mira.

Vier Jahre alt.

Halterin: Frauke Albers.

Eine Telefonnummer war hinterlegt.

Niemand ging ran.

Also blieben Mira und die sechs Welpen bei uns.

Am frühen Nachmittag klopfte jemand an die verschlossene Eingangstür.

Draußen stand eine erschöpfte Frau mit einem Verband am Bein.

Neben ihr ein vielleicht zehnjähriger Junge in viel zu großen Jogginghosen.

„Mira“, sagte er.

Mehr nicht.

Als die Hündin seine Stimme hörte, hob sie den Kopf.

Sie versuchte aufzustehen.

Der Junge lief zu ihr.

„Bleib liegen“, sagte er.

Mira blieb liegen.

Einfach so.

Der Junge kniete sich hin und legte die Stirn gegen ihren Kopf.

Dann sah er die Welpen.

Er ging nicht zuerst zu den fünf, die wie Mira aussahen.

Er ging zum schwarzen.

Er berührte seine Nase.

„Eins.“

Dann den hellbraunen.

„Zwei.“

Den braun-weißen.

„Drei.“

Den grauweißen.

„Vier.“

Den blassen.

„Fünf.“

Den grauen.

„Sechs.“

Er atmete aus.

„Keiner fehlt.“

Mira schloss die Augen.

Mir lief ein Schauer über den Rücken.

„Machst du das immer so?“, fragte ich.

Der Junge nickte.

Er hieß Jannik.

„Morgens und abends.“

„Immer in dieser Reihenfolge?“

Wieder nickte er.

Dann zeigte er auf den schwarzen Welpen.

„Pünktchen kommt immer zuerst.“

Jetzt erfuhren wir die ganze Geschichte.

Pünktchen war nicht Miras Welpe.

Etwas mehr als eine Woche zuvor hatte Jannik von einem mutterlosen Welpen erfahren, für den dringend eine säugende Hündin gebraucht wurde.

Mira hatte zu diesem Zeitpunkt fünf eigene Junge.

Frauke hatte ihrem Sohn erklärt, dass niemand wusste, ob Mira den fremden Welpen akzeptieren würde.

Sie setzten Pünktchen vorsichtig zu ihr.

Mira roch lange an ihm.

Dann kontrollierte sie ihre eigenen fünf.

Danach kehrte sie zu Pünktchen zurück.

Sie packte ihn vorsichtig am Nacken.

Und legte ihn mitten zwischen ihre Welpen.

Von diesem Abend an waren es sechs.

Pünktchen war schwächer als die anderen.

Er kroch oft aus dem warmen Welpenhaufen heraus und fand nicht allein zurück.

Deshalb begann Jannik jeden Kontrollgang mit ihm.

Er berührte Pünktchens Nase.

Schob ihn näher zu Mira.

Dann zählte er die anderen.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Sechs.

Mira hatte dabei zugesehen.

Jeden Morgen.

Jeden Abend.

Niemand hatte ihr beigebracht zu zählen.

Niemand hatte ihr einen Befehl gegeben.

Aber sie hatte etwas anderes gelernt.

Wenn Jannik sechs kleine Nasen berührt hatte, hörte er auf zu suchen.

Dann wurde das Licht ausgeschaltet.

Dann war alles in Ordnung.

Dann fehlte niemand.

Und genau das hatte sie im Rettungsboot getan.

Plötzlich ergab alles Sinn.

Warum sie den schwarzen Welpen zuerst gerettet hatte.

Warum sie nach jeder Überfahrt alle Gesichter kontrollierte.

Warum sie nach dem fünften Welpen nicht liegen blieb.

Für sie war die Aufgabe noch nicht beendet.

Fünf bedeutete nicht Sicherheit.

Nur sechs bedeutete:

Alle da.

Später erzählte Frauke uns, was an diesem Morgen passiert war.

Das Wasser hatte ihr Haus viel schneller erreicht als erwartet.

Sie hatte Jannik durch ein Fenster nach draußen gebracht.

Mira und die Welpen waren in dem Schuppen gewesen, der etwas höher lag.

Frauke hatte versucht hinzukommen.

Die Strömung riss sie um.

Ein Nachbar brachte Mutter und Sohn mit einem kleinen Boot weg.

Jannik schrie Miras Namen, bis das Grundstück außer Sicht war.

Fraukes Telefon blieb zurück.

Deshalb hatten wir sie nicht erreichen können.

Drei Tage später durfte die Familie vorübergehend in eine kleine Wohnung ziehen.

Mira und die Welpen blieben zunächst bei uns.

Jannik kam morgens.

Und abends.

Jedes Mal dieselbe Reihenfolge.

Pünktchen zuerst.

Dann die anderen.

Mira beobachtete seine Hand.

Manchmal wollte sie schneller sein und berührte bereits die nächste Nase.

Jannik lachte dann.

„Nicht schummeln.“

Und begann wieder bei Pünktchen.

Einige Tage später bekam ausgerechnet Pünktchen Probleme.

Er wollte nicht trinken.

Seine Atmung wurde schlechter.

Offenbar hatte er bei der Flut Wasser eingeatmet.

Wir mussten ihn getrennt überwachen.

Mira legte sich vor die Tür des Behandlungsraums.

Ihre fünf eigenen Welpen lagen hinter ihr.

Sie hätte bei ihnen bleiben können.

Tat sie aber nicht.

Stundenlang lag ihre Nase am Türspalt.

Als wir sie später zu Pünktchen ließen, ging sie sofort zu ihm.

Er kroch langsam zu dem weißen Fleck auf ihrer Brust.

Am nächsten Morgen kam Jannik.

Er berührte Pünktchens Nase.

„Eins.“

Der kleine Welpe bewegte den Kopf.

Jannik hielt kurz inne.

Dann zählte er weiter.

Pünktchen erholte sich.

Langsam.

Aber er schaffte es.

Für Miras fünf andere Welpen fanden sich später passende Familien.

Pünktchen blieb.

Frauke war zunächst unsicher, ob sie dauerhaft zwei Hunde versorgen konnte.

Jannik diskutierte nicht.

Er sagte nur leise:

„Dann muss Pünktchen eben zu jemandem, der gut zu ihm ist.“

Am nächsten Morgen lag ein Umschlag vor unserer Tür.

Darin war Unterstützung für Futter und die nächsten notwendigen Tierarzttermine.

Ohne Namen.

Nur ein Satz stand auf einem Zettel:

„Der Erste, den sie gerettet hat, sollte nicht der Erste sein, den sie verliert.“

Pünktchen zog mit Mira nach Hause.

Ein Jahr später sah ich sie wieder.

Jannik war gewachsen.

Pünktchen inzwischen auch.

Ein schwarzer, schlaksiger Hund mit weißem Kinn und viel zu langen Beinen.

Er schlief noch immer am liebsten dicht bei Mira.

An einem Nachmittag kamen auch die fünf anderen Hunde mit ihren Familien zu Besuch.

Mira stand da und betrachtete sie.

Jannik kniete sich hin.

Er begann bei Pünktchen.

„Eins.“

Dann die hellbraune Hündin.

„Zwei.“

Braun-weiß.

„Drei.“

Grau-weiß.

„Vier.“

Der helle Rüde.

„Fünf.“

Der graue Hund mit dem schmalen weißen Strich zwischen den Augen.

„Sechs.“

Und Mira?

Sie ging hinter seiner Hand her.

Nase für Nase.

Als sie beim sechsten angekommen war, kehrte sie zu Pünktchen zurück.

Sie legte ihre Schnauze auf seinen Kopf.

Niemand sagte etwas.

Es war auch nichts mehr zu sagen.

Bis heute, erzählte mir Jannik später, geht Mira am Abend noch einmal durch die Wohnung.

Sie schaut in sein Zimmer.

Unter den Küchentisch.

Zu Fraukes Sessel.

Dann zu Pünktchens Schlafplatz.

Erst wenn alle da sind, legt sie sich hin.

Und manchmal kniet Jannik noch einmal neben ihr.

Er berührt Pünktchens Nase.

Dann Miras.

Nicht, weil er noch sechs Welpen zählen müsste.

Sondern weil eine Hündin ihm einmal gezeigt hat, dass Familie nicht immer bedeutet, dass man dasselbe Blut hat.

Manchmal bedeutet Familie einfach:

Du warst derjenige, der mich gebraucht hat.

Also habe ich dich nicht zurückgelassen.

Nicht beim ersten Mal.

Nicht beim sechsten Mal.

Und auch danach nicht.

Zwei Nasen.

Ein Zuhause.

Keiner fehlt.

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