Nur eine Pfote ragte noch aus dem brechenden Eis, doch als ich die Schäferhündin retten wollte, zwang sie mich, unter ihr nach zwei weiteren Leben zu suchen.
Ich hörte das Kratzen, bevor ich den Hund sah.
Dreimal schnell.
Eine Pause.
Dann zweimal langsam.
Ich blieb auf dem verschneiten Weg am Rand eines kleinen Sees bei Kassel stehen und lauschte. Kein Bellen. Kein Mensch rief um Hilfe.
Dann schob sich mitten auf der Eisfläche eine schwarze Pfote durch einen schmalen Riss.
Sie krallte sich fest.
Und verschwand wieder.
Mein Name ist Matthias Brenner. Ich bin 46 und arbeite seit vielen Jahren bei einer städtischen Rettungseinheit. Einsätze auf zugefrorenen Gewässern hatte ich schon oft erlebt.
Normalerweise steht irgendwo jemand am Ufer und schreit.
An diesem Morgen stand dort niemand.
Meine Kollegin Jana befestigte das Sicherungsseil an meinem Gurt. Ich legte mich flach aufs Eis und begann, mich langsam vorwärtszuschieben.
Als ich ungefähr zwanzig Meter draußen war, erschien die Pfote wieder.
Drei Kratzer.
Pause.
Zwei Kratzer.
„Siehst du jemanden?“, rief Jana.
„Nein.“
„Den Hund?“
„Nur einen Teil.“
Je näher ich kam, desto klarer wurde das Eis.
Ich richtete meine Lampe nach unten.
Da war sie.
Eine große Deutsche Schäferhündin hing unter der Eisdecke. Ihr Fell schwebte im dunklen Wasser. Kleine Luftblasen stiegen von ihrer Schnauze auf und sammelten sich unter dem Eis.
Nur ihr rechtes Vorderbein hatte den Riss erreicht.
Ein Hinterbein stand seltsam nach unten.
Ich kroch näher.
Plötzlich hörte sie auf zu kratzen.
Vier Sekunden bewegte sich nichts.
Dann schlug ihre Nase einmal gegen das Eis.
Ich nahm einen Eispickel und vergrößerte vorsichtig den Riss. Als ich ihren Kopf durch die Öffnung hob, sog sie die Luft so heftig ein, dass mir Wasser ins Gesicht spritzte.
Ihre braunen Augen sahen direkt in meine.
Aber nur einen Moment.
Dann blickte sie nach unten.
Nicht zum Ufer.
Nicht zu Jana.
Nach unten.
Ich schob eine Rettungsschlinge unter ihre Brust und zog.
Der vordere Teil ihres Körpers kam hoch.
Dann wurde sie plötzlich zurückgerissen.
Irgendetwas hielt sie fest.
Die Hündin jaulte.
Ich griff ins Wasser und tastete an ihrem Hinterbein entlang.
Dort fühlte ich ein Seil.
Es war eng oberhalb des Sprunggelenks befestigt.
Und das andere Ende führte senkrecht hinab.
Mir wurde sofort klar, dass dieses Seil nicht zufällig dort war.
„Jana“, rief ich. „Hier stimmt etwas nicht.“
Die Hündin begann wieder zu schlagen.
Aber nicht dort, wo sie Luft bekam.
Etwa zwei Meter rechts von mir.
Dreimal.
Pause.
Zweimal.
Sie war völlig erschöpft. Jede Bewegung kostete sie Kraft.
Trotzdem verwendete sie ihre letzten Reserven nicht, um sich selbst herauszuziehen.
Sie zeigte irgendwohin.
Ich richtete die Lampe auf die Stelle.
Unter uns blitzte Metall.
Eine gerade Kante.
Dann eine zweite.
Langsam drehte sich etwas im dunklen Wasser.
Ein Käfig.
Und hinter den Gitterstäben bewegte sich etwas Helles.
Ganz klein.
Ich schnitt das Seil am Bein der Hündin durch.
Jana begann, sie auf den Rettungsschlitten zu ziehen.
Doch die Hündin schnappte vorsichtig nach meinem Ärmel.
Sie biss nicht fest.
Sie zog.
In Richtung des Käfigs.
Dann ließ sie los und kratzte wieder über das Eis.
Drei.
Pause.
Zwei.
In diesem Moment begriff ich es.
„Da unten sind Tiere.“
Weitere Einsatzkräfte trafen ein. Wir vergrößerten die Öffnung im Eis, während die Schäferhündin zitternd auf Decken lag.
Sie hätte völlig zusammenbrechen müssen.
Tat sie aber nicht.
Ihr Kopf blieb oben.
Ihre Augen folgten jeder Bewegung unserer Hände.
Ein Kollege tauchte hinunter.
Nach wenigen Sekunden kam er zurück.
„Zwei Welpen“, sagte er. „Vielleicht mehr. Der Käfig ist beschwert.“
Unter dem Käfig war ein schwerer Betonstein befestigt.
Mehrere Drähte hielten ihn fest.
Der Käfig hing schräg im Wasser. Wenn wir einfach am Seil zogen, konnte er sich drehen und die kleinen Körper darin gegen das Gitter drücken.
Wir mussten den Stein unter Wasser lösen.
Der erste Draht wurde durchtrennt.
Dann der zweite.
Das Wasser wurde trüb.
Ich konnte meine Finger kaum noch spüren.
Mein Einsatzleiter wollte mich aus dem Wasser holen.
Dann schlug unter uns etwas gegen Metall.
Einmal.
Ganz schwach.
Die Schäferhündin hörte es.
Ihre Ohren gingen hoch.
Sie robbte an den Rand der Decke und legte eine Pfote auf meinen Unterarm.
Ich weiß nicht, was ein Hund in so einem Moment versteht.
Aber sie hatte etwas verstanden.
Wenn Menschen durch dieses Loch gingen, kamen sie ihren Jungen näher.
Also ging ich noch einmal hinunter.
Ein Kollege hielt den Drahtschneider. Ich stabilisierte den Käfig.
Durch die Gitterstäbe berührte etwas Kleines mein Handgelenk.
Keine Bewegung.
Der dritte Draht löste sich.
Nur einer blieb.
Er lag unter dem Betonstein.
Meine Finger waren inzwischen fast taub. Ich führte mein Messer darunter und sägte.
Einmal rutschte ich ab.
Beim zweiten Versuch traf ich den Draht.
Beim dritten brach er.
Der Käfig schoss nach oben.
Vier Hände packten ihn an der Oberfläche.
Als das Metall aufs Eis gezogen wurde, hörte ich hinter mir einen heiseren Laut.
Die Schäferhündin bellte.
Zum ersten Mal.
Im Käfig lagen zwei ungefähr fünf Wochen alte Welpen.
Einer bewegte sich.
Der andere nicht.
Jana öffnete die Tür.
Ich nahm den schwarzen Welpen heraus.
Er war vollkommen schlaff.
Keine Atmung.
Sein Zahnfleisch war bläulich.
Ich legte ihn auf den Rettungsschlitten und begann mit vorsichtigen Brustkompressionen.
Die Mutter schleppte sich zu uns.
Jemand wollte sie zurückhalten.
„Lasst sie.“
Sie legte sich neben ihren Welpen.
Ihre nasse Schnauze berührte sein Ohr.
Ich drückte weiter.
Dann gab ich ihm zwei kleine Atemstöße.
Nichts.
Noch einmal.
Die Hündin schob ihre Nase unter den Kopf ihres Jungen und hielt ihn praktisch für mich.
Plötzlich erschien ein Tropfen Wasser an seinem Nasenloch.
Sein Körper zuckte.
Ich machte weiter.
Wenige Sekunden später hustete er.
Ein winziges Geräusch.
Fast wie Papier, das langsam zerreißt.
Dann kam ein Atemzug.
Die Mutter gab ein tiefes, raues Winseln von sich und legte ihr Kinn neben seinen Kopf.
Am Ufer wurden alle drei sofort in warme Decken gepackt.
Der kleine schwarze Welpe hörte auf dem Weg zum Fahrzeug noch einmal kurz auf zu atmen.
Eine Sanitäterin brachte ihn wieder zurück.
Später lagen Mutter und Welpen in einer Tierklinik am Stadtrand.
Die Schäferhündin hatte Unterkühlung, Wasser in der Lunge und tiefe Druckstellen vom Seil.
Auf alten Röntgenbildern sah man verheilte Rippenbrüche und eine schwere Verletzung an der Hüfte.
Die Welpen waren kaum wärmer als das Eis gewesen.
Stundenlang wussten wir nicht, ob der schwarze Rüde es schaffen würde.
Ich saß vor der Behandlungstür, in geliehenen Sachen, und hielt einen Becher Kaffee mit beiden Händen.
Da fragte eine Mitarbeiterin:
„Hat jemand den Chip überprüft?“
Beim ersten Versuch fand sie nichts.
Beim zweiten piepte das Gerät nahe der linken Schulter.
Eine Nummer erschien.
Kurz darauf veränderte sich der Gesichtsausdruck der Mitarbeiterin.
„Die Hündin war ein Suchhund.“
Ihr Name war Runa.
Acht Jahre alt.
Ehemalige Rettungshündin.
Sie war darauf trainiert worden, bei Einsätzen auf Eis menschliche Geruchsspuren unter der Oberfläche zu finden.
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