Die verschwundenen Katzen meines Vaters, und die Wahrheit, die unsere ganze Nachbarschaft beschämte

Mein Vater öffnete nicht einfach die Box.

Er setzte sich davor.

„Wie lange ist er hier?“

„Fast vier Monate.“

„Interessenten?“

Sie schüttelte den Kopf.

Wilhelm betrachtete den Kater.

Dann setzte er sich auf den kleinen Hocker neben der Box.

Keine ausgestreckte Hand.

Kein Locken.

Nur Sitzen.

Nach einer Weile sagte er:

„Du bist also der schwierige Typ.“

Der Kater fauchte.

Wilhelm nickte.

„Gut. Dann haben wir ja schon etwas gemeinsam.“

In den nächsten Wochen wurde der schwarze Kater Teil unseres Alltags.

Wilhelm nannte ihn später Moritz.

Am Anfang fraß Moritz nur, wenn niemand im Raum war.

Dann fraß er, während mein Vater im Türrahmen saß.

Später während Wilhelm Zeitung las.

Nach zwei Monaten schlief Moritz auf einem Stuhl zwei Meter von ihm entfernt.

Nach vier Monaten lag er neben seinem Fuß.

Mein Vater behandelte jeden kleinen Fortschritt, als wäre er völlig normal.

Aber inzwischen wusste ich, was es ihn kostete.

Geld.

Zeit.

Schlaf.

Vor allem aber Abschied.

Eines Abends fand ich ihn am Küchentisch.

Vor ihm lagen Fotos von sechs Katzen.

Piet.

Lotte.

Fiete.

Maja.

Oskar.

Paula.

„Du vermisst sie“, sagte ich.

Er legte die Bilder zusammen.

„Natürlich.“

„Warum machst du es dann immer wieder?“

Wilhelm dachte lange nach.

„Weil sie nicht bei mir bleiben sollen.“

Das verstand ich nicht.

Er erklärte es mir.

„Wenn Piet für immer bei mir geblieben wäre, hätte ein anderer Kater keinen Platz gehabt.“

Er klopfte auf den Tisch.

„Und der Junge heute hätte Piet nicht.“

Dann sagte er etwas, das ich nie vergessen habe.

„Liebe heißt nicht immer behalten.“

Einige Tage später klingelte Frau Mertens.

Zum ersten Mal hatte sie kein Handy in der Hand.

Sie stand unbeholfen vor unserer Tür.

„Ist Ihr Vater da?“

Wilhelm kam aus der Küche.

Sie sah ihn kaum an.

„Ich wollte mich entschuldigen.“

Mein Vater sagte nichts.

Frau Mertens redete weiter.

„Ich habe etwas gesehen, das ich nicht verstanden habe. Und ich habe aus meiner Vermutung eine Wahrheit gemacht.“

Wilhelm stützte beide Hände auf seinen Stock.

„Warum?“

Sie schluckte.

„Weil es seltsam aussah.“

„Seltsam ist nicht dasselbe wie falsch.“

„Ich weiß.“

Es entstand eine unangenehme Stille.

Dann fragte sie:

„Kann ich irgendetwas tun?“

Mein Vater hätte sie wegschicken können.

Ein Teil von mir hoffte sogar darauf.

Stattdessen sagte er:

„Ja.“

Frau Mertens sah überrascht auf.

„Im Tierheim werden Decken gebraucht.“

„Decken?“

„Saubere alte Handtücher auch.“

Das war alles.

Keine große Vergebung.

Keine Umarmung.

Nur Arbeit.

Zwei Tage später standen drei Taschen vor unserer Tür.

Decken.

Handtücher.

Katzenspielzeug.

Oben lag ein kleiner Zettel.

Keine langen Entschuldigungen.

Nur:

Für die, an denen wir zu oft vorbeigehen.

Wilhelm las ihn.

Dann steckte er ihn in die Tasche.

Nach einigen Monaten kam der nächste Abschied.

Moritz sollte zu einer 51-jährigen Frau ziehen, die nach einer schweren familiären Zeit allein in einer kleinen Wohnung lebte.

Sie hatte früher Katzen gehabt.

Das Tierheim hatte ihre Situation geprüft.

Mehrere Gespräche hatten stattgefunden.

Moritz war nicht plötzlich zahm geworden.

Er war immer noch vorsichtig.

Aber er konnte Nähe zulassen.

Als die Frau sich bei unserem ersten Treffen auf den Boden setzte, tat sie genau das, was Wilhelm ihr gesagt hatte.

Nichts.

Sie wartete.

Moritz beobachtete sie lange.

Dann ging er langsam hin.

Schnupperte.

Setzte sich einen halben Meter entfernt hin.

Die Frau begann zu weinen.

Ganz leise.

„Entschuldigung“, sagte sie.

Mein Vater schüttelte den Kopf.

„Wofür?“

„Ich bin gerade nur froh, dass er geblieben ist.“

Wilhelm lächelte.

„Dann verstehen Sie ihn schon.“

Auf der Heimfahrt war der Platz hinten wieder leer.

Mein Vater fuhr schweigend.

Etwa zehn Minuten später sah ich, dass er sich über die Augen wischte.

„Papa?“

„Was?“

„Du weinst.“

„Quatsch.“

„Ich sehe dich.“

„Dann guck auf die Straße.“

„Du fährst.“

„Dann guck aus dem Fenster.“

Ich musste lachen.

Nach ein paar Sekunden lachte er auch.

Aber seine Stimme brach dabei.

Zu Hause stand Moritz’ Napf noch in der Küche.

Wilhelm hob ihn hoch.

Wusch ihn gründlich.

Trocknete ihn ab.

Dann stellte er ihn in den Schrank.

Neben fünf andere.

Am nächsten Tag fuhren wir wieder zum Tierheim.

Frau Mertens kam mit.

Sie trug eine Tasche voller Handtücher und sah aus, als wäre ihr die Sache immer noch unangenehm.

Wilhelm führte uns durch den Gang.

An den verspielten Katzen vorbei.

An denen, die wahrscheinlich bald eine Familie finden würden.

Ganz hinten saß eine ältere getigerte Katze.

Sie zog sich zurück, sobald wir näher kamen.

Wilhelm blieb stehen.

Frau Mertens betrachtete das Tier.

„Warum immer die?“, fragte sie.

„Welche?“

„Die schwierigen.“

Mein Vater sah durch das Gitter.

„Weil die anderen wahrscheinlich auch ohne mich jemanden finden.“

Die Katze fauchte.

Frau Mertens zuckte zusammen.

Wilhelm nicht.

Er setzte sich auf den Hocker.

Seine Knie machten ihm inzwischen sichtbar zu schaffen.

Trotzdem blieb er sitzen.

Still.

Geduldig.

Nach einer Minute fragte Frau Mertens:

„Was machen Sie jetzt?“

„Nichts.“

„Wie lange?“

„So lange es dauert.“

Sie sah ihn an.

Vielleicht verstand sie in diesem Moment endlich, warum die Katzen aus unserem Haus immer wieder verschwanden.

Nicht weil mein Vater sie loswerden wollte.

Sondern weil genau das sein Ziel war.

Sie sollten ihn irgendwann nicht mehr brauchen.

Später saßen Wilhelm und ich in unserer Küche.

Ich fragte ihn:

„Bist du noch böse auf sie?“

Er wusste sofort, wen ich meinte.

„Ein bisschen.“

Die Antwort überraschte mich.

Mein Vater war sonst jemand, der Gefühle gern hinter einem Schulterzucken versteckte.

„Verzeihen heißt nicht, dass man so tut, als wäre nichts passiert“, sagte er.

Dann nahm er einen Schluck Kaffee.

„Aber ich werde auch nicht den Rest meiner Zeit damit verbringen, beleidigt zu sein.“

Er sah zum leeren Katzenschlafplatz im Flur.

Bald würde dort wieder ein Tier liegen.

Verängstigt.

Misstrauisch.

Vielleicht fauchend.

Und Wilhelm würde sich wieder auf den Boden setzen.

Er würde wieder warten.

Wieder Futter kaufen, obwohl es eigentlich nicht in sein Budget passte.

Wieder nachts nachsehen, ob alles ruhig war.

Wieder monatelang Vertrauen aufbauen.

Und irgendwann würde sein alter Kombi wieder aus unserer Straße fahren.

Hinten eine Katze.

Vorne ein alter Mann mit einem kaputten Knie.

Ein paar Stunden später würde der Wagen leer zurückkommen.

Dann würde mein Vater wahrscheinlich wieder so tun, als wäre alles in Ordnung.

Und irgendwann würde ich ihn heimlich weinen sehen.

Früher dachte ich, diese leeren Plätze seien traurig.

Heute sehe ich sie anders.

Ein leerer Napf bedeutet, dass irgendwo ein anderer Mensch ihn füllt.

Eine leere Decke bedeutet, dass irgendwo eine Katze auf einem neuen Sofa schläft.

Und ein leerer Platz im Wagen bedeutet nicht, dass etwas verschwunden ist.

Manchmal bedeutet er, dass etwas angekommen ist.

Mein Vater hat nie eine Katze „verschwinden“ lassen.

Er hat ihnen beigebracht, dass sie nicht für immer Angst haben müssen.

Und sobald sie bereit waren, ließ er sie gehen.

Nicht weil er sie weniger liebte.

Sondern gerade deshalb.

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