Drei tätowierte Männer kamen, um mein Tierheim für immer zu schließen. Doch als mein gefährlichster Hund plötzlich auf einen von ihnen zustürmte, geschah etwas, das uns alle zum Weinen brachte.
„Frau Berger, Ihre Zeit ist abgelaufen. Wir machen den Laden heute dicht.“
Der große Mann vor mir drehte das Schild an unserer Eingangstür um. Aus „Geöffnet“ wurde „Geschlossen“. Dann steckte er einen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn langsam herum.
Das Klicken klang in meinen Ohren wie ein endgültiges Urteil.
„Bitte“, sagte ich. „Hinten sitzen vierzig Hunde. Sie können uns doch nicht einfach vor die Tür setzen.“
Der Mann antwortete nicht sofort.
Er war mindestens einen Meter neunzig groß, hatte breite Schultern und einen grauen Bart. Eine auffällige Narbe verlief von seinem linken Ohr bis zum Kinn. Seine Unterarme waren voller Tätowierungen.
Hinter ihm standen zwei weitere Männer. Beide trugen schwere Arbeitsstiefel und dunkle Jacken. Keiner von ihnen lächelte.
Ich war 61 Jahre alt, hieß Marianne Berger und hatte noch nie in meinem Leben solche Angst gehabt.
In meiner rechten Hand hielt ich die Leine von Bosco.
Bosco war ein großer, kräftiger Mischlingsrüde, vermutlich aus einer Kreuzung von Rottweiler und Schäferhund. Er wog fast fünfzig Kilo und hatte mehrere alte Narben an seinen Flanken.
Seit acht Monaten lebte er bei mir.
Niemand wollte ihn adoptieren.
Nicht, weil er grundsätzlich böse war. Sondern weil er bei fremden Männern in Panik geriet. Besonders dann, wenn sie laut sprachen oder sich schnell bewegten.
Und genau das geschah gerade.
Bosco stand neben meinem Bein, den Körper angespannt. Ein tiefes Knurren kam aus seiner Brust.
„Ruhig, mein Junge“, flüsterte ich. „Bitte bleib ruhig.“
Der große Mann zog einen Schlüsselbund aus seiner Jackentasche.
„Mein Auftraggeber hat gesagt, dass die letzte Zahlungsfrist heute um zwölf Uhr abgelaufen ist. Wir sollen die Räume übernehmen. Für die Tiere muss eine andere Unterbringung organisiert werden.“
„Das Tierheim ist alles, was ich noch habe“, antwortete ich.
Er sah mich kurz an.
„Das müssen Sie mit Herrn Hartmann klären.“
Bei diesem Namen wurde mir übel.
Ralf Hartmann.
Der Mann, der mir vor drei Monaten noch versprochen hatte, mein Tierheim zu retten.
Ich hatte die kleine Auffangstation am Rand von Kassel vor fünf Jahren eröffnet.
Mein Mann Heinrich war damals gerade gestorben. Nach 34 gemeinsamen Ehejahren war unser Haus plötzlich unerträglich still geworden.
Heinrich hatte immer gesagt, dass ich ein Herz für Tiere hätte, die niemand mehr haben wollte.
Also verkaufte ich unser Wohnmobil, nahm einen Teil meiner Ersparnisse und mietete ein altes Grundstück mit mehreren ehemaligen Stallgebäuden.
Dort entstand unser Tierheim.
Wir nahmen Hunde auf, die andere Einrichtungen kaum vermitteln konnten. Alte Tiere, kranke Hunde, besonders ängstliche Fälle und solche, die nach schlechten Erfahrungen lange brauchten, um wieder Vertrauen zu fassen.
Manchmal hatte ich das Gefühl, wir retteten uns gegenseitig.
Die Hunde brauchten mich.
Und ich brauchte sie.
Doch im vergangenen Sommer fiel unsere alte Lüftungsanlage aus. Die Räume wurden viel zu heiß, und mehrere Tiere mussten vorübergehend in eine Tierarztpraxis gebracht werden.
Eine neue Anlage kostete rund 18.000 Euro.
Geld, das ich nicht hatte.
Ich fragte bei verschiedenen Banken nach. Überall bekam ich dieselbe Antwort. Unsere kleine Einrichtung hatte keine ausreichenden Sicherheiten und zu wenig regelmäßige Einnahmen.
Dann lernte ich Ralf Hartmann kennen.
Er trug einen eleganten Anzug, sprach leise und wirkte freundlich. Er behauptete, er unterstütze gern soziale Einrichtungen in finanziellen Schwierigkeiten.
„Frau Berger“, sagte er damals, „Sie leisten hier etwas Wertvolles. Ich lasse Sie mit diesen Tieren nicht allein.“
Er bot mir ein Darlehen über 20.000 Euro an.
Ich war so erleichtert, dass ich die Unterlagen unterschrieb, ohne sie von einer unabhängigen Fachperson prüfen zu lassen.
Ein furchtbarer Fehler.
Denn schon nach wenigen Wochen kamen zusätzliche Gebühren, hohe Verzugszinsen und immer neue Forderungen.
Aus 20.000 Euro wurden zunächst 29.000 Euro.
Dann 38.000 Euro.
Schließlich verlangte Hartmann mehr als 50.000 Euro.
Und als ich nicht zahlen konnte, drohte er damit, das Grundstück zu übernehmen.
Später erfuhr ich, dass er schon länger Interesse daran hatte.
Es lag günstig an einer viel befahrenen Ausfallstraße. Hartmann wollte die alten Gebäude abreißen lassen und dort mehrere Gewerbehallen errichten.
Meine Hunde standen seinem Vorhaben im Weg.
Und jetzt waren seine Leute hier.
„Ich kann Ihnen mein Auto geben“, sagte ich verzweifelt. „Es ist nicht viel wert, aber vielleicht reicht es für ein paar Tage.“
Der große Mann sah mich schweigend an.
„Oder meinen Schmuck. Ich habe noch den Ehering meines Mannes. Bitte geben Sie mir nur etwas Zeit, damit ich die Hunde unterbringen kann.“
Meine Stimme versagte.
Aus den hinteren Räumen hörte ich das Bellen der Tiere. Irgendwo kratzte ein Hund an seiner Tür.
Bosco begann stärker zu knurren.
„Bosco, nein“, flüsterte ich.
Doch in diesem Moment machte der große Mann einen Schritt auf mich zu.
Bosco schoss nach vorn.
Die Leine rutschte mir mit einem heftigen Ruck aus der Hand. Das raue Material schürfte über meine Handfläche.
„BOSCO!“
Ich schrie so laut, dass die anderen Hunde sofort verstummten.
Der schwere Rüde raste über den glatten Boden direkt auf den Mann mit der Narbe zu.
Ich sah schon vor meinem inneren Auge, wie Bosco ihn ansprang und alles noch schlimmer wurde.
Doch der Mann tat etwas vollkommen Unerwartetes.
Er blieb stehen.
Dann ging er langsam auf die Knie.
Seine Augen wurden groß.
„Nein“, flüsterte er. „Das kann nicht sein.“
Er öffnete beide Arme.
Bosco sprang gegen seine Brust.
Aber er biss nicht.
Er winselte.
Es war ein hoher, verzweifelter Laut, den ich in acht Monaten noch nie von ihm gehört hatte.
Der große Hund drückte seinen Kopf gegen die Schulter des Mannes. Er leckte dessen Gesicht, wedelte heftig mit dem Schwanz und gab immer wieder kleine, aufgeregte Laute von sich.
Der Mann schlang beide Arme um Bosco.
Dann begann er zu weinen.
Nicht ein paar stille Tränen.
Er schluchzte so heftig, dass seine breiten Schultern bebten.
„Balu“, brachte er hervor. „Mein alter Junge. Du bist es wirklich.“
Ich stand wie erstarrt.
Balu?
Der Mann drückte sein Gesicht in Boscos Fell.
„Ich habe dich gesucht“, flüsterte er. „Jeden verdammten Tag habe ich dich gesucht.“
Hinter ihm wischte sich einer seiner Begleiter über die Augen.
Der andere lächelte ungläubig.
„Michael“, sagte er leise. „Das ist tatsächlich dein Hund.“
Der große Mann nickte, ohne Bosco loszulassen.
Dann sah er zu mir auf.
Sein Gesicht war voller Tränen.
„Frau Berger, ich glaube, Sie haben gerade meinen besten Freund zurückgebracht.“
Er stellte sich als Michael Krüger vor.
Michael war 58 Jahre alt, ehemaliger Berufskraftfahrer und seit vielen Jahren Mitglied eines kleinen Motorradvereins in Nordhessen.
Die beiden Männer hinter ihm hießen Uwe und Dieter.
„Vor zweieinhalb Jahren“, begann Michael, „ist Balu aus meinem Garten verschwunden.“
Jemand hatte das Schloss am Gartentor beschädigt.
Als Michael von der Arbeit zurückkam, war sein Hund fort.
Er suchte überall.
Er verteilte Suchzettel, fragte in Tierarztpraxen und Tierheimen nach und fuhr sogar in benachbarte Bundesländer.
Monatelang klingelte sein Telefon wegen angeblicher Sichtungen.
Jedes Mal fuhr er los.
Und jedes Mal kam er ohne seinen Hund zurück.
„Balu war bei mir, als meine Frau gestorben ist“, erzählte Michael. „Er lag jede Nacht neben meinem Bett. Ohne ihn hätte ich diese Zeit kaum überstanden.“
Seine Stimme brach erneut.
Bosco, den ich inzwischen nicht mehr mit diesem Namen ansprechen mochte, drückte seine Schnauze gegen Michaels Hand.
„Wo haben Sie ihn gefunden?“, fragte Michael.
„An einer Landstraße südlich von Göttingen“, antwortete ich. „Er war sehr dünn, völlig verängstigt und hatte mehrere alte Verletzungen.“
Michael schloss die Augen.
„Mein armer Junge.“
Ich wollte etwas sagen, doch plötzlich fiel mir der eigentliche Grund seines Besuchs wieder ein.
„Aber Herr Krüger“, fragte ich vorsichtig, „Sie sind doch wegen Hartmann hier. Sie wollten mein Tierheim schließen.“
Michael hob langsam den Kopf.
Sein Gesicht veränderte sich.
Die Traurigkeit wich einem ernsten Ausdruck.
„Frau Berger, ich muss Ihnen etwas erklären.“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






